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18/11/2015 11:46 CET | Aktualisiert 18/11/2016 06:12 CET

Wer das nicht sieht, wird Terrorismus siegen lassen

The Sydney Morning Herald via Getty Images

Ein Kollege aus Palästina hat mir einmal erzählt, warum viele seiner Landsleute sich radikalisierten:

"Sie denken, dass man uns, unser Leid sonst nicht hört auf der Welt".

Folge war dann beispielsweise das Olympia-Attentat 1972: "Das Trauma von München"-

wie es einmal im Spiegel beschrieben wurde (am 5. 9. 2007)- wo es weiter heißt:

Doch die Spiele 1972 gingen in Tod und Terror unter. Zeitzeugen erinnern sich auf SPIEGEL ONLINE an das Massaker von München - als palästinensische Terroristen die israelische Olympiamannschaft als Geiseln nahmen

Gibt es hier aber nicht auch Parallelen zu Paris, dem Terror dort?

Wenn zudem zurecht auch in einem HuffPost- Blog (vom 15. 11. 2015) von einem libanesischen Arzt zu lesen ist :

Die harte Wahrheit: Wir zählen nicht wirklich
- wo dann auch festgestellt wird, dass:

Wir können die Welt darum bitten, daran zu denken, dass Beirut genauso wichtig ist wie Paris. Wir können Facebook bitten, einen Sicherheitscheck-Button einzuführen, den wir jeden Tag benutzen können. Wir können Menschen bitten, uns wichtig zu nehmen.

Ja, aber wenn keiner zuhört - was passiert dann? Was passiert, wenn UNICEF immer wieder betont, dass ein Bruchteil der jährlichen Rüstungsausgaben weltweit reichen würde, um jedem Kind der Welt Nahrung und Bildung - also Zukunft - zu finanzieren? Und selbst eine "Sozialdemokratische" Partei in Deutschland verspricht, dass Rüstungsexporte endlich reduziert werden sollen ... die nicht viel später sogar noch stark gesteigert werden - was dann? Kommen dann nicht radikale Stimmen ins Spiel?

Wenn auch nun die Trauer und Wut über "Paris" groß sind - zum Glück - ist das natürlich gut und nötig.

Aber: Etwa die Hälfte der 23 Millionen Syrer ist auf der Flucht. Wegen Krieg und Terror, der mit in Europa verursacht wurde - auch in Frankreich und Deutschland. Wird darüber noch genug geredet, dagegen noch - bzw. endlich - etwas getan?

Professor Peter Neumann, einer der wichtigsten Terror-Experten der Welt, schilderte bei Markus Lanz (ZDF) am 17. 11. 15 auch wie Orte aussehen, aus denen vor allem Attentäter wie die von Paris stammen: Die Leute dort haben das Gefühl, dass sich keiner mehr für sie interessiert, keiner mehr sie und ihre Sorgen, Interessen, Träume, Nöte sieht.

Als Ausgegrenzte, Perspektivlose in der z. B. eben französischen oder belgischen Gesellschaft- und wenn dann endlich einmal jemand kommt, der sich vermeintlich für sie interessiert haben diese dann oft leichtes Spiel (z. B. beim Rekrutieren für den "IS" und dergleichen). Wenn Politiker in der EU, auch in Deutschland, in Quasi-Ghettos arbeits- und damit perspektivlose Jugendliche radikalisieren lassen, von Rechtsradikalen oder dem IS - mit brutalen Folgen weltweit, zig Millionen Opfern, ist das mehr als bedenklich. Zumal die Opfer größtenteils außerhalb Europas zu finden sind. Aber:

Wie oft sind in der Tat auch das Brandenburger Tor, der Eiffelturm usw. auch in lybischen Farben angestrahlt, wird die lybische oder syrische Hymne gesungen? Wie oft wird derzeit noch gegen Rüstungsexporte in heikelste Gebiete demonstriert, protestiert?

"Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik"

- wie es Georg Restle (Monitor, ARD) bereits am 25.08.2015 nannte.

Eine Flüchtlingspolitik, die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft.

Bundesregierung hat im Kosovo versagt

Zum Beispiel im Kosovo, wo auch diese Bundesregierung ihr Versprechen gebrochen hat, dem Land nach dem Krieg wieder auf die Beine zu helfen und stattdessen ein hochkorruptes Regime unterstützt, das die Menschen in die Flucht treibt.

Zum Beispiel in Syrien, wo diese Bundesregierung die Politik eines türkischen Präsidenten unterstützt, der islamistische Mörderbanden mit Waffen versorgt. Mörderbanden, vor denen Hunderttausende nach Europa fliehen.

Oder Afrika, wo der deutsche Außenminister einen Pakt mit den schlimmsten Despoten des Kontinents schließen will. Einen Pakt, der verhindern soll, dass politisch Verfolgte ihr Land verlassen können und sie stattdessen ihren Verfolgern ausliefert.

Diese Politik ist eine Schande für dieses Land. Daran müsste etwas geändert werden. Mit kernigen Parolen allein ist jedenfalls niemandem geholfen.

Ja, in der Tat - wo bleiben große Massen- Bekundungen - auch z. B. bitte von allen Kirchen, Gewerkschaften, Medien usw. - gegen solch eine Politik, für deren Opfer in Afrika, Syrien, Europa usw.?

Gemeinsam von Moslems, Christen, Atheisten usw. und sozial und demokratisch gesinnten Menschen weltweit- auch in der CDU, CSU, SPD, von Seiten der katholischen, evangelischen usw. Kirche?

Denn wenn diese auch dazu viel zu wenig sagen und tun - wundert es dann, dass radikale Kräfte daraus Kapital schlagen können, wenn sie sich zum einzigen Sprachrohr der Opfer aufspielen können? Von Opfern, die verhungern bzw. in größter Not und Armut sind, auch in sozialer?

Und wohl auch nicht zu Unrecht nennt etwa ein (FAZ-) Blog- Beitrag von "Don Alonso" am 25. 10. 15

Verschweigen und Stigmatisierung: Einstiegsdrogen für Pegida

Stigmatisierungen sind dabei zudem ja auch nicht "nur" gegenüber Flüchtlingen, "Ausländern" oder Moslems fatal, sondern auch gegen "die Pegida- Anhänger" (die ja nicht alle rechtsradikal sind und alles gut finden, was Pegida-Führende so von sich geben.

Denn auch für sehr viele von "denen", deren Interessen erhebt kaum noch einer die Stimme, setzt sich wirklich etwa für Millionen Arbeitslose und viel zu Geringverdienende ein- zumal im so reichen Deutschland ja bekanntlich eine unglaubliche ChancenUNgleichheit besteht (und "einmal arm, immer arm" viel zu oft traurige Realität ist)- während auf der anderen Seite einige Menschen immer reicher werden.

Auch auf Kosten unzähliger Menschen in Deutschland und von Flüchtlingen bzw. deren Herkunftsländern! Wenn viele deutsche Unternehmer nun (fast) fertige Fachkräfte aus Syrien usw. - fast umsonst- bekommen, ist das zudem sicher gut für diese (und auch einige Flüchtlinge).

Die Fachkräfte fehlen aber dann doch auch zunehmend in ihren Ländern- Syrien, Afghanistan, in Afrika, Kosovo usw. - zum (Wieder-) Aufbau der Länder dort. Ebenso wie ein Großteil der Jugend, jungen Menschen dieser Länder.

Damit werden diese Länder aber zu großen Teilen auch ihrer Zukunft beraubt!

Was in diesen Ländern auch wieder Extremisten mehr Gefolgschaft bringen kann - ebenso wie in Deutschland, wenn (deshalb) noch mehr Deutsche nicht zu Fachkräften ausgebildet werden- und damit auch zunehmend verarmen können. Und der zunehmenden Armut sollten auch endlich mehr Grenzen gesetzt werden - zumal diese ja sogar noch ansteigt, wiederum zum Profit einiger Menschen.

Wenn nun etwa die Bundesnetzagentur gemeldet hat, dass rund 350.000 Haushalten in Deutschland der Strom gesperrt wurde ist das ja auch ein sehr großes Alarmsignal, das auch mehr Einsatz für diese Menschen erfordert. Denn: Wegen steigender Preise können immer mehr Bundesbürger nicht einmal mehr ihre Stromrechnung zahlen! Es sind erschreckende Entwicklungen und Zahlen - mit ja auch Menschen dahinter - über die z. B. der Spiegel am 16. 11. 15 berichtet hat:

Die Zahl der Stromsperren ist demnach auf den höchsten Wert gestiegen, der je gemessen wurde. Im Jahr 2013 waren 344.798 Sperren verhängt worden, 2012 waren es rund 320.000.

Noch weit mehr Haushalte haben Probleme mit ihrer Stromrechnung. Nach Angaben der Bundesnetzagentur drohten Lieferanten ihren Kunden insgesamt 6,3 Millionen Mal, den Strom zu kappen.

Hauptgrund für die immer größere Zahl der Sperren sind demnach die stark steigenden Strompreise:

Haushalte zahlen drauf, Industrie profitiert

Seit 2002 haben sich die Kosten für die Verbraucher fast verdoppelt, einerseits weil die Umlage für erneuerbare Energien stieg, andererseits weil die großen Stromversorger sinkende Kosten nicht an die Verbraucher weitergaben

Völlig zurecht ist in dem Spiegel- Artikel deshalb weiter dazu zu lesen :

Der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer hält die Entwicklung bei den Stromsperren für besorgniserregend. "Verbraucher, denen Strom- und Gassperren drohen, brauchen spezielle Beratungs- und Unterstützungsangebote", sagt er. "Dass eine Regierung unter Beteiligung von Sozialdemokraten bis heute nichts zu diesem Problem unternommen hat, ist ein Armutszeugnis."

Einmal davon abgesehen, dass man auch den "Grünen" weitere kritische Fragen dazu stellen müsste - ihre eigene Politik betreffend - stimmt das ja wirklich! Und eben auch sich "christlich" nennende Parteien machen - ebenso wie die SPD und die EU- keine wirklich soziale, demokratische, "christliche" Politik in Deutschland und (siehe oben) international. Wogegen sich wirklich auch viel, viel mehr Stimmen erheben sollten, unabhängig religiöser oder sonstiger Zugehörigkeiten.

Zumal es sowohl unter Opfern als auch Tätern ja in der Tat Christen, Muslime usw. gibt. In einer Weltwirtschaftsordnung, die in der Tat auch zunehmend mehr " Liberté, Égalité, Fraternité" (und Frieden und Gerechtigkeit) in Deutschland und der Welt bedroht.

Und das erfordert auch mehr Solidarität (außer mit Paris) auch mit Beirut und Ländern in Afrika oder im Balkan etc. und auch mit Millionen Menschen in Deutschland.

Und so war auch z. B. ein Facebook-Post von Bastian Schweinsteiger kurz nach den Attentaten in Paris vorbildlich, in dem er schrieb:

Ich bin immer noch fassungslos darüber, was am Freitag passiert ist. Ich möchte allen, die von dieser Tragödie betroffen sind, mein tiefstes Mitgefühl aussprechen. Zusätzlich möchte ich allen Opfern in Beirut gedenken, die bei den Anschlägen am Tag zuvor ums Leben gekommen sind.

Egal, aus welchem Teil der Erde man kommt oder welcher Religion man angehört - wir sind vereint.

Ja- denn wir teilen ja unsere (nur) eine Welt, mit auch sehr vielen gemeinsamen Interessen!

Zumal gerade ja auch Deutschland weiß, dass Aufbauhilfen (wie etwa auch der "Marshallplan" für Deutschland) nötig sind, damit ein Wirtschaftswunder geschehen kann - von dem auch die Geberländer profitieren können, und das nicht zuletzt die Gefahr der Radikalisierung senken kann.

Denn ein wirtschaftliches "Ausblutenlassen" Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg öffnete ja in der Tat die Tür für Hitler und Konsorten. Um so etwas zu verhindern sollte aber eben nicht zuletzt das "Ausbluten" ganzer Länder, Kontinente, Millliarden Menschen auf der Welt (und Millionen auch alleine schon in Deutschland) verhindert werden - und das wäre natürlich, mit anderer Politik, auch zu schaffen!

Denn in der Tat liegt vieles Schlechte auch nur in schlechter Politik begründet - und es sollte dann ja auch bitte nicht vergessen werden, was etwa ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 7. April 2015 betont hat:

Dabei sind ja längst nicht nur Christen die Opfer der Auseinandersetzungen. In Syrien und im Irak sterben genauso Muslime, weil sie von den Kämpfern als Glaubensverräter gesehen werden. Wer Christenverfolgung als Kampfbegriff nutzt, übersieht, dass in China Muslime viel stärker als Christen verfolgt werden oder dass, gemessen an der Zahl der Gläubigen, die friedfertigen Bahai die am stärksten verfolgte Glaubensgemeinschaft sind, ohne dass es im Westen einen Aufschrei gäbe; der verschleiert, dass auch Christen Täter sind und waren, in Srebrenica wie in Afrika. Er verneint die Mitverantwortung des Westens an vielen Konflikten, bis hin zur verfehlten Irak-Politik des US-Präsidenten George W. Bush.

Dieser Artikel endet auch mit einem Fazit, das uns wirklich zu denken geben sollte:

Wer für die staatliche Anerkennung des Islam in Deutschland eintritt, darf zum Leid der Christen nicht schweigen. Und wer lauthals die Christenverfolgung in aller Welt beklagt, dann aber in Deutschland den Menschen nicht helfen will, die vor religiöser Diskriminierung geflohen sind, der hat überhaupt nichts verstanden

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