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13/08/2015 11:02 CEST | Aktualisiert 13/08/2016 07:12 CEST

Der Atomdeal mit dem Iran auf der Kippe - welche Chancen verpassen Deutschlands Unternehmen?

Der Iran wartet darauf modernisiert zu werden. Bereits in einem früheren Beitrag wurde thematisiert, welche Chancen der Iran-Deal für deutsche Unternehmen bietet. Nach langen Verhandlungen und dem Durchbruch im Juli scheint jetzt wieder alles offen. Deutsche Unternehmen bereiten sich dennoch frühzeitig auf die ökonomischen Chancen und neue Kopperationsmöglichkeiten vor.

Eigentlich war alles klar. Es ist Dienstag der 13. Juli 2015. Immer wieder blickt Dr. Thomas Wülfing auf den Newsticker. Er wartet auf Neuigkeiten aus Wien. Das Warten auf Einigung im Atomstreit mit dem Iran ist zur Hängepartie geworden.

Mehrfach wurde die Verhandlungsfrist schon verschoben. Die angekündigte Pressekonferenz am Vorabend wurde kurzfristig abgesagt. Ein Twitter Post des iranischen Präsidenten Rohani, in dem er die Einigung verkündet hatte, wurde kurz nach der Veröffentlichung wieder gelöscht.

In den frühen Morgenstunden des Dienstags wirft der Newsticker die ersten Meldungen aus: „Einigung im Atomstreit" und „Deal in Vienna". Am Mittag ist es dann offiziell. Die 5+1 Gruppe hat sich mit dem Iran auf ein Abkommen geeinigt.

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Das Atomprogramm des Iran, Bild Wikipedia.

Für Dr. Thomas Wülfing, dem Geschäftsführer der Hamburger Rechtsanwaltskanzlei WZR, die bedeutendste Meldung seit der Nachricht über den Fall der Mauer. Wülfing ist einer der ersten deutschen Unternehmer, die sich seit der Lockerung der Sanktionen Anfang 2014 wieder in den Iran gewagt haben.

Im April öffnete WZR als erste größere deutsche Wirtschaftskanzlei ein eigenes Büro in Teheran. „Seit Mitte 2014 war absehbar, dass wir in Teheran eine eigene Präsenz benötigen. Inzwischen betreuen wir über hundert deutsche Unternehmen, die im Iran Fuß fassen wollen - das können sie nicht vom Schreibtisch in Hamburg aus steuern."

Jetzt aber scheint wieder alles offen. Führende Demokraten stellen sich gegen Obama. Obama beschwört den Kongress, aber das Ergebnis seiner Bemühungen ist schwer vorherzusehen. Unabhängig von der politischen Bewertung, droht nun, dass Iran und Deutschland wichtige ökonomische Chancen des Deals nