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22/12/2015 10:46 CET | Aktualisiert 22/12/2016 06:12 CET

"Verbesserte Gesundheitsversorgung" für Flüchtlinge ist eine Lüge

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Noch vor kurzer Zeit war davon zu lesen, dass in Deutschland erfrierende Flüchtlinge befürchtet werden, z. B. vor dem Berliner "LaGeSo" (weil sie davor in der Kälte übernachten müssen). Die verheerenden Bilder von dort gingen inzwischen durch die ganze Welt, selbst die "New York Times" hat bekanntlich darüber berichtet.

Aber ist Berlin nur die unrühmliche Ausnahme, ähnlich wie beim neuen Flughafen, eben ein besonderer Fall? Oder liegt es nur daran, dass die Stadt Berlin zwar bekanntlich sexy, aber auch arm ist? - Mitnichten!

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Dass es in Deutschland noch keine toten Flüchtlinge gab liegt eher am milden Winter als an wirklich guter, verbesserter Versorgung der Flüchtlinge. Und das nicht nur in Berlin, sondern beispielsweise auch in Hamburg - einer der reichsten Städte der Welt (wo es am Geld also sicher nicht mangelt).

Hamburg lässt sich aber nun als "in der Flüchtlingsversorgung vorbildlich" rühmen (etwa in der Welt vom 20. 12. 2015), inklusive "bundesweit einmaliges Gesundheitssystem für Flüchtlinge". Das ist wirklich interessant näher zu betrachten - denn wenn das schon "vorbildlich" ist, muss es anderswo ja noch schlechter sein.

In dem Artikel wird auch über Verbesserungen in letzter Zeit berichtet. Die gab es in der Tat. Mit, wie es dort auch heißt, "hunderten Medizinern und ehrenamtlichen Helfern".

Immer wieder Kritik


Immer wieder ist nun ja, gerade auch von Ehrenamtlichen, die Kritik zu hören, dass Städte, Länder und der Bund die Ehrenamtlichen oft alleine lassen und sich sogar noch mit fremden Federn schmücken, wenn sie deren Arbeit als Verdienste der Politik darstellen! Und immer wieder wird ja auch betont, dass ohne das extreme Engagement von inzwischen Millionen Ehrenamtlichen schon lange das System zusammen gebrochen wäre.

Und: Erst aufgrund unzähliger Proteste, auch von Sozialverbänden wie der Diakonie und von Beschäftigten, Ehrenamtlichen, der Opposition usw. wurde u. a. auch in Hamburg mehr getan (und selbst der Aufruf zur Hilfe an Ärzte wurde, über die Ärztekammer, erst nach unzähligen Protesten und Hilferufen gestartet, selbst das wurde Jahre lang zuvor versäumt).

Während selbst international anerkannte Experten, wie der auch ehrenamtlich in Hamburger Unterkünften tätige Arzt Dr. Trautmann, auch in Hamburg öffentlich vor dem Schlimmsten warnten, sprachen Behörden- Vertreter dort noch von ganz normalen Verhältnissen- es sei halt gerade Erkältungszeit.

Erst nach zunehmenden Protesten tat sich etwas. So wurden nun zum Beispiel endlich in Erstunterkünften hausärztliche Sprechstunden eingerichtet. Nachdem auch leitende Mitarbeiter in Hamburg sich in - aus Angst vor Repressionen- anonymen Brandbriefen und Interviews an Medien gewandt haben.

Jahrelange Ignoranz


Zuvor wurden, wie es dort auch heißt, jahrelang Überlastungsanzeigen von dort ignoriert. Und sogar Flüchtlingsunterkünfte abgebaut, obwohl der Krieg in Syrien ersichtlich gerade erst richtig begonnen hatte. Sozialer Wohnungsbau wurde über Jahrzehnte vernachlässigt, sodass nun Zehntausende Flüchtlinge weiter in Containern und Zelten hausen müssen, die aber krank machen.

