BLOG
15/02/2016 07:49 CET | Aktualisiert 15/02/2017 06:12 CET

Deutsche Flüchtlingshelfer: Überfordert, ausgebrannt, mies bezahlt

Getty

Das Hamburg Journal (NDR) brachte am 13. 2. 2016 einen Bericht über sehr große Personalnot in Erstaufnahmeeinrichtungen.

Personalnot in Erstaufnahmeeinrichtungen

Georg E. Möller von der Hamburger Initiative „Refugees Welcome Karoviertel", der die Arbeit von vielen Flüchtlingshelfern in Erstaufnahmeeinrichtungen koordiniert, bringt die Situation der dort beschäftigten Mitarbeiter auf den Punkt: „Chronisch unterbesetzt, überfordert, schlecht bezahlt und nach 6 Monaten Dauereinsatz natürlich auch ausgemergelt".

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Der Bericht untermauert das mit einigen Beispielen aus verschiedenen Hamburger Einrichtungen (und Hamburg rühmt sich oft noch damit, dass der Personalschlüssel dort im bundesweiten Vergleich sogar relativ gut wäre)- mit dem Fazit:

Eher die Regel als die Ausnahme: Auf 600 Flüchtlinge 2 Sozialarbeiter-

laut Personalschlüssel müssten es 9 sein

Chronisch unterbesetzt, überfordert, schlecht bezahlt und nach 6 Monaten Dauereinsatz natürlich auch ausgemergelt

Eine Mitarbeiterin, die in mehreren Einrichtungen des städtischen Betreibers der meisten Hamburger Einrichtungen („Fördern und Wohnen") tätig ist bestätigt, dass man sich so um die Flüchtlinge kaum noch wirklich kümmern kann.

Viele Sozialarbeiter seien frustriert, weil sehr viele wichtige Anliegen der Flüchtlinge untergehen können für die einfach keine Zeit ist in Sprechstunden- viele Flüchtlinge kommen auch einfach nicht mehr dran, es gibt einfach zu wenig Sozialarbeiter.

Ist es so erstaunlich, dass es oft zu vielen Eskalationen kommt? Und dass kaum neue Mitarbeiter gefunden werden, wenn sich diese Situation natürlich herumspricht - mit der Folge, dass die viel zu wenigen Mitarbeiter immer mehr verheizt werden ...

Und dass viel zu wenig Mitarbeiter vorhanden sind, mit der Folge sehr vieler nötiger Überstunden, muss in dem Bericht auch der Geschäftsführer von „Fördern und Wohnen" einräumen.

Ab 18 Uhr sind zudem meistens nur noch Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes in Einrichtungen, mit nach diversen Studien über 50 % traumatisierten Flüchtlinge mit ihren Nöten, Sorgen, Traumatisierungen usw. - allein gelassen.

Und selbst schon der - aber sowieso bei Weitem nicht erfüllte- "normale" Personalschlüssel wird von Sozialverbänden, Pro Asyl und anderen als zu gering kritisiert für Menschen in dieser Lage, mit zudem nach wie vor oft menschenunwürdigen Unterkünften, Wartezeiten usw. Zumal natürlich in Hamburg, einer der reichsten Städte der Welt - bzw. in Deutschland als mit reichstes Land der Welt - weitaus mehr möglich wäre. Auch an besseren Unterkünften.

Wenn man aber beispielsweise die folgende Aussage von H. Stüven, Vorstand des Hamburger Grundeigentümerverband, bereits am 13. 10. 2015 im Hamburger Abendblatt las, fragt man sich schon sehr, warum Flüchtlinge nicht besser untergebracht werden - auch in Wohnungen mit kaum noch Bedarf an Sozialarbeitern.

Herr Stüven kritisierte dort:

Nach unserer Einschätzung stehen in der Hansestadt rund 3000 Immobilien für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung. Leider hat die Verwaltung derartige Initiativen der Eigentümer nicht ernst genommen und viele Angebote stattdessen mit Formschreiben abgelehnt. Man hat sich die Immobilien nicht einmal genauer angeschaut. Damit wird Willkommenskultur kaputt gemacht.

Unter anderem die Hamburger Morgenpost hatte zudem bereits am 2. 10. 2015 berichtet über

Mitarbeiter von „Fördern und Wohnen": Brandbrief an die Stadt

Weiter heißt es dazu dort:

Die Notunterkünfte platzen aus allen Nähten, täglich kommen neue Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof an. Eine Situation, die nicht nur die Flüchtlinge an die Grenze der Leidensfähigkeit treibt. Die Mitarbeiter von „Fördern und Wohnen" fühlen sich allein gelassen - und kritisieren die Stadt in einem offenen Brief scharf.

