BLOG
06/03/2016 12:20 CET | Aktualisiert 05/03/2017 06:12 CET

Drastisch steigende sexuelle Übergriffe auf Flüchtlingsfrauen und -kinder in Deutschland

Getty

Die Zahl gemeldeter sexueller Übergriffe auf Frauen und Kinder in Flüchtlingsunterkünften nimmt, zumindest in Hamburg, drastisch zu.

Das berichtete Zeit online am 23. Februar 2016, unter Berufung auf die Antwort der Hamburger Bürgerschaft auf eine kleine Anfrage der Hamburger FDP.

Demnach gab es allein in den Unterkünften des städtischen Betreibers von Flüchtlingsunterkünften "Fördern & Wohnen" in Hamburg

nach zehn Vorfällen im ganzen Jahr 2015 bereits fünf Fälle seit Beginn des Jahres 2016

Was sagt die zuständige Behörde dort dazu?

"Jeder Übergriff ist eine Straftat und wird verfolgt"

sagte Marcel Schweitzer von der Hamburger Sozialbehörde der "Zeit" dazu. Und fügt hinzu:

"Voraussetzung hierfür ist, dass die Frauen sich gegenüber Vertrauenspersonen offenbaren und wir eine Chance haben, ihnen zu helfen."

Nun - dazu muss diese Chance ja aber auch faktisch gegeben werden - und es sollte nicht unerwähnt bleiben, was gerade auch in Hamburger Einrichtungen derzeit diesbezüglich möglich ist, oder besser gesagt nicht möglich ist ...

Das Hamburg Journal (NDR) brachte dazu beispielsweise am 13. 2. 2016 einen Bericht über

sehr große Personalnot in Erstaufnahmeeinrichtungen

Bezüglich verfügbarer "Vertrauenspersonen", an die Betroffene sich wenden könnten (theoretisch) beschrieb Georg E. Möller von der Hamburger Initiative „Refugees Welcome Karoviertel", der die Arbeit von vielen Flüchtlingshelfern in Erstaufnahmeeinrichtungen koordiniert, die Realität der dort beschäftigten Mitarbeiter:

Chronisch unterbesetzt, überfordert, schlecht bezahlt und nach 6 Monaten Dauereinsatz natürlich auch ausgemergelt

Zumal, wie auch in der Zeit zu lesen ist, viele Betroffene - neben Frauen und Kindern zudem unter anderem auch homosexuelle Opfer von Übergriffen - sich dafür schämen, was ihnen geschah, oder Angst vor ihren Peinigern haben- so ist das mit dem Sich-Offenbaren nicht so einfach.

Und erfordert auch Zeit um sich erst einmal Sozialarbeitern zu öffnen, die diese aber nicht haben.

Eine Mitarbeiterin, die in mehreren Einrichtungen des städtischen Betreibers „Fördern und Wohnen" tätig ist bestätigte beim NDR, dass man sich um die Flüchtlinge kaum noch wirklich kümmern kann.

Viele Sozialarbeiter seien frustriert, weil sehr viele wichtige Anliegen der Flüchtlinge untergehen können für die einfach keine Zeit ist in Sprechstunden- viele Flüchtlinge kommen auch einfach nicht mehr dran, es gibt einfach zu wenig Sozialarbeiter.

Obwohl natürlich viel mehr möglich wäre - auch an grundsätzlichen Lösungen, weitaus mehr sozialem Wohnungsbau für Flüchtlinge (und Deutsche). Im reichen Deutschland, gerade auch in Hamburg, einer der reichsten Städte der Welt

Auch Hermann Hardt vom Flüchtlingsrat Hamburg folgert deshalb in der Zeit aus dem grundlegenden Problem in den Massenunterkünften:

"Deshalb fordern wir die Unterbringung in ganz normalen Wohnungen - dann kommt es auch nicht zu solchen Übergriffen."

Wo das nicht möglich sei, müsse wenigstens darauf geachtet werden, dass Frauen und Kinder nicht gemeinsam mit alleinstehenden Männern untergebracht würden.

Mehr Aufklärung über unsere Werte und Regeln würde an den Übergriffen übrigens nichts ändern sagte Herr Hardt:

"Es ist bei Flüchtlingen in den Herkunftsländern genauso tabu, Frauen zu missbrauchen."

