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14/12/2015 06:15 CET | Aktualisiert 14/12/2016 06:12 CET

Heuchler- Gipfel: Es geht nicht um Religion, Rettung von Flüchtlingen oder Klima - sondern um Rohstoff-Krieg!

OttoMalo via Getty Images

Paris ist derzeit wirklich im Mittelpunkt des weltweiten öffentlichen Interesses: Zuerst der Terror dort, dann der dort erklärte "Krieg" dagegen - und nun der Klimagipfel in der französischen Hauptstadt.

In unzähligen Berichten über all das ist leider kaum Folgendes zu finden, das aber auch von größter Bedeutung ist - und zeigt, dass Vieles weitaus mehr miteinander zu tun hat, als man denkt.

In einer Veranstaltung, zu der das "Hamburger Forum" sowie "Attac Hamburg" mit Unterstützung u. a. der GEW Hamburg eingeladen hatten war ein diesbezüglich sehr interessanter Vortrag zu hören - mit dem Thema:

Fluchtursache: Kriege um Energie?

Ein energiewirtschaftlicher Blick auf weltweite Krisen, Konlikte und Kriege

Die Informations- und Diskussionsveranstaltung mit Henrik Paulitz von der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW) fand am 24. November 2015 im Hamburger Curio-Haus statt.

Im Einladungs - Text dazu war unter anderem zu lesen:

Weltweit treiben Kriege Menschen zur Flucht. Länder wie Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen oder Syrien wurden durch die Kriege der USA und ihrer Verbündeten verwüstet, hunderttausende Menschen getötet und die Lebensgrundlagen der Überlebenden zerstört.

Von den Medien wird verbreitet in diesen Kriegen ginge es um Demokratie, Menschenrechte oder den Kampf gegen Terrorismus. Henrik Paulitz wirft einen anderen Blick auf das Kriegsgeschehen und wird folgenden Fragen nachgehen:

# Was geschieht in den Kriegsregionen im Energiebereich?

# Sind Staaten, Ethnien und Religionen die wirklichen Verursacher von Konlikten und Kriegen?

Werden diese instrumentalisiert, um Kriege herbeizuführen, mit denen wirtschaftliche Ziele durchgesetzt werden?

# Bietet mehr Energieautonomie perspektivisch einen Ausweg aus den ständigen Krisen und Kriegen? Sind Erneuerbare Energien ein „Friedensgebot"? Oder spielen Energieressourcen nur eine untergeordnete Rolle in aktuellen und künftigen Kriegen?

Weiterhin wurde dann dort ausgeführt:

In der NATO-Doktrin lautet der zentrale Begriff zur Bestimmung neuer Kriegsziele und Kriegsgründe „Versorgungssicherheit". Konventionelle Energieträger sind die derzeit wichtigsten strategischen Ressourcen zur Aufrechterhaltung der Industriegesellschaften und ihres Wachstumsmodells. Die Entwicklungen in der Ukraine demonstrieren, wie die global eng verlochtene Energiewirtschaft die Souveränität von Staaten beeinträchtigt und Krisen bis hin zu Kriegen provoziert.

H. Paulitz zeigte dabei auf, dass auch in weiteren Ländern, wie aktuell in Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens, sowie in Mali, im Sudan oder in Lateinamerika ähnliche Interessen verfolgt werden. Auch die Geschehnisse in Griechenland lassen sich vor einem energiewirtschaftlichen Hintergrund erörtern.

Nicht zuletzt wurde dort dann noch darauf hingewiesen, dass

Mit dieser Analyse und dem Fokus auf den Machenschaften der (Energie-) Konzerne kommt man Dingen auf die Spur, die man nicht wahrnimmt, wenn man den Blick nur auf Staaten, Einlusssphären, Ethnien und Religionen richtet

In der Tat! Zumal ja auch andere Kriege "im Namen der Freiheit, Menschlichkeit, Frieden" usw. in Afghanistan, Irak oder auch Vietnam usw. nicht zuletzt - oder vor allem - aus (macht-) politischen, strategischen, ökonomisch - politischen Interessen geführt wurden. Sowohl von Seiten der Sowjetunion / Russland oder der USA aus als auch von Staaten in Europa.

"Terrorfürsten" wie Bin Laden wurden dabei z. B. von den USA bekanntlich erst hoch gezüchtet bzw. - je nach Bedarf - bekämpft. Je nachdem, wo gerade z. B. Öl oder andere sehr wichtige Rohstoffe entdeckt wurden hatte man dann auch - erst- die bösen Talibans, Islamisten oder wen auch immer entdeckt. Die dann in Bündnissen ( z. B. auch der NATO) mit Ländern bekämpft wurden, deren Herrscher zumindest kaum besser waren.

Auch Deutschland hat bekanntlich Bündnispartner, die sich entweder selbst alles andere als mit Ruhm bekleckerten (wie die USA in Vietnam, im Irak usw. oder die Türkei, mit auch zunehmend weniger Meinungsfreiheit dort) und von Friedensaktivisten auf der ganzen Welt oft als Kriegstreiber bezeichnet werden, oder die selbst "Terrorfürsten" sind.

