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28/02/2016 13:14 CET | Aktualisiert 28/02/2017 06:12 CET

Wehret den Anfängen - Schluss mit fatalem Generalverdacht und Grabenkämpfen!

dpa

Es macht wirklich Angst, wenn man derzeit Nachrichten sieht oder einige Schlagzeilen liest:

So etwa heute alleine schon in der Huffington Post, wenn vor einem "Vierten Reich" gewarnt wird oder

"Wegen Erfolg der AfD: Oppermann fürchtet "Weimarer" Verhältnisse" und dergleichen.

Diese "Weimarer Verhältnisse", die dann im sogenannten "Dritten Reich" endeten, waren aber unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass letztlich fast nur noch gehetzt wurde und sich gegenseitig Schuld zugeschoben wurde. Beispielsweise Sozialdemokraten oder Christen von Kommunisten, dass diese die Nazis duldeten. Am Ende wurde dadurch ein durchaus möglicher gemeinsamer Widerstand gegen Hitler und Konsorten verhindert- und stattdessen fanden sich Christen wie Kommunisten, Sozialdemokraten und so weiter in KZs wieder. Und erkannten leider zu spät, dass Kritik an Führern der SPD, KPD oder der Kirchen durchaus berechtigt war- aber diese ja sicher nicht immer die Meinung der einfachen Mitglieder repräsentierte, deren Mehrzahl sicherlich

an einer "Einheitsfront" gegen die Faschisten interessiert gewesen wäre.

Und da gibt es leider heute durchaus zunehmend Ähnlichkeiten zu damals, wenn wir uns heute - und das nicht nur von AfD, Pegida und dergleichen! - aufhetzen lassen in zumindest verbale Grabenkriege zwischen "Gutmenschen" und "Pack" oder auch oft fast schon Generalverdacht gegen "die" Flüchtlinge oder Nordafrikaner, aber auch "AfDler" oder "Sachsen", Ossis und viele mehr.

Es wird oft überhaupt nicht mehr differenziert -

- etwa zwischen Menschen, die wirklich nur aus Sorge oder Protest einige Punkte bei der AfD oder Pegida gut finden- und Menschen, die Brandanschläge und Hetze gegen Flüchtlinge aktiv betreiben, befürworten.

Oder zwischen den "Ossis" und "Sachsen", die auch Flüchtlingen helfen - und der absoluten Minderheit dieser Bürger, die Verbrechen begehen (was aber natürlich auch Menschen anderswo tun). Flüchtlinge, Nordafrikaner, Muslime werden spätestens seit "Köln" eh oft kaum noch differenziert betrachtet, zumindest praktisch nicht. Theoretisch wird vielleicht noch anerkannt, dass unzählige Muslime ja die größten Opfer etwa des "IS" sind - aber wird praktisch wirklich differenziert? Kaum!

Je mehr Stimmungen hochkochen, umso kühleren Kopf sollte man ja aber walten lassen, anstatt noch mehr Öl ins Feuer (etwa durch Stigmatisierungen, Beleidigungen, überhaupt nicht mehr auf andere Menschen hören oder zugehen, sachlich Argumente auszutauschen).

Und das nicht zu tun verhindert doch die nötige Einheit friedliebender Menschen, egal welcher Herkunft, gegen die (noch) brutale Minderheit

Wenn die Mehrheit sich aber weiterhin gegenseitig bekriegt bzw. schweigt zu den Verbrechen der Minderheit kann das wirklich fatale Folgen haben!

Und natürlich muss mehr Protest dagegen kommen, was nun etwa in Bautzen und Clausnitz passierte. Aber ebenso muss auch beispielsweise von Flüchtlingshelfern mehr Protest dagegen kommen, dass Menschen in (nicht zuletzt Ost-) Deutschland immer ärmer werden- und einige Menschen auf deren Kosten, begünstigt durch Politik im Interesse der Reichen bzw. Banken und Konzerne, immer reicher .... Gegen eine schlechte Politik der Regierung nach Innen und Außen, das darf doch nicht Pegida, AfD und dergleichen überlassen werden!

Völlig zurecht hat beispielsweise Georg Restle, der Leiter von Monitor (ARD) bereits in seinem Tagesthemen- Kommentar vom 25. 8. 2015 darauf hingewiesen:

Klar, die rechtsextremen Gewalttäter und ihre brav-biederen Unterstützer sind eine Schande für dieses Land. Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik, die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft
.

Und sich gegen diese Politik mehr einzusetzen - was ja auch Millionen Menschen die Flucht ersparen würde- sollte doch im Interesse aller Flüchtlingshelfer sein, aber auch der Anhänger von AfD, Pegida und Co., die sagen, dass ihre Kritik der Politik in Deutschland gilt (dann gehören Proteste aber ja auch dorthin, zu den Regierungen in Berlin, Dresden, München, Brüssel und so weiter).

Warum tun diese, wir dann nicht endlich mehr gemeinsam (!) dagegen, auch mit Gewerkschaften, Friedensbewegungen, Kirchen -

alle den Frieden (in Deutschland und der Welt) liebenden Christen, Muslime, Gewerkschaftler, Sozialdemokraten müssen die Führer ihrer Kirchen bzw. Parteien auch viel mehr dazu bringen, dass die anders handeln, mit anderer Poltik - die wirklich die Bezeichnung "christlich, sozial, demokratisch" verdient hat

Denn wozu es führt, dass eine bestimmte Gruppe oder Religion zum "Sündenbock" für eine schlechte Politik bzw. Weltanschauung führen kann sah man ja wirklich 1933- 1945. Wir dürfen uns nicht spalten lassen, nicht zu Unrecht und schändlichen Verbrechen und Politik schweigen - egal ob gegenüber "Ausländern" oder Deutschen.

Letztlich geht das ja jeden Menschen, Demokraten an. Und das berühmte Gedicht des Theologen, Widerstandskämpfer und Pazifisten Martin Niemöller sollte uns auch heute mahnen, als er sagte:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Und auch heute geht es den Brandstiftern in Sachsen oder auch - geistig - etwa in Berlin oder München sicher nicht um Interessen des "Deutschen Volkes", sondern viel mehr um ihre eigenen bzw. die von Gruppen mit großer Lobby, zum Beispiel auch der Waffenindustrie. Dass für die Mehrheit der Menschen in Deutschland seit Jahrzehnten keine soziale und gerechte Politik gemacht wird liegt aber doch in der Verantwortung von Politikern, die nun - wo auch immer - Sündenböcke für ihre Politik suchen. Davon sollten wir uns nicht täuschen, ablenken, spalten, aufhetzen lassen!

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