BLOG
02/02/2016 10:20 CET | Aktualisiert 02/02/2017 06:12 CET

Wir "Linken" und Flüchtlingshelfer müssen endlich selbstkritischer, weniger demagogisch werden!

TOBIAS SCHWARZ via Getty Images

In jeder Krise liegt auch eine Chance sagt man ja. Das stimmt (zumindest meistens) sicherlich.

Auch wenn man sich wünschen würde, dass man schon öfters ohne Schaden klug würde-

zumindest aus Schaden sollte man das werden (was aber auch nicht jeder kann oder will).

Insofern kann man den Verantwortlichen von "Moabit hilft" sicher vorwerfen, dass sie zu sorglos mitgeholfen haben, dass sich eine brisante Lüge (vom Toten im Umfeld des Berliner "LaGeSo" ) verbreiten konnte. Man kann aber auch sagen, dass es von Größe zeigt das dann umgehend einzusehen und sehr zu bedauern (wie ich übrigens auch, der da auch vorschnell urteilte).

Eine Größe, die man bei politisch Verantwortlichen, die nun Konsequenzen aus solch einer Lüge fordern, zumindest nicht erkennt. Denn wo bleibt denn - endlich - deren Selbstkritik dazu, dass am Lageso "dank" der Politik solche Zustände herrschen, die doch jederzeit zu Toten führen könnten? Und dass dort Ehrenamtliche meistens so alleine gelassen werden, dass die natürlich oft in vielerlei Hinsicht überfordert sind?

Diesbezüglich kritisierte der Berliner Ärztekammer-Chef schon seit Monaten wiederholt den Berliner Senat scharf wegen

" Katastrophale Gesundheitsversorgung"

am nun ja schon berühmt berüchtigten " LaGeSo" - u. a. im RBB am 18. 10. 2015, wo es u.a. heißt

"Bis zu 200 Flüchtlinge müssen jeden Tag am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales medizinisch versorgt werden. Diesen Job übernehmen ausschließlich ehrenamtliche Ärzte, Hebammen und Krankenschwestern - denn die Landesregierung hat immer noch kein Geld für hauptamtliche Mediziner bereit gestellt. Ärztekammer-Chef Jonitz spricht von "asozialen Zuständen"

Ein Artikel im Berliner Tagesspiegel vom 28.1. 2016 zog so nun auch das eindrückliche, passende Fazit dazu:

"So verworren der Fall ist, eine Erkenntnis gibt es. Niemand - nicht die Politik, nicht die Helfer, nicht die Presse - hat den Tod eines Menschen am Berliner Lageso auch nur einen Moment lang für unwahrscheinlich gehalten".

Insofern wäre wohl auch zu einfach, auch wenig bringend, dass - eventuell lang angestauter - Frust auf die "Unantastbaren" Flüchtlingshelfer und "Gutmenschen" (bzw. die, die sich so sehen) an "Moabit hilft" ausgelassen wird - auch wenn man dort Vieles kritisch sehen muss.

Aber, apropos "asozial":

Ist diese Geschichte nicht doch ein guter Anlass, um endlich als Flüchtlingshelfer generell von einem "hohen Ross" herunter zu kommen? Zumindest ist das dringend nötig!

Egal, ob man sich als etwas "Besseres" sieht oder nur "Schubladen" bedient:

Denn man sieht (oder hört) halt doch oft nur, was man sehen will. Was in sein Weltbild passt. Aber das muss man ja auch hinterfragen (lassen) können.

Haben Sie aber schon einmal in Medien einen Flüchtlingshelfer gesehen, der so "asozial" aussehend dargestellt wird wie die meisten Pegida- Demonstranten dargestellt werden? Zeigt man von einer Pegida-Demo auch Bilder von nett aussehenden Menschen, vielleicht auch mit ihren Kindern mit "Kulleraugen" - so wie die meisten Flüchtlinge dargestellt werden?

Warum kritisieren das aber nicht auch mehr "Linke" und Flüchtlingshelfer?

Trifft das, was viele "Flüchtlingshelfer" oder "Linke" vielen "Rechten" vorwerfen, dass man mit denen gar nicht mehr richtig reden könne, nicht auf uns "Linke" (zu denen ich mich auch zähle) und Flüchtlingshelfer (der ich auch bin) zu?

Ich - und da bin ich sicher nicht nur die große Ausnahme - habe beispielsweise noch nie mit einem AfD- Anhänger persönlich diskutiert.

Aber schon oft in Beiträgen "denen" empfohlen, dass die doch einmal in oder vor einer Flüchtlingsunterkunft mit Flüchtlingen sprechen sollen, "unverfälscht" (auch eventuell von Medien).

Aber ich - kenne AfD- Anhänger ja auch nur aus Medien. Warum gehe ich nicht einmal zu einer Demo, spreche mit Teilnehmern?

Ich denke, dass man teilweise wieder etwas von vorne anfangen sollte und möglichst unbefangen wieder SACHLICH argumentieren. Unabhängig von der Person schauen, ob ein Argument stimmt oder nicht!

Und das wirklich nicht zuletzt - vielleicht sogar vor allem -als "Linker", zumal sich oder seine Meinung als etwas Besseres zu sehen ja von vornherein wenig sozial, demokratisch, klug ist.

Auch wenn man stolz darauf sein kann, wenn man anderen Menschen, z. B. Flüchtlingen, hilft:

Trotzdem darf man deshalb natürlich nicht zu selbstverliebt, selbstherrlich werden - und muss selbstkritisch, offen für Kritiken und andere Argumente bleiben.