Und da ist der Trend ja nicht gerade positiv - wie auch der Grünen-Politiker Anton Hofreiter neulich in seiner Bundestagsrede kritisierte, in der er der Bundesregierung vorwarf Saudi Arabien zu fördern - einen Staat, der Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat (IS) in fast nichts nachsteht.

Wenn es wirklich um Kampf gegen den Terror und für Frieden, Freiheit und Menschenrechte ginge - wie kann man dann Saudi Arabien oder die Türkei fördern? Und wie kann man selbst immer wieder, nach wie vor, brutalste Fluchtursachen erzeugen?

Waffenexporte "made in Germany", selbst in sehr heikle Gebiete, haben im letzten Jahr ja sogar nochmals drastisch zugenommen - sogar nach offiziellen Berichten.

Ginge es den Regierenden wirklich um die Rettung der Welt dürfte dies ja auch nicht sein - denn damit wird natürlich der Frieden auf der Welt bedroht. Außerdem wird ja auch unter anderem von UNICEF immer wieder betont, dass schon ein Bruchteil der weltweiten Rüstungsausgaben, anders genutzt, ermöglichen würde, dass kein Kind auf der Welt mehr hungern müsste oder Bildung und gesunder Umwelt - und damit bessere Zukunftschancen - entbehren.

Schuld an alldem sind aber nicht nur extreme "islamistische" Radikale in weit entfernten Kalifaten - sondern führende Vertreter der SPD und CDU, die wahre christliche, soziale und demokratische Ideale genauso verraten wie "Islamisten" die Ideale friedliebender Muslime!

Völlig zurecht war dazu schon in einem Tagesthemen - Kommentar (am 25. August 2015) von G. Restle, Monitor/ARD zu hören:

Aber wir sollten uns nicht täuschen: Klar, die rechtsextremen Gewalttäter und ihre brav-biederen Unterstützer sind eine Schande für dieses Land.

Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft.

Ja, in der Tat. Und er nennt auch einige Beispiele, wie

im Kosovo, wo auch diese Bundesregierung ihr Versprechen gebrochen hat, dem Land nach dem Krieg wieder auf die Beine zu helfen und stattdessen ein hochkorruptes Regime unterstützt, das die Menschen in die Flucht treibt.

Oder , wie er auch anführt - und auch das ist nun ja noch aktueller:

Zum Beispiel in Syrien, wo diese Bundesregierung die Politik eines türkischen Präsidenten unterstützt, der islamistische Mörderbanden mit Waffen versorgt. Mörderbanden, vor denen hunderttausende nach Europa fliehen.

Oder Afrika, wo der deutsche Außenminister einen Pakt mit den schlimmsten Despoten des Kontinents schließen will. Einen Pakt, der verhindern soll, dass politisch Verfolgte ihr Land verlassen können und sie stattdessen ihren Verfolgern ausliefert.

Und Herr Restle schlussfolgerte dort:

Diese Politik ist eine Schande für dieses Land. Daran müsste etwas geändert werden. Mit kernigen Parolen allein ist jedenfalls niemandem geholfen.

In der Tat!

Und solche Politik trifft auch Angehöriger aller Religionen, wie bereits beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung vom 7. April 2015 angedeutet wurde:

Dabei sind ja längst nicht nur Christen die Opfer der Auseinandersetzungen. In Syrien und im Irak sterben genauso Muslime, weil sie von den Kämpfern als Glaubensverräter gesehen werden. Wer Christenverfolgung als Kampfbegriff nutzt, übersieht, dass in China Muslime viel stärker als Christen verfolgt werden oder dass, gemessen an der Zahl der Gläubigen, die friedfertigen Bahai die am stärksten verfolgte Glaubensgemeinschaft sind, ohne dass es im Westen einen Aufschrei gäbe; der verschleiert, dass auch Christen Täter sind und waren, in Srebrenica wie in Afrika. Er verneint die Mitverantwortung des Westens an vielen Konflikten, bis hin zur verfehlten Irak-Politik des US-Präsidenten George W. Bush.

Und erst seitdem viele z. B. islamischen Länder wegen Öl und anderem für den Westen interessanter wurden, interessieren sich Regierungen in den USA und Europa für die bösen islamistischen Führer, die man je nach Bedarf aber ja sogar unterstützte oder (teilweise) bekämpft- zumindest mehr aus eigenen Interessen als um Menschen helfen zu wollen. Unvergessen sind so ja beispielsweise die Bilder von US-Soldaten, die Kraftwerke in "befreiten" Ländern sicherten - für US- Interessen. Dass nicht weit davon entfernt Zivilisten nach wie vor ermordet wurden spielte keine große Rolle, der Auftrag der Truppen war offensichtlich ein anderer, entsprechend der o. g. NATO-Doktrin: „Versorgungssicherheit".

Aber eben nicht die Versorgung bzw. die Sicherheit der Einheimischen, sondern die der Angreifenden!

