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28/02/2016 05:56 CET | Aktualisiert 28/02/2017 06:12 CET

Tausende Kinder krank und unterernährt in Flüchtlingseinrichtung

LOUISA GOULIAMAKI via Getty Images

Das Hamburger Abendblatt berichtete am 24.2.2016, dass die gesundheitliche Situation in Flüchtlingsunterkünften teilweise angespannt bleibt. In den vergangenen Wochen habe es in Erstaufnahmen eine starke Häufung von Infektionskrankheiten gegeben, berichteten dort mehrere Ärzte und Ehrenamtliche.

„Zuletzt war fast ein Drittel der Kinder erkrankt" sagte eine Medizinerin, die in mehreren Einrichtungen praktiziert und anonym bleiben möchte, dem Abendblatt. Der überwiegende Teil litt an Atemwegserkrankungen, darunter häufig Bronchitis und vereinzelt Lungenentzündungen. Die zuständige Gesundheitsbehörde bestätigte, dass sich Krankheiten in den vergangenen Monaten in einigen Unterkünften teils rasant ausbreiteten:

Dies ist einerseits der räumlichen Beschaffenheit etwa in einer Halle, andererseits der Enge darin geschuldet, sagte Behördensprecher Rico Schmidt.

Durch die Koordination der Sprechstunden, die seit Oktober vom Gesundheitsamt Altona übernommen wird, sei aber "eine gute Grundversorgung" gesichert. Ärzte und Assistenten sprechen dagegen von einer großen Bandbreite an Problemen, insbesondere bei der Behandlung von Kindern.

„Was die Kollegen vor Ort machen, ist lediglich der Versuch eines geordneten Chaos," sagt Stefan Renz, Vorsitzender des Hamburger Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte. „Es gibt unter den Ärzten eine große Bereitschaft zu helfen, aber die Arbeit gestaltet sich in der Praxis vor Ort oft schwierig."

Nach Abendblatt-Informationen richteten mehrere Ärzte in den vergangenen Wochen Beschwerdemails an die städtischen Stellen. Sie machten darin auch die unausgewogene Ernährung für die Häufigkeit von Infektionen mitverantwortlich.

„Das Essen ist überhaupt nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet" sagte eine Medizinerin, die unter anderem in Unterkünften des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) arbeitet, dem Abendblatt. Auch sie will anonym bleiben.

Mangelernährung, die durch das System verfestigt wird

Auch was sie weiter berichtet ist sehr brisant: "Wir haben jeweils mehr als zehn Kinder in der Sprechstunde, die einen klaren Vitaminmangel haben", sagt die Insiderin. "Jedes Mal auch drei, vier stark untergewichtige Kinder, für die wir irgendwie zusätzliches Essen organisieren und sie aufpäppeln. Das ist richtige Mangelernährung, die durch das System verfestigt wird."

Ihre Einschätzung teilen auch andere, so sagte etwa eine Mitinitiatorin der Initiative "Kinderprogramm Erstaufnahmen", die an zehn Standorten in Hamburg aktiv ist, dem Abendblatt: "Unsere Freiwilligen stellen seit Monaten immer wieder fest, dass es vor Ort oft weder Obst noch Fruchtsäfte gibt."

In Einzelfällen durften zudem keine Bananen und Äpfel ausgegeben werden, wegen angeblich möglicher Allergien. So einen Blödsinn habe sie selten zuvor gehört, sagt die Freiwillige dazu. Zeitgleich gebe es praktisch keine hauptamtliche Zahnfürsorge, stattdessen häufig Tee mit Zucker zu trinken. Infektionen würden durch Karies so noch weiter begünstigt.

Von der städtischen Gesellschaft "Fördern & Wohnen" heißt es, dass Obst inzwischen flächendeckend auf den Speiseplan genommen wurde. Nach Ansicht von Kinderarzt Stefan Renz, müsste die Häufigkeit der Mahlzeiten allerdings dringend aufgestockt werden, da für Kinder die noch nicht im Schulalter sind drei Mahlzeiten definitiv nicht ausreichen.

