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06/03/2016 11:59 CET | Aktualisiert 02/03/2017 06:12 CET

Über ein Drittel Burnout gefährdete, depressive Ärzte und Mitarbeiter in deutschen Kliniken

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ZDFzeit" berichtet heute (am 1. 3. 2016) von

Kliniken zwischen wirtschaftlichem Druck und Patientenwohl:

Deutsche Krankenhäuser, Kliniken sind demzufolge in der Kritik, jeder 2. Deutsche hat berechtigte Angst davor, unnötige Operationen, Behandlungsfehler. Kliniken sind heute Wirtschaftsunternehmen. Um Kosten zu sparen, wird sehr stark Personal abgebaut, was zu Behandlungsfehlern und mangelnder Hygiene führen kann - mit zum Teil lebensbedrohlichen Folgen und „Zwei-Klassen-Medizin" (oder Behandlung). .

Aus Profitgründen wird zudem zu oft operiert, zum Leidwesen der Patienten und Mitarbeiter.

Viele Kliniken werden kaputt gespart oder gleich geschlossen, andere sind dafür überlaufen, überfordert. Laut unter anderem im ZDF zitierten Sachverständigen gilt

Mindestens ein Drittel des Personals zumindest Burnout-gefährdet

Neben vielen anderen Faktoren kann alleine schon der Stress, Trubel, Lärm und fast nicht mehr mögliche menschliche Umgang in Krankenhäusern (noch mehr) krank machen - Patienten und Personal.

Wenn man vor einigen Wochen die Reportage des "Team Wallraff" (RTL) zu "Katastrophale Zustände in Deutschlands Krankenhäusern" sah traute man sich schon kaum noch, in ein deutsches Krankenhaus zu gehen. Da man dort zunehmend öfters eher kränker als gesund herauskommen könnte.

Unter anderem eine RTL-Reporterin recherchiert dazu monatelang in Kliniken, mit dem Fazit:

Profit statt Gesundheit: Krankenhäuser am Limit

Nicht "nur" an der immens wichtigen Hygiene werde gespart. Es gibt demnach viel zu viel Arbeit für viel zu wenig Personal. Das sei Alltag an deutschen Kliniken,

das Personal ist körperlich und psychisch oft am Limit. Darunter leide nicht nur die medizinische und pflegerische Versorgung der Patienten. Nicht selten entlädt sich der aufgestaute Frust am Patienten: Der Ton sei in Extremsituationen - und die gibt es täglich - rau, gegenüber hilflosen Patienten wird sich im Ton vergriffen.

Der Grund liege auf der Hand:

In Deutschland ist eine Pflegekraft im Schnitt für zehn Patienten zuständig. Das ist viel zu viel.

So kommen in Norwegen vier Kranke auf einen Pfleger, in den Niederlanden sind es fünf. Auf vielen deutschen Stationen kommt der Dienstplan offenbar nur zustande, weil von vornherein mit Überstunden geplant wird.

Wie das vom Personal geleistet werden kann? "Indem über Kraftreserven hinausgearbeitet wird. Wir sind am Ende"

sagt eine Krankenschwester in der Reportage im Gespräch zu Günter Wallraff.

Besonders fatal wirkt sich der Personalmangel in den Notaufnahmen der großen Klinkzentren aus. Die Zimmer sind oft hoffnunglos überfüllt, Patienten warten - teils unter starken Schmerzen - stundenlang auf den Gängen.

Durch Fehler kommt es pro Jahr in Deutschland sogar zu geschätzt 19.000 Todesopfern in Kliniken, als Folge von viel zu hohem Druck für Ärzte und Mitarbeiter durch das "Gewinnstreben" :

"Gerade bei börsennotierten Betreibern, haben wir es mit wahren Effizienzmaschinen zu tun, die nicht uns Patienten verpflichtet sind, sondern den Aktionären",

sagte der Volkswirtschaftswissenschaftler Prof. Stefan Sell Herrn Wallraff. Zeit für ein paar tröstende Worte bleibt da nicht - und der Kranke sich mit seinen Ängsten selbst überlassen.

Und das gilt offensichtlich nicht nur für Patienten, sondern auch Ärzte (was natürlich wiederum indirekt auch Patienten betrifft).

So ist etwa in der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") vom 1. März 2016 der Fall des (dort so genannten) "Max Zucker" zu lesen. Er arbeitete ein halbes Jahr als Assistenzarzt in der Chirugie. Dann wurde er schwer depressiv. Er ist dabei wahrlich kein Einzelfall, wie in der "SZ" auch zu lesen:

Viele junge Assistenzärzte sind depressiv. 21 bis 43 Prozent, sagt eine aktuelle Studie der Harvard Medical School in Boston.