So berichtet es auch eine Ärztin (Frau Karen Winterberg) im o. g. Welt-Artikel am Beispiel eines erkrankten Flüchtlings in einer Unterkunft:

"Eigentlich müsste ich ihm empfehlen, drei Mal täglich zu inhalieren und sich mal so richtig auszuschlafen, um schnell wieder gesund zu werden. Aber das geht halt nicht." Denn ohne Schüssel kann man nicht inhalieren. Und ausschlafen gelingt schon gar nicht, wenn man mit bis zu 15 fremden Männern in einem kleinen Holzhaus auf engstem Raum zusammenlebt. "Es kann hier eben länger dauern, bis man einen grippalen Infekt auskuriert hat", sagt die Hamburgerin.

Ja, diese Unterkünfte, selbst die nun "verbesserten" (Holzhäuser), machen krank (und auch depressiv oder aggressiv) - wie ja schon seit Jahren viele Experten, Sozialverbände, der Präsident der Bundesärztekammer usw. bestätigen.

Es ist ein Skandal


Und da ist wirklich skandalös (siehe unten) zu lesen, dass z. B. in Hamburg zumindest über 3000 Immobilien nicht für Flüchtlinge genutzt wurden, obwohl das möglich gewesen wäre. So werden Flüchtlinge krank gemacht in Unterkünften wie Containern und Zelten, selbst (oder sogar?) im "vorbildlichen" (?) Hamburg.

Zumal auch in dem o. g. Welt-Artikel zu lesen ist:

Zusatzleistungen wie Rehakurse oder Langzeitpsychotherapien stehen den Asylsuchenden nicht zur Verfügung
.

Das ist aber fatal! Denn ebenso wie eine Petition an die Hamburger Bürgerschaft, auf die diese nicht einmal wirklich einging (!), fordert z. B. auch Deniz Celik, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion in Hamburg:

Flüchtlingen den vollständigen Zugang zur Gesundheitsversorgung ermöglichen!

Dies begründete Herr Celik in einer Presserklärung (vom 10. 12. 2015):

Die gesundheitliche Betreuung von Geflüchteten beschränkt sich in den Unterkünften häufig auf Minimalversorgung und ist von einem angemessenen Standard weit entfernt. Mit einem Antrag in der Hamburgischen Bürgerschaft will die Fraktion DIE LINKE Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Lage erreichen.

Näher erklärt Deniz Celik dort dazu:

Viele Geflüchtete haben massive Gewalt erfahren, sind traumatisiert und brauchen dringend eine umfassende medizinische Versorgung. Ziel muss daher der vollständige Zugang zur regulären Gesundheitsversorgung und somit Gleichbehandlung sein. Die Einführung der Gesundheitskarte in Hamburg ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber die derzeitige Zustellung mit einer Verspätung von bis zu sechs Monaten ist völlig inakzeptabel. Sie führt zu Versorgungslücken, die mit schweren Gesundheitsrisiken für die Geflüchteten verbunden sind. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden

Und auch die Betreuung von psychisch traumatisierten Flüchtlingen sei ein riesiges Problem, meint Herr Celik dort und erläutert:

Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt, dass etwa die Hälfte der Geflüchteten traumatisiert ist. Wir brauchen in Hamburg ein psychosoziales Behandlungszentrum und eine deutlich stärkere finanzielle Unterstützung der Flüchtlingsambulanz für Kinder und Jugendliche am UKE. Eines der größten Probleme bei der psychotherapeutischen Behandlung von Geflüchteten ist die ungeklärte Kostenübernahme von DolmetscherInnen. Auch hier muss der Senat dringend Abhilfe schaffen

Ja! Zumal selbst die "Regelversorgung" in Deutschland ja oft genug in der Kritik steht, auch für Millionen Deutsche sicher, gelinde gesagt, suboptimal ist.

Und nicht nur in Hamburg gibt es ja von unzähligen Sozialverbänden, Experten, Mitarbeitern, Flüchtlingshelfern, Flüchtlingsräte, Pro Asyl usw. Kritik dazu und über Zustände in Flüchtlingseinrichtungen - und auch z. B. im "BAMF" (mit der Folge ewig lang unbearbeiteter Asylanträge und deshalb auch viel zu langer Unterbringung in den menschenunwürdigen "Massenunterkünften").

