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12/01/2016 07:56 CET | Aktualisiert 12/01/2017 06:12 CET

Warum wir Flüchtlingshelfer Verantwortung tragen für Schandtaten in Deutschland und der Welt

Anton Chalakov via Getty Images

Ich habe schon sehr oft Schluss mit der Hetze gegen Flüchtlinge, Muslime usw. gefordert und gegen (ultra-) rechte Argumente angeschrieben - oder auch angeführt, dass es schon vor der "Flüchtlingswelle" viel zu viel Sexismus in Deutschland gab, natürlich auch von Deutschen.

( vgl. bei Interesse bitte meine anderen Blog-Beiträge, auch zu Details dazu).

Und ja, auch ich habe vielen Flüchtlingen geholfen. Menschen in Not sollte man helfen, das macht auch ein gutes Gefühl. Das ist auch in der Regel kein "Helfersyndrom", sondern aller Ehren wert.

Aber berauscht man sich zu sehr an dem guten Gefühl, dass man Vieles nicht mehr klar genug sieht?

Gut gedacht ist bekanntlich nicht immer gut gemacht

Hilft man mit (nur) individueller Hilfe wirklich, oder bewirkt auch das Gegenteil, inklusive Schandtaten wie in "Köln", Grabenkämpfe zwischen (vermeintlich) "Rechten" und (vermeintlich) "Linken", zwischen Deutschen und "Ausländern", vielleicht auch noch zwischen Frauen und Männern usw. ?

Während die eigentlich verantwortlichen Politiker bzw. Unternehmer, Waffenlieferanten usw. als "lachende Dritte" ungeschoren davon kommen und weiter von Armut, Not, Kriegen profitieren- in Deutschland und der Welt?

Sind wir so - man ist ja auch dafür verantwortlich, was man nicht tut oder duldet- nicht auch mitverantwortlich dafür, dass immer weiter ungebremst Fluchtursachen, Not, Elend, Eskalationen geschaffen werden können?

Was viele Flüchtlingshelfer den "Flüchtlingsgegnern" vorwarfen - unter anderem blind gegenüber Gegenargumenten zu sein - müssen sich einige Flüchtlingshelfer aber vielleicht doch auch selbst gefallen lassen, inkl. einer etwas selbstherrlichen und selbstgefälligen Art.

Ohne uns würde das System zusammenbrechen.

Jedem Flüchtlingshelfer ist doch wohl inzwischen auch klar, dass ohne uns das System zusammenbrechen würde.

Deshalb machen wir weiter. Man will ja keinen Flüchtling in Deutschland leiden sehn. Das ist ja auch gut, dagegen spricht nichts. Nur: Damit erhalten wir aber auch ein System aufrecht, das der Mehrzahl der Menschen in Syrien, Afghanistan, im Kosovo aber auch Millionen Deutschen schadet bzw. sie in grausamer Not oder sterben lässt!

Denn klar, auch ich habe mich dafür eingesetzt, dass Flüchtlinge früher arbeiten können. So können sie integriert werden, auch Steuern zahlen, selbst Wohnungen mieten usw. Das kann auch gut für Deutschland sein und demographischen Wandel ausgleichen.

Nur, liebe Leute, nicht vergessen: Wir leben ja in einer "neoliberalen" Weltordnung, dem Kapitalismus.

Der - Zitat des neuen Papstes - bekanntlich tötet, also über Leichen geht im Interesse des Profits einiger Menschen. Da läuft Vieles ja nicht von alleine so schön und sozial, wie es möglich, wünschenswert wäre.

Viele Kritiken an der "Flüchtlingspolitik" kommen doch nicht nur von "Rechten", sondern auch von Linken - denn, dass deutsche Unternehmer von Waffenlieferungen, überteuerten Containern usw. profitieren und auch noch billige Fachkräfte aus Syrien usw. bekommen ist schön für Unternehmer.

