BLOG
21/04/2016 09:22 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Was wir bei der Einstellung eines Flüchtlings erlebten

Getty Images

Als Hartmut Scharmer, der Hauptgeschäftsführer der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer hier in Hamburg, uns zu Beginn dieses Jahres anrief, waren die Flüchtlinge in den Medien eher am Rande ein Thema. Natürlich hatten wir alle von der schwierigen politischen Lage, vor allem in Syrien, gelesen, aber in Wahrheit war die Problematik doch gefühlt noch sehr weit weg.

Herr Scharmer hatte über eine Betreuerin von einem Flüchtling erfahren, einem Anwalt für gewerblichen Rechtsschutz, der in Damaskus eine eigene Kanzlei geführt hatte und jetzt nach Hamburg geflohen war. Ob wir helfen könnten?

Der Mann, nennen wir ihn Tarek, war zu diesem Zeitpunkt in einer Erstaufnahmestelle für Asylbewerber untergebracht. Er möchte anonym bleiben, weil seine Frau und Kinder noch in Damaskus sind und er Repressalien für sie fürchtet, wenn bekannt wird, dass er geflohen ist. Die Voraussetzungen waren schwierig: Tarek spricht gut Englisch und natürlich Arabisch, aber er hatte gerade erst angefangen, Deutsch zu lernen.

Er hat natürlich keine Zulassung, um hier als Anwalt zu arbeiten, und kennt das Rechtssystem nicht. Zu diesem Zeitpunkt wartete er auch noch darauf, offiziell als Flüchtling anerkannt zu werden. Trotzdem: Wir wollten ihn gern unterstützen. Wenn ein anderer Mensch erzählt, wie es ist, übers Meer fliehen zu müssen, lässt einen das nicht mehr los.

Die Mitarbeiter in den Jobcentern sind überfordert

Unsere Erfahrungen waren zunächst gemischt: Im Jobcenter etwa wollten oder konnten die Mitarbeiter kein Englisch mit Tarek sprechen. Zu diesen und anderen offiziellen Terminen benötigte er - wie vermutlich zahlreiche andere - also stets Begleitung. Auch dauerte es relativ lange, bis sein Status anerkannt wurde.

Sobald diese Hürden aber genommen waren, ging der Rest überraschend einfach: Für Tarek gelten für die kommenden drei Jahre, bis sein Status neu geprüft wird, die gleichen Vorgaben wie für einen deutschen Angestellten. Seit Juni arbeitet er jetzt einen Tag die Woche als wissenschaftlicher Mitarbeiter für uns. Krankenversicherung, Rentenversicherung, Bankkonto eröffnen, das war alles kein Problem. Sein Lohn wird auf das Arbeitslosengeld II angerechnet; in Summe verdient er somit jetzt etwas mehr, als wenn er nicht arbeiten würde. Das war uns als Anreiz wichtig.

Denn unsere Firmenpolitik sieht zwar vor, dass jeder von uns sich mindestens 25 Stunden im Jahr während der Arbeitszeit ehrenamtlich engagieren darf. Trotzdem wollten wir Tarek auf jeden Fall sinnvoll beschäftigen. Er hat zum Beispiel einmal die Woche einen festen Telefontermin per Video mit unserem Kollegen aus Dubai, für den er dann arabische Sachverhalte recherchiert oder auch übersetzt.

Aktuell überlegt Tarek, ob er promovieren kann: Er ist auf unsere Initiative hin schon Gasthörer an der Bucerius Law School gewesen und möchte die Zeit, die er in Deutschland ist, möglichst sinnvoll nutzen. Dieses Engagement beeindruckt uns. Gerade tut sich zudem die Chance auf, dass er - und einige weitere Flüchtlinge - möglicherweise an einem Programm der Bucerius Law School für Austauschstudenten kostenlos teilnehmen darf.

Gesucht werden: Gesprächspartner - und Fahrräder

Nach drei Monaten ziehen wir eine positive Zwischenbilanz. Tarek freut sich über die Abwechslung und die Kontakte zu seinen deutschen Kolleginnen und Kollegen. Mithilfe unseres Netzwerks konnten wir ihm inzwischen auch eine kleine Wohnung besorgen, sodass er aus der Erstaufnahmestelle ausziehen konnte.

Wir organisieren jetzt auch Sommerfeste für Flüchtlinge aus der Erstaufnahmestelle in Hamburg und Patenschaften: Viele Flüchtlinge suchen Deutsche, mit denen sie die Sprache üben können oder die ihnen erklären, wie deutsche Behörden funktionieren. Es sind manchmal auch scheinbar banale Anliegen, die schnell geklärt werden können.

Viele von Tareks Bekannten können sich die Tickets für den öffentlichen Nahverkehr nicht leisten - und sich daher auch nicht in der Stadt bewegen. Wir versuchen, in solchen Fällen gebrauchte Fahrräder zu vermitteln. Wir können nur allen Firmen raten, sich ebenfalls zu engagieren, denn die Zuwanderung wird uns auf viele Jahre beschäftigen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Xing Klartext.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

Leseempfehlungen:

Auch auf HuffPost:

So viele Flüchtlinge ziehen bereits frustriert vor Gericht

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.