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02/06/2015 13:23 CEST | Aktualisiert 07/06/2016 07:12 CEST

Wir brauchen den Dialog zwischen Analogen und Digitalen - eine Replik auf Lutz Hachmeister

Thinkstock

"Ich bin nicht Stiller" und "Es gibt keine digitale Gesellschaft".

Was eint den Protagonisten von Max Frischs Stiller mit Lutz Hachmeister, dem ehemaligen Kopf des Adolf-Grimme-Instituts? Es ist das Ableugnen dessen, was andere als offensichtlich identifizieren. Hachmeister beginnt wie Stiller mit einer absoluten Aussage bzw. Absage in der FAZ: "Es gibt keine digitale Gesellschaft".

Seiner Leugnung stehen antagonistisch die vielen Bezeuger des Digitalen gegenüber. Nicht nur die von Hachmeister in der FAZ kritisierte "Netzgemeinde", auch Berater und Politiker reihen sich ein in die digitale Front, weil sie auch ein Teil des digitalen Wandels sein wollen. Für sie ist die digitale Gesellschaft als Zukunftsvision eine ebenso absolute Wahrheit.

Und ebenso absolut stehen der „Digitalen Gemeinde" neben Hachmeister viele andere „Analoge" als „Gemeinde" gegenüber, die mit der FAZ auch ein wichtiges Medium haben, um die selbstreferentielle Gewissheit aufrechtzuerhalten: "Es gibt keine digitale Gesellschaft". Hier endet dann die Analogie, denn Stiller konnte nicht auf eine solche „Analoge Gemeinde" setzen.

Vereint im doppelten Recht/Unrecht

Welche „Gemeinde" hat den nun "recht/Recht"? Die Antwort ist natürlich eindeutig zweideutig: Beide Parteien haben Recht bzw. beide haben Unrecht. Recht haben beide in ihrer wechselseitigen Kritik und ihren relativen Wahrheiten, Unrecht in ihrem Absolutheitsanspruch.

Natürlich wird die Digitalisierung auch die Gesellschaft (indirekt) verändern (wie es die Digitalen erahnen), und natürlich werden aber das Digitale als Technologie wie auch der Cyber Space selbst nicht isoliert die "paradigmatische" Essenz der neuen Gesellschaft sein (wie es die Analogen erahnen). Beide Perspektiven sind also „relativ" in ihrem Deutungskontext richtig, irren aber in ihrem absoluten Anspruch.

Dort, wo wir digital nur „elektrifizieren", entsteht strukturell nichts Neues. Wer sich aber darüber freut, freut sich zu früh. Die Emergenz des Digitalen in der virtualisierten Welt, also in der vereinten realen und digitalen Welt, wird eine neue bzw. eigentlich eine alte, aber oft noch unentdeckte (Kompetenz-)Netzwerk- und Competence-Networking-Logik sein, die in ihrer paradigmatischen und disruptiven Wirkung fundamental wirken wird.

Jetzt erst lässt uns die Dematerialisierung, Entgrenzung, Vernetzung,... des Digitalen erkennen, was das wahre Wesen von Gesellschaft und insbesondere Ökonomie ist. Gesellschaften sind Netzwerke und Leben, Wertschöpfung und Problem-Lösung ist Competence-Networking als die Synchronisation und selbstreferentielle Vernetzung von Kompetenz.

Wer von Phänomenen wie airbnb, UBER & Co überrascht ist, signalisiert nur sein Unverständnis dieser Meta-Mechanismen hinter dem Phänomen. Wer die „Neue Ökonomie" und die „Neue Gesellschaft" wirklich verstehen will, muss sie auf dieser Ebene der neuen / alten Logik verstehen. Wie bitte?

Luhmann meets Ostwestfalen

Ein kleiner theoretischer Exkurs. Wer „theoretisch" über Gesellschaft spricht, kann dies heute nicht mehr ernsthaft tun, ohne Luhmann zu referenzieren. Der „Bielefelder" Luhmann hat die Soziologie von der „reinen Politik" der Frankfurter (und leider auch vom Individuum und vom Normativen) befreit und „Kommunikation" in den Mittelpunkt seines normfreien (und damit anti-normativen), deskriptiven Ansatzes gesetzt.

Die Abstraktion des OWLers Luhmann hatte aber damals wenig zu tun mit der Realität eines mittelständischen Heizungsbauers aus Ostwestfalen-Lippe.