Aber dafür wird ja an der Ausbildung vieler Deutschen gespart und Syrien, Afghanistan, usw. auch noch ihre Fachkräfte, Jugend, Zukunft (auch zum Wiederaufbau ihrer Länder) geklaut - das schadet Millionen Menschen hier und dort und ist eigentlich überhaupt nicht "links", sozial, human!

Alternativ könnten beispielsweise eine andere Politik, Einstellung von Waffenexporten, Wirtschaftsaufbauhilfen, wie früher etwa der "Marshallplan", für Deutschland- nun aus Deutschland und der EU- für die Herkunftsländer der Flüchtlinge dazu führen, dass nur noch wenige Menschen flüchten müssen.

Sie könnten, wie es ihnen auch viel lieber wäre, in ihrer Heimat bleiben. Das würde auch Extremisten dort und hier das Wasser abgraben. Ebenso wie der "Marshallplan" könnten Aufbauhilfen auch an Demokratisierungsprozesse (inkl. Gleichberechtigung von Männern und Frauen) geknüpft werden.

Ebenso wie früher die USA (vom Marshallplan) würden davon, auch wirtschaftlich, nun Deutschland und die EU profitieren können. Das wären grundsätzliche, gute Lösungen, die eigentlich jeder, der es wirklich gut mit Flüchtlingen gut meint, unterstützen könnte - und sollte. Ebenso wie jeder der sagt, dass er nichts gegen Flüchtlinge hat - aber gegen die Flüchtlingspolitik. Warum tun wir dann nicht endlich mehr DAGEGEN?

Oder auch DAFÜR - eine andere Politik in (und aus) Deutschland. Auch etwa für endlich mehr sozialen Wohnungsbau für Deutsche und Flüchtlinge, denn "Ghettoisierung" schadet ja der Integration, fördert Fremdenfeindlichkeit bzw. Nährboden für Extremisten.

In einer wiederbelebten Friedensbewegung, demokratischen Bewegungen, gegen Waffenexporte, mit Massen- Protesten von Mitgliedern der Kirchen, Gewerkschaften und nicht zuletzt auch der Linken, Grünen, FDP sowie CDU und SPD? Denn die bisherige Politik löst Probleme nicht, sondern lässt immer mehr eskalieren - und nur individuelle Hilfe für Flüchtlinge unterstützt das eben indirekt, hilft auch mit, dass ungehindert immer neu Fluchtursachen geschaffen werden können.

Aber es ist doch weder sozial- demokratisch noch christlich- demokratisch, was z. B. völlig zurecht Georg Restle, der Leiter von "Monitor" (WDR) in den Tagesthemen bereits am 25. 8. 15 so kommentierte:

Na endlich; scheint fast so, als hätten Regierung und Kanzlerin begriffen, dass man den fremdenfeindlichen Exzessen in Deutschland nicht weiter schweigend zuschauen kann. „Abstoßend", „beschämend", eine „Schande für Deutschland". Klingt entschlossen..

Ja. Genauso wie nun die Aussage, dass man so etwas wie in Köln nicht dulden wird. Aber hat die Bundesregierung zuvor wirklich etwas gegen Sexismus und Benachteiligungen von Frauen getan? Oder gegen unzählige Anschläge auf Unterkünfte von Asylbewerber? Mitnichten.

Das ist doch auch eine Schande, ebenso wie natürlich die Schandtaten der Täter in Köln, Hamburg, Stuttgart usw.

Herr Restle wies in dem Kommentar aber dann auch darauf hin, dass es ja ebenso noch grundsätzliche Probleme, Ursachen gibt:

Aber wir sollten uns nicht täuschen: Klar, die rechtsextremen Gewalttäter und ihre brav-biederen Unterstützer sind eine Schande für dieses Land.

Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft.

Zum Beispiel im Kosovo, wo auch diese Bundesregierung ihr Versprechen gebrochen hat, dem Land nach dem Krieg wieder auf die Beine zu helfen und stattdessen ein hochkorruptes Regime unterstützt, das die Menschen in die Flucht treibt.

