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30/12/2015 14:10 CET | Aktualisiert 30/12/2016 06:12 CET

Häusliche Gewalt gegen Männer: Ein Tabuthema mit fatalen Folgen

Thinkstock

Zum Jahreswechsel, unter anderem zur Weihnachtszeit, gibt es in vielen Familien und Partnerschaften, Beziehungen viel Stress. Unter anderem wegen dieser ja sowieso oft stressigen Zeit, manchmal auch überhöhten und enttäuschten Erwartungen an "das Fest der Liebe" (bzw. Familie), trübem Wetter oder warum auch immer.

Gut jedenfalls, dass in diese Jahreszeit inzwischen auch der Internationale Aktionstag "Nein zu Gewalt an Frauen" fällt. Jährlich organisieren dann u. a. Frauenprojekte, Gewerkschaften, Parteien, Vereine, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte um den 25. November viele Veranstaltungen, Öffentlichkeitskampagnen und mehr. Eine sicher gute - und nötige - Sache für

leider nach wie vor unzählige betroffene Frauen (und Kinder)!

Denn natürlich ist diese Gewalt zu verurteilen (und auch juristisch gesehen eine Straftat). Aus Scham oder Angst scheuen aber immer noch viele Frauen eine Anzeige bzw. sich überhaupt rechtzeitig Hilfe zu suchen. Die o. g. Veranstaltungen und Kampagnen dienen deshalb auch zur weiteren Sensibilisierung und Motivierung u. a. auch von nachbarschaftlicher Aufmerksamkeit.

Neulich las ich in einer Zeitung einen Leserbrief, der das auch sehr begrüßt, aber auch angeregt hat, dass man nicht die männlichen Opfer von Gewalt vergessen soll (auch die in Familien und Beziehungen).

Leider kam danach nur ein Kommentar dazu: "Welcher Mann lässt sich denn bitte von einer Frau schlagen? Weicheier!". Ist das nur eine dumme Einzelmeinung? Leider nicht ... Gewalt gegen Frauen ist zum Glück, endlich, kein (großes)Tabuthema mehr. Aber Gewalt gegen Männer?

Ein großes Tabuthema: (Auch häusliche) Gewalt gegen Männer

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (vom 5.9.2012) sagte beispielsweise der Berliner Polizeisprecher Tönnjes dazu:

Männer werden als Opfer nicht ernst genommen. Ein Mann, der sich meldet, weil er grün und blau geschlagen wurde, dem glaubt man nicht. Die Gesellschaft kann es sich nicht vorstellen, also gibt es das auch nicht

Und z.B. auch die ZEIT kam nach einigen, dort zitierten, anerkannten wissenschaftlichen Studien bereits am 8.3. 009 zu dem Fazit:

Männer sind Täter, Frauen Opfer. Dieses Klischee stimmt nicht mehr. Auch Frauen üben Gewalt aus. Die Bereitschaft, darüber zu reden, ist allerdings immer noch gering

Das gilt in der Gesellschaft, aber auch bei vielen Betroffenen.

Dabei gibt es - ähnlich wie bei Frauen - brutale Zahlen und Schicksale:

Männer sind u. a. nach dem Gender Datenreport des Bundesfamilienministeriums von körperlicher Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen wohl quantitativ in annähernd gleichem Ausmaß wie Frauen betroffen (und zudem ja auch noch oft von anderer Gewalt, Missbrauch usw.).

Und ähnlich wie bei Frauen sind Dunkelziffern zudem sicher sehr hoch.

Zumal bei Männern (besonders) wenig darüber geredet wird, auch dem traditionellen männlichen „Selbstbild" (bzw. dem gesellschaftlichen) widersprechend:

Immer noch, zumindest etwa der starke Cowboy, den auch Schlimmes nur noch härter machen kann (was einen nicht umbringt ... So etwas in sich hineinzufressen kann aber umbringen, in den Suizid treiben oder zumindest in starke psychosomatische und andere Probleme).

Vor allem auch gegenüber Frauen besteht Scham - die aber heute oft Beratungen für Gewaltopfer leiten. Beim Berliner "Opferhilfe e.V" melden sich z.B. nur etwa fünf bis zehn männliche Opfer häuslicher Gewalt pro Jahr.

Zahlen der Kriminalstatistik entsprechend müssten es aber etwa 1750 sein. Wie z.B. die Kriminalstatistik 2011 belegte, geht immer mehr auch häusliche Gewalt von Frauen aus, Tendenz steigend.

Fast jeder 4. Tatverdächtige war weiblich.

Auch nach einer Studie der Bundesregierung des BMFSFJ ("Gewalt gegen Männer") erfuhren bereits 23% der dort untersuchten Männer körperliche Auseinandersetzungen oder sexualisierte Gewalt in Partnerschaften; 9% schon 4x oder öfters. Wie auch dort zu lesen ist, sind aber "Dunkelziffern" wahrscheinlich viel höher.