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Spätestens aber wenn Märkte zu Gesprächen werden, wie es das Cluetrain Manifesto fordert, oder besser noch zu Kompetenz-Netzwerken bzw. zu neuen kollaborativen Plattformen 4.0 und spätestens wenn Wertschöpfungen zu Kommunikationen oder besser noch zu Competence-Networkings (als Vernetzung von Fähigkeiten) werden und sich dann die Grenzen von Märkten und Organisationen ebenso auflösen wie die Grenzen von Produkt und Produktion, dann erkennt auch der mittelständische Heizungsbauer, dass sich zumindest Ökonomie als Teil der Gesellschaft „paradigmatisch" wandelt.

Es reicht eben nicht mehr nur, tolle Produkte zu produzieren, wenn andere im Netzwerk bzw. in ihren Eco-Systemen Probleme lösen, Bedürfnisse befriedigen und zu wahren Wertschöpfern werden.

Und es stimmt in diesem Sinne hoffnungsfroh, wenn sich in Paderborn im April die mittelständische „analoge" Industrie zum 4.0-Meeting traf (Fachkongress Industrie 4.0) und der Technik-Chef von Miele ein neues Denken jenseits von Produkten und Organisationsgrenzen fordert.

Dr. Sailer erkannte, dass ein Gadget von Amazon, über das man Waschmittel an einer Waschmaschine bestellen kann (s. hier), mehr ist als ein „Spielzeug" digitaler Freaks. Es ist Materialisierung dieser neuen dematerialisierten Ökonomie, wo die Fähigkeit „Waschen" nun über dieses Gadget mit der Fähigkeit der Waschmittel-Logistik verbunden wird und potenziell mit weiteren Teilen der Problem-Lösung (und weiteren Akteuren) im Eco-System Waschen.

Der Technik-Chef von Miele erkannt die disruptive Wirkung, die ein kleines Gadget haben kann, wenn plötzlich andere Player in den eigenen Markt und mit ihrer Vernetzung in die Schnittstelle zum Kunden drängen.

Im Worst Case, so formulierten die Ostwestfalen, „wedelt der Schwanz mit dem Hund" und die analogen „Materiellen" werden nur Zulieferer der Virtualisierten Kompetenz-Netzwerk-Ökonomie, mit Plattformen, Dienstleistern und Hightech-Produzenten aus dem Silicon Valley als wahren Königen der neuen Ökonomie, die diesmal wirklich mehr ist als eine „New Economy", über deren Scheitern man noch leichtfertig lachen konnte. Spätestens mit dem massiven eigenen ökonomischen Abstieg wird Lachen über das Neue vergehen.

Aber auch jenseits der Ökonomie werden die alten Muster einer „,materiellen", „begrenzten" Objekt-Welt zeitgemäß ersetzt werden, weil die Digitalisierung hier als „Befähiger" („Enabler") wirkt. So sehr man sich wie Hachmeister klammheimlich oder öffentlich über das Scheitern der Piraten freuen darf, so muss dann doch die Frage gestattet sein, wie erfolgreich die Nicht-Netzwerk-Konzepte der repräsentativen Demokratie zur Zeit noch sind.

Die Antwort liefert fast jede Wahl. Die Isländer haben hier vor Jahrhunderten schon Netzwerk-Alternativen vorgelebt (s. Althing), scheiterten aber - wie die Piraten - an naiven Blumenträumen, indem sie z.B. auf eine Exekutive bewusst verzichteten. Trotzdem wird es in the long run auch zu anderen politischen Strukturen kommen müssen.

Die Emergenz der neuen Gesellschaft - die Competence-Networking-Gesellschaft

Vielleicht hilft neben diesen Beispielen aus Ostwestfalen Lippe ein Bild, um das fundamental Neue dieser Emergenz des Digitalen und die schrittweise Transformation der Gesellschaft und ihrer Paradigmen zu verstehen. In Abbildung 1 wird nur andeutungsweise und beispielhaft die Transformation für die Ökonomie visualisiert.

• In der „alten" bzw. klassischen materiellen Ökonomie (unterstes Paradigma in Abb. 1) dominieren ontologisch klar umrissene, materielle Konzepte wie Kunde, Produkt, Vertrieb, Fabrik. Ihre klare „Begrenzung" bedeutet sehr oft auch Silos.

• Die zunehmende Digitalisierung der Netzwerk-Ökonomie führt zu einer Virtualisierung, Öffnung und Vernetzung. Es bleiben aber noch die alten Entitäten, jetzt eben nur vernetzter.

• Erst wenn aber am Ende der Digitalisierung und Dematerialisierung Wertschöpfung als die vernetzende Kombinatorik von Kompetenzen/Fähigkeiten realisiert wird, dann ist der Zustand einer Competence-Networking-Ökonomie erreicht.

