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13/04/2016 11:28 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

Erfolgreich einen Think Tank gründen

VIKTOR DRACHEV via Getty Images

Als Yauheni Preiherman seinen politischen Think Tank „Liberaler Club" mit einigen Freunden im Jahr 2009 in Minsk gründete, da war er gerade einmal 23 Jahre alt und studierte noch. Recht unklar war ihm damals, wen und wie er in Sachen Politik beraten könnte. Nur sieben Jahre später steht er im Alter von 29 Jahren noch immer dem "Liberalen Club" vor.

Fast wöchentlich absolvieren er und sein halbes Dutzend etwa gleichaltrige Kollegen jedoch nun Fernsehauftritte und Interviewtermine. Sie untersuchen und kommentieren dabei Fragen der Außen- und Innenpolitik, der Kultur und der Wirtschaft in Belarus. Dazu sprechen sie mit allen Seiten: Regierung, Opposition und internationalen Einrichtungen.

Mit der Gründung des Clubs ist Preiherman und seinen Kollegen damit etwas gelungen, was nicht nur in Belarus, sondern auch im Ausland selten ist. In Deutschland oder den USA sind es vielmehr oft die altehrwürdigen Institutionen oder große Agenturen und Beratungsunternehmen, die Politiker und Staatsbedienstete beraten.

Die Geschichte des jungen "Liberalen Clubs" in Belarus zeigt jedoch, dass hier auch Neugründungen eine Chance haben, obschon internationale Rankings dem Land Defizite im Bereich der Demokratie und Meinungsfreiheit attestieren.

Mit dem Außenminister von Belarus am Tisch

Gerade seit Beginn der gegenwärtigen Liberalisierung in Belarus nehmen nun immer mehr führende internationale Experten, aber auch belarussische und ausländische Amtsträger an den Veranstaltungen des "Liberalen Clubs" teil. So sprachen im Februar auf der jüngsten Konferenz mit dem Titel "Minsker Dialog" der Außenminister von Belarus und der Sonderbeauftragte der OSZE zur Lösung der Ukraine-Krise. Dutzende Fernsehteams aus sechs Ländern berichteten live von dieser Konferenz und verschafften Preiherman und seinen Kollegen hierdurch internationale Aufmerksamkeit.

Der in der belarussischen Chagall-Stadt Witebsk geborene Preiherman hat verstanden, dass auch ein Think Tank die Öffentlichkeit nur mit großem Geschick erreichen kann: Man muss populäre politische Ideen erkennen, aufgreifen und Lösungen in griffige Formulierungen packen.

Seine bisher erfolgreichste Idee war es in dieser Hinsicht, die Diskussionen über einen Frieden in der Ukraine nicht mehr allein Regierungschefs zu überlassen, sondern auch Experten in die Diskussionen mit einzubeziehen.

Preiherman nennt dies die "zweite diplomatische Bahnspur". Mehrfach brachte er so Experten aus Russland, der Ukraine, Deutschland, Frankreich und anderen Ländern in Minsk zusammen, um über die Ukraine und andere Konfliktregionen in Osteuropa zu sprechen.

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Yauheni Preiherman (rechts) auf einer Konferenz des "Minsker Dialogs" im Februar in Minsk. Neben ihm: Der Außenminister von Belarus Wladimir Makej und der Sonderbeauftragte der OSZE zur Lösung der Ukraine-Krise, Martin Sajdik

Politische Diskussionen auf Basis von Werten

Dass Preiherman hierfür breite Aufmerksamkeit in den wichtigsten Medien aus Belarus, Russland und der Ukraine bekommt, sei für ihn dabei nicht das Wichtigste an seiner Arbeit. Der "Liberale Club" wolle mit seinen Veranstaltungen und Analysen vielmehr zum Verständnis von Belarus und der osteuropäischen Region beitragen und die Erarbeitung von optimalen Lösungen fördern.

Dies alles, so Preiherman, erfolge auf der Grundlage von Werten und Überzeugungen, die ihm und seinen Kollegen wichtig sind. Dazu zählt die Souveränität seines Landes, der freie Markt und die friedliche Kooperation in der Region ohne Trennlinien.