Um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern, nehmen die Verfasser des offenen Briefes demnach die Stadt in die Pflicht. Sie fordern Perspektiven für Flüchtlinge, freiwillige Helfer und Bürger. Dazu gehöre der „sofortige Bau von 10.000 zusätzlichen öffentlich geförderten Wohnungen", die in spätestens zwei Jahren bezugsfertig sein müssten.

Damit die akute Wohnungsnot gelindert werden könne, müssten den Flüchtlingen laut den Mitarbeitern von „Fördern und Wohnen" leerstehende Wohnungen des städtischen Wohnungsbauunternehmens SAGA zur Verfügung gestellt werden.

Dass es zu der präkeren Flüchtlings-Situation kommen konnte, liegt, so die Flüchtlingshelfer in dem Brief, an weitreichenden Fehlern aus der Vergangenheit:

„In Hamburg fehlt ein Gesamtkonzept für die öffentliche Unterbringung von der Aufnahme bis zur Integration in Mietwohnraum" beklagen die Unterzeichner des Briefes. Auch der „radikale Abbau unserer Kapazitäten", so die Mitarbeiter, hätte zur fatalen aktuellen Lage geführt.

Dies gilt sicher nicht nur in Hamburg und Berlin, sondern auch anderen deutschen Städten und Bundesländern.

Und viele Mitarbeiter in Flüchtlingseinrichtungen, die auch ich (unter anderem in Berlin und Hamburg) kenne, haben inzwischen einen ähnlichen Verdacht wie Mitarbeiter, Organisationen und andere z. B. in Bayern, wo -auch in der Huffington Post vom 5. 11. 15 zu lesen-

Flüchtlingsorganisationen und einige Politiker haben einen Verdacht:

Bayerns CSU-Landesregierung möchte den Eindruck von Chaos und Überforderung bewusst aufrechterhalten, um Druck auf die Bundesregierung auszuüben
.

Und der Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz wird inzwischen nicht nur von der Opposition dort (etwa von CDU und Linken), sondern auch von vielen SPD- Anhängern für eine kaum noch „sozialdemokratische", sondern abschreckende „Flüchtlingspolitik" kritisiert. Dass viele Flüchtlinge (u. a. die Huffington Post berichtete) inzwischen wieder aus Deutschland abreisen wegen unmenschlichen Umständen („wir wären lieber ertrunken") hier trifft nicht nur auf Berlin - wegen Umständen beim „LaGeSo" dort, sondern u. a. eben auch auf Hamburg zu.

Auch deshalb fordert eine Petition unter anderem an die Hamburger Bürgerschaft (und andere deutschen Landtage) endlich mehr

„Gefährdungsbeurteilungen" für Flüchtlingseinrichtungen - deren Betreiber ja oft auch die Länder, Gemeinden, Städte selbst sind - wo Gefährdungen für Mitarbeiter (und somit indirekt Flüchtlinge) dort genauer erfasst und somit vermieden werden können. Diese Beurteilungen sind auch gesetzlich erforderlich und könnten auch Städte und Kommunen, die zu wenig Geld vom Bund für die Einrichtungen beklagen, in deren Forderungen unterstützen.

Zumal es in den Einrichtungen ja nicht nur an Sozialarbeitern, sondern auch an - wie auch viele Experten und Organisationen bemängeln - Therapeuten fehlt, was auch das Wohl unzähliger Menschen inklusive Kindern mit (schweren) Traumatisierungen gefährdet. Die Petition kritisiert dies ebenso - und fordert auch diesbezüglich schnellstmögliche Abhilfe.

Wobei ja auch einfach endlich mehr getan werden könnte, sollte gegen eine Politik der EU und Bundesregierung (inklusive geduldete Waffenlieferungen selbst in sehr heikle Gebiete), die bereits am 25. 8. 15 Georg Restle, Leiter von Monitor (WDR) in seinem Kommentar in den Tagesthemen zurecht kritisierte mit:

Aber wir sollten uns nicht täuschen: Klar, die rechtsextremen Gewalttäter und ihre brav-biederen Unterstützer sind eine Schande für dieses Land. Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik, die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft

Denn eigentlich bedarf es ja auf Dauer grundsätzlich nicht immer noch viel mehr Sozialarbeiter - zumal die auch ohne Flüchtlinge schon genug Betätigungsfelder in Deutschland hätten- sondern einer anderen Politik, damit auch nicht mehr so viele Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssten.

Auch auf HuffPost:

„Da waren die Grenzen noch besser geschützt": Merkel beschwört ihren Flüchtlingskurs - mit sarkastischem DDR-Vergleich

Lesenswert

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.