Katastrophale Gesundheitsversorgung


Unter anderem kritisierte der Berliner Ärztekammer-Chef schon vor einigen Wochen den Berliner Senat scharf wegen "Katastrophale Gesundheitsversorgung" am nun ja schon berühmt - berüchtigten " LaGeSo" - u. a. im RBB am 18. 10. 2015, wo es u.a. heißt:

"Bis zu 200 Flüchtlinge müssen jeden Tag am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales medizinisch versorgt werden. Diesen Job übernehmen ausschließlich ehrenamtliche Ärzte, Hebammen und Krankenschwestern - denn die Landesregierung hat immer noch kein Geld für hauptamtliche Mediziner bereit gestellt. Ärztekammer-Chef Jonitz spricht von "asozialen Zuständen"

Und daran hat sich ja auch kaum etwas geändert. Vielleicht ja auch nicht nur ungewollt? Viele nun in der Flüchtlingshilfe Tätige (und auch ich, mit auch Insider- Kenntnissen) fragen uns nun zunehmend, ob das nicht Absicht ist. Klar, so gehen "lieber" Leute wieder zurück in den Kosovo oder selbst nach Syrien usw., bevor sie z. B. in Berlin, der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt, ihre Kinder zugrunde gehen sehen (oder wenn man mit restriktiverem, späteren Familiennachzug hört, dass Angehörige in der Heimat leiden, alleine).

Oder in Hamburg, einer der reichsten Städte der Welt, wo inzwischen (wie zuletzt auch das "Abendblatt" dort anhand von Aussagen von Ärzten und anderen Helfern bestätigte) auch dort der Großteil der Flüchtlingskinder krank ist.

Zelte sind menschenunwürdig


Und auch der international anerkannte Hamburger Arzt Dr. Trautmann bestätigte im NDR am 16. 10. 15: "Zelte sind menschenunwürdig" und machen, auch beheizt, krank, ebenso wie auf der Straße schlafen (was ja auch in Berlin und anderswo viele Flüchtlinge müssen). Zumal der Arzt dort weiter dazu aussagt:

Was fehlt den Menschen? Manche haben Kriegsverletzungen von Bomben oder schlecht verheilte Schusswunden, andere auf der Flucht Unfälle erlitten, wieder andere sind stark unterernährt. Einige werden auch erst hier krank. Die Lebensumstände in den Einrichtungen sind der Gesundheit ja nicht gerade zuträglich. In den letzten Wochen haben Erkältungskrankheiten stark zugenommen, die bei geschwächten Flüchtlingen und Kindern kompliziert verlaufen können. Aus einer banalen Erkältung kann immer auch eine lebensgefährliche Lungenentzündung werden. Ich gehe davon aus, dass die Zahl unserer Patienten zum Winter hin steigt.

Gleichzeitig sind ja unzählige, weitere Versäumnisse bekannt auch in Berlin, die einfach nicht wirklich aufgearbeitet werden, um daraus zu lernen- in Hamburg z.B. ignorierte die Stadt laut Aussagen des Vorsitzenden des Grundeigentümerverbandes dort über 3000 angebotene Immobilien sich auch nur anzuschauen - die Tausende Flüchtlinge aus menschenunwürdigen Zelten und Unterkünften hätten herausholen können (!) - um nur ein Beispiel zu nennen.

Petitionen an alle deutschen Landtage, sowie den Bundestag forderten nun kürzlich tiefer gehende Aufarbeitungen all dieser Versäumnisse (wie z. B. auch die leitenden Mitarbeiter Hamburger Flüchtlingsunterkünfte in ihrem Brandbrief beklagten), "Gefährdungsbeurteilungen" aller Einrichtungen für Flüchtlinge, auch Kinder (und auch Mitarbeiter) inkl. Kindeswohlgefährdungen (gesundheitlich und auch absolut unzureichender therapeutischer Versorgung und krank machenden Lebensbedingungen, wie auch z.B. Dr. Trautmann bestätigte). Mit auch umgehend entsprechenden Konsequenzen daraus.