Im Rahmen von virtuellen Eco-Systemen oder Plattformen sind Marktplätze und Organisationen dann eben nicht nur Plattformen für Gespräche, sondern Plattformen für jede Art der kollaborativen Problem-Lösung im Netzwerk durch Kompetenz-Vernetzung. Die alten Entitäten und Kategorien (Kunde, ...) verschwinden in ihrer Relevanz ebenso wie abgegrenzte Phasen der Wertschöpfung und so kann ein Kunde zu jeder Zeit schließlich auch Co-Produzent oder Partner in der Co-Produktion im Eco-System sein.

Diese Emergenz des Digitalen ist fundamental neu und erfordert sogar eine neue transklassische Netzwerk-Logik und -Ontologie als Basis für das Verständnis und die Gestaltung der neuen Systeme und Strukturen. Das aber führt zu weit. Hiermit sei daher der esoterische Teil beendet.

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Abb 2: Von der klassischen Ökonomie zur Competence-Networking-Ökonomie

Schauen wir vor dem Hintergrund dieser Abbildung noch einmal ganz praktisch in Deutschlands Transformations-Hochburg OWL: Das Gadget an der Waschmaschine macht aus der Waschmaschine im ersten Schritt eine intelligentere, offenere und vernetztere Entität. Mit dem einfachen Gadget, dass Dr. Sailer in Paderborn exemplarisch vorstellte, wird eben nicht mehr nur das Problem gelöst, Wäsche zu waschen, sondern auch das damit vernetzte Problem, das notwendige Waschmittel zu besorgen.

Eine smarte und vernetzte Waschmaschine könnte aber noch viel weiter darüber hinausgehen und z.B. ganz exotisch gedacht Wasch-Kompetenz (für Studenten ;-)) vermitteln und neue Geschäftsmodelle ermöglichen (und neue "Strukturen" für das Eco-System der Wasch-Branche).

Eine Flatrate für Wasch-Services einschließlich An- und Abtransport und Wartung der Waschmaschine und Versorgung mit Waschmitteln hätte mir als Student gefallen. Dabei hätte die Waschmaschine ruhig auch gebraucht sein können oder durch den Hersteller regelmäßig verbrauchsoptimierend ersetzt werden können.

Hier wird heute der Kunde noch mit seinen Problemen alleine gelassen, denn eigentlich will ich nicht einmal waschen, sondern brauche nur saubere Wäsche. Wenn die Waschmaschine Teil einer Plattform bzw. eines Eco-Systems „Waschen" wird, dann werden Teile dieses Szenarios einer umfassenden Problemlösung wahr. Vielleicht steht dann die Waschmaschine aber auch gar nicht mehr zuhause.

Was heute noch „theoretisch" wie auch „praktisch" undenkbar scheint, könnte morgen schon in anderen Kontexten und in Teilen Realität werden. Das Mehr an Kompetenz (Smartness) und Vernetzung (Connected) ändert aber nicht nur Ökonomie, sondern alle funktionalen Teilsysteme der Gesellschaft und damit auch die Gesellschaft selbst.

Wir brauchen keine Gesellschaft im digitalen Raum, kein Second Life und keine Second Society, aber eine virtualisierte Gesellschaft, die durch Digitalisierung und eine Wertschöpfung als Competence Networking ein neues Niveau der Wertschöpfung realisiert.

Für die Emergenz der neuen Gesellschaft - Digital meets Analog

Genug theoretisiert. Rein praktisch kann festgestellt werden: Es bringt nichts, wenn bei dieser Transformation in Deutschland Digitale und Analoge auf ihren Inseln bzw. in ihren Wagenburgen verbleiben und sich wechselseitig die Zukunftsfähigkeit absprechen. Internationale Wettbewerber werden sich freuen.

Ein Wanderer zwischen den „Communities" wie Gunnar Sohn forderte daher zurecht den Dialog, denn ohne einen Dialog von Analogen und Digitalen wird die „produktive" Gestaltung der neuen Kompetenz-Netzwerk-Ökonomie in Deutschland nicht gelingen bzw. sie wird genau dort gelingen, wo dieser Dialog stattfindet. U.u. eben nicht in Deutschland.

Um das zu verhindern, wird sich im Rahmen des Barcamps Arbeiten 4.0 der Bertelsmanns Stiftung eine Session mit der Transformation und geeigneten Netzwerk-Strukturen für diese Transformation („digitale APO") beschäftigen, damit der breite Wandel auch wirklich gelingt.

Mehr Informationen dazu hier „Session digitale APO". Denn natürlich sollte auch die Transformation in Richtung Competence-Networking-Ökonomie durch Kompetenz-Netzwerke und Plattformen 4.0 realisiert werden.

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