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21/10/2015 13:33 CEST | Aktualisiert 21/10/2016 07:12 CEST

Lieber Professor Syska: Sie irren! Industrie 4.0 bzw. die #NextIndustry wird oft lean und humanzentriert sein!

dpa

In diesem Beitrag wird die Kritik von Professor Syska an Industrie 4.0 selbst kritisch beleuchtet und das, obwohl die Autoren dieses Beitrags in der Vergangenheit immer wieder Irrungen und Wirrungen des „Projekts Industrie 4.0" benannt haben.

Es gibt aber Zeiten, wo Kritiker zu Verteidigern werden müssen, weil sonst auch die vielversprechenden Zukunftsperspektiven durch unzulässige Pauschalisierungen nicht so als Chance erkannt werden wie es wünschenswert ist.

Was genau Industrie 4.0 ist, kann diskutiert werden, die sich jetzt schon entwickelnde Industrie wird aber nicht ein menschenfeindliches Schreckensgespenst sein wie es Syskas beschreibt, sondern oft sogar in seinem Sinne lean, humanzentriert und kollaborativ!

Die Kritik an Industrie 4.0 nimmt zu ...

Die Autoren des Beitrags haben das „Projekt Industrie 4.0" immer wieder kritisiert und das zu einem Zeitpunkt, wo allgemeiner Jubel noch der Standard war, u.a. in vielen Leitartikeln oder auch in fiktiven Grabreden auf der Huffington Post.

Manche Prognosen haben sich zwischenzeitlich bewahrheitet wie z.B. die Gefahr einer oft (aber nicht generell!) zu hohen Technikfixierung im Sinne Syskas und einer zu geringen Mittelstands-, Praxis- und Markt-Orientierung des „deutschen" Projekts oder auch die zunehmende Popularität der „amerikanischen" Alternative, des IIC (Industrial Internet Consortium).

Es kam wie prognostiziert. Die Bundesregierung hat aber z.T. gegengesteuert, u.a. durch Aktivitäten zur Gewinnung mittelständischer Unternehmen (Mittelstand 4.0). Mittlerweile geschieht sogar das Undenkbare und die Kooperation von Industrie 4.0 und dem Industrial Internet wird zur realen Option.

Video 1: Professor Syska erklärt 3Sat, was Industrie 4.0 ist


Ist die Diktatur der Maschinen alternativlos?

Trotzdem versiegt die Kritik nicht ... und wird jetzt fundamental, weil sie nicht mehr nur das Projekt, sondern die Zukunftsperspektive und Transformation der Industrie an für sich kritisiert. Aktuell genießt vor allem eine Botschaft eine hohe Popularität in den Fach- aber vor allem auch in aufklärerischen Publikumsmedien wie 3Sat & Co: Industrie 4.0 sei alternativlos bzw. inhärent menschenfeindlich.

Zuletzt hat der Sender 3Sat u.a. Professor Andreas Syska, einem Verfechter des Lean-Ansatzes, ein Forum geboten, um Industrie 4.0 in diesem Sinne zu „erklären" und in diesem Zusammenhang ein finales Urteil über die Industrie 4.0 als zwangsweise menschenfeindliche Schreckensperspektive zu sprechen.

Nach Syskas Interview bei 3Sat, aber auch in anderen Publikationen werden „nur die Manager von Industrie 4.0 profitieren". Der Mitarbeiter in der Produktion bekäme nur „eine passive Rolle" zugeordnet. Über den Menschen würde sowieso sehr wenig im Kontext Industrie 4.0 gesprochen ... der Mensch an der Maschine bekäme am Schluss alle Anweisungen „von einem Stück Metall".

Man fühlt sich an „Modern Times" erinnert, wo der Mensch Opfer der Technik wird. Professor Syska als moderner Chaplin, der uns vor den „Modern Times" warnt?

Wahrlich ein Schreckensszenario - allerdings wenig realistisch, gerade für Deutschland. Dass man bei 3Stat für die „Erklärung" von Industrie 4.0 auf einen Kritiker weitgehend außerhalb der Kern-Aktivitäten des Industrie 4.0-Projekts zurückgreift, ist wahrscheinlich Resultat der Medienlogik.

Video 2: Die negative Vision, der Mensch als Opfer in Modern Times


Und das Ergebnis der „Erklärung" ist auch wenig erstaunlich: Ist „lean", wenn man „lean" ideologisch interpretiert, nicht der natürliche Feind der Industrie 4.0?

Die Popularität von „Lean Industry" war auch eine Gegenreaktion auf den CIM-Wahn, der von menschenleeren Fabriken träumte. Und vielleicht hält der ein oder andere tatsächlich Industrie 4.0 für CIM 2.0. Insofern ist die einseitig-negative Sicht von Professor Syska genauso menschlich verständlich wie sie inhaltlich falsch ist. Dabei gibt es sogar erfolgreiche Integrationen von Lean und Industrie 4.0, dazu mehr später ...

Wenn Kritiker zu Verteidigern werden müssen ...

Am kritischsten sind aber kritische Aussagen, wenn sie etwas Absolutes und Ausschließendes formulieren. Da müssen Kritiker zu Verteidigern werden.

Was von Syska pauschal als Zukunft beschrieben wird, ist ein Verständnis von Industrie 4.0 als Dominanz der Technik, wie es vielleicht bei CIM noch adäquat war. In der Industrie 4.0 wird - zumindest mittlerweile - Technologie eher als Enabler für eine neue kollaborative Produktion in Netzwerken verstanden, wo z.B. nicht Fremdbestimmung (durch „Metall"), sondern Selbstmanagement im Team entscheiden sind und das aus gutem Grund.

Warum ist das Schreckensszenario nicht realistisch, gerade für Deutschland? Fangen wir ganz bürokratisch / regulatorisch bzw. defensiv mit den „deutschen" Rahmenbedingungen an. Industrie 4.0 bzw. die Transformation der Industrie findet nicht im luftleeren Raum statt ..., liebes 3Sat-Team!

1. Mitbestimmung und die Gewerkschaften vergessen?

Selbst wenn mancher Arbeitgeber, vor allem in anderen Branchen, die Vision der Industrie 4.0 oder genereller der Ökonomie 4.0 gerne als Chance sieht, mehr befristete Arbeitnehmer als „Crowd" zu beschäftigen, mehr Werkverträge zu schließen und den Arbeitsmarkt weiter zu flexibilisieren, wird gerade in Deutschland die betriebliche Mitbestimmung in der Industrie 4.0 die schlimmsten Irrwege verhindern, auch wenn eine gewisse Flexibilisierung notwendig sein wird. Aber nicht nur Gesetze verhindern Irrwege, auch die gestalterischen Freiheiten der Sozialpartner.

In der verarbeitenden Industrie kommen nur sehr wenige Geschäftsführer auf die Idee, als nächstes ihre Belegschaft auszudünnen, weil die wirklich führenden Köpfe der Industrie 4.0 die Belegschaft als Quelle für eine verbesserte Wertschöpfung, insbesondere eine bessere Flexibilität wertschätzen, wie auch ein Roundtable der Competence Site mit dem Who-Is-Who der Community zeigte.

Dazu kommt aber vor allem: Die Gewerkschaften in Deutschland, mit der IG Metall an der Spitze, sind Teil der vierten industriellen Revolution und selten waren Arbeitnehmervertreter so präsent in einem Zukunftsprojekt. Die Mitglieder werden in Sprockhövel geschult und die Interessierten rennen der Gewerkschaft die Türen ein.

Die Betriebsräte der Republik wollen dabei sein, wenn es um die Zukunft der Produktion geht, und freuen sich über Industrie 4.0. Ein gutes Signal für die Industrie 4.0, denn nur in der Kombination von Mensch und Maschine funktioniert die Fabrik der Zukunft.

Video 3: Die positive Vision, der Mensch als Dirigent, HMI 2015

2. Neue Wertschöpfung und neue Mitarbeiter vergessen?

Denn noch wichtiger als die „kontrollierende" Wirkung der Gesetze und Gewerkschaften, ist das Normative der „neuen" ökonomischen Logik und der „neuen" Mitarbeiter. Zunächst einmal ist es in vielen Schreckensprognosen vollkommen unrealistisch ceteris paribus von einer gleichbleibenden Wertschöpfung auszugehen und dann dafür eine verstärkte Automatisierung als Effizienzhebel und Jobkiller zu betrachten.