Bei uns fehlt es aber offensichtlich an abschreckenden Konsequenzen und am richtigen Personal, um diese Werte durchzusetzen. Vor allem nachts, wenn in den Unterkünften nur noch der Sicherheitsdienst ist, haben viele Flüchtlinge auch sonst das Gefühl, den Rücksichtslosen unter ihnen ausgeliefert zu sein meint auch Hardt. Und:

Sicherheitsdienste sind keine ausgebildeten Betreuer. Sie sind nicht die idealen Ansprechpartner für die persönlichen Probleme der Menschen

Auch wenn eher die Ausnahme ist, dass - auch unter anderem in Hamburg geschehen, im Frühjahr 2015 - von Wachleuten selbst (!) ausgeübte sexuelle Übergriffe angezeigt werden, so etwa von einer schwangeren (!) Dame in einer der größten Unterkünfte (in der Schnackenburgallee) dort.

Ab 18 Uhr sind aber meistens nur "Wachleute" in den Einrichtungen und auch am Tag ist, wie im genannten NDR- Bericht belegt wurde, eher die Regel als die Ausnahme:

Auf 600 Flüchtlinge 2 Sozialarbeiter- laut Personalschlüssel müssten es 9 sein

Und selbst 9 wäre, worauf auch immer wieder Sozialverbände hinweisen, eigentlich viel zu wenig - für in der Regel bis zu 50 % (schwer) traumatisierte Menschen in den Einrichtungen, wo es auch an therapeutischen Angeboten mangelt - gerade auch speziell für Frauen und Kinder.

Wenn man aber beispielsweise die folgende Aussage von H. Stüven, Vorstand des Hamburger Grundeigentümerverband, bereits am 13. 10. 2015 im Hamburger Abendblatt las, fragt man sich schon sehr, warum Flüchtlinge nicht besser untergebracht werden - auch in Wohnungen mit kaum noch Bedarf an Sozialarbeitern und eben weitaus weniger Gefahr für Eskalationen diverser Art.

Herr Stüven kritisierte dort:

Nach unserer Einschätzung stehen in der Hansestadt rund 3000 Immobilien für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung. Leider hat die Verwaltung derartige Initiativen der Eigentümer nicht ernst genommen und viele Angebote stattdessen mit Formschreiben abgelehnt. Man hat sich die Immobilien nicht einmal genauer angeschaut. Damit wird Willkommenskultur kaputt gemacht.

Unter anderem die Hamburger Morgenpost hatte zudem bereits am 2. 10. 2015 berichtet über

Mitarbeiter von „Fördern und Wohnen": Brandbrief an die Stadt

Weiter heißt es dazu dort:

Die Notunterkünfte platzen aus allen Nähten, täglich kommen neue Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof an. Eine Situation, die nicht nur die Flüchtlinge an die Grenze der Leidensfähigkeit treibt. Die Mitarbeiter von „Fördern und Wohnen" fühlen sich allein gelassen - und kritisieren die Stadt in einem offenen Brief scharf.

Um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern, nehmen die Verfasser des offenen Briefes demnach die Stadt in die Pflicht. Sie fordern Perspektiven für Flüchtlinge, freiwillige Helfer und Bürger. Dazu gehöre der „sofortige Bau von 10.000 zusätzlichen öffentlich geförderten Wohnungen", die in spätestens zwei Jahren bezugsfertig sein müssten.

Damit die akute Wohnungsnot gelindert werden könne, müssten den Flüchtlingen laut den Mitarbeitern von „Fördern und Wohnen" leerstehende Wohnungen des städtischen Wohnungsbauunternehmens SAGA zur Verfügung gestellt werden.

Dass es zu der präkeren Flüchtlings-Situation kommen konnte, liegt, so die Flüchtlingshelfer in dem Brief, an weitreichenden Fehlern aus der Vergangenheit:

„In Hamburg fehlt ein Gesamtkonzept für die öffentliche Unterbringung von der Aufnahme bis zur Integration in Mietwohnraum" beklagen die Unterzeichner des Briefes. Auch der „radikale Abbau unserer Kapazitäten", so die Mitarbeiter, hätte zur fatalen aktuellen Lage geführt.

