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05/04/2016 16:58 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Fangesänge nur noch vom Band? Stimmungskiller DFB entmündigt Fans

Michael Dalder / Reuters

Nach dem Erfolg der englischen Nationalmannschaft in Berlin wurden auch deren Fans sehr gefeiert.

Gerade auch in Deutschland- gepaart mit Entsetzen darüber bei unzähligen Zuschauern und Medien, dass man diese etwa 4000 lautstark während des ganzen Spiels (selbst noch bei 2- 0 Führung der Deutschen) gehört hatte - im krassen Gegensatz zu über 60 000 Fans der deutschen Mannschaft.

Ein Trend, der auch schon bei Länderspielen zuvor zu sehen war, nach früher meistens weitaus besserer Stimmung.

Sicherlich genießen Fans von der Insel weltweit einen sehr guten Ruf. Bei der EM 2012 etwa stimmten irische Fans nach dem 0: 4 gegen Spanien gewaltige unterstützende Gesänge an, die den ARD-Kommentator 6 (!) Minuten dazu veranlassten nichts mehr zu sagen, als Anerkennung davon - was auch der spanische Trainer anschließend würdigte: „Die irischen Fans haben uns gezeigt, worum es im Fußball wirklich geht."

Und auch die Stimmung in englischen Stadien ist legendär ... Oder, besser gesagt: Sie war es? Denn:

Es geht nicht nur alleine um ein "deutsches Problem"

Das zeigt sogar gerade ein Blick nach England. Wo inzwischen auch zunehmend schlechte Stimmung beklagt wird, da "einfache Fans"- die aber meistens Stimmung machen- sich kaum noch den Eintritt leisten können. Viele fliegen so beispielsweise, wie neulich H. J. Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund in Interviews bestätigt hat, nach Deutschland. Wegen dort inzwischen besserer Stimmung, mit Billigflug oft immer noch billiger als der Eintritt in England (!).

Sicherlich sollten einige deutsche Fans ihre Rufe "Sieg" als höchstes der Gefühle bei Länderspielen überdenken - da das seit dem 2. Weltkrieg unschön behaftet ist. Und die Stadien in Berlin und München gelten nicht als die mit bester Stimmung.

Ansonsten gelten deutsche Stadien und die Stimmung dort weltweit aber als vorbildlich, spätestens seit dem "Sommermärchen" der WM 2006 dort, mit ja auch Wahnsinns-Stimmung in Stadien und auf Fanmeilen unter anderem in Berlin, mit oft über 1 Million Teilnehmern. Diese Bilder, diese Stimmung ging um die Welt. Auch nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 gab es unvergleichliche Bilder, Stimmung.

Aber was ist dann seither passiert?

Thomas Müller gab nach dem Länderspiel in Interviews ehrlich zu, dass bei Testspielen (wie gegen England) manchmal etwas Motivation fehlt. Und die Leistung war nach dem Gewinn der WM oft wirklich durchwachsen, auch in anderen Spielen. Bis zum 2-0 gegen England war sowohl das Ergebnis und die Leistung aber ja noch (relativ) gut, noch mehr beim 4: 1 gegen Italien. Woran lag es dann?

Auch bei Länderspielen zuvor war die Stimmung zunehmend schlechter, unter anderem auch in - eher als Stimmungshochburg bekanntem - Köln. Der DFB- Manager Oliver Bierhoff meinte dort anschließend:

"Das kam für uns auch überraschend, dass es in Köln nicht voll wird."

Wirklich? Ja, in der Tat gab es so etwas früher kaum. Und selbst der absolute "Klassiker" gegen Italien war nun nicht mehr ausverkauft. In München - wo es für Spiele des FC Bayern auf zig Monate, Jahre hinaus kaum Karten zu bekommen gibt (und dort wurden Tore am lautesten auch nur vom Band bejubelt). Aber den Weltmeister, Deutschland, will man dort nicht sehen?

Während früher selbst gegen kleinste Gegner Spiele ausverkauft waren ... Wird man sich beim DFB auch darüber wieder wundern?

Scheinheilige DFB-Diskussion

nennt das der Focus vom 28.03.2016. Und weist darauf hin, dass es auch in Köln wegen der (zu) hohen Kartenpreise nicht ausverkauft war. Weiter ist dort zu lesen:

"Die Ticketpreise (in Berlin zwischen 25 und 100 Euro, München noch mehr) sind gesalzen, der Stadionbesuch wird für den Fan zum durchgestylten Erlebnis inszeniert. Inklusive peinlich genauer Anleitung, wie man bei der Choreographie vor Spielbeginn vorzugehen hat".

