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08/12/2015 15:37 CET | Aktualisiert 08/12/2016 06:12 CET

Geben und Nehmen

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Mark Zuckerberg will 99 Prozent des Wertes seiner Facebook-Aktien für wohltätige Zwecke investieren

Was kann großzügiger sein als das Versprechen einer Wohltat in dieser Höhe? Kann es ernsthafte Gegenargumente gegen ein solch philanthropisches Ansinnen geben? Nein und Ja - Nein gegen die Idee des Gebens als solche, Ja mit Blick auf die Geschäftsgebaren des edlen Spenders und die Art der Hilfe.

Gutes tun und darüber reden - nach dieser Maxime dürfen nicht nur normale Spender wie du und ich, sondern auch Konzerne und Multimilliardäre verfahren. Natürlich ist es zu begrüßen, wenn Superreiche ihr Vermögen nicht in den Kauf der vierten Yacht oder den Ausbau des Ferrari-Fuhrparks investieren, sondern für soziale Zwecke.

Dass viele Spender sich damit schmücken, eine Stiftung nach sich selbst benennen oder ihren Namen sichtbar in die Treppe des von ihnen gestifteten Hospizes einbetonieren - geschenkt.

Wer Geld für gesellschaftlich nützliche Zwecke gibt, möchte von dem positiven Image seines Handelns profitieren und sollte es auch.

Im Falle von Mark Zuckerberg stellen sich Fragen, weniger an ihn, als an die gesellschaftlichen Umstände, die ihn in die Lage versetzen, geschätzte 45 Milliarden Dollar spenden zu können.

Was sagt es über die US-Gesellschaft, wenn ein genialer Einzelner mit gerade einmal 31 Jahren ein solches Vermögen verdient hat? Was sagt es über den internationalen Unterbietungswettlauf bei der Besteuerung, wenn Facebook seinen europäischen Firmensitz in das Steuerparadies Irland legt? Offensichtlich schützt und protegiert unsere globalisierte Gesellschaft das Aufkommen und Wachstum solch unfassbarer Vermögen.

Dagegen wäre noch nicht einmal etwas einzuwenden, wenn dieses System nicht auf der Schattenseite auch Verlierer produzieren würde. Sie sind keinesfalls direkte Opfer der Geschäftsidee von Mark Zuckerberg, sondern des Systems, dass solch individuellen Reichtum ermöglicht.

Es sind diejenigen, die unter dem Abbau des Sozialstaates leiden, deren Sozialhilfesätze auf beschämend niedrigem Niveau gehalten werden, deren Regierungen kein Geld für Bildung und staatliche Förderprogramme haben und denen als Pariser Banlieu-Bewohner, nigerianische Hausangestellte oder philippinische Gesundheitsfachkraft Armut und soziale Ausgrenzung drohen.

Die Lebensumstände mögen noch so verschieden sein, die Grundproblematik ist meist ähnlich: Staatsabbau und Sparpolitik, eine wachsende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, Privatisierung der persönlichen Risiken (gern „Übernahme von Eigenverantwortung" genannt) und Vergesellschaftung der Verluste und Kosten wie zum Beispiel bei der Rettung von Banken in der Finanzkrise auf Kosten der Steuerzahler.

Wenn dann die Milliardäre einspringen und das Staatsversagen durch individuelle Großzügigkeit ausgleichen, stärkt das nicht nur ihre Reputation. Es nimmt auch dem Staat in den Augen seiner Bürger die Legitimation und Fähigkeit, für die Gestaltung der Lebensverhältnisse und die Sicherung der Grundbedürfnisse zu sorgen, und es macht die rechtlich verbriefte soziale Unterstützung zur individuellen Wohltat.

Aus den Empfängern von Unterstützungsleistungen, die ihnen als Bürger ihres Gemeinwesens zustehen, werden Almosenempfänger, die sich glücklich schätzen können, Hilfe zu erhalten, die aber nicht wissen, wie lange und nach welchen Kriterien ihnen diese Hilfe gewährt wird - einklagen können sie sie auf jeden Fall nicht.

Denn der Milliardär handelt und entscheidet als Geschäftsmann - anders als etablierte internationale Hilfswerke, die dies gemeinsam mit einheimischen Projektpartnerorganisationen tun, legt er für sich fest, was er für unterstützenswert hält.

Er ist sich selbst und vielleicht einem Kuratorium von Gleichgesinnten Rechenschaft schuldig, aber keiner kritischen Öffentlichkeit. Und er bewertet Fortschritte und Erfolge gern auf der Basis von Kennzahlen und Quantitäten, wie zum Beispiel im Falle der internationalen Impfallianz GAVI (Global Alliance for Vaccination and Immunsation), die in hohem Maße von der Bill & Melinda Gates-Foundation unterstützt wird.

So sinnvoll flächendeckende Impfkampagnen als ein wichtiger Baustein der Gesundheitsfürsorge sein können, so zeigt sich an diesem Beispiel eben auch das unternehmerisch geprägte Verständnis von Entwicklung: nicht als Folge sozialer Prozesse, nicht als Ergebnis einer Investition in die Stärkung von Dorfgemeinschaften oder Slumbewohnern, nicht als Projekt zur Befähigung von Menschen, ihre Rechte zu kennen und wahrzunehmen, sondern als technischer Akt der Implantation von individueller körpereigener Abwehrkraft.

Es gilt also, die Verhältnisse vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen: Gesundheit, Bildung, Wohnen sind universelle und kodifizierte Rechte, die jedem Menschen zustehen, auch wenn sie längst nicht überall verwirklicht sind.

Garantiert werden diese Rechte durch den Staat, der mittels einer klugen Steuer- und Investitionspolitik einen Ausgleich zwischen Arm und Reich herstellt, und nicht durch gutmeinende Milliardäre, die über mehr finanzielles Potenzial verfügen als manche UN-Institutionen oder afrikanische Kleinstaaten.

Gefragt ist nicht die weitere Privatisierung der Hilfe als individuelle Leistung, sondern die Stärkung der solidarischen Gemeinschaft aller mit dem Ziel, die Kluft zwischen und innerhalb von Gesellschaften zu überwinden.

Wolf-Christian Ramm

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