Um nach dem kürzlichen Tod des syrischen Flüchtlingskindes Rana (in Hamburg) einen Überblick über die Zahl der erkrankten Kinder und ihrer Behandlung zu gewinnen, hat die CDU-Abgeordnete Karin Prien nun eine kleine Anfrage an den Hamburger Senat gestellt:

Es gibt den starken Eindruck, dass die Versorgung in vielen Bereichen weiterhin unzureichend oder unkoordiniert ist.

In einem Antrag fordert ihre Fraktion unter anderem, jedes Kind eingehend von einem Kinderarzt untersuchen zu lassen. Für den Verbandsvorsitzenden Renz ist die bisherige Versorgung nicht ausreichend: „Es muss in jeder Unterkunft einen Kinderarzt geben. Kinder einfach wie kleine Erwachsene zu behandeln ist ein großer Fehler."

Der Hamburger Senat sieht derzeit keinen Handlungsbedarf

"Wir stellen allgemein sicher, dass ab 500 Bewohnern vier Stunden Kinderarztsprechstunde pro Woche stattfinden", sagt Schmidt. "Das ist verglichen mit der Gesamtbevölkerung ein hervorragender Wert."

Das mag sein - nur ist dann die Versorgung der Gesamtbevölkerung ebenfalls als unzureichend anzusehen, worauf auch Sozialverbände immer wieder hinweisen. Auch die Lage in den Einrichtungen würden Krankheiten fördern. Und das bei Menschen die bereits, durch die Flucht und deren Ursachen, schwere Traumatisierungen und Erkrankungen mitbringen.

Ihre mangelnde Unterversorgung ist wirklich ein Armutszeugnis.

Und das in Hamburg, einer der reichsten Städte der Welt. Auch im restlichen Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, dürfte es kaum anders aussehen.

Bekanntlich weisen Organisationen, wie Pro Asyl oder Ärztekammern, immer wieder auf unzureichende medizinische Versorgung und den krank machenden Umständen in den Unterkünften hin. In Berlin sprach der Chef der Ärztekammer bereits im Herbst (etwa am 18.10.2015 im RBB) von „asozialen Zuständen" und nannte es eine "katastrophale Gesundheitsversorgung am Lageso".

Anstatt daran grundsätzlich etwas zu ändern, besteht aber anscheinend die Gefahr, dass vieles anders "geregelt" werden soll. So war etwa im Hamburger Abendblatt (vom 14.2.16) von der Hamburger Initiative „Refugees Welcome Karoviertel" (RWKaro) zu lesen.

Demnach soll diese Initiative die Einrichtung einer behördenunabhängigen Beschwerdestelle fordern, an die sich Geflüchtete, Mitarbeiter und Helfer wenden können, wenn sie Missstände in der Flüchtlingsbetreuung beobachten.

Ehrenamtliche trauen sich nicht, Missstände zu melden

Denn selbst Ehrenamtliche trauten sich oft nicht diese öffentlich zu machen, weil sie dann ein Hausverbot in der Einrichtung fürchten müssten. Angestellte der Stadt oder der Einrichtungen müssten mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und "Druck von oben" rechnen. Das hätten persönliche Gespräche mit Helfern und mit Medienvertretern ergeben.

Auch eine Petition, die sich an alle deutsche Landtage richtet, fordert dies. Außerdem will sie auch Gefährdungsbeurteilungen für alle deutsche Einrichtungen einführen, die eigentlich gesetzlich vorgeschrieben sind. Dadurch sollen Gefahren für die Bewohner aber auch dort Tätige besser ermitteln und beseitigt werden.

Die genannten Beispiele zeigen auch, dass viele Missstände wahrlich nicht nur in Sachsen auftreten, sondern in ganz Deutschland. Die passende Einschätzung dazu gab allerdings ein Artikel in der Zeit bereits vom 8.8.2015, wo über ähnliche Missstände berichtet wurde, mit der Überschrift:

Flüchtlingscamp Dresden: Schweigen, verschleiern, lügen

In Dresden hat die Landesdirektion versagt, würdige Unterkünfte für Flüchtlinge bereitzustellen. Doch es gibt einen weiteren Skandal: die Manipulation der Öffentlichkeit.

Und das trifft offensichtlich nicht nur dort zu.

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