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21/03/2016 04:20 CET | Aktualisiert 22/03/2017 06:12 CET

Kolumbiens Jugend hofft auf eine friedliche Zukunft

Christian Science Monitor via Getty Images

Historisches Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla steht vor dem Abschluss

Wenn in Deutschland von Kolumbien die Rede ist, sind diese Gespräche häufig noch von Vorurteilen geprägt: der bewaffnete Konflikt mit der Guerilla, Entführungen von Politikern, Drogenhandel, Pablo Escobar, der in den Köpfen vieler offenbar immer noch lebt - kurzum: gefährliches Terrain, das man doch eher meiden sollte. Etwas positiver behaftet ist da noch der leckere kolumbianische Kaffee.

Tatsächlich sind in über 50 Jahren bewaffnetem Konflikt viele zehntausend Menschen ums Leben gekommen oder wurden entführt, Millionen mussten fliehen. Doch wer heutzutage nach Kolumbien reist, findet ein anderes Land vor: es herrscht generelle Aufbruchsstimmung.

Vor allem die junge Generation, die das Leben ohne den bewaffneten Konflikt nie kennenlernen durfte, blickt mit Zuversicht nach vorne. Der Frieden ist scheinbar nur noch eine Unterschrift entfernt und die Hoffnung der Kolumbianer auf eine Zukunft ohne Gewalt förmlich greifbar.

Verhandlungen sind an einem point of no return angelangt

Im September des letzten Jahres kündigte Präsident Manuel Santos den Kolumbianern an, dass am 23. März 2016 das lang ersehnte Friedensabkommen mit der bedeutendsten Guerilla-Gruppe des Landes, der FARC (gegründet 1964), unterzeichnet werden soll. Bereits 2011 begann die kolumbianische Regierung mit der ältesten Guerilla der Welt im Geheimen über ein solches Abkommen zu verhandeln.

2012 wurden die Verhandlungen in Kubas Hauptstadt Havanna offiziell aufgenommen. Beteiligt sind auch einige internationale Akteure, die den Prozess sowohl in politischer als auch in finanzieller Hinsicht begleiten.

Seitdem hat sich Vieles getan. Es wurden bereits Teilabkommen veröffentlicht und trotz einiger Rückschläge scheint es, als stünde einer Unterzeichnung des Vertrags kaum noch etwas im Wege. Zwar wird der lang ersehnte „Tag X" wahrscheinlich nicht der 23. März werden. Doch die Verhandlungen sind an einem point of no return angelangt, so dass früher oder später auch ein Friedensabkommen unterzeichnet werden wird.

Ohne wichtige Reformen, wird es ein Frieden auf dem Papier bleiben

Allerdings ist die kolumbianische Gesellschaft in Bezug auf das Friedensabkommen tief gespalten. Während viele bereit sind, endlich einen Schlussstrich unter den bewaffneten Konflikt zu ziehen und nach vorn zu blicken, werden auch kritische Stimmen laut. Zu frisch sind die Opfer des Konflikts, zu schwierig sei es, die FARC-Kämpfer wieder ins politische Leben zu integrieren. Auch die mögliche Straffreiheit von Guerilleros stößt vielen bitter auf. Dass sich die Verhandlungen weiter in die Länge ziehen, verbessert die Stimmung nicht gerade.

Einer Studie von Gallup Colombia zufolge unterstützten Anfang des Jahres 54 Prozent der Kolumbianer den Friedensprozess - im Dezember waren es noch 67 Prozent. In diesem Ergebnis spiegelt sich auch das Versäumnis der Regierung Santos wider, den Kolumbianern klar zu kommunizieren, was die Konsequenzen eines Friedensabkommens wären.

Denn ohne wichtige Reformen, wird es ein Frieden auf dem Papier bleiben, der nicht bei denjenigen ankommt, die so sehr unter den Folgen des Konflikts leiden. Auch ist immer noch nicht klar, wie der Friedensvertrag am Ende ratifiziert werden soll.

Junge Kolumbianer wollen den Frieden aktiv mitgestalten

Gerade an den Universitäten der Hauptstadt Bogotá finden unzählige Veranstaltungen zu diesen kontroversen Themen statt. Die jungen Kolumbianer wollen den Frieden aktiv mitgestalten und nicht nur über Beschlüsse informiert werden. Das große Interesse am Thema ist in all der Zeit, die nun schon über das Abkommen verhandelt wird, nicht abgeflaut.

Die junge Generation betrachtet das Abkommen mehr denn je als Chance, längst überfällige Reformen durchzuführen und ihr Land zum Positiven zu verändern.

Fest steht: Ein Friedensabkommen mit der FARC ist ein historischer Schritt für das Land, das seit mehr als zwei Generationen unter dem bewaffneten Konflikt leidet. Nach einem solchen Abkommen kann endlich ein Prozess der Versöhnung und der Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens in Kolumbien beginnen. Und auch wenn manche ihr Leben lang von den Folgen des Konflikts traumatisiert sein werden, findet man oft gerade dort, wo man es nicht erwartet, die größte Versöhnungsbereitschaft.

Es ist beeindruckend, wie zum Beispiel der ehemalige Polizist Edgar Bermúdez zur Versöhnung bereit ist, obwohl er den Kampf gegen die FARC mit seinem Augenlicht und schweren Entstellungen bezahlt hat. Viele Opfer sind nicht nur bereit, der Guerilla zu vergeben, sondern setzen sich auch aktiv für einen Frieden unter Einbezug der demobilisierten Kämpfer in die Gesellschaft und die Politik ein.

Seht Euch das bewegende Interview mit Edgar Bermúdez an:

Es wäre allerdings für den Frieden fatal, zu denken, dass ein Versöhnungsprozess und die Umsetzung der in Havanna beschlossenen Reformen ein Selbstläufer sind. Dr. Hubert Gehring, Leiter des Auslandbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kolumbien, warnt davor, im Abkommen das Ende des Friedensprozesses zu sehen:

"Ein Friedensabkommen ist ein erster Schritt, doch dieser Weg muss weitergegangen werden. Zu meinen, ein Vertrag alleine würde die Probleme Kolumbiens und vor allem den Drogenhandel automatisch eliminieren, ist ein großer Irrtum. Dem Land fehlt es an Reformen, aber hauptsächlich daran, gleiche Rechte für alle zu garantieren. Vor allem im Bereich der politischen Mitbestimmung der Menschen auf dem Land bleibt noch viel zu tun. Schließlich war der Auslöser des bewaffneten Konflikts zu großen Teilen die Ungleichheit zwischen Stadt und Land. Gerade den Koka anbauenden ‚Campesinos' müssten dringend Alternativen geboten werden, nach dem Prinzip ‚Hilfe zur Selbsthilfe'."

Kolumbien stehen große Herausforderungen bevor, allerdings ergibt sich durch diese auch die Chance, ein neues Kolumbien zu festigen, in dem alle Bürger ein Mitspracherecht haben und in dem die Ungleichheit mit jedem Tag abnimmt. Das Land hat die Möglichkeit, diesen Frieden mit den Menschen zu gestalten, und so eine Zukunft ohne Gewalt zu ermöglichen.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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