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22/04/2016 12:26 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Verschwiegene Hamburger Flüchtlings-Suizide: Aufklärung und Konsequenzen gefordert!

Fabian Bimmer / Reuters

Das Hamburger Abendblatt berichtet am 20.4.2016 von

"Erstmals Suizide von Flüchtlingen in Hamburg".

Ein Mann aus Eritrea sprang vor einen Zug, eine Irakerin erhängt sich "nach Abort".

40 Suizidversuche von Flüchtlingen hat es seit April 2014 alleine in Hamburg gegeben.

Das geht demnach aus der Antwort der Behörden auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Christiane Schneider hervor. Im Dezember 2015 ließ sich ein Mann aus Eritrea so an der S-Bahn-Station Holstenstraße nur wenige Tage vor Weihnachten von einem Zug überrollen.

"Zwei Menschen, die als Geflüchtete nach Hamburg kamen und in einer Zentralen Erstaufnahme untergebracht waren, haben ihrem Leben ein Ende gesetzt. Neun Menschen haben in diesem Zeitraum einen Suizidversuch begangen, darunter ein Minderjähriger. Das erschüttert mich", sagte Schneider dem Abendblatt.

Und weiter: Auch wenn ich über die konkreten Motive für die beiden Suizide und die neun Suizidversuche nichts weiß:

Was hatten die Geflüchteten an Furchtbarem erlebt? Wie viel Hoffnung hatten sie, als sie hierher kamen? Welche Hoffnungslosigkeit trieb sie zu dem verzweifelten Schritt?

Allein sechs der Betroffenen seien aus Afghanistan, zwei aus dem Iran, betonte die Bürgerschaftsabgeordnete (und Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft, des "Landtages" in Hamburg). Sie fordert:

"Für Menschen aus diesen Ländern ist die Bleibeperspektive aufgrund der inzwischen sehr restriktiven Asylpolitik extrem unsicher. Von der Behörde erwarte ich Auskunft darüber, warum der traurige, einsame Tod von zwei Menschen, die hier Schutz suchten und in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht waren, der Öffentlichkeit verschwiegen wurde."

Aufklärung wäre sicherlich gut, notwendig, schon lange!

Um Konsequenzen daraus zu ziehen, wie auch immer diese aussehen mögen. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Aber was passiert? Zuständige Behörden auch in Hamburg waren schon zuvor immer wieder in der Kritik, wegen völliger Verharmlosung von Problemen.

Während Mitarbeiter und Leitungen von Flüchtlingsunterkünften, Polizei, Sozialverbände und viele mehr immer wieder Alarm schlugen wegen unzumutbaren gesundheitlichen und anderen Bedingungen in Flüchtlingsunterkünften, nicht zuletzt völlig unzureichender psychologischen und therapeutischen Versorgung, grassierenden Infektionskrankheiten sprachen Behörden von "es ist halt nun mal Erkältungszeit" oder "ausreichender Versorgung".

Auf Abendblatt- Anfrage bestätigte wiederum nun die Sprecherin des Zentralen Koordinierungsstabs Flüchtlinge, Christiane Kuhrt, dass die beiden jüngeren Todesfälle die ersten in Hamburg dokumentierten Suizide von Flüchtlingen seien. Sie betonte aber zugleich: "Schon im Rahmen der Erstuntersuchung wird darauf geachtet, ob schwere traumatische Störungen vorliegen, die auf Suizidgefahr hindeuten."

Zudem sei es "für das Sozialmanagement selbstverständlich, ebenso wie für die in den Einrichtungen tätigen Ärzte, auch auf traumatisierte Menschen zu achten und diese gegebenenfalls an entsprechende Einrichtungen, wie etwa im UKE, weiterzuleiten".

Der Hamburger Senat betont in seiner Antwort auf die aktuelle Anfrage, dass den Flüchtlingen "grundsätzlich die gleichen Angebote" offen stünden "wie anderen psychisch erkrankten oder traumatisierten Bürgerinnen und Bürgern". Zusätzlich bestehe "ein System ärztlicher Versorgung und sozialer Betreuung in den Einrichtungen".

Der Schönmalerei der Behörden widerspricht die Realität drastisch

Außer wiederholter Kritik von Experten, Ärzten, Psychologen- und Ärzteverbänden und anderen an absolut nicht ausreichender therapeutischen und ärztlichen Versorgung mangelt es ebenso gravierend an angemessenem "Sozialmanagement" und "sozialer Betreuung".

