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10/05/2016 06:48 CEST | Aktualisiert 11/05/2017 07:12 CEST

Morddrohungen für Fernsehjournalistinnen

Anadolu Agency via Getty Images

Als die Taliban in Afghanistan in den 1990er-Jahren an die Macht kamen, waren Fernsehen, Musik und Theater nach kürzester Zeit verboten. Seit dem Ende der Taliban sind die Medien präsent wie nie, doch TV-Größen werden auch zu Zielscheiben für Milizen. Zwei Frauen, die für den meist gesehenen Fernsehsender des Landes, Tolo, arbeiten, berichten über ihren Job, für den sie ihr Leben riskieren.

Shakila Ebrahimkhil - Tolo-Korrespondentin

Das Leben von Shakila Ebrahimkhil hat durchaus Ähnlichkeit mit den Geschichten, über die sie Abend für Abend berichtet. Noch zu Zeiten der Taliban wurde sie als Teenager verheiratet. Als ihr Mann plötzlich starb, musste sie sich allein um ihre alten Eltern und ihre drei kleinen Kinder kümmern. Nach dem Einmarsch der Amerikaner 2001 machte sie eine Ausbildung und arbeitete schließlich als Journalistin.

Sie war es, die 2012 über Sahar Gul berichtete, eine 15-jährige Afghanin, die von ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern eingesperrt und misshandelt worden war, weil sie sich geweigert hatte, sich zu prostituieren.

Die Geschichte machte die ganze Welt betroffen und sorgte in Afghanistan für Entsetzen.

Doch weil sie auf das Leid von Frauen in Afghanistan aufmerksam gemacht hatte, erhielt sie von Milizen Morddrohungen - ebenso wie für einen anderen Aspekt ihrer Arbeit: ihre Berichterstattung über die vielen Selbstmordanschläge in Afghanistan, in den vergangenen Jahren.

Mit ihren Berichten über diese Anschläge machte sie sich einen Namen. Sie sprach mit Überlebenden und Hinterbliebenen.

"Wir fertigen ein Profil von ihnen an", sagt sie. "Das ist leider Teil unserer Arbeit."

Die Ärzte vom Unfallkrankenhaus in Kabul kennen Ebrahimkil gut. Wenn sie sie sehen, können sie davon ausgehen, dass vermutlich bald viele neue Patienten eingeliefert werden.

Auf der Station, wo die schwerstverwundeten Anschlagsopfer versorgt werden, darunter viele Frauen und Kinder, nimmt Ebrahimkil persische Neujahrsgrüße von den Opfern an die Milizen auf.

Sie hat schon über so viele solcher Szenen berichtet, dass man meinen könnte, sie ist gegen das Leid immun. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie zerbricht daran.

Dies ist eine Seite der Tolo-Korrespondentin, die die Zuschauer kaum zu sehen bekommen.

"Ich leide sehr darunter. Vielleicht, weil ich selbst Mutter bin. Ich versuche, meine Gefühle zu unterdrücken, aber das ist einfach unmöglich", sagt sie.

"Ich bin auch Mutter, wissen Sie. Ich mache mir Sorgen über die Zukunft dieser Kinder. Wenn ich sie sehe, muss ich an meine eigenen Kinder denken. Ich weiß, dass keins dieser Kinder ein gutes Leben haben wird."

Vor einigen Monaten musste Ebrahimkhil über einen Selbstmordanschlag auf ihren Fernsehsender berichten.

Am 20. Januar zur Rushhour rammte ein Selbstmordattentäter der Taliban im Zentrum von Kabul einen Kleinbus, in dem Mitarbeiter von Tolo auf dem Nachhauseweg saßen. Sieben kamen ums Leben, über 20 wurden verletzt.

"Ich wollte schreien und weinen, als ich ihre Namen verlas. Der Tod unserer Kollegen war für uns alle ein Schock", sagt sie.

Doch der Anschlag, so beteuert sie, hat sie alle nur noch furchtloser gemacht.

"Tolo zu unterdrücken heißt, die Meinungsfreiheit in ganz Afghanistan zu unterdrücken. Wir lassen nicht zu, dass die Menschen in Afghanistan sich so fühlen."