Wichtig ist Preiherman bei seiner Tätigkeit, dass die Diskussionen nicht schwarz-weiß geführt werden. Hier wie in anderen Themenbereichen liege die Wahrheit oft irgendwo dazwischen, sagt er. „Wir wollen mit unseren Diskussionen das Grau erkunden, das der Realität am nächsten kommt", so der Politikwissenschaftler.

Die dafür nötige Bereitschaft für echte Diskussionen und das Zulassen anderer Meinungen ziehe auch heute noch viele junge Studenten aus dem Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an, die den "Liberalen Club" bei seinen Analysen unterstützen.

Es geht nicht vor allem ums Geldverdienen

„Die jungen Menschen lernen bei uns, dass Analysen, Studien und Diskussionen zu gesellschaftlich relevanten Fragen Spaß machen und zur Selbsterfüllung beitragen können, dass man interessante Leute trifft und manchmal auch etwas zum Besseren bewegen kann", so Preiherman. Im Wesentlichen ist dies auch die Motivation, die Preiherman selbst bei der Gründung seines Think Tanks hatte. Und hat sich sein Engagement für die Politik für ihn ausgezahlt?

Im Gespräch versprüht Preiherman zumindest weiterhin eine große Begeisterung für politische Fragen. Er bedauere nicht, dass er nicht wie viele seiner Kommilitonen nach dem Studium in die Wirtschaft gegangen sei. Natürlich habe er damit zunächst eine internationale Karriere und ein exzellentes Einkommen beispielsweise im IT-Sektor von Belarus ausgeschlagen.

Es sei jedoch in jeder Sekunde sein Wunsch gewesen, sich damit zu beschäftigen, was für ihn interessant ist und ihm eine professionelle Genugtuung bringe: Forschungen und Analysen in den Bereichen Politik und internationale Beziehungen, sagt Preiherman.

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"Keine Sekunde habe ich daran gezeifelt, dass ich Experte für politische Fragen werde", sagt Preiherman.

In seiner Arbeit sei es ihm nicht nur wichtig zu verstehen, wie politische Institutionen funktionieren und wie Entscheidungen getroffen werden. Es schimmert schon ein großes Sendungsbewusstsein mit, wenn Preiherman sagt, dass er auch Beiträge für sein Land leisten möchte. "Mir ist aber auch wichtig, dass mir Entscheidungsträger zuhören und offen für neue Sichtweisen sind", erklärt Preiherman.

Dass ihm und seinen Kollegen dies gelingt, zeigen nicht nur die vielen Stellungnahmen in den belarussischen Medien. Präsident Lukaschenko habe auch erst kürzlich Änderungen im Bereich der Öffentlichen Verwaltung angeordnet, die der "Liberale Club" in einer Studie zuvor empfohlen hatte. "Unseren Einfluss können wir zwar nicht beweisen, da auch andere ähnliche Vorschläge erbracht haben, aber zumindest zeigt es, dass wir zu einem Stimmungsbild und zur Diskussion beitragen konnten", erklärt Preiherman.

Mitgestalten möchte Preiherman künftig auch das Stimmungsbild der jungen Deutschen gegenüber seinem Land. Delegationen aus Deutschland möchte er noch in diesem Jahr in einen persönlichen politischen Dialog mit jungen Belarussen bringen. Dieser Austausch sei wichtig, da zu viele Menschen in Belarus und in Deutschland über die jeweils andere Seite noch zu wenig wissen und zu oft schwarz-weiß urteilten.

Dass ein Dialog nicht immer konfliktfrei verläuft, speziell wenn zwei unterschiedliche politische Kulturen aufeinander treffen, ist offensichtlich. Die Delegationen scheinen bei Preiherman jedoch in guten Händen zu sein: Immerhin hat er es auch geschafft, dass die Diskussionsrunden zwischen Russen und Ukrainern ruhig und sachlich abliefen.

credit: Andrey Zhdanovich

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