Über immense Personalnot in Erstaufnahmeeinrichtungen berichtete so beispielsweise das NDR-Hamburg Journal vom 13.02.2016. In den Erstaufnahmeeinrichtungen, die vom städtischen Betreiber " fördern & wohnen" betrieben werden, fehlt es an Sozialarbeitern.

Bis zum Ende des Jahres müssen 500 neue Mitarbeiter gefunden werden. Die sind aber angesichts der (politisch verursachten) Zustände, Missstände dort sicher schwerlich zu finden. Georg E. Möller von der Hamburger Initiative „Refugees Welcome Karoviertel", der die Arbeit von vielen Flüchtlingshelfern in Erstaufnahmeeinrichtungen koordiniert, bringt die Situation der dort beschäftigten Mitarbeiter im NDR auf den Punkt:

"Chronisch unterbesetzt, überfordert, schlecht bezahlt und nach 6 Monaten Dauereinsatz natürlich auch ausgemergelt."

Der Bericht untermauert das mit einigen Beispielen aus verschiedenen Hamburger Einrichtungen (und Hamburg rühmt sich oft noch damit, dass der Personalschlüssel dort im bundesweiten Vergleich sogar relativ gut wäre)- mit dem Fazit:

"Eher die Regel als die Ausnahme: Auf 600 Flüchtlinge 2 Sozialarbeiter-

laut Personalschlüssel müssten es 9 sein."

Eine Mitarbeiterin, die in mehreren Einrichtungen des städtischen Betreibers der meisten Hamburger Einrichtungen („Fördern und Wohnen") tätig ist bestätigte, dass man sich so um die Flüchtlinge kaum noch wirklich kümmern kann.

Viele Sozialarbeiter seien frustriert, weil sehr viele wichtige Anliegen der Flüchtlinge untergehen können für die einfach keine Zeit ist in Sprechstunden- viele Flüchtlinge kommen auch einfach nicht mehr dran, es gibt einfach zu wenig Sozialarbeiter.

Wie soll so Suizid- Gefahr erkannt werden? Es gibt hier sicher viele Dunkelziffern, Vieles bekommen Sozialarbeiter auch überhaupt nicht mit, die nur tagsüber in Einrichtungen sind und kaum noch einmal dazu kommen überhaupt deren Bewohner aufzusuchen in den Wohnräumen, die auch viel zu klein sind, Spannungen erzeugen - ebenso wie Monate lange Wartezeit, Perspektivlosigkeit.

Und das bei Menschen, die nach diversen Studien zu über 50 % (schwer) traumatisiert sind, ohne dass dafür Fachkräfte zur Verfügung stehen in Einrichtungen oder Sozialarbeiter und Sicherheitspersonal auch nur ansatzweise diesbezüglich fortgebildet sind, wenigstens um entsprechende Gefährdungen überhaupt zu erkennen.

Seit Jahren wird absolut unzureichende psychosoziale Versorgung für Flüchtlinge unter anderem in Hamburg von Experten, der Ärztekammer, Sozialverbänden, Sozialarbeitern, Psychologen etc. kritisiert - und all das ignorieren Verantwortliche schönfärberisch?!

Ab 18 Uhr sind zudem meistens nur noch Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes in Einrichtungen, mit nach diversen Studien über 50 % traumatisierten Flüchtlinge mit ihren Nöten, Sorgen, Traumatisierungen usw. - allein gelassen.

Und selbst schon der - aber sowieso bei Weitem nicht erfüllte- "normale" Personalschlüssel wird von Sozialverbänden, Pro Asyl und anderen als zu gering kritisiert für Menschen in dieser Lage, mit zudem nach wie vor oft menschenunwürdigen Unterkünften, Wartezeiten usw. Zumal natürlich in Hamburg, einer der reichsten Städte der Welt - bzw. in Deutschland als mit reichstes Land der Welt - weitaus mehr möglich wäre. Auch an besseren Unterkünften.

Unter anderem die Hamburger Morgenpost hatte zudem bereits am 2. 10. 2015 berichtet über

"Mitarbeiter von "Fördern und Wohnen": Brandbrief an die Stadt"

Weiter heißt es dazu dort:

"Die Notunterkünfte platzen aus allen Nähten, täglich kommen neue Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof an. Eine Situation, die nicht nur die Flüchtlinge an die Grenze der Leidensfähigkeit treibt. Die Mitarbeiter von „Fördern und Wohnen" fühlen sich allein gelassen - und kritisieren die Stadt in einem offenen Brief scharf."