Männer werden auch kaum seltener oder weniger schwer verletzt von ihren Partnerinnen

Das war z.B. auch schon in einem Gutachten des Bundestags-Rechtsausschuss von Universitätsprofessor Bock bereits vor vielen Jahren zu lesen. Wie gegenwärtig auch (aber nicht nur) z.B. in Berlin oft berichtet, bedarf es bis vier trainierte männliche Polizisten auch für eine sehr aggressive Frau, z.B. unter Alkoholeinfluss.

Und auch im häuslichen Alltag werden starke Männer verprügelt, mit z.B. Pfannen oder Messer beworfen, geschlagen, auf diverse Arten psychisch gequält bzw. misshandelt (wie z. B. auch die ZEIT vom 8.3.2009 mit Beispielen und wissenschaftlichen Untersuchungen belegt.

Mit dem bereits genannten Fazit: "Männer sind Täter, Frauen Opfer. Dieses Klischee stimmt nicht mehr. Auch Frauen üben Gewalt aus. Die Bereitschaft, darüber zu reden, ist allerdings immer noch gering".

Unter anderem auch wenn sich das in letzter Zeit wohl etwas gebessert hat aufgrund von Reaktionen, die betroffene Männer oft erleben müssen.

Das bestätigte z.B. auch der Leipziger Strafrechtsprofessor und Kriminologe Hendrik Schneider in der Sächsischen Zeitung vom 3. September 2011. Demnach haben z.B. "Polizisten bei Untersuchungen über Einsätze bei häuslicher Gewalt gesagt:

Natürlich nehmen wir erst mal den Mann mit, wenn wir Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt ergreifen sollen

Berechtigterweise ergänzt H. Schneider dort dazu:

Viele sagen, dass das Diskriminierung im Sinne einer Voreinstellung über gesellschaftliche Rollenstereotype ist

Obwohl ja auch oft die Männer die Opfer sind - und auch z.B. nach einer großen (DEGS-) Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland

Frauen ihrem Partner gegenüber auch öfter gewalttätiger werden

(zitiert z.B. im Spiegel vom 28.5.2013) .

Auch dort wird der Bedarf für mehr Angebote für männliche Opfer betont.

Und auch z.B. das österreichische Bundesministerium resümierte im Rahmen des „Gewaltberichtes" 2011, dass

die meisten empirischen Untersuchungen insgesamt ungefähr gleich große Raten der Gewaltanwendung von Frauen und Männern in Lebensgemeinschaften und bei nicht zusammen lebenden Paaren nachweisen

Auch eine Studie des renommierten deutschen Robert-Koch-Instituts zu körperlichen und psychischen Gewalterfahrungen bei Männern und Frauen (2013) kam zu dem Schluss, dass z.B.

bei unter 30 bis 44jährigen die Zahl der körperlich gewalttätigen Frauen (5,2 %) mehr als doppelt so hoch wie die der Männer (2,4 %) ist

.

Das betrifft natürlich auch nicht nur „Weicheier"

Als solche fühlen sich (gerade auch männliche) Betroffene leider auch selbst oft, reden deshalb nicht darüber, zumal wenn man Kommentare wie den oben liest ...

Männer reden selten darüber, wehren sich kaum, eben auch weil „man Frauen nicht schlägt".

Ja aber natürlich muss auch betroffenen Männern und Frauen (professionell) geholfen werden damit richtig umzugehen, Auswege zu finden, oft auch aus eskalierender, gegenseitiger Gewalt, Konflikten, hochgekochten Emotionen, auch solchen, die Männer (mit) gestartet haben (mit dann oft noch Selbstvorwürfen dafür, was reden darüber noch weiter erschwert).

"Frauen schlägt man nicht" - das stimmt natürlich. Aber Männer natürlich auch nicht!

Laut Peter Thiel vom Berliner Männerhaus in einem Interview mit der SH.Z im Oktober 2012 liegt alleine in Berlin der Bedarf bei

"rund 1000 Fällen im Jahr, in denen Situationen derart eskalieren, dass es für die Männer richtig gefährlich wird"

Das Männerhaus dort ist ähnlich wie das einzige andere deutsche in Oldenburg, völlig überlaufen und zeigt so auch in der Praxis

enormen Bedarf an mehr Angeboten für betroffene Männer

Leider bekommen diese Häuser - im Gegensatz etwa zum Schweizer "Männerhaus" - keinerlei öffentliche Förderung. Etwa 400 in der Regel geförderten Frauenhäusern in Deutschland stehen so bisher z.B. auch nur zwei Männerhäuser entgegen (ohne Förderung).