Die Möglichkeit einer neuen Wertschöpfung zu ignorieren ist fahrlässig, wie einer der Autoren auch in einem früheren Beitrag kritisiert hat.

Insbesondere Deutschland wird nicht in einer reinen Effizienzfalle der Vollautomatisierung erfolgreich sein. Solchen Wahn sollte Deutschland den Foxconns dieser Welt überlassen, die zum Teil das "zweite" Maschinenzeitalter als menschenleere Vision umsetzen, aber eben nur im Kontext stereotyper Aufgabenstellungen.

Gerade Deutschland als Hochlohnland muss stattdessen auf die neue Logik der Wertschöpfung, auf Kundenorientierung Kreativität und Flexibilität setzen. Das wissen deutsche Unternehmen, das sollte auch Professor Syska wissen und eigentlich auch 3Sat.

Ja, und in diesem Zusammenhang werden sich Arbeitsplätze verändern, aber auch die Menschen verändern sich glücklicherweise. Die kommende Generation wächst im digitalen und im Gaming-Zeitalter auf und fordert von Arbeitgebern ganz neue Aufgabenfelder und Arbeitskontexte im Beruf.

Und das ist gut so. Unternehmen, die mit Industrie 4.0 erfolgreich werden wollen, brauchen vor allem solche Mitarbeiter, die neue Ideen für Geschäfte oder Prozesse haben. Ideen für neue Wertschöpfung kommen nämlich nicht wie im alten Paradigma ausschließlich aus dem „Management".

Auf dem Shopfloor entstehen wohlmöglich die besten Ideen für Morgen und Übermorgen, denn die Belegschaft der Zukunft bringt Consumertrends viel stärker mit ins Unternehmen ein und kennt auch die Probleme vor Ort oft besser. Solche Mitarbeiter begeistert man aber nicht, wenn man als Unternehmen vor allem für Personalabbau steht.

Deswegen haben z.B. Hidden Champions wie Phoenix Contact selbst in Krisen die Belegschaft über die Notwendigkeit hinaus gehalten. Dabei ist so ein Wandel der #NextIndustry keine ferne Vision 4.0, sondern oft schon Praxis.

Video 4: Klaus Bauer, Trumpf, erklärt Start-Ups Industrie 4.0, HMI 2015

Beispiel Trumpf: Das Ditzinger Traditionsunternehmen für Laserschneidmaschinen, das auch für seine "Social Machines" und die Kommunikation von Mensch und Maschine auf Augenhöhe bekannt ist, arbeitet an einem Appstore für die Blechbearbeitung. Bis vor fünf Jahren wäre das wohl unvorstellbar gewesen.

Für das Produkt der Zukunft braucht es sicher Programmierer, aber auch Blechexperten, die vielleicht vorher an der Maschine ihren Dienst getan haben und wichtiges Wissen bereitstellen. Arbeitsplätze fallen nicht weg, sie verändern sich. Deshalb ist es wichtig, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber kollaborativ zusammenarbeiten, wenn es um die Gestaltung der Zukunft, die Aus- und Weiterbildung der bestehenden Belegschaft und die Mobilisierung der kreativen Potenziale geht.

Den schwierigsten Job der Zukunft haben Personaler und Produktionsleiter - sie müssen die Talente entwickeln und Begabungen erkennen. Aber: Industrie 4.0 kommt nicht über Nacht. Es ist ein Prozess von 10 bis 15 Jahren. Es besteht die Chance, die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen, sie für die sprechende Maschine zu begeistern, denn sie ermöglicht den Werkern auch neue Freiräume.

3. Die Realität, Vergangenheit und Gegenwart vergessen?

Industrie 4.0, Industrial Internet oder vielleicht bescheidener die #NextIndustry als der nächste Schritt sind also kein Technikdeterminismus und -fetischismus mit einer zwangsweise menschenfeindlichen Zukunftsperspektive, sondern eine Option für ein Win & Win und „Mehr-Werte" für alle Stakeholder! Gerade Deutschland sollte diese Option nutzen und nutzt diese Option. Was zu kritisieren ist, sind Irrwege des Industrie-4.0-Projektes und auch Irrwege im Wandel, aber nicht der (digitale) Wandel an für sich.

Und Trumpf ist dabei kein gutmenschlicher Einzel- und Sonderfall und so kommen wir zum wichtigsten Gegenargument gegen einseitige Schreckensszenarien: der Realität und zwar der Realität der Vergangenheit und der Gegenwart.

Schon in der Vergangenheit wurde technischer Fortschritt mit negativen Prognosen für die Arbeit und Arbeitnehmer verbunden. Die Wirklichkeit war oft eine andere. De facto nahm z.B. die Beschäftigung in der Automobilindustrie in Deutschland sogar parallel zum Einsatz der Roboter zu, s. Beitrag des VDMA auf der Huffington Post. Gerade ein Hochlohnland wie Deutschland wird ohne Automatisierung nur schwer die eigene Zukunftsfähigkeit bewahren.

Noch überzeugender als die Vergangenheit, ist aber die Gegenwart. Schon heute existieren über Trumpf hinausgehend eine Vielzahl überzeugender Konzepte und auch Umsetzungen dieser Konzepte in der Realität, die Win & Win-Situationen für Unternehmen und Arbeitnehmer realisieren. Hier seien beispielweise drei Ansätze und drei Köpfe erwähnt:

  • der Lean Industrie 4.0-Ansatz von Johann Soder et al.
  • die Industrie 4.0-human-Initiative von Burkhard Röhrig et al.
  • Das Management 4.0-Konzept von Professor Michael Henke

Der Lean Industrie 4.0-Ansatz von Johann Soder / SEW-Eurodrive

Was hilft am besten gegen eine pauschale Kritik an der Industrie 4.0 aus der Lean-Community? Die realen Erfolge eines der frühen und wirklich erfolgreichen Kompetenzführer der Lean-Industrie: Johann Soder von SEW-Eurodrive ist Technik-Geschäftsführer eines weltweit erfolgreich tätigen Familienunternehmens.

Dabei hat SEW-Eurodrive eine umfassende Historie, was Lean versus IT als Fokus angeht, wie man im Buch Industrie 4.0 von Baumhansel & Co nachlesen kann oder bei den Besuchen oder Vorträgen von ihm im Rahmen der Lean-Transformation-Aktivitäten im Netzwerk der Staufen AG sehen kann, wo von ABB über SEW-Eurodrive und Trumpf bis Volvo führende Unternehmen an Best-Practices arbeiten.

In den 80ern entwickelte SEW-Eurodrive - wie analog andere auch - aus dem CIM-Gedanken heraus zunächst eine teilautomatisierte und IT-technisch gesteuerte Linienmontage für Getriebemotoren. Aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit wurde diese nach etwa zwei Jahren wieder zurückgebaut.

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Bild 1: Mobile Assistenzsysteme zur Unterstützung der Mitarbeiter

Im Laufe der 90er Jahre erfasste dann die Lean-Philosophie aus Japan die deutschen Produktionshallen. Hier waren jenseits der Technikzentrierung von CIM wichtige Schlagworte zum Beispiel Gruppenarbeit, kontinuierliche Verbesserungsprozesse, Just-In-Time-Prinzipien oder ziehende Fertigung. Mit dem Ziel einer wertschöpfungsketten-orientierten Unternehmensgestaltung und mit der bewussten Berücksichtigung des Menschen in der Produktion, wurden diese Ansätze auch in bei SEW Eurodrive angewandt.

Trotz des CIM-Misserfolgs setzten Soder und SEW-Eurodrive dann aber unideologisch mit dem Aufkommen der Industrie 4.0-Vision wiederum auf Technologie als Komplement bzw. „Lean Industrie 4.0" als Kombination von Lean und Industrie 4.0.

