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06/12/2016 09:00 CET | Aktualisiert 07/12/2017 06:12 CET

"Alle diskutieren über Pisa - aber es bringt mich als Lehrer nicht weiter"

Heute diskutiert ganz Deutschland über die Pisa-Studie. Darüber, ob Deutschland einen Platz besser oder schlechter ist als beim letzten Mal. So ein Ranking kann ich mir schon an die Wand pinnen.

1. Die Pisa-Ergebnisse sind zu undifferenziert

Aber erstens bringt mich das als Lehrer nicht weiter. Unsere Schule hat 2002 am Pisa-Test teilgenommen. Spannend war das schon. Aber wenn man dann bundesweit alle Ergebnisse zusammenwirft, hat es kaum noch Aussagekraft.

2. Ein Ranking zeigt nicht, ob unser Schulsystem gut ist

Zweitens beantwortet ein Ranking die Frage nicht, ob Deutschland gute Schulen hat. Wissen ist nur ein Teil der Bildung. Ich will, dass meine Schüler nicht nur für Noten und Rankings lernen, sondern den Dingen auf den Grund gehen wollen.

Diese Neugier entwickeln Kinder, wenn sie spüren, dass jemand für ein Thema brennt. Manchmal reißen Mitschüler sie durch ihren Lerneifer mit. Manchmal gibt es einen Opa, der sie mit seiner Leidenschaft für Kräuter ansteckt. Aber am wichtigsten sind die Lehrer.

Begeisterung kann ich den Lehrern natürlich nicht vorschreiben. Aber die Politik kann Bedingungen schaffen, dass sie ihre Begeisterung leben können.

In Physik zum Beispiel will ich mich mit meinen Schülern nicht von Lehrbuchseite zu Lehrbuchseite hangeln. Ich will mit ihnen experimentieren. Ich will mit ihnen zu Firmen in der Umgebung fahren, die Laser herstellen.

Am Jahresende machen wir mit unseren Schülern Projektarbeit. Bei einer Gruppe ging es eigentlich nur darum, eine Lösung für einen alten Gebäudeteil zu finden, an dem Fliesen von der Wand fielen.

Unsere Schüler haben dann ein 3-D-Modell der Architektur erstellt, wir haben einen 3-D-Drucker angeschafft. Sie kennen sich inzwischen damit so gut aus, dass sie mir als Lehrer im Detailwissen überlegen sind. Ich bin nur noch der Moderator. Und wissen Sie was? Das macht mich stolz.

Als Schulleiter versuche ich, meinen Lehrern genug Technik und Räume für solche Projekte zu verschaffen. Aber sie bräuchten auch mehr Zeit - und da muss die Politik ran.

Ich bin seit 1982 Lehrer. Als ich anfing, mussten Vollzeitkräfte noch 21 Stunden pro Woche unterrichten, heute sind es 26. Das ist ein immenser Anstieg und kontraproduktiv. Zumal sich die Lehrer viel individueller kümmern sollen.

3. Wir müssen die richtigen Schlüsse aus dem Ranking ziehen

Ich habe noch einen dritten Kritikpunkt am Ranking: Wir haben nicht die richtigen Schlüsse daraus gezogen.

Wir wissen, dass die Lese- und Schreibkompetenzen zu wünschen übrig lassen. Das sehe ich jeden Tag.

Aber wenn ich das in meiner siebten Klasse merke, ist das zu spät. Es ist auch zu spät, wenn man in der Grundschule merkt, dass ein Kind nicht gut Deutsch kann. Wir müssen uns viel intensiver um die Kindergartenkinder kümmern.

So langfristige Projekte brauchen Mut. Und den sollten wir endlich aufbringen.

Dieser Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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