Dieses peinliche Bild ging durch die (WWW-) Welt: Zuschauer wurden aufgefordert, eine bestimmte Choreografie zum bestimmten Zeitpunkt, direkt vor dem Spiel, zu machen. Eine Beleidigung für engagierte Fans - die sich das aber auch eher am Fernsehen anschauten, denn die Preise für solche (Test-)Spiele, wo oft nur mit halber Kraft und Stammmannschaft gespielt wird, sind wirklich horrend.

Das ist zwar - siehe England- kein rein deutsches Problem. Nur sollte man beim DFB eben nicht nur symbolisch die Fans als "12.Mann" bezeichnen, sondern diese auch wirklich so würdigen!

Das macht der Weltmeister, der das ohne seine Fans kaum geworden wäre, alleine durch abschreckende Preise schon kaum noch. Auch ansonsten geht es eher um Vermarktung (und wohin die Gewinne davon fließen ist ja spätestens seit FIFA- und "Sommermärchen"- Skandalen ein Thema für sich).

Im Focus heißt es dazu: "Und die Strategie von BWL-Absolvent und DFB-Teammanager Oliver Bierhoff geht auf. Lagen die Marketingeinnahmen 2002 noch bei 15 Millionen Euro, konnte der DFB diesen Wert bis 2014 vervierfachen. Tendenz stark steigend.

Im aktuellen Preiskampf der Sportartikelhersteller Adidas und Nike um das DFB-Trikot kann der DFB riesige Summen aufrufen: Bis zu 85 Millionen Euro jährlich soll der Name auf dem deutschen Trikot wert sein".

Wenn das schon alles so sein muss (?) - warum werden dann nicht einfach Eintrittspreise gesenkt?

Das Argument von Vereinen, dass man ja viel Geld braucht um teure Stars zu verpflichten - was zudem auch fragwürdig ist- gibt es ja beim DFB nicht. Wenn sowieso durch Trikotverkauf und dergleichen schon so viel - ja auch von Fans - eingenommen wird, kann man ja wenigstens den Eintrittspreis deutlich senken. Zumal Studien beweisen, dass lautstarke Unterstützung der Fans (verständlicherweise) natürlich auch der Mannschaft hilft erfolgreich(er) zu sein. Also auch aus "marktwirtschaftlichen" Gründen sollte man schauen, dass das "Premiumprodukt" Nationalmannschaft erfolgreich bleibt, durch möglichen Support der Fans. Die zudem sowieso schon viel auf sich nehmen, um - trotz auch Angst vor möglichen Anschlägen - ins Stadion zu kommen, Geld zu zahlen ...

Derzeit geht der Trend aber ins Gegenteil

Dazu heißt es im Focus:

"Der DFB züchtet sich seine Event-Fans. Zur Europameisterschaft dürfen auch nur Anhänger, die sich zuvor dem Nationalmannschafts-Fanclub ("powered by Coca Cola") angeschlossen haben. Gebührenpflichtig, nur dann hat man eine Chance auf Tickets vom DFB. Gegen die Praxis ermittelt mittlerweile das Bundeskartellamt".

Und, tatsächlich:

Dass die Marketing-wirksame Inszenierung zwar für klingelnde Kassen, keineswegs aber automatisch für eine Fußball-Atmosphäre à la Dortmunder Südtribüne sorgt, kann eigentlich niemanden verwundern

.

Wohin geht es in der Zukunft? Richtung Fankultur oder "Fanroboter"?

Unter anderem das Magazin "11Freunde" (vom 30.07.2014) hat vom südkoreanischen Baseball berichtet, der Mannschaft namens "Hanwha Eagles" dort. Die in den vergangen fünf Jahren 400 (!) Spiele verloren hatte. Die Zuschauer blieben verständlicherweise weg oder zunehmend ruhig. In ihrer Verzweiflung setzen die Vereinsbosse zuletzt auf Roboter, die Fans simulierten und die Stimmung anheizten. Sogar erfolgreich! Na dann ... Diese "geklonten Fans" machen Stimmung, keinen Ärger, können sicher auch Werbung machen - perfekt, oder?

"11Freunde" bemerkte dazu ironisch, zynisch:

"Diese Fan-Roboter sind tatsächlich in der Lage, zu singen, zu klatschen und bei Bedarf eine Lola zu starten. Etwas enttäuschend: Die Roboter sind weder in der Lage, ungefragt taktische Weisheiten zu verbreiten, sich zu betrinken, in einem Anflug von Nächstenliebe Bier mitzubringen oder in mit einer spontanen Busblockade den Rauswurf des Trainers zu fordern. Dafür können interessierte Fans ihr Konterfei ins gläserne Gesichtsgehäuse des technologisierten Anhangs hochladen".