Wie Soder ausführt: „Kombiniert man diese Industrie 4.0-Konzepte bei einer „Lean Industrie 4.0" mit den Konzepten des Lean Managements, dann wird nicht Technik als Selbstzweck maximiert, sondern die Wertschöpfung und der Mensch in den Mittelpunkt der Produktionskonzepte gerückt."

Im Rahmen seines Beitrags auf der Huffington Post hat er u.a. am Konzept und dem Begriff der Assistenzsysteme konkret und beispielhaft aufgezeigt, dass es bei einer „Lean Industrie 4.0" um die Unterstützung des Menschen und seiner Wertschöpfung geht, weniger um seine Substitution oder sogar Fremdbestimmung wie manche Negativ-Szenarien zur Industrie 4.0 befürchten lassen.

So ist es wenig erstaunlich, dass SEW-Eurodrive auch Vorreiter für Gamification-Ansätze und User Centric Design ist.

So wurden auf der Hannover Messe 2015 die Assistenzsysteme zusammen mit neuen Formen der Mensch-System-Interaktion präsentiert, s. auch Video 2. In der neuen Wertschöpfungslogik, wo es auf Kreativität, Innovation und Flexibilität ankommt, muss mehr denn je darauf geachtet werden, wie neben der Ebene Funktion auch die Ebene der Motivation berücksichtigt wird.

So entstehen in Zukunft Interaktionssysteme, die mehr denn je den Bedürfnissen der Arbeitnehmer entsprechen werden und zwar nicht aus „Gutmenschentum", sondern aus ökonomischer Sinnhaftigkeit!

Der Industrie 4.0-Human Ansatz von Burkhard Röhrig / GFOS

Aber nicht nur Maschinenbauer wie SEW-Eurodrive treibt dieses Thema. Auch führende Köpfe im Software-Fachverband des VDMA denken darüber nach, wie die Rolle des Menschen in einer humanen Industrie 4.0 als Win&Win gestaltet werden kann.

Während „Arbeiten 4.0" des Bundesministeriums für Arbeit vor allem die Arbeitsorganisation aus Sicht der Arbeitnehmer beleuchtet, möchten die Mitstreiter um Burkhard Röhrig, den Vorstandsvorsitzenden des Verbandes, alle Gestaltungsbereiche der Industrie so durchleuchten, dass ein Win&Win von Arbeitnehmern und Unternehmen durchgehend sichergestellt wird.

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Bild 2: Humanzentrierte Neuausrichtung aller Gestaltungsebenen

Dabei sollen alle relevanten Bereiche der Wertschöpfungsgestaltung berücksichtigt werden, also neben Assistenzsystemen, Nutzerschnittstellen z.B. auch Formen der flexiblen Personaleinsatzplanung zum Wohl von Kunden, Unternehmen und Mitarbeitern, um z.B. auch ältere Mitarbeiter besser weiterhin in der Produktion integrieren zu können.

Schließlich kann Industrie 4.0 nur ein Erfolg werden, wenn es gelingt, die Interessen der Unternehmen und der Mitarbeiter zu synchronisieren. Gerade im Umfeld von Industrie 4.0 darf Flexibilität keine Einbahnstraße sein.

Heute sind intelligente Arbeitszeitmodelle gefragter und bedeutender denn je. Mit relativ einfachen Tools wie z.B. einem Workflow lassen sich Mitarbeiterwünsche wie Diensttausch oder kurzfristiger Urlaub gerecht und transparent umsetzen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass z.B. das „Schicht-Doodle" im Industrie 4.0-Projekt mit die höchste Popularität in den Medien hat,. Hier - beim Personaleinsatz - spüren die Mitarbeiter und Unternehmen am schnellsten die Auswirkungen einer vermehrten Digitalisierung, Flexibilisierung, und Kollaboration im Netzwerk.

Dabei wird der Mitarbeiter nicht fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt.

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Video 5: Schicht-Doodle - flexiblere Personaleinsatzplanung als Win&Win

Burkhard Röhrig führt auf der Huffington Post aus, dass Industrie 4.0 Chancen für alle Beteiligten bietet. Aus Arbeitnehmer-Sicht sind dies u.a.:

  • Die Industrie 4.0 ermöglicht die Selbstorganisation in kleineren Einheiten in hohem Maße. Selbstorganisation macht den Arbeitsalltag abwechslungsreicher und auch verantwortungsvoller.

