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22/02/2016 13:12 CET | Aktualisiert 22/02/2017 06:12 CET

Unsere Kinder im Visier der Extremisten, Militaristen, Bundeswehr

Doug Plummer via Getty Images

Derzeit ist oft von Islamisten, Extremisten, ideologischen Kämpfen zu lesen.

Eine Seite davon kommt dabei aber wohl oft zu kurz, obwohl sie eine sehr entscheidende (auch im Kampf um die Zukunft) ist: Die der Kinder und Jugendlichen, gerade auch an Schulen.

Denn wer die für sich gewinnt, der kann auch erfolgreicher mit bestimmen, wie die Zukunft aussieht. Aber auch schon die Gegenwart. Und da gibt es wirklich erschreckende Berichte und Warnungen, auf die wir - nach vielen Seiten hin - besser hören sollten.

Nicht nur, eigentlich ja schon schlimm genug, dass

Schulen im Visier der Nazis

sind, wie es etwa auf Seiten von netz-gegen-nazis.de zu lesen und verfolgen ist.

Es geht noch viel weiter:

So hat beispielsweise bereits in einem Interview im Berliner Kurier am 07.03.15 der bekannte, nun ehemalige, Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) gewarnt:

Unsere Kinder sind im Visier von Islamisten! Sie verbreiten Propaganda im Kiez, treiben sogar an Schulen ihr Unwesen

Radikale sprechen demnach Mädchen auf dem Weg zum Unterricht an. Sie verlangen von den Kindern, auf „sündige Jeans" zu verzichten. Mädchen sollen nur „Hidschab" (Verhüllung) tragen.

Der Druck auf die Kinder nehme auch zu, weil fundamentalistische Eltern immer stärker auf das Schulleben einwirken.

Sie bestehen, so Buschkowsky weiterhin in der Augsburger Allgemeinen, bei Klassenfahrten auf muslimische Betreuer. Und wollen es Hausmeistern verbieten, beim Mädchensport die Halle zu betreten. Heinz Buschkowsky schließt demnach daraus:

„Nicht die Integration schreitet voran, sondern eine Art Landnahme durch fundamentalistische Überreligiosität".

Ja, man kann - oder muss - Herrn B. auch kritisch sehen. Aber erzählt er nur Unsinn, wenn er berichtet:

"Anders als vor fünf Jahren sehe man in einigen Neuköllner Kitas schon Dreijährige mit Kopftuch"?

Nein. Und Herrn Buschkowsky ist zudem schleierhaft,

wie die Politik da von „der einzigartigen Erfolgsgeschichte der Integration" sprechen könne. Er sieht darin nur „Heuchelei".

Und das ist ja nicht nur für "Flüchtlings- Gegner" interessant, sondern (noch mehr) für Menschen, die sich für eine bessere Flüchtlingspolitik, Integration, Politik überhaupt einsetzen wollen. Und Interesse an "Schönfärberei" sollten diese Menschen ja auch nicht haben.

Anlass seiner Kritik war zudem auch der Skandal an einer Grundschule in Bayern: Dort hatten Kinder im Unterricht gesagt, dass Christen getötet werden müssen. Die Terror-Opfer von Charlie Hebdo hätten den Tod verdient. Offenbar würde es Buschkowsky nicht wundern, wenn solche Sprüche auch an Berliner Schulen fallen.

Natürlich muss man auch aufpassen, dass man aus Einzelfällen keine Pauschalisierung zieht, je mehr diese zunehmen aber so etwas natürlich doch ernster nehmen.

Und wirklich sehen, dass

Probleme die anderswo auftreten ja auch nicht immer vor Deutschland Halt machen.

Vor einiger Zeit hat so u. a. die TAZ über (aus Syrien) geflüchtete Kinder in der Türkei berichtet, auch mit der Überschrift

Im Visier der Radikalen

Hunderttausende syrische Kinder in der Türkei gehen demnach nicht zur Schule. Viele hoffen auf die Rückkehr, andere werden von den Schulen abgewiesen.

Human Rights Watch sagte dazu:

„Das ist eine Kata­strophe. Hier bahnt sich eine ganze verlorene Generation an"

Und solche ausgegrenzten Menschen dort oder auch etwa in Frankreich, Belgien usw. sind natürlich empfänglicher für Extremisten, wie ja etwa die Herkunft der Attentäter von Paris neulich wieder gezeigt hat. Das könnte sicher auch in Deutschland passieren - und ist in der Türkei schon jetzt sehr brisant, wie in dem Artikel weiter zu sehen ist. Denn demnach gibt es zum Beispiel bereits ganze Fabriken voller syrischer Kinder.

Istanbul ist neben den Grenzstädten zu Syrien der Ort, der am meisten Flüchtlinge anzieht. Zwischen 300.000 und 500.000 Syrer leben in der Metropole am Bosporus, zumeist in den armen Vororten am westlichen und östlichen Rand der Stadt. In der TAZ heißt es weiter dazu:

"Die Istanbuler Textilfabriken sind voll von syrischen Kindern", sagt Kotayba. In Avcılar, einem der westlichen Vororte in dem viele Textilfabriken stehen, ist in diesem Jahr deshalb auch eine moderne private syrische Schule entstanden, die 1.500 Kinder unterrichtet. Doch die Schule muss Schulgeld verlangen, um sich zu tragen. Das können nur Familien aufbringen, die schon in Syrien Geld hatten und einen Teil ihres Vermögens retten konnten.

Aber das ist eher nur der "Tropfen auf dem heißen Stein", wie dort weiter zu lesen ist - denn für die anderen bleibt oft nur eine Schule, die von einer religiösen Stiftung betrieben wird (und deshalb kostenlos ist). Das beobachtet auch Schulleiterin Miranda im türk. Kahramanmaraş:

„Saudi-Arabien und die Golfstaaten geben Geld für Flüchtlingsschulen, in denen Jungen und Mädchen getrennt und neben Mathe und Naturwissenschaften vor allem der Koran gepaukt wird." Viele Kinder aus säkularen syrischen Familien, fürchtet Miranda, landen so bei den Islamisten

Wenn in Deutschland nach wie vor eine brutale ChancenUNgleichheit besteht, die z. B. vielen Kindern aus Arbeiterfamilien oder mit "Migrationshintergrund" oft nur den Besuch von - kaputt gesparten- Gemeinschaftsschulen mit wenig Perspektiven lässt kann aber dort Ähnliches passieren, nicht nur in Berlin- Neukölln!

Gut, dass es ja aber Perspektiven gibt, mag man denken - wenn man die unzähligen Werbespots der Bundeswehr sieht: Sicherer und interessanter Arbeitsplatz, Studium ...

Toll, oder? Und man kämpft ja auch noch gegen böse Islamisten ...

Zum Glück sind unsere Kinder und Jugendlichen aber nicht so dumm, egal welchen "Rattenfängern" gegenüber!

So sagt beispielsweise, in einem aktuellen Terre des Hommes -Sonderheft zu dem Thema -

"Kinder im Visier" (der Bundeswehr)

Kai Kirstein, BezirksschülerInnenvertretung Solingen, aktiv für

„Schulen ohne Bundeswehr":

„Da das Thema Bundeswehreinsätze im Ausland in der Gesellschaft kontrovers

diskutiert wird, muss es auch in der Schule entsprechend behandelt werden.

Wir kämpfen nicht gegen die Bundeswehr,

sondern für die freie Meinungsbildung und gegen einseitige Beeinflussung."

Die es in der Tat, wie in dem Sonderheft von vielen Beispielen, Experten und Studien belegt, an deutschen Schulen zunehmend gibt. Was nicht nur Eltern angeht, denn

Mentale Aufrüstung

nennt dies dort etwa ­Ilka Hoffmann, Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule.

Und Herr Dave Buck wird dort zitiert, ein traumatisierter Soldat der britischen Armee:

Es war leicht, mich damals mit 17 Jahren zu manipulieren - ich war noch so jung

Ja- und das trifft natürlich auf alle Kinder und Jugendlichen zu, egal ob sie dem ideologischen Kampf von Extremisten ausgesetzt sind oder "mentaler Aufrüstung", die ja durchaus sehr umstritten ist:

Sowohl militärische Einsätze der NATO als auch USA, EU usw. führten ja bekanntlich letztlich eher zum weiteren Entstehen von Extremismus, als dass sie etwas positiv änderten - und dienten eher politischen, strategischen, ökonomischen Interessen. Ebenso wie jetzt Einsätze in Syrien, auch von Deutschland, wie beispielsweise der bekannte ökonomische Experte Dirk Müller bei Markus Lanz am 16. 2. 2016 aussagte. Dass diese im Sinn der "Menschlichkeit" stattfinden sei pure Heuchelei.

Wir sollten also wirklich unsere Kinder, Jugend vor ideologischen Einflüssen vielerlei Art schützen, zumal beispielsweise Berichte von UNICEF ja jedes Jahr aufs Neue belegen, dass schon ein Bruchteil der weltweiten Rüstungsausgaben dafür sorgen könnte, dass jedes Kind auf der Welt Essen, Bildung und Perspektiven bekommen könnte - und damit natürlich auch gefeiter gegen vermeintliche "Heilsbringer" oder gefährliche "Alternativen" wäre. Sowohl in der Türkei als auch in Deutschland. Und wenn in Schulen enormer Aufwand betrieben wird, damit Militär "salonfähig gemacht" wird, aber in unserer Gesellschaft kaum noch darüber geredet wird, dass Waffenlieferungen aus Deutschland, selbst in heikelste Gebiete, zuletzt nochmals deutlich zugenommen haben und kaum noch diskutiert wird, ob und wie militärische Einsätze überhaupt Sinn machen ist das sicherlich fatal.

Zumal völlig zurecht Georg Restle (Leiter von Monitor, ARD) in den Tagesthemen bereits am 25.08.2015 kritisierte:

Klar, die rechtsextremen Gewalttäter und ihre brav-biederen Unterstützer sind eine Schande für dieses Land. Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik, die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft.

- zum Beispiel eben durch Waffenlieferungen usw.

Natürlich gehört es zum Wesen der Demokratie, dass darüber demokratisch entschieden wird, was das Beste politisch und gesellschaftlich ist- für uns und unsere Kinder. Immer mehr Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften, UNESCO usw. kritisieren aber dabei die immense, zunehmende Meinungs- Beeinflussung schon von Kindern, in der für Meinungsbildung natürlich sehr bedeutenden Schule. Zumal andere Stimmen (wie die von Gewerkschaften, UNESCO oder von Friedensbewegungen) kaum Zugang zu Schulen gewährt wird. In dem genannten Heft gibt es deshalb u. a. von terre des hommes und der GEW den Aufruf zu

Friedenserziehung statt Militärwerbung und Rekrutierung!

Zumal man das Geld dafür sicher auch besser einsetzen könnte, zunehmend wahnsinnige Beträge:

Die Kosten für die Nachwuchswerbung der Bundeswehr stiegen von 3,8 Millionen Euro (2008) auf 35,3 Millionen Euro (2015). Militaristisch wird man aber keine Probleme lösen, die viel mehr Investitionen in die Bildung und bessere Zukunft für Menschen erfordern.

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