Mehr Transparenz


Aber die Flüchtlinge, oder auch deutsche Obdachlose, "Geringverdiener" usw., haben eben nicht so eine große Lobby wie Leute, die Unsummen verdienen, ob mit Waffenexporten oder Containern (ca. 20.000 Euro pro Flüchtling!).

Dann halt lieber Tausende Flüchtlinge in menschenunwürdigen Zelten, Einrichtungen versauern und krank werden lassen, statt sie früher arbeiten zu lassen, was Milliarden Euros sparen würde (z.B. an Unterkünften), diese könnten dann selbst Mieten zahlen und sogar, auch Milliarden Steuern zahlen- auch das rechtfertigt Untersuchungsausschüsse.

All das würde ja auch Pegida und Co. den Nährboden entziehen, denn dann wäre ja genug Geld für Leistungen, bezahlbare Wohnungen für alle Flüchtlinge und Deutschen da.

Aber auch im angeblich so vorbildlichen Hamburg wird Vieles von der Politik weitaus positiver dargestellt als es ist, um so auch weitergehende Proteste bzw. Forderungen für, natürlich mögliche und unbedingt nötige Verbesserungen zu verhindern. Das ist wirklich ein nicht hinnehmbarer Skandal, ähnlich wie der am Beispiel "Flüchtlingscamp Dresden" in der ZEIT vom 8. 8. 2015 beschriebene. Dieser schlussfolgert (bzw. titelt) mit: "Schweigen, verschleiern, lügen. In Dresden hat die Landesdirektion versagt, würdige Unterkünfte für Flüchtlinge bereitzustellen. Doch es gibt einen weiteren Skandal: die Manipulation der Öffentlichkeit"

Für die Öffentlichkeit schöngefärbt


Wie dann dort auch weiter berichtet wird, auch mit in der Öffentlichkeit schöngefärbten Zuständen, wie dort Ärzte und der Reporter, die dort einige Zeit undercover arbeiteten, berichteten.

Und in der Tat gilt "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt". Mit einer "Schönfärberei" kann man aber nicht genug erkennen (lassen), auch Gefahren und Gefährdungen nicht bannen, genug dagegen tun. Und beides gilt - vgl. das Hamburger Beispiel- ja nicht nur dort.

Ebenso wie die Frage, ob es wirklich überhaupt im Interesse der Regierenden im Bund und den Ländern ist, das Bestmöglichste für Flüchtlinge zu tun, alle möglichen Mittel und Ressourcen dafür zu nutzen. Oder ob dem nicht andere - z. B. die genannten - Interessen und Lobbys gegenüberstehen, denen die Politiker nicht weitaus näher und mit denen weitaus mehr verbunden sind als mit Flüchtlingen, Obdachlosen, Geringverdienern und überhaupt dem "gemeinen Volk" und der Volksgesundheit.

Oder warum gibt es sonst viel zu wenig (richtige) Information für die Öffentlichkeit ? Immer mehr Flüchtlingshelfer und Mitarbeiter von Einrichtungen, Ämtern usw. gehen an die Öffentlichkeit, widersetzen sich (auch schändlichen) "Maulkörben".

Politiker sollten kritischer werden


Und auch Mitglieder und Wähler der SPD (und CDU usw.) sollten kritischer werden, an Versprechen von der Regierung erinnern, wie etwa die Waffenexporte zu verringern (statt nun sogar noch deutlich zu erhöhen), sowie für Aufbauhilfen im Kosovo und dergleichen - eine Politik, die der Leiter von "Monitor" (ARD), G. Restle bereits vor einigen Wochen in den Tagesthemen zurecht kritisierte als "Schande für Deutschland".- In der Tat!

Zumal diese Politik ja auch immer weiter neue, unzählige, kranke und verletzte oder tote Menschen, auch Kinder, schafft- was wirklich auch viel mehr Widerstand / Proteste von o. g. Menschen und Verbänden, auch Friedensinitiativen usw. erfordert. Ebenso wie dafür, dass Flüchtlinge in Deutschland endlich wirklich ausreichend gut behandelt werden!

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