    Ergebnis von Industrie 4.0 Human kann also die Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen beziehungsweise die Aufwertung von Produktionsarbeit sein.

  • Dabei wachsen auch Aufgaben traditioneller Produktions- und Wissensarbeiter in der Industrie 4.0 weiter zusammen. Produktionsarbeiter übernehmen vermehrt Aufgaben für die Produktentwicklung.
  • Selbstorganisation bietet zudem eine flexiblere Antwort auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer in Richtung ihres Arbeitszeitmanagements. Mehr denn je ist es notwendig, nicht nur am Kunden-Markt, sondern auch am Arbeitnehmer-Markt flexibel zu sein. Hier entscheidet sich, welches Unternehmen die raren Fachkräfte für sich gewinnen kann.
  • In Zeiten des demografischen Wandels wird es notwendig und möglich sein, ältere Mitarbeiter, die über eine Menge Know-how verfügen, länger in das Berufsleben einzubinden. Dies ist zum Beispiel realisierbar, indem Abläufe aber auch Technologien und Systeme genau auf die Möglichkeiten der Belegschaft abgestimmt werden. Ältere Arbeitnehmer profitieren also von der „Inklusion" in der „Industrie 4.0 Human" und werden nicht „zum alten Eisen".

„Industrie 4.0 Human" bietet nach Röhrig auch aus Unternehmenssicht Vorteile jenseits der Substitution von Mitarbeitern durch Roboter & Co, z.B.:

  • Die höhere Qualifikation von Mitarbeitern bedeutet zusammen mit einem Mehr an Automatisierung eine höhere Produktivität und Möglichkeiten der neuen Wertschöpfung
  • Die Flexibilität für die Mitarbeiter muss und kann kombiniert werden mit einer Flexibilität für die Unternehmen bzw. ihrer Kunden.

Hier bietet sich also ein attraktiver Rahmen für Win&Win-Strategien für alle Stakeholder, von der besseren Mensch-Maschine-Interaktion über eine bessere Kollaboration bis hin zu neuen Organisationskonzepten zum Wohle aller Beteiligten und für den gemeinsamen Erfolg.

Der Management 4.0-Ansatz von Professor Michael Henke

Last, but not least soll hier der Management 4.0-Ansatz von Professor Michael Henke, dem Fraunhofer-Kopf von Mittelstand 4.0, vorgestellt werden, um zu verdeutlichen, dass der Mensch und die neue Organisation sogar im Kernfokus der führenden Köpfe der Industrie 4.0 steht.

Bei einer spezifischen Zielgruppe sieht Professor Wolfgang Kersten im Manager Magazin einen besonders hohen Transformationsbedarf:

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U.a. im Vorwort des zweiten Competence Books zu Industrie 4.0 (s. „Keine Industrie 4.0 ohne Management 4.0") hat Professor Henke darauf hingewiesen, dass Industrie 4.0 als reine Technologie-Lösung keine Chance hat: „Ohne die entsprechende organisatorische Entwicklung kann sich die technische Entwicklung nur in begrenztem Ausmaß entfalten".

Dafür formuliert - insbesondere in Richtung der "Manager" - drei „Axiome" für den Erfolg von Management 4.0:

Axiom 1: Das Management 4.0 muss Aufmerksamkeit schaffen, das Wagenburg-Denken der Silos verändern und die Hierarchiegrenzen einreißen.

Axiom 2: Das Management 4.0 muss eine Kultur fördern, die Unternehmertum im Unternehmen und auch einmal schnelle Fehler zulässt.

Axiom 3: Das Management 4.0 muss Strukturen schaffen, die dem grenzenlosen Datenfluss (und Wissensfluss, Anm. der Autoren) und einer Kollaboration nicht im Wege steht.

Ein Exkurs: Industrie 4.0 ohne Prozessindustrie?

