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07/01/2016 10:03 CET | Aktualisiert 07/01/2017 06:12 CET

Darum werden Millionen von Arbeitsplätzen verschwinden

Thomas Barwick via Getty Images

Die Hochstimmung ist trügerisch - und gefährlich: die höchste Zahl an Erwerbstätigen seit vielen Jahren täuscht kurzfristig darüber hinweg, dass in Deutschland und in anderen Industrienationen in den nächsten Jahren Millionen von Arbeitsplätzen verschwinden werden. Betroffen werden nicht nur die sein, die weniger qualifizierte Jobs haben.

Auch Bankanalysten, medizinisch-technisch Assistenten, Wetter- und Klimaexperten oder Apotheker werden weitgehend aussterben. Die Software, die diese Tätigkeiten ersetzen könnte, wird dabei fast vollständig aus dem Ausland kommen. Deutschland kann und schafft digitale Innovation nicht, nach der Gründung von SAP vor 33 Jahren ist keine zukunftsweisende Digital-Technologie in Deutschland entwickelt worden.

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Dass der Berliner Online-Schuhverkäufer Zalando von unwissenden Standortpolitikern manchmal als Innovation bezeichnet wird, spricht Bände.

Neue, hochqualifizierte Jobs werden weiterhin nur selten in Deutschland entstehen und selbst die Zahl der qualifizierten Software-Anwender wird weiter sinken, je intelligenter die Software wird. Natürlich könnte sich Deutschland wie bisher auf geniale Ingenieurskunst, auf Schwer- und Spezialmaschinenbau und - trotz VW - hoch zuverlässige Autos konzentrieren.

Dass deutsche Qualitätsprodukte seit Jahren mit Hilfe von Google gefunden und dann bei amazon und ebay gekauft werden, wovon man anschließend seinen Freunden auf Twitter, Facebook und Pinterest berichtet oder via Skype erzählt, hat der Entwicklung der deutschen Wirtschaft ja bislang auch nicht geschadet.

Nur das wird jetzt ganz anders. Es wird keine "Ingenieurskunst" mehr geben, die nicht aufs Engste mit Software und Digitaltechnik verschmolzen ist. Dass noch vor sechs Jahren von VW, BMW und Mercedes-Managern ausgelachte Elektroauto Tesla ist ein Beispiel für das Verschmelzen aus Aluminium-Fertigung und Digital-Vision, dass Apple- und Google-Auto wird auch kommen.

Mit selbstfahrenden Lieferservices, die zumindest noch die Schuhe von Zalando ausliefern werden. Und einer Vernetzung aus dem Privattaxidienst Uber, CarSharing, Leihrädern, selbstfahrenen Autos und herkömmlichen Verkehrsmitteln. Mercedes verkauft übergewichtige Autos an ebensolche Kunden, die US-Unternehmen werden sehr bald flexible, bedarfsgerechte Mobilität anbieten.

Warum einem Analysten ein Gehalt von bis zu 4.000 Euro zahlen, wenn eine Software denselben Datenberg innerhalb von weniger als einer Sekunden zusammenfassen kann?

Die Schweizer Bank UBS lässt bereits Daten automatisch von einem US-Unternehmen analysieren, an dem zu allem Überfluss, in diesem Zusammenhang aber gar nicht so wichtig, der CIA direkt beteiligt ist. Deutsche Banken wollen jetzt den Einsatz dieser Technologie ebenfalls prüfen, denn sie ersetzt Hunderte von hoch bezahlten Risiko- und Unternehmensanalysten.

Warum einem Analysten für eine Woche Aufwand ein Gehalt von bis zu 4.000 Euro zahlen, wenn eine Software denselben Datenberg innerhalb von weniger als einer Sekunde genauso und sogar präziser sichten, interpretieren und zusammenfassen kann?

Die Interpretation medizinischer Daten lässt sich auf demselben Weg nahezu kostenneutral erledigen und Apotheken werden mit ihrer schon heute überalterten Kundschaft wegsterben: nach dem Geldautomat kommt der Arzneimittelautomat, technologisch längst möglich und die ohnehin seltene „Beratung" der Apotheker - „wir hätten hier noch ein Alternativpräparat" ist maschinell ebenso erledigbar.

Die dafür nötige Softwareentwicklung findet seit Jahren statt und ist fast abgeschlossen: in Palo Alto, in Los Angeles, in Tel Aviv. Gekauft wird die von Startups entwickelte Technik von amazon, ebay, facebook und google. Es sei denn, die Hundertschaften der weltweit besten Entwickler dieser Internet-Giganten haben die Software in den eigenen „innovation labs" bereits selbst zusammengerührt.

Der Packer in einer amazon-Lagerhalle hat da noch einen vergleichsweise sicheren Job. Denn gemäß des Moravec'schen Paradox können Roboter ganz toll sehr komplizierte Aufgaben lösen, scheitern aber oft an ganz einfachen Dingen.

10 Kästen Laufschuhe aus einem Hochregallager zu holen ist für eine Roboter einfach, nur dann am Packtisch aus insgesamt 24 Warenbergen ein genau passenden Versandkarton für einen Kunden mit 12 Artikeln zu füllen - daran scheitert Software bis jetzt.

Komplizierte Berechnungen wird der Mensch dagegen in wenigen Jahren nicht mehr ausführen und Unternehmen wie textomatic liefern die Ergebnisse aus Datenwüsten in weniger als einer Sekunde, als Textzusammenfassung und Grafik. Nur das amazon-Callcenter wird es nicht mehr geben:

Anstelle von Call-Center-Agents läuft ein Server, der Kundenmails sogar auf Bayerisch beantworten kann.

Anstelle von hunderten mäßig und doch kostenintensiv trainierten „agents" läuft irgendwo auf der Welt ein Server, der eingehende Kundentelefonate und Kundenmails sogar auf bayerisch oder Suaheli beantworten kann. In Echtzeit, natürlich. Nur für völlig exotische Anfragen wird es irgendwo noch in Häufchen Callcenter-Agenten geben, vielleicht mit 5% der heutigen Mitarbeiterzahl.

Die Einführung des Webstuhls hat um 1810 viele Zehntausend Arbeitsplätze in Europa vernichtet. Glaubt man an die Kompensationstheorie, werden die in den nächsten Jahren erheblich sinkenden Kosten für viele Dienstleistungen und Prozesse auch zahlreiche Produkte wesentlich billiger machen und damit auf anderen Gebieten mehr Nachfrage entstehen lassen, so dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Nur lassen sich durch intelligente Roboter, durch Künstliche Intelligenz und Big Data-Software wesentlich mehr Prozesse automatisieren als das vor 200 Jahren mit dem Webstuhl möglich war. Die Umwälzungen auf den Arbeitsmärkten werden gigantisch sein.

Appell eines Immobilien-Gurus: Nach diesem Video werden Sie Bauarbeiter nie wieder abschätzig anschauen

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