Dass es zu der präkeren Flüchtlings-Situation kommen konnte, liegt, so die Flüchtlingshelfer in dem Brief, an weitreichenden Fehlern aus der Vergangenheit:

"In Hamburg fehlt ein Gesamtkonzept für die öffentliche Unterbringung von der Aufnahme bis zur Integration in Mietwohnraum" beklagen die Unterzeichner des Briefes. Auch der „radikale Abbau unserer Kapazitäten", so die Mitarbeiter, hätte zur fatalen aktuellen Lage geführt." Die sich seitdem aber kaum gebessert hat.

Wie auch, wenn Missstände immer wieder schöngeredet werden? Auch der Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz wird inzwischen nicht nur von der Opposition dort (etwa von CDU und Linken), sondern auch von vielen SPD- Anhängern für eine kaum noch „sozialdemokratische", sondern abschreckende „Flüchtlingspolitik" kritisiert.

Dass viele Flüchtlinge (u. a. die Huffington Post berichtete) inzwischen aufgrund unmenschlicher Umstände wieder aus Deutschland abreisen (- „wir wären lieber ertrunken"-) trifft nicht nur auf Berlin - wegen Umständen beim „LaGeSo" dort, sondern u. a. eben auch auf Hamburg zu.

Und bevor man wirklich zurück in den Krieg geht oder ertrinkt auf dem Weg nimmt man sich "lieber" gleich das Leben. So kann die Politik natürlich auch "Probleme" lösen. Diese Politik verrät aber die so oft zitierten Werte, die (angeblich) für das zivilisierte Europa stehen, für Menschlichkeit. Zumal nach wie vor deutsche Waffenexporte, gebilligt von SPD, CDU und CSU, selbst in heikelste Gebiete zunehmend geliefert werden und Fluchtursachen sowie unzählige Tote schaffen. Als Gipfel der Heuchelei!

Auch wenn das, was in deutschen Einrichtungen passiert so nur die Spitze des Eisberges übler Politik ist fordert eine Petition unter anderem an die Hamburger Bürgerschaft (und andere deutschen Landtage) endlich mehr „Gefährdungsbeurteilungen" für Flüchtlingseinrichtungen - deren Betreiber ja oft auch die Länder, Gemeinden, Städte selbst sind - wo Gefährdungen für Mitarbeiter (und somit indirekt Flüchtlinge) dort genauer erfasst und somit vermieden werden können.

Diese Beurteilungen sind auch gesetzlich erforderlich und könnten auch Städte und Kommunen, die zu wenig Geld vom Bund für die Einrichtungen beklagen, in deren Forderungen unterstützen. Zumal es in den Einrichtungen ja nicht nur an Sozialarbeitern, sondern auch an - wie auch viele Experten und Organisationen bemängeln - Ärzten und Therapeuten fehlt, was auch das Wohl unzähliger Menschen inklusive Kindern mit (schweren) Traumatisierungen gefährdet, bis hin zur Suizid-Gefahr.

Die Petition kritisiert dies ebenso - und fordert auch diesbezüglich schnellstmögliche Abhilfe. Die es - in ganz Deutschland - dringend bedarf! Für Flüchtlinge ist die Versorgung dortabsolut nicht ausreichend, geschweige denn "optimal". Bereits am 18.08.2015 schrieb so etwa die Ärztekammer Berlin in einer Pressemitteilung:

"Es ist offenkundig, dass neu in Berlin ankommende Flüchtlinge aufgrund fehlender Kapazitäten beim LaGeSo über Tage nicht als Asylsuchende registriert werden und bis zu ihrer Registrierung ohne ausreichende behördliche Unterstützung ausharren müssen. Dies führt aktuell zu Obdachlosigkeit und fehlender medizinischer Versorgung der zum Teil schwer traumatisierten und kranken Flüchtlinge."

"Die hygienischen Bedingungen der zumeist in örtlicher Nähe zum LaGeSo campierenden und wartenden Flüchtlinge sind prekär und beispiellos. Eine Behandlung der Asylsuchenden gemäß der EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33, die das Erkennen einer besonderen Schutzbedürftigkeit von antragstellenden Asylbewerbern verlangt, ist unter diesen Bedingungen nicht einmal mehr ansatzweise möglich."

Ähnliche Berichte und Kritiken gibt es aus ganz Deutschland, nicht zuletzt Hamburg.

Aber laut Behörden- Aussagen ist doch alles ausreichend, in Ordnung?

