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05/09/2014 16:24 CEST | Aktualisiert 05/11/2014 06:12 CET

Die neue atomare Gefahr

Die mehr als 15.000 Sprengköpfe in den Atomwaffenarsenalen von Russland und den USA reichen aus, um alles Leben auf diesem Planeten mehrfach zu vernichten. Aufgrund der Krise drohe ein Wieder-Anfachen des Kalten Krieges, das zu einem Einsatz von Atomwaffen führen könne.

Die prorussischen Rebellen und die ukrainische Regierung haben Waffenruhe für die Ostukraine vereinbart. Das ist eine gute Nachricht, wenn die Feuerpause denn hält. Die schlechte Nachricht ist: Der Plan, eine schnelle Eingreiftruppe einzusetzen und die Rhetorik beim NATO-Gipfel in Wales könnten den fragilen Friedensprozess untergraben.

Der Krieg in der Ukraine droht die Erfolge in der Verbesserung der Beziehung zwischen Russland und dem NATO-Bündnis wieder zu zerstören. Seit den 1980er Jahren war das Verhältnis nicht mehr so angespannt und von gegenseitigen Feindbildern geprägt. Die Ukraine will eine Mauer an der Grenze zu Russland.

Russland kündigt als Reaktion auf eine stärkere Präsenz von Nato-Truppen in Osteuropa eine Anpassung seiner Verteidigungspolitik an. Und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck provoziert - ausgerechnet am Weltfriedenstag - mit der Aussage, Russland habe die Partnerschaft mit dem Westen "de facto aufgekündigt".

Aktuell besteht die Gefahr, dass der andauernde Konflikt in einem Krieg mündet, bei dem sich die beiden Atomwaffenstaaten USA und Russland feindlich gegenüberstehen. Russland wird im nächsten Jahrzehnt alle Atomwaffensysteme gegen neue austauschen. Dazu zählen landgestützte SS-27-Langstreckenraketen, acht Borei-Atom-U-Boote und neue Überschall-Bomber.

Die USA modernisieren ihr gesamtes Atomwaffenarsenal ebenfalls. Davon ist Deutschland direkt betroffen: Auch die in der Eifel stationierten Atomwaffen sollen durch präzisere lenkbare Atomwaffen ersetzt werden. Die schleichende Re-Nuklearisierung könnte schnell in einen neuen aggressiven Rüstungswettlauf zwischen Ost und West münden, verschärft durch Bestrebungen der „neuen" osteuropäischen Nato-Staaten, auf ihren Territorien ebenfalls Atomwaffen zu stationieren, gegen bestehende Vereinbarungen mit Russland.

Hinzu kommt die Gefahr, dass Atomkraftwerke in der Ukraine zu Angriffszielen werden. Nur 200 Kilometer entfernt vom umkämpften Gebiet in der Ostukraine steht eine der größten Atomanlagen Europas. Kein AKW auf der Welt sei gegen militärische Angriffe gesichert; Atomkraftwerke seien nicht für Krieg ausgelegt, sondern für Frieden, räumte Sergej Boschko, Chef der ukrainischen Atomaufsicht, unlängst ein.

1980 wurde unsere internationale Ärzteorganisation IPPNW von sowjetischen und US-amerikanischen ÄrztInnen gegründet und betrieb über den Eisernen Vorhang hinweg Aufklärungs- und Friedensarbeit, wofür wir 1985 den Friedensnobelpreis erhielten. Die Ukraine hat 1990 nach dem Ende des Kalten Krieges in einer historischen Entscheidung gemeinsam mit Kasachstan und Weißrussland entschieden, die Atomwaffen auf ihren Territorien an Russland zurückzugeben.

Nun spielen politische Kräfte in der Ukraine mit dem Gedanken, die Atomarsenale wieder aufzubauen.

IPPNW-ÄrztInnen aus Russland, den USA, der Ukraine und Deutschland haben sich jetzt in einem dringenden Appell an ihre Regierungschefs gewandt. Im Anschluss an den Weltkongress der IPPNW in Kasachstan, der am letzten Wochenende zu Ende ging, mahnten sie die Präsidenten Obama und Putin, dass heute immer noch tausende US-amerikanische und russische Atomwaffen in höchster Alarmbereitschaft lagern und innerhalb von Minuten abgeschossen werden können.

Die mehr als 15.000 Sprengköpfe in den Atomwaffenarsenalen von Russland und den USA reichen aus, um alles Leben auf diesem Planeten mehrfach zu vernichten. Aufgrund der Krise drohe ein Wieder-Anfachen des Kalten Krieges, das zu einem Einsatz von Atomwaffen führen könne - sei es aus Versehen oder absichtlich. Die ÄrztInnen rufen die Konfliktparteien auf, die Ukraine bei einer friedlichen Beilegung der Krise zu unterstützen.

Putin mag manchmal ein schwieriger und unbequemer Partner sein. Aber Frieden kann es nur gemeinsam mit Russland geben. Wer Russland in die politische Isolation drängt, riskiert letztendlich einen Krieg zwischen Atommächten in Europa.