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14/09/2015 11:25 CEST | Aktualisiert 14/09/2016 07:12 CEST

Warum wir die Flüchtlingskrise auch als Chance sehen können

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Die Absicht einiger europäischer Staaten, in erster Linie qualifizierte oder wie es die Grünen-Politikerin Claudia Roth verachtend ausdrückte, „verwertbare" Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, ist menschlich gesehen heikel, da hiermit rassistisch-nationalsozialistische Wertekategorien wie „wertvoll" und „minderwertig" assoziiert werden können. Die so oft beschworene „Willkommenskultur" muss in der gesamten Europäischen Union für alle Menschen gelten können, weil es sich hier nicht um Waren, sondern um Menschen handelt.

Es sind Menschen, die jede humanitäre Unterstützung benötigen, weil sie aufgrund von Ausgrenzung, politischer Unterdrückung, Terrorismus, Krieg, Hunger oder Krankheiten auf der Flucht sind. Die Flüchtlinge nach ihrer Ethnie, Religionszugehörigkeit oder „Verwertbarkeit" zu beurteilen, ist milde ausgedrückt, eine unglaubliche Unverschämtheit.

Was wir mit der Flüchtlingsproblematik zu tun haben

An der humanitären Krise, die nicht nur Europas Demographie und Sozialgefüge nachhaltig transformiert, sind auch wir, unsere Staatspolitiker und Wirtschaftslobbyisten mitverantwortlich. Wir sind es nämlich, die durch den unaufhaltsamen Konsum aber auch den Absatz von ständig wechselnden und neuen Gütern wirtschaftlich-finanziellen Druck erzeugen.

Unsere - im Vergleich - luxuriösen Lebensgewohnheiten führen zu Verschuldung und Verarmung in den Krisengebieten. Unsere leitindexorientierten Augen und die Gier am Börsenparkett tragen weiter zur Anspannung der Lage bei. Wir sind es, die kalkulierte Strategien entwickeln, weil wir vom Öl und Gas abhängig sind. Wir sind es ferner, die Unmengen an Waffen in diese Krisenregionen absetzen.

Wir entscheiden, welche politischen Gruppen oder Milizen wir in den Krisenstaaten mit Waffen, Informationen, Geld oder Logistik unterstützen. Kurz: Wir sind es, die aus ökonomischen, strategischen und politischen Intentionen in Konflikte involviert sind. Damit müssen wir - auch wenn es uns schwerfallen mag - zugeben, dass wir eine nicht zu unterschätzende Verantwortung bei den derzeitigen Krisen besitzen.

Die Menschen kommen zu uns, weil sie im „besseren System" ein besseres Leben möchten

Die Menschen, die nicht aus einer Laune oder Langeweile zu uns fliehen, waren einst glücklich in ihren Dörfern und Städten. Aber die Kriege im Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien und vielen Staaten in Afrika (Somalia, Eritrea, Sierra Leone, Nigeria, Sudan etc.), der so genannte „Arabische Frühling", der sehr schnell verpuffte und in großen Teilen noch mehr Chaos als zuvor produzierte, führen jetzt zu „Völkerwanderungen" innerhalb der Erde.

Eine Expertin, die sich mit dem Thema beschäftigt, sagt: „Wir wollten diesen Menschen lange unsere Demokratie und westliche Zivilisation - ungefragt - hinbringen. Jetzt kommen diese Menschen zu uns, um sich diese - ungefragt - mit gutem Recht bei uns abzuholen". Außerdem seien wir immer davon ausgegangen, dass wir stets das „bessere System" und die „Anderen" das „schlechtere System" hätten. Auch diese Überheblichkeit und Arroganz führe die Flüchtlinge nun zu uns. „Die Flüchtlinge wollen ein bessres Leben in unserem ‚besseren' System".

Jede Krise birgt auch eine Chance in sich

Wir können die Flüchtlinge temporär unterstützen und ihnen die westliche Demokratie näher bringen. Nachdem es wieder Stabilität in den jetzigen Krisengebieten gibt, könnten genau die zu uns geflohenen Menschen als sog. „Botschafter der Demokratie" wichtige Funktionen in ihrer Heimat übernehmen und eine Brücke in den Nahen- und Mittleren Osten oder nach Afrika sein.

Daher kann die derzeitigen Flüchtlingskrise ebenso als Chance begriffen werden. Denn jede Krise ist auch immer eine Chance. Mit dieser mentalen Einstellung fahren wir alle besser als wenn wir uns mit Angst und Repressionen verrückt machen.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Aus Syrien und vom Balkan: Die Flüchtlingskrise erklärt in 99 Sekunden