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26/10/2015 05:52 CET | Aktualisiert 26/10/2016 07:12 CEST

Zehn Bücher, die mein Leben ruiniert haben

sarahwolfephotography via Getty Images

Auf Einladung einer Literaturzeitschrift sollte ich die Frage beantworten, welche zehn Bücher mein Leben negativ beeinflusst haben. Ich überlegte lange und konnte mich nicht entscheiden.

Ich kam zu dem Schluss, dass jedes Buch, das mir gefiel, mich dumm dastehen ließ. Meine Vorstellungen von einer Ordnung der Welt und von mir selbst darin stellten die Bücher völlig auf den Kopf. Sie waren immer cleverer als ihre Leser.

Kaum glaubte ich, durch eigene Erfahrungen im Alltag endlich eine halbe Weisheit zu erhaschen, zeigte mir das Buch, dass ich in Wirklichkeit gar nichts wusste.

Die anderen, die das Buch nicht gelesen hatten, wussten auch nichts, doch sie wussten nicht, dass sie nichts wussten. Dieses Unwissen machte sie glücklich. Am Ende verdammte ich jedes gute Buch, das mir in die Hände fiel. Es ungelesen machen konnte ich jedoch nicht mehr. Also handelte ich stets gemäß meiner aktuellen Lektüre.

Eine bekannte Theorie besagt, weil es inzwischen viel mehr Bücher als Menschen gibt, sind auch alle Lebensläufe bereits beschrieben. Menschen handeln nach Büchern, die sie meistens nicht gelesen haben. Doch es besteht für jeden die Möglichkeit, das schon fertige Buch seines Lebens einmal aufzumachen und alles über seine Zukunft zu erfahren.

Laut dieser Theorie ist es eine Herausforderung für jeden Vielleser, in seinem Gegenüber die literarische Vorlage zu erkennen, nach der er handelt. Eine solche Vorlage gibt es immer. Selbst diejenigen, die kaum oder gar nicht lesen können, handeln nach den Märchen, die sie als Kinder erzählt bekamen. Im Grunde sollte die Frage lauten, welches Märchen mein Leben beeinflusst hat.

Ich habe die Frage auch meiner Familie gestellt. Bei meiner Frau war es das »Aschenputtel«. Dank dieser Geschichte bevorzugte sie in ihrer Jugend romantische Männer, die bereit waren, eine ganze Nacht mit einem kleinen Frauenschuh in der Manteltasche die Umgebung nach ihrer Traumfrau abzusuchen. Mit solchen Prinzen vergeudete sie ihre Jugend, die Beziehungen waren nie von Dauer. Das Märchen endet damit, dass Aschenputtel den Prinzen heiratet.

Was weiter passiert, schien den ­Autor nicht sonderlich zu interessieren. In der Realität wunderte sich meine Frau, dass die romantischen Männer es nie lassen konnten, nach ihrem Traum weiterzusuchen. Immer nach Mitternacht verschwanden die Prinzen und kamen erst am frühen Morgen zurück, leicht angetrunken, nach fremdem Parfüm riechend und jedes Mal mit einem anderen Frauenschuh in der Mantel­tasche.

Die Romantiker sind fürs Alltägliche nicht zu gebrauchen, die Suche nach einem Ideal ist deren Leben, der Weg ist ihr Ziel.

Meine Tochter konnte »Schneewittchen und die sieben Zwerge« nicht ausstehen. Die ganze Geschichte fand sie bereits als kleines Kind total ekelhaft und alle Figuren unsympathisch. Seit ihre Oma ihr diese Geschichte vorlas, hat sie Angst vor alten Frauen, verabscheut kleine Männer, die gerne witzig sein wollen, und isst überhaupt kein Obst.

Ich musste lange überlegen, welches Märchen sich auf mein Leben auswirkte und kam zu dem Schluss: »Der gestiefelte Kater« hat es mir angetan. Die Geschichte wirkte auf den ersten Blick grotesk. Allein schon die Vorstellung, dass ein solcher Unfug wie eine sprechende Katze mehr einbringen kann als ein Haus oder eine Mühle, beeindruckte mich sehr.

Dabei ließen sich die Geschichten des Katers empirisch überhaupt nicht belegen, er log unglaubwürdig und erzählte viel Quatsch. Trotzdem mochten ihn alle und hörten ihm gerne zu. Nur seinetwegen bin ich Geschichtenerzähler geworden und kann bestätigen, der Kater hat richtig gehandelt.

Schauen Sie selbst, wir leben in einer unbeständigen Welt. Menschen sterben plötzlich, ihre Reichtümer landen auf dem Müll, Häuser werden zu Staub, Mühlen von Holzkäfern zerfressen, Frauenschuhe fallen auseinander.

Das Einzige, was bleibt, sind die Lügen des gestiefelten Katers - vorausgesetzt, er erzählt sie spannend genug, damit die nächsten Katzengenerationen Lust haben, sie weiterzuverbreiten. Ob sie dabei Stiefel tragen, spielt keine Rolle.

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch Das Leben ist (k)eine Kunst, das am 8. September 2015 erschien.

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 12,5 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-442-54730-2

Preis: € 17,99

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