Journalisten in Kabul erkennen staatliche Propaganda auf den ersten Blick, und sie wissen, wie gefährlich die Lage im Land und wie gefährdet die Wirtschaft wirklich ist, seitdem die ausländischen Soldaten weg sind.

All das bringt sie in eine schwierige Lage. Berichten sie trotz aller Gefahren weiter über das Leid der Menschen oder sind ihnen ihre eigenen Familien wichtiger und fliehen wie zehntausend andere?

Auch Ebrahimkhil musste sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Ich weiß, dass sie Kabul nach unserem Treffen verlassen hat und derzeit in der Türkei lebt. Es ist unklar, wann sie zurückkehren wird, doch im Moment ist es zu gefährlich, ihre Kinder in ihrer Heimat großzuziehen.

Aryana Sayeed - Sängerin und Jurymitglied bei "Afghan Star"

Die Casting-Show "Afghan Star" ist die meist gesehene Fernsehshow in Afghanistan. Von den Taliban wird sie wegen ihrer Anzüglichkeit und Unsittlichkeit verurteilt. Aryana Sayeed, das weibliche Jurymitglied der Sendung und eine der berühmtesten Sängerinnen des Landes, macht dies zur größten Zielscheibe der Taliban.

Sie trägt bewusst kein Kopftuch und tritt, wie jede andere Pop-Diva auf der Welt, in hautenger Kleidung auf. In ihren Liedern drängt sie Frauen, stark zu sein und den Kampf für eine bessere Zukunft nicht aufzugeben.

In vielerlei Hinsicht steht sie für alles, was die Taliban und andere Hardliner nicht wollen - Rechte für Frauen, freie Meinungsäußerung und an die Erfolge der letzten 15 Jahre anknüpfen.

Dies erklärt die stetigen Gerüchte, sie sei in Lebensgefahr, wann immer sie von ihrer Heimat London nach Afghanistan fliegt. "Es heißt dann immer, diese Woche werden sie Aryana töten, diesmal ist sie dran'", sagt sie.

"Klar habe ich Angst, aber das ist eben der Weg, den ich eingeschlagen habe. Ich kann jetzt nicht mehr zurück. Ich werde ihn irgendwie zu Ende gehen."

Die Morddrohungen nach einem Auftritt im Fußballstadion von Kabul im letzten Jahr machen weitere solche Auftritte unmöglich. Dazu der Angriff auf den mit Tolo-Mitarbeitern voll besetztem Bus, der sich inmitten der Staffel von Afghan Star ereignete.

"Wir waren am Set von Afghan Star. Wir waren gerade fertig mit der Sendung, als wir einen lauten Knall hörten", sagt sie. "Es war so unheimlich laut, dass wir schon dachten, die Explosion wäre direkt vor dem Tor gewesen und die Taliban würden gleich hereinstürmen und uns angreifen."

Sayeed und andere Mitwirkende rannten aus dem Studio und wurden eilig in ihre Hotels gebracht. Im Ausland lebende Mitarbeiter des Senders wurden sofort aus Afghanistan ausgeflogen, doch Sayeed blieb.

"Ich dachte, ganz gleich, was geschieht - wenn ich sterbe, dann sterbe ich. Wenn das dein Schicksal ist, kann es dir überall auf der Welt passieren. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, aufzugeben und zurückzugehen", sagt sie.

Danach musste sie jedoch eine Splitterschutzweste tragen. "Ich dachte: Das ist doch lächerlich. Ich bin Sängerin in Afghanistan und komme mir vor wie ein Soldat im Krieg."

„Und diese Weste ist richtig schwer. Tja, so ist es eben."

Sayeed blieb bis zum Ende der Staffel. Einen Tag nach dem Finale flog sie zurück in ihre sichere Heimat London.

Yalda Hakims Our World Bericht "Killing the messenger" zeigt BBC World News am Samstag, 14. Mai um 03:10, 18:10, 23:10 MEZ und am Sonntag, 15. Mai um 12:10 MEZ.

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