Nur als Nebenbaustelle ein letzter, zu diskutierender Vorwurf von Professor Syska, um die Irrelevanz des Projekts zu untermauern: Industrie 4.0 sei sowieso nur was für die diskrete Fertigung. Ja, die Prozessindustrie tat sich zunächst schwerer mit der Digitalisierung der Fabrik und manche Konzepte für die diskrete Fertigung sind in diesem Kontext nicht 1:1 anwendbar.

Aber viele Unternehmen aus der Branche arbeiten daran. So sind z.B. Unternehmen wie Endress + Hauser oder BARTEC Visionäre für eine Prozessindustrie 4.0. Dass BARTEC-Chef Dr. Ralf Köster zum Unternehmer des Jahres 2015 gewählt wurde, belegt die Richtigkeit dieses Weges.

Auf jeden Fall wird auch in der Prozessindustrie daran gearbeitet, Technologien 4.0 für ein Win&Win zu nutzen. Stefan Pistorius, Mitglied der Geschäftsleitung, formuliert in seinem Zukunfts-Statement für das Competence Book - Mensch und Maschine für die kooperative Produktion von morgen:

„Schließlich dürfen wir eines aber auch nicht vergessen: den Faktor Mensch.

Wir sind es, die sich diese Konzepte ausdenken.

Menschen haben die Ideen zur kontinuierlichen Verbesserung von

Prozessen und Fertigungsabläufen entwickelt.

Wir sind die Kreativen und wir sollten die Maschinen und Produktionsanlagen

zum besten Nutzen der Menschen einsetzen ..."

Ein klares Statement und mit dieser Einschätzung ist Stefan Pistorius auch nicht allein, wie ein Roundtable mit den führenden Köpfen der Branche zeigt (u.a. Präsident des ZVEI, Vorstandsvorsitzender des Software-Fachbverbands, ...,s. hier).

Die wirklichen Probleme gemeinsam im Netzwerk lösen!

Wenn es also in unserer Hand liegt, wie wir die Zukunft der Industrie 4.0 gestalten, sollten wir uns nicht zu lange mit ideologischen Auseinandersetzungen aufhalten, sondern vielmehr gemeinsam an noch vorhandenen Engpässen arbeiten, die jetzt noch den Erfolg im Sinne aller verhindern. Dabei sollten wir ohne Ideologie alle mitnehmen, die am Erfolg mitwirken können.

Deshalb fordern wir schon seit einiger Zeit eine Zusammenarbeit mit dem Industrial Internet Consortium, deren Mitglieder die neue Logik auch in weitere Branchen wie die Energie- oder Logistikbranche bringen wollen.

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Bild 3: Treffen der führenden Köpfe für den #NextAct der Industrie 4.0

Zudem werden sich im kommenden Jahr wichtige Köpfe der Industrie 4.0 in Köln treffen, um die „#NextActs" für einen Erfolg der Industrie 4.0 zu besprechen.

Die hier genannten Köpfe Johann Soder, Burkhard Röhrig, Dr. Ralf Köster und Professor Michael Henke und viele andere Gestalter der Industrie 4.0 werden in Köln ebenso dabei sein wie Medienvertreter (Tobias Böhnke, Huffington Post) und weitere Influencer, damit die Industrie 4.0 - lean und humanzentriert - auch durch diese Maßnahme und weitere Maßnahmen in der Breite erfolgreich sein wird.

Professor Syska wird natürlich auch eingeladen, denn in früheren Vorträgen hat er Zukunftsvisionen beschrieben, die vom hier Geschilderten gar nicht so verschieden sind ;-)

Mensch und Maschine - Hand in Hand zur Standortsicherung in Deutschland!

Und vielleicht gelingt uns das, was Olaf Dierig im Frühjahr in einem Blogbeitrag "Mensch und Maschine - Hand in Hand zur Standortsicherung in Deutschland" skizziert hat: Die Fokussierung auf den Menschen sogar zum Standort-Vorteil zu machen. Wenn wir die Humanzentrierung durchdeklinieren und umfassend umsetzen, dann ist das nicht nur ein Nice-to-have, sondern ein echter Differenzierungsfaktor, von dem alle profitieren, sogar ungelernte Arbeitskräfte wie Olaf Dierig unter Hinweis auf den Augmented Operator ausführt. Wenn das keine doppelte frohe Botschaft ist.

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