Ähnlich wie in den USA gibt es auch in Deutschland ein Gesundheitssystem im Sinne von Aktionären, des Profites - aber nicht der Menschen, Patienten oder Mitarbeiter. Das zeigt neben der Reportage des "Team Wallraff" auch unter anderem das Beispiel des Arztes "Zucker" und viele internationale Studien.

"Die Ergebnisse zeigen, dass wir in der Medizin ein großes Problem haben"
,

sagt Gesundheitswissenschaftler Thomas L. Schwenk von der Universität Nevada, der einen Begleitkommentar zu der Harvard-Studie verfasst hat. In der Analyse, erschienen im Journal of the American Medical Association, haben US-amerikanische Wissenschaftler insgesamt 54 Studien zum Thema "Depression unter Assistenzärzten" ausgewertet. Mehr als 17 500 junge Ärzte wurden befragt, wie es um ihre psychische Gesundheit steht. Das Ergebnis der Auswertung ist erschütternd:

Je nach Erhebungsmethode leiden zwei von fünf Befragten an depressiven Symptomen oder gar einer Depression. Die Analyse hat Studien ausgewertet, die von 1963 bis 2015 in Europa, Asien, den USA, Afrika und Südamerika zu dem Thema erschienen sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die Krankheitsfälle unter jungen Ärzten besonders in ihrem ersten Berufsjahr steigen, unabhängig von Land oder Fachgebiet.

Und das betrifft, wie auch in vielen anderen Studien und Berichten -etwa im ZDF- immer wieder zu sehen ist, nicht nur jüngere Ärzte. Auch sehr viele ältere Ärzte und Pflegekräfte sind zunehmend "ausgebrannt" bis hin zur Depression. Viele "Burnout- Kliniken" haben sich bereits auf Ärzte spezialisiert oder haben diese als mit größte Gruppe bei sich.

Wie das "Beispiel Zucker" ebenfalls beschreibt, trifft es dabei durchaus (gerade) engagierte Ärzte, denen die Menschen eigentlich sehr wichtig sind- aber dann so überfordert werden, dass sie sich von diesen zunehmend mehr abgrenzen.

Probleme, Sorgen, Beschwerden von Patienten werden zunehmend belastender, wenn man genug mit eigenen zu tun hat.

Obwohl die Harvard- Wissenschaftler Probleme mit den Daten aufdecken, haben sie keinen Zweifel am Grundergebnis: Depressionen unter jungen Ärzten sind ein Problem mit bislang unbekanntem Ausmaß. Die Analyse sei daher vor allem ein Appell, junge Ärzte vor Schlafmangel, ethischen Konflikten und zu hoher Verantwortung zu bewahren.

So wie etwa "Max Zucker", oft gefangen auf Station, da ist er alleine für 24 Patienten verantwortlich. Seit Wochen sind Facharztstellen in seiner Abteilung unbesetzt, deutschen Krankenhäusern fehlt das Personal. Zuckers Patienten sind schwer krank, die meisten alt, viele haben neben komplizierten Knochenbrüchen auch Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Bluthochdruck. Zucker ist Chirurg, in vielen Dingen ein Handwerker. Er ist mit manchen Patienten fachlich überfordert, er sagt das einfach so. Und:

Das Schlimmste ist die Hilflosigkeit

Zucker arbeitet in einer Klinik der Maximalversorgung. Auf seine Station werden Spezialfälle eingewiesen. Er und seine Kollegen sind die Endstation, die letzte Hoffnung vieler Patienten. Und dann stehst du da, sagt er, hast keine Ahnung und kannst niemanden fragen - weil niemand da ist.

Gesundheitswissenschaftler Thomas L. Schwenk schlägt in der "SZ" drei Lösungen vor, mit denen es gelingen soll, jungen Ärzten wie Max Zucker zu helfen:

Mehr und bessere Psychotherapie für depressive Ärzte. Junge Ärzte sollten seltener Stressfaktoren ausgesetzt werden, die eine Depression begünstigen. Das Ausbildungssystem für junge Ärzte braucht einen fundamentalen Wandel

Und, das war auch ein Fazit des "Team Wallraff" nach seinen Recherchen:

Ändern wird sich an all dem erst etwas, wenn nicht mehr der Profit, sondern das Wohl der Patienten im Vordergrund steht

Dazu muss allerdings der Politik, die offensichtlich oft viel mehr der Lobby der Aktionäre, Pharmaindustrie näher steht als der Bevölkerung, durch Proteste und Bewegungen für eine bessere Gesundheitspolitik begegnet werden, im Interesse unser aller Gesundheit - bekanntlich unserem höchsten Gut.

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