Im Interesse einer großen Lobby, von Banken und Unternehmern - die auch unterschiedlichen Religionen angehören. Diese - oder auch "save the nature" oder das "gemeine Volk" bzw. Flüchtlinge spielen dabei nur untergeordnete Rollen, sind Mittel zum Zweck oder Begleiterscheinungen.

Zumal in der Tat ja nicht nur Europäer und Christen Opfer von Terrorakten sind, sondern nicht zuletzt auch Muslime. Und Menschen vor allem auf anderen Kontinenten, beispielsweise auch in Ländern wie Syrien, wo inzwischen ja sogar einige Millionen vom "alltäglichem Terror" betroffen sind.

Hier muss sich auch mehr Protest entwickeln innerhalb der CDU, CSU, SPD und auch wieder mehr - zu "GroKo- Zeiten" - auch darüber hinaus, auch als außerparlamentarische Opposition, z. B. mit (Massen-) Protesten gegen o. g. Politik, Waffenexporten usw. - auch mehr von Gewerkschaften, Kirchen (christlichen und muslimischen, jüdischen etc.), Friedensbewegungen, ....

Lichterketten und dergleichen für die Opfer von Terror sind natürlich auch ein gutes Zeichen, aber es müssen auch (wieder) viel mehr Zeichen gegen o. g. Politik gesetzt werden, die auch wirklich den Weltfrieden gefährdet.

Und da liegt auch noch Vieles im Dunklen, wie z. B. in einem Zeit- Artikel vom 17. 11. 15 zu lesen:

Deutschland macht gute Waffengeschäfte mit arabischen Staaten - trotz aller Beteuerungen des Bundeswirtschaftsministers.

Dazu kommen noch - wie es ein Artikel in der Welt vom 19.10.15 nennt

Die größten Heucheleien in der Flüchtlingspolitik

- wo es weiter unter anderem heißt :

Bundeskanzlerin Merkel sagt, man könne die deutsche Grenze nicht sichern, zahlt aber der Türkei Geld, damit die ihre Grenze sperrt. Scheinheiliger geht's kaum noch
.

Als Folge der damit verbundenen Zusammenarbeit wird dort unter anderem noch beschrieben:

Vor allem aber wird der türkische Präsident seine Politik gegenüber den Kurden fortsetzen; wenn es ihm nötig erscheint, wird er sie sogar verschärfen: Wem es unter den dann Geschlagenen und Getriebenen in Erdogans Türkei nicht passt, der soll doch nach drüben gehen! - sprich: der kann künftig ohne Probleme sofort in die Europäische Union und damit nach Deutschland reisen. Kurzum, der türkische Präsident wird die Wende der europäischen Politik als Carte blanche begreifen. Noch entschlossener als bisher wird er innen- und außenpolitisch so verfahren, wie es ihm beliebt. Schließlich ist die Türkei bald auch offiziell ein sicheres Herkunftsland.

Natürlich - und auch vorbildlich im Kampf für Menschenrechte, Pressefreiheit ( und Umweltschutz)?

Sicher. Nachdem dieses Jahr CDU - Mitglieder Frau Merkel für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen haben könnte ja dann auch nächstes Jahr Herr Erdogan vorgeschlagen werden ...

Last, but not least, sind Deutschland und die Türkei beim Umweltschutz aber auf einer - negativen - Wellenlänge (und auch hier wird die Heuchelei der Bundesregierung, sich als "Moralapostel" darzustellen in der Praxis extrem entlarvt). So heißt es etwa in einem Bericht über einen internationalen Nachhaltigkeitscheck auf n-tv (vom 08. September 2015) - wo es übrigens auch dazu heißt "am schlechtesten schnitten Griechenland, Chile, Ungarn, die Türkei und Mexiko ab":

Deutschland fällt beim Umweltschutz durch

Industriestaaten treten gegenüber den Entwicklungsländern oft als Schulmeister in Sachen Nachhaltigkeit auf. Laut einer Studie ist das kaum berechtigt. Deutschland ist zwar besonders sicher, schneidet aber ausgerechnet bei wichtigen Öko-Kriterien schlecht ab.

Apropos: Die Süddeutsche Zeitung vom 30. 11. 15 berichtet, unter dem Titel "Das Weltklima im Ausnahmezustand":

Ein internationales Künstler-Kollektiv kapert in Paris Werbeflächen, um die Klimakonferenz als große Heuchelei zu entlarven.

Damit wollen sie, wie auch dort zu lesen,

auf den rücksichtslosen Umgang mit der Umwelt seitens großer Konzerne und Politiker aufmerksam machen

Und, das bringt auch das wohl dort gut auf den Punkt,

Neben Air France gehören auch der Chemiekonzern Dow Chemicals und der Energieversorger GDF Suez zu den offiziellen Sponsoren der Klimakonferenz. "Damit inszenieren sich die größten Umweltsünder als Lösung, obwohl sie Teil des Problems sind", sagt Joe Elan von "Brandalism".

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