Leider ist das auch nicht nur ein utopischer Gedanke, Witz: Wie dort auch zu lesen war hat im Zuge der (schließlich nicht erfolgreichen) Bewerbung als Fußball- WM-Gastgeber 2022 etwa Japan sogar eine Holografie-Technologie demonstriert, die es angeblich erlaubt, komplette Spiele in verschiedenen Stadien gleichzeitig zu verfolgen.

"Die Zukunft wird ein großer Spaß" schreibt "11Freunde" dazu als süfisantes Fazit.

Und "Fangesang" sollte man technisch dann ja auch noch irgendwie simulieren können, oder?

Oder sollte man doch lieber wieder mit "volkstümlicheren" Preisen und Modalitäten punkten, damit auch

vermeiden noch mehr die Seele des Fußballs, seine Fans, zu verkaufen?

Hier kann man durchaus auch von England lernen, wo aus Protest gegen den "Seelenverkauf" , überteuerte Tickets, etwa ehemalige Fans des Rekordmeisters Manchester United nun einen neuen Klub, das "echte" United, gegründet haben.

Oder wo neulich Fans des FC Liverpool, unterstützt von dessen neuen deutschen Trainer Jürgen Klopp, die weitere Erhöhung der Ticketpreise verhindern konnten, durch vielfältige Proteste. Ähnliche Bestrebungen vielfältiger Art gibt es nun auch in Deutschland, von Fans mehrerer Klubs.

So berichtete etwa der Spiegel am 19. 2. 2016 (mit dem Titel "Fanproteste in der Bundesliga: Rebellion der Basis") von "Köln-Anhänger boykottieren das Rhein-Derby, weil der DFB ihnen weniger Karten zuteilt. Dortmund-Fans werfen Tennisbälle aus Protest gegen hohe Preise".

Diese Proteste sollten auch vor (Stadien-) Türen des DFB nicht Halt machen. Denn natürlich können auch Nationalspieler besser spielen, wenn sie von Fans mehr unterstützt werden. Dazu müssen aber auch die Fans unterstützt werden, unter anderem mit bezahlbaren Eintrittspreisen. Davon wird sicher weder der DFB noch irgendein Nationalspieler arm werden. Aber wenn die Unterstützung der Fans weiterhin nur so schwach sein kann wird die Nationalmannschaft künftig kaum noch so erfolgreich, vermarktbar sein.

Selbst wenn man so denkt sollte man beim DFB also wirklich bald um-denken!

Und im Sinne des Sports, Fußballs, der Fans natürlich sowieso.

Zumal auch Fußballfans kein seelenloses Roboter-ähnliches "Klatschvieh" (oder "Stimmvieh"), sondern mündige Bürger sind

Und bekanntlich lebt gerade auch der Fußball von Emotionen - und seinen Fans. Dass immer wieder Kritik am DFB zu hören ist, dass Gespräche mit Fan-Vertretern, deren Anliegen nicht ernst genug genommen werden ist deshalb völlig inakzeptabel. Vieles wurde einfach mit Hinweis auf "Sicherheitserfordernisse" abgebügelt, ohne Diskussionen weiter zuzulassen - und Fans indirekt damit zu unterstellen, dass ihnen Sicherheit nicht wichtig wäre. Diese Fans sollten sich auch nicht weiter so behandeln lassen, "entmündigt" zunehmend schweigsam werden, sondern auch eine Demokratisierung des DFB fördern und fordern, der als e. V. (eingetragener Verein) als Dachverband von 26 Fußballverbänden mit mehr als 25.000 Fußballvereinen von deren Mitgliedern lebt - die sich auch ihrer Macht bewusster werden sollten. Zumal auch laut dem genannten Spiegel- Artikel gilt "Es ist kein Zufall, dass Fans in Deutschland zunehmend für ihre Rechte einstehen. In kaum einem anderen Land Europas ist der aktive Teil des Anhangs so gut organisiert". Das sollte dann aber auch mehr genutzt werden, inklusive Mobilisierung des bisher passiveren Teils der Fans.

Skepsis ist dabei nach bisherigen Erfahrungen sicher angebracht,

wie etwa im Spiegel vom 16.03.2016 zu lesen: "Fanthemen und der DFB - das passte in der Vergangenheit selten zusammen. Jetzt wird ein neuer Annäherungsversuch unter dem Dach der DFL genommen. Die Fans bleiben skeptisch, denn das letzte Wort hat nach wie vor der DFB".

Zitiert wird dort auch der "Pro Fans"-Sprecher Sig Zelt: "Der Vorschlag der DFL hat keinen Sinn, wenn es nur bei diesen Federstrichen bleibt und der DFB als Kommissionsleiter keinen ernsthaften Willen zeigt, nachhaltig etwas verändern zu wollen." Das muss der DFB aber natürlich tun, wenn man ihm weiter abkaufen soll, dass ihm die Fans und Fankultur wirklich wichtig sind - und nicht nur kommerzielle Interessen.

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