Mehrere Petitionen an den Deutschen Bundestag und alle Landtage fordern inzwischen seit Jahren, dass außer Frauenhäuser - wo es auch oft noch an Unterstützungen mangelt, z.B. nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums (2012) wurden jährlich ca. 9000 Frauen nicht in Frauenhäuser gelassen, weil diese überfüllt waren - endlich mehr Angebote für Männer (und männliche Jugendliche) gefördert werden.

Auch der Soziologe L. Jungnitz, der an der Pilotstudie Gewalt gegen Männer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mitgearbeitet hat, spricht sich für Männerhaus-Einrichtungen aus, sagte dazu

Das würde das Problem endlich sichtbarer machen und enttabuisieren

Dafür und auch bezüglich der weiteren Entwicklung von „Männerhäusern" bzw. „Frauenhäuser" finde ich zudem auch die Anregung des Soziologen Gerhard Amendt sehr diskussionswert, der statt nur Frauenhäusern (und Männerhäusern) „Familienhäuser" vorschlägt, in denen auch nicht nur von häuslicher Gewalt Betroffene jeden Geschlechts Zuflucht finden, sondern die auch eine professionelle familienorientierte Aufarbeitung der Geschehnisse und ihrer Hintergründe durch alle Beteiligten ermöglichen.

Und auch vorbeugende Maßnahmen, Handlungsalternativen, denn Gewalt von Männern betrifft ja auch Frauen (und umgekehrt) und viel zu oft auch Kinder. Jedenfalls bedarf es aber mehr niederschwellige Angebote auch für männliche Opfer von Gewalt. Ebenso wie für Kinder und Frauen - und dies auch jeweils für jegliche sexuelle Orientierung sowie (mehr) interkulturell.

Dazu bedarf es aber auch noch mehr Bewusstsein dafür, dass eben auch Gewalt gegen Männer ernster genommen werden muss! Das zeigte auch ein Experiment, das z. B. auf netmoms.de zu sehen ist, mit der Überschrift dort:

So unterschätzt ist häusliche Gewalt gegen Männer

Der Untertitel dort ist auch vielsagend:

Ein Paar streitet sich in der Öffentlichkeit. Als der Mann handgreiflich wird, schreiten die umstehenden Passanten sofort ein. Was passiert jedoch, wenn die Frau gewalttätig wird? Dieses Video wird Dich schockieren.

Es wird hoffentlich zumindest aufrüttelnd sein, helfend - Männern wie dem Mann im Experiment, dem kein Mensch hilft! Alle Zuschauer lachen nur, während der Frau zuvor (mit gleicher Handgreiflichkeit des Mannes gegen sie) recht schnell geholfen wurde - und gelacht hat da keiner ...

Wenn dann auch noch bei Männern zu sehr "boys don`t cry" verankert wird - und Jungs, männliche Jugendliche, Männer, die Schmerz und Leid beklagen nach wie vor oft eher belächelt werden: Wie sollen die sich dann mehr trauen können, dass auch sie mehr über ihre Leiden reden? Und dann manchmal auch aggressiv werden, wenn sie sich nicht mehr verbal oder konstruktiv wehren können - vor allem gegen Frauen ...

Natürlich ist das nicht zu entschuldigen. Alles auf "die Männer sind schuld" abzuschieben ist aber eben auch nicht zutreffend. Und zu leugnen, dass auch von Frauen oft Gewalt ausgehen kann verhindert ja auch, dass diese Frauen auch mehr Hilfen dafür angeboten werden können.

Schön aber, dass auch Medien (vor allem) für Frauen in letzter Zeit auch darauf aufmerksam gemacht haben, dass auch von Frauen Gewalt ausgehen kann - im o. g. Video wird am Ende darauf hingewiesen, dass

40 % häuslicher Gewalt von Männern erlitten wird

Und im netmoms.de - Artikel dazu ist noch zu lesen:

Häusliche Gewalt ist ein Problem, von dem nicht nur Frauen betroffen sind. Dieses Video zeigt, dass häusliche Gewalt gegen Männer von vielen Menschen immer noch nicht ernst genommen wird. Die starke Botschaft: Gewalt ist Gewalt, egal von wem sie ausgeht.

Genau! Und weibliche und männliche Opfer sollten bitte auch von Männern und Frauen Unterstützung bekommen - und Verständnis.

Anonyme und kostenlose erste Hilfe und Rat für Betroffene bzw. Beobachter von (eventueller) Gewalt gibt ansonsten auch die Polizei bzw. Telefonseelsorge(.de) rund um die Uhr - auch an Feiertagen.

Hilfe und Unterstützung ist auf jeden Fall möglich.

Video: Emotionales Projekt: "Schlag nicht zu!" Berührendes Video wird zum Aufschrei gegen Gewalt an Kindern

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