Auf jeden Fall sind die Zustände um das Lageso - aber auch nicht nur dort- doch schon lange absolut beschämend, eine fatale und lebensgefährliche humanitäre Katastrophe! Und dass die Verantwortlichen dafür das nicht wirklich ändern ist skandalös, zumal es natürlich zu ändern wäre.

Jan van Aken, der außenpolitische Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion, sagte am 27. 1. 16 aber der Huffington Post:

Er geht davon aus, dass die Zustände im Lageso von der Politik gewollt seien. „Es geht darum, den Ankommenden das Leben so schwer wie möglich zu machen, damit weniger Flüchtlinge nachkommen.

Und die Situation ist ja nicht nur in Berlin so, sondern zum Beispiel auch in Hamburg, einer der reichsten Städte der Welt. In der Abendzeitung war bereits im Herbst zu lesen, dass auch dort der Großteil der Flüchtlingskinder krank ist, körperlich wie auch psychisch.

Gerade auch für Kinder mangelt es jedoch an ausreichend - oder überhaupt- Hilfsangeboten. Angebote etwa im "UKE" (Universitätsklinikum), die es laut offiziellen Angaben ja gibt, sind völlig überlaufen, mit Monate langen Wartezeiten, für Betroffene natürlich viel zu lang. Angebote werden zudem oft eher über Spenden finanziert als durch, viel zu geringe, öffentliche Gelder.

Und wenn etwa in Hamburg der Sprecher der Gesundheitsbehörde im Herbst dort sagte, dass nun halt Erkältungszeit sei, die Lage in den Zelten nicht so dramatisch, trotz aller o. g. Fakten, Brandbriefen und dergleichen, ist das ja völlig verantwortungslos (zu sehen in einem Bericht, Video der Welt vom 14. 10. 15 "Kranke Flüchtlinge wollen raus aus den Zelten"- übrigens auch wegen ansonsten "Abort"-Gefahr wegen Unterkühlung). Ebenso wie die Behauptung nun, dass doch alles in Ordnung sei, alles Mögliche getan wird!

Dass "Flüchtlingen gleiche Möglichkeiten offen stehen wie Deutschen" ist heuchlerisch

Zumindest jedes fünfte Flüchtlingskind ist vermutlich traumatisiert - das ist fünfzehn Mal mehr als das derzeit bei den Kindern in Deutschland der Fall ist. Das hat am 16.9.2015 die Bundespsychotherapeutenkammer in Berlin festgestellt. Selbst wenn es für die Flüchtlingskinder gleich viele Angebote gäbe wie für Deutsche wäre das also noch lange nicht genug. Hinzu komme, dass die Flüchtlinge erst nach 15 Monaten in Deutschland ein Anrecht auf eine gesetzliche Krankenversicherung hätten. Doch da es zu wenige Psychotherapeuten gebe, würden dann noch ein bis drei Monate vergehen, bis sie einen Termin bekommen.

Zudem bestünden oft noch Verständigungsprobleme, zu deren Lösung es zu wenige Dolmetscher gebe.Die Psychotherapeutenkammer will deshalb eine Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes, damit Flüchtlinge Anspruch auf einen Sprachmittler haben, wenn dies für ihre Behandlung notwendig ist. Es ist, wie Behörden behaupten, also überhaupt nicht alles ausreichend.

Dass ein Drittel der Flüchtlingskinder aus Syrien psychisch belastet ist und ein Fünftel an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet ergab auch eine Studie von Medizinern der Technischen Universität München (TUM) in einer bayerischen Erstaufnahmeeinrichtung. Therapeutische Versorgung gibt es dort, ebenso wie in Hamburg (gerade auch für Kinder) aber nahezu gar nicht, entgegen aller offiziellen Darstellung.

Zurecht weist Julia E. Flor, Hamburger Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Psychiatrischen Ambulanz Mümmelmannsberg in der Zeit vom 22. 4. 16 nach den Suiziden der Flüchtlinge nun darauf hin, dass "Therapien kaum von den Kassen bezahlt werden. Wenn die Genehmigung dann endlich vorliegt, will oft keiner den Dolmetscher finanzieren. So kann das nicht funktionieren. Viele niedergelassene Ärzte lehnen aus diesen Gründen die Arbeit mit Flüchtlingen ab".

"Wenn wir ihnen nicht genügend Hilfe anbieten, werden mit der Zeit immer mehr von ihnen abgleiten."

Mit Schönfärberei und Heuchelei können aber nie ausreichende Konsequenzen gezogen werden. Diese sind aber dringend notwendig und aus beschriebenen Gründen nicht zuletzt auch Aifgabe der Politik.

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