Außerdem würden "Linke" und "Andere" so auch wieder mehr gemeinsame Interessen sehen können.

Zum Beispiel etwas tun gegen das, was bereits am 25.08.2015 Georg Restle, der Leiter von Monitor (WDR) in seinem Kommentar in den Tagesthemen sagte:

Aber wir sollten uns nicht täuschen: Klar, die rechtsextremen Gewalttäter und ihre brav-biederen Unterstützer sind eine Schande für dieses Land. Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik, die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft.

Beispielsweise durch "abgesegnete" Waffenlieferungen in mehr als heikle Gebiete.

Allerdings stützen ja auch viele Flüchtlingshelfer indirekt diese Politik - ohne Ehrenamtliche wäre ja nicht nur am Lageso schon vieles eskaliert - wäre offensichtlicher geworden, dass es so nicht weitergeht.

Dann würden aber wohl auch Proteste und Widerstand gegen diese Politik, Waffenlieferungen und andere Fluchtursachen zunehmen - was letztlich für zig Millionen Menschen u. a. in Syrien mehr bringen würde?

Und im Sinn "echter" Linken sollte eigentlich ja auch z. B. nicht sein, dass die Herkunftsländer der Flüchtlinge auch noch ihrer Jugend und Fachkräfte, also auch Zukunft beraubt werden - wenn deutsche Unternehmen nun auch noch von billigen Fachkräften profitieren aus Syrien usw. (die dort dann aber fehlen). Um noch mehr Profite machen zu können, auch indem an der Ausbildung deutscher Jugendlichen gespart wird.

Mit einer anderen Politik könnten ja diese ausgebildet werden und viel mehr Menschen in den Herkunftsländern bleiben, also auch "Flüchtlingsströmen" (konstruktiv) entgegnet werden.

Zumal man sich in letzter Zeit - bzw. schon seit Jahrzehnten - wirklich viel zu wenig um bedürftige Deutsche gekümmert hat. Und dafür sind ja auch nicht AfD und Pegida verantwortlich.

Und selbst wenn diese Fachkräfte Deutschland gut tun - ist das nicht sehr nationalistisch (egoistisch) gedachtet, wenn das zum Raub "intellektuellen Kapitals" für Syrien und andere Länder führt?

Denken da nicht viele (vermeintliche) "Linke", wenn auch unabsichtlich, sehr egoistisch und nationalistisch?

Vielleicht war "Köln" immerhin eine Chance, dass man nun differenzierter über Flüchtlinge reden kann.

Hoffentlich war die Lüge zum Lageso nun immerhin ein Signal, dass auch viele Flüchtlingshelfer auch bei sich selbst mehr hinterfragen!

Zu solchen Fragen, Diskussionen kam man aber ja gar nicht mehr, wenn man sogar jeden, der sagt

"ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber ..." in eine (ultra-) rechte Ecke drängt.

Und genau das taten sehr viele "Linke" und Flüchtlingshelfer.

"Ich kann das nicht mehr hören mit ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber ..." wurde ja aber fast schon zum geflügelten Wort vieler (vermeintlich) Linker und Flüchtlingshelfer.

Das führte aber natürlich zurecht zu Wut, das war eine Provokation, nicht in Ordnung.

Und DAS war auch der Ursprung vieler unnötiger Eskalationen!

Viele, die anderen - wenn vielleicht auch berechtigterweise- Demagogie vorwarfen erfüllen so doch auch (zumindest teilweise) das, was laut Wikipedia als Demagogie heute unter anderem so definiert wird:

„Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt."

Es ist sicherlich ein Fortschritt, wenn zunehmend mehr Flüchtlingshelfer und "Linke" sich nun auch mehr hinterfragen und zugeben, dass sie auch zu unnötigen Zuspitzungen beigetragen haben.

Dabei kommt dann aber noch oft ein "die Anderen haben aber auch" ....

Das mag stimmen - nur führt das ja auch nur bedingt zur Deeskalation.

Besser wäre wohl, dass man das mit den Anderen (außer natürlich bei wirklichen Faschisten und dergleichen) wieder mehr verbindet mit "Freiheit ist die Andersdenkender"

Und sich, gerade auch als Flüchtlingshelfer und "Linker", erst einmal an die eigene Nase fasst.

Bei sich zu bleiben (selbstkritisch) ohne im nächsten Satz gleich mit dem Finger auf den anderen zu zeigen würde auch einladen, dass andere sich nicht (zurecht) angegriffen fühlen müssen und auch mehr auf das Gesagte eingehen können und wollen usw.

In diesem Sinne bitte ich um Entschuldigung für jedes Mal - auch wenn das nicht beabsichtigt war - wenn ich auch o. g. Vorsätze zu wenig beachtet habe. Also auch (vielleicht ja auch nur vermeintlich) Andersdenkenden gegenüber zu wenig offen war, zu wenig zugehört habe- und so auch mit verhindert habe, dass man gemeinsam offen über optimale Lösungen reden kann. Die auch helfen würden, dass es nicht lachende Dritte, etwa o. g. Politiker und Unternehmer, gibt - die davon profitieren, dass man ja in der Tat kaum noch über grundsätzliche politische Alternativen redet - auch zu nach wie vor bestehenden ChancenUNgleichheiten, großer Armut, Ungerechtigkeiten usw. in Deutschland.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplat

tform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.