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20/05/2014 04:19 CEST | Aktualisiert 20/07/2014 07:12 CEST

Wir brauchen keine Weltpolizei, sondern echte Partnerschaften

2015 soll der ganz große Wurf gelingen. Nichts weniger als eine weltweite Revolution wird gefordert. Die Vereinten Nationen wollen gemeinsam mit vielen internationalen Organisationen endlich die größten Probleme der Zukunft lösen. Wer sind die Revolutionäre?

Impfung gegen Silodenken

Globale Partnerschaften - wer mit wem?

2015 soll der ganz große Wurf gelingen. Nichts weniger als eine weltweite Revolution wird gefordert. Die Vereinten Nationen wollen gemeinsam mit vielen internationalen Organisationen endlich die größten Probleme der Zukunft lösen. In einer globalen Nachhaltigkeitsagenda „Post-2015" werden die Ziele gesetzt: Abschaffung von Hunger und Armut, Stopp der zerstörerischen Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Umschwenken auf einen nachhaltigen Lebensstil in Nord und Süd, Verpflichtung auf ein Klimaabkommen, das die Erderwärmung begrenzt. Wer sind die Revolutionäre, die nachhaltig die Welt verändern wollen?

Im Juni 2015 wird die deutsche Bundesregierung mit der Ausrichtung des G8 Gipfels dieses besondere Jahr einläuten. Im September folgt der UN-Gipfel, und im Dezember soll das Klimaabkommen Post-Kyoto verabschiedet werden. Die sogenannte ‚internationale Gemeinschaft' ist auf diesen Konferenzen versammelt, mal klein und fein im Schloss Elmau, mal in unübersichtlicher Menge auf dem Klimagipfel in Paris. So wichtig wie die Würdenträger und Unterhändler sind aber oft diejenigen, die an der Front von Armutsbekämpfung und Umweltschutz unterwegs sind. Und hier ergeben sich ungewohnte Partnerschaften, überraschende Bündnisse, Allianzen der Willigen.

Mobilfunkunternehmen sorgen gemeinsam mit Hilfsorganisationen für Cash Transfers in Katastrophengebiete. Modefirmen üben zusammen mit Menschenrechtlern Druck auf Textilfabrikanten in Asien aus. Boulevardzeitschriften fördern Schulbau in Afghanistan. Sozialunternehmer schaffen Marktanschlüsse für Kleinbauern in Afrika. Umweltverbände beraten mit Wissenschaftlern den Umstieg auf biobasierte Wirtschaft. Campaigner gegen Lebensmittelverschwendung verbünden sich mit Einzelhändlern und Filmemachern. In solchen ungewöhnlichen Allianzen findet sich seit geraumer Zeit auch eine klassische Hilfsorganisation wie die Welthungerhilfe - z.B. in der Baumwollinitiative ‚Cotton made in Africa', die nachhaltig produzierte Textilien mit Bildungsarbeit für Kleinbauern verbindet und gleichzeitig Konsumenten zu verantwortlichem Kauf anregt.

Aber auch Fronten werden klarer - wer heute Nachhaltigkeitsstandards verletzt, kann sich kaum mehr verstecken vor den Augen der kritischen Öffentlichkeit, der Wähler und der Konsumenten. Spekulation mit Lebensmitteln an Warenterminbörsen wird heute zu Recht hinterfragt, solange schädliche Auswirkungen nicht ausgeschlossen werden können. Und ein Investor, der für Biospritherstellung westafrikanische Kleinbauern enteignen lässt, wird in der Öffentlichkeit keine Ruhe mehr finden.

Der Ruf nach Partnerschaften zu gemeinsamem und gemeinwohlorientierten Nutzen, aber auch verbunden mit gegenseitiger Rechenschaftspflicht, lässt sich nicht mehr ignorieren. Ambitionen zur Lösung globaler Fehlentwicklungen, von Hunger, Klimawandel und verantwortungsloser Regierungsführung lassen sich nur in starker gesellschaftlicher Vernetzung finden. Die Welt braucht keine globale Polizei und keine Aufsichtsbehörde, sondern Politiken und Handlungen die vom Geist und dem Leitmotiv echter Partnerschaft durchdrungen sind. Glaubwürdigkeit erwächst oft aus dem Überraschenden, der persönlichen Überzeugung, dem Mut Verantwortung zu entdecken und Silos zu verlassen. Lassen wir uns daran messen!

Dr. Wolfgang Jamann ist Generalsekretär der deutschen Welthungerhilfe, einer der größten deutschen Entwicklungsorganisationen.