Zum Beispiel in Syrien, wo diese Bundesregierung die Politik eines türkischen Präsidenten unterstützt, der islamistische Mörderbanden mit Waffen versorgt. Mörderbanden, vor denen hunderttausende nach Europa fliehen.

Oder Afrika, wo der deutsche Außenminister einen Pakt mit den schlimmsten Despoten des Kontinents schließen will. Einen Pakt, der verhindern soll, dass politisch Verfolgte ihr Land verlassen können und sie stattdessen ihren Verfolgern ausliefert.

Diese Politik ist eine Schande für dieses Land. Daran müsste etwas geändert werden. Mit kernigen Parolen allein ist jedenfalls niemandem geholfen

Ja, und auch die Täter von Köln oder sonst wo, egal welcher Herkunft - und etwa jede 3. Frau hat ja in Deutschland schon Sexismus oder dergleichen erfahren, natürlich auch von Deutschen, sind eine Schande für Deutschland. Dies wird aber eben auch durch eine Politik gefördert, die nicht mit Abschiebungen von Tätern (allein) gelöst wird - zumal man die Deutschen unter den Tätern kaum abschieben kann.

Da helfen auch keine kernigen Parolen, sogar noch von den Hauptverantwortlichen schlechter Politik - inklusive auch Einsetzen schlechter Verantwortlichen bei der Polizei bzw. deren "Kaputtsparen" usw. Und vor allem eben für die von Herrn Restle beschriebene Politik Verantwortliche.

Und vom Protest und Widerstand dagegen sollten wir uns wirklich nicht abhalten lassen - von nur kernigen Parolen und angesichts o. g. Politik purer Heuchelei!

Natürlich sind daran nicht die, wir Flüchtlingshelfer Schuld. Aber wir haben auch eine große Verantwortung, Macht- alleine dadurch das "System" nicht weiter durch unsere Hilfe aufrecht zu erhalten! Wenn nur ein Bruchteil der Flüchtlingshelfer, die nun so viel helfen, sich mehr gegen o. g. Politik und Fluchtursachen engagieren würden gäbe es sicher zunehmend weniger Flüchtlinge und auch Grund zur (individuellen) Hilfe für diese bzw. für Eskalationen diverser Art.

Auch einer der klügsten Menschen der Geschichte, Albert Einstein, musste ja erkennen wie sein gut gemeinter Vorschlag mit der Atombombe zu drohen (gegen Nazi- Deutschland) dann in Schandtaten von Hiroshima und Nagasaki endete, dafür pervetiert wurde.

Ebenso werden aber unzählige gut gedachte Hilfen für Flüchtlinge schamlos für eine schändliche Politik ausgenutzt - und weise Menschen können daraus Schlüsse ziehen und auch wie Einstein zum Kämpfer für Frieden und soziale Gerechtigkeit werden, anstatt edlen - bzw. heuchlerischen - Worten der Regierenden zu vertrauen. Und wie viel (Massen-) Proteste bewirken können wissen wir ja gerade auch in Deutschland, spätestens seit 1989.

Diese Macht - die aber eben auch wiederum Verantwortung dafür, wie man mit dieser umgeht, mit sich bringt - darf man sicherlich nicht unterschätzen.

Ja, diese Proteste gegen diese Politik mögen nicht immer so schnell gute Gefühle vermitteln wie z. B. leuchtende Augen eines dankbaren Flüchtlings(kindes), dem man unmittelbar hilft. Aber auf Dauer hilft es, dass noch viel mehr Kindern und Erwachsenen die Zerstörung ihrer Heimat, Not, Elend, Tod durch Hunger, Krieg usw, erspart bleibt anstatt auch noch ihr letztes Hab und Gut in der Heimat zurück zu lassen und hier dankbar sein zu müssen, dass ihnen Kleider und Teddys gespendet werden.

Diese Menschen haben mehr verdient - eine andere Politik und Wirtschaftsordnung, im Interesse unzähliger Flüchtlinge und auch Deutschen!

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