Dies gilt sicher nicht nur in Hamburg, sondern auch anderen deutschen Städten und Bundesländern.

Auch deshalb fordert eine Petition unter anderem an die Hamburger Bürgerschaft (und andere deutschen Landtage) endlich mehr spezielle Unterkünfte für Frauen und Kinder (wie es sie zum Beispiel nun in Hessen und Berlin gibt) sowie

"Gefährdungsbeurteilungen" für Flüchtlingseinrichtungen

- deren Betreiber ja oft auch die Länder, Gemeinden, Städte selbst sind. Wo Gefährdungen für Mitarbeiter (und somit indirekt Flüchtlinge) dort genauer erfasst und somit vermieden werden können. Diese Beurteilungen sind auch gesetzlich erforderlich und könnten auch Städte und Kommunen, die zu wenig Geld vom Bund für die Einrichtungen beklagen, in deren Forderungen unterstützen. Auch für mehr sozialen Wohnungsbau.

Dass endlich frühere Arbeitserlaubnis unzähligen Flüchtlingen ermöglichen würde, dass sie auch einfach selbst Wohnungen mieten könnten, steht zudem ja schon sehr lange auf der (politischen) Tagesordnung.

Wobei ja auch einfach vor allem endlich mehr getan werden könnte, sollte gegen eine Politik der EU und Bundesregierung (inklusive geduldete Waffenlieferungen selbst in sehr heikle Gebiete), die bereits am 25. 8. 15 Georg Restle, Leiter von Monitor (WDR) in seinem Kommentar in den Tagesthemen zurecht kritisierte mit:

Aber wir sollten uns nicht täuschen: Klar, die rechtsextremen Gewalttäter und ihre brav-biederen Unterstützer sind eine Schande für dieses Land. Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik, die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft

Denn eigentlich bedarf es ja auf Dauer grundsätzlich nicht immer noch viel mehr Sozialarbeiter - zumal die auch ohne Flüchtlinge schon genug Betätigungsfelder in Deutschland hätten- sondern einer anderen Politik, damit auch nicht mehr so viele Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssten. Und dann auch noch auf der Flucht oder in Deutschland Schändliches erfahren müssen, zu großen Teil ohne angemessenen Schutz dabei - weder in Hamburg, Sachsen oder anderswo.

Helfer werden dabei - auch das ist skandalös- sogar noch eingeschüchtert:

So war etwa im Hamburger Abendblatt (vom 14.2.16) von „Refugees Welcome Karoviertel" zu lesen, dass diese - ähnlich wie auch eine Petition an alle deutschen Landtage - die Einrichtung einer behördenunabhängigen Beschwerdestelle fordern, an die sich Geflüchtete, Mitarbeiter und Helfer wenden können, wenn sie Missstände -inklusive Missbrauch - in der Flüchtlingsbetreuung beobachten.

Denn selbst Ehrenamtliche trauten sich oft nicht diese öffentlich zu machen, weil sie dann ein Hausverbot in der Einrichtung fürchten müssten. Angestellte der Stadt oder der Einrichtungen müssten mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und "Druck von oben" rechnen. Das hätten persönliche Gespräche mit Helfern und mit Medienvertretern ergeben.

Eine solche "Ombudsstelle" für Helfer, Flüchtlinge und Anwohner gibt es schon, aber bisher auch nur, in Baden- Württemberg. Warum aber nur dort?

Und selbst bei den Menschen, die eigentlich Flüchtlinge und Deutsche schützen sollten ist Vieles alles andere als perfekt. So berichtete etwa der Spiegel bereits vor einigen Jahren in einem Artikel (" POLIZEI Ganz ungeniert") , dass zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen eine Studie im Auftrag des Düsseldorfer Innenministeriums ergab: jede vierte Polizistin fühlt sich sexuell belästigt. In jedem dritten Fall war der Täter ein Vorgesetzter ...

Eine "kaputtgesparte" Polizei führt bekanntlich zudem dazu, dass viel zu wenig Straftaten verfolgt werden können, zum Beispiel auch in Hamburg oder Köln, aber eben nicht nur zum Jahreswechsel.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: