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27/12/2016 15:46 CET | Aktualisiert 28/12/2017 06:12 CET

Erschreckend lächerliche, unverantwortliche Sicherheitskontrollen an der Berliner Gedächtniskirche

Nicht lange nach dem furchtbaren Terror- Anschlag in Berlin, unweit des Geschehens: Ein Gottesdienst am Heiligen Abend, dem 24. Dezember 2016, frühen Abend, in der Berliner Gedächtniskirche. Wo kurz zuvor auf dem Weihnachtsmarkt direkt davor 12 Menschen tragisch ihr Leben verloren hatten und Dutzende (schwer) verletzt wurden. Konnte man sich dort nun sicher fühlen? Nach unseren Augenzeugen- Beobachtungen: Nein, absolut nicht!

Selbst wenn es dort Polizisten in Zivil gegeben haben sollte, die man als Laie nicht erkennen konnte: Es war auf jeden Fall zu wenig für den Schutz der, immerhin Hunderten, Besucher des Gottesdienstes gesorgt. Natürlich, man wollte wieder Normalität vorleben, nicht "den Terror" gewinnen lassen. Aber was wäre es denn für ein Signal, für ein Symbol gewesen, wenn wenige Tage nach dem Anschlag ein weiterer gefolgt wäre, mit wohl wieder zumindest Dutzenden - oder gar Hunderten - Opfern? Wer hätte sich dann noch sicher fühlen können? Wer noch aus dem Hause getraut, selbst in eine Kirche - die ja eigentlich auch Symbol des Friedens (und manchmal auch der möglichen Zuflucht) sein sollte. Ebenso wie gerade auch die Gedächtniskirche.

Normalerweise sieht man vor einer solchen Kirche natürlich nicht gerne Polizei, Uniformierte, Maschinengewehre und dergleichen. Aber nun, in dieser Situation, gar keine? Unfassbar!

Und das war keine Ausnahme: Im berühmten Berliner Dom, mit etwa 2000 Besuchern des Nachtgottesdienstes am gleichen Tag, sah es genauso aus. Wäre ein Freund, ein Kind von mir dort gewesen und es wäre etwas passiert und am Tag darauf hätten wieder einmal betroffene Politiker, Verantwortliche ihr Bedauern beteuert, dass man ja leider nicht alles vorhersehen und schützen kann - obwohl immer wieder vor Nachahmern gewarnt wird - ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Gelinde gesagt sehr wütend. Und schon vor dem LKW- Anschlag hatte es ja konkrete Warnungen gegeben (Weihnachtsmarkt, Berlin, LKW) und war die Gedächtniskirche, der Weihnachtsmarkt dort, der mit am Symbolträchtigste denkbare Ort, der auch extrem gefährdet war für entsprechende Anfahrt eines LKWs. Aber ohne jegliche Absicherungen wie "Poller" oder dergleichen, wie sie in Frankreich oder England schon lange Standard sind. Warum wurde da nicht besser für unsere Sicherheit gesorgt, warum musste es so viele Opfer geben und warum hat sich offensichtlich nicht viel geändert?

Auch beispielsweise ebenfalls nicht auf einem großen Konzert vor dem Brandenburger Tor am Tag zuvor, das die Einheit Berlins symbolisieren sollte, gegen den Terror. Wo am Einlass ein flüchtiger Blick in unsere Rucksäcke geworfen wurde, das wars. Ähnlich wie in den Kirchen, wenn überhaupt, zuvor. Nicht auszudenken, was auch hier passieren könnte. Mit auch welcher Symbolkraft dort. Unfassbar! Wenn nicht einmal solche Orte, Konzerte, Gottesdienste mit sicherem Gefühl besucht werden können - was denn dann noch bitte? Das ist doch ein Skandal, der dem Terror Türen öffnet. Natürlich wollen wir unsere Freiheit soweit wie möglich behalten. Aber doch nicht so faktisch zu Anschlägen einladen, letztlich von Seiten der (politischen) Verantwortlichen

- die sich so auch für Opfer mit verantwortlich machen!

Dabei könnte man ja aus anderen Ländern lernen. Auch hier hört man aber zudem Erschreckendes: Bereits am 20. 12. 2016 war so etwa in der Huffington Post (France) zu lesen: "Nichts aus Nizza gelernt? Französische Politiker schockiert über Sicherheit auf Berliner Weihnachtsmärkten". Weiter heißt es dort:

"Berlin habe überhaupt nichts gelernt, glaubt Alain Fontanel, oberster Stellvertreter des Bürgermeisters der Stadt Straßburg". Kurz vor dem Anschlag in Berlin besuchte demnach eine Delegation von Politikern aus Straßburg Berliner Weihnachtsmärkte, um sich über die Sicherheitsvorkehrungen zu informieren und womöglich noch etwas zu lernen, berichtet das Nachrichtenportal "France Info".

Dabei seien die Besucher erschrocken darüber gewesen, wie klein das Aufgebot der Polizei dort war.

"Wir waren betroffen von der Tatsache, dass die Sicherheitsmaßnahmen viel geringer waren, als in Straßburg", sagte der Straßburger Fonatnel.

Haben die Verantwortlichen des Berliner Weihnachtsmarktes nichts aus dem Anschlag in Nizza gelernt? Französische Politiker haben da ihre Zweifel

Diese Bemerkungen bestätigte auch ein Zeuge des Attentates von Berlin, der die Effizienz des Sicherheitssystems ebenfalls anzweifelt. Der "Huffington Post" sagte der Mann aus dem britischen

Birmingham, seiner Meinung nach gebe es viel zu wenige Barrieren, die den Weihnachtsmarkt schützen könnten. Er glaubt, ein solches Attentat hätte in Birmingham nicht passieren können. Dort seien überall große Betonblöcke an sensiblen Orten aufgestellt. Und auch Straßburg etwa bereitete sich deshalb auch intensiv auf die Weihnachtsmarkt-Saison vor - aber auch die Hauptstadt Paris.Um eine Attacke eines rammenden Fahrzeugs abzuwehren, ist das Zentrum Straßburgs vollständig abgeriegelt. Ein halbes Dutzend Zugänge, Brücken und Übergange ist für Fahrzeuge geschlossen worden, Verkehr und Parkplätze wurden mit drastischen Maßnahmen eingeschränkt. Von Außerhalb ist der Zugang zum Stadtzentrum auf fünfzehn Checkpoints beschränkt.

Für den Weihnachtsmarkt in Paris haben die französischen Behörden ähnliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Laut einer Mitteilung der Nachrichtenseite "BFMTV" sind fast 60 Betonklötze von je 1,5 Tonnen Gewicht rund um den Platz des Weihnachtsmarkt aufgebaut worden, zusätzlich sind Videokameras und Wachpersonal überall präsent. Und in Berlin? Selbst NACH dem Attentat ist davon fast nichts zu sehen, nicht einmal eine (!) entscheidende Zufahrtstraße wurde gesichert, was

auch führende deutsche Experten kritisieren

Prof. Dr. Joachim Krause, Terror-Experte und Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, beschrieb bereits kurz nach dem Anschlag (auch in der Huffington Post): "Der Anschlag von Berlin ist der bislang schwerwiegendste in Deutschland. Er wurde offenbar von einem Islamisten begangen, der dem Aufruf des Islamischen Staates gefolgt ist, möglichst viele Ungläubige zu töten.

Der Islamische Staat hat in seinen Netzwerken dafür explizit auch den Gebrauch von Lastwagen empfohlen. Es ist schwer nachvollziehbar, dass in Berlin Weihnachtsmärkte veranstaltet werden, bei denen keine präventiven Schutzmaßnahmen erfolgt sind. Eine Reihe von Pollern aus Beton oder Stahl zwischen dem Breitscheid-Platz und den diesen umgebenden Straßen hätte den Anschlag wahrscheinlich verhindern können. Was wir jetzt brauchen ist eine politisch aufgeklärte Debatte in Ländern und Kommunen darüber, wie man derartige Anschläge mit technischen Mitteln verhindern oder erschweren kann". Wenn man die genannten Eindrücke selbst am Ort des Geschehens sogar zu Weihnachten bekommt kann man dem absolut beipflichten. Wer darüber anders denkt sollte das mit Angehörigen der Opfer jetzt diskutieren, die dazu eine andere Meinung haben dürften, mit Sicherheit. Zumal auch für das Andenken der Opfer- ebenso wie für die ganze sonstige Bevölkerung - wichtig ist, dass es wenigstens mahnt künftig alles Mögliche zu unternehmen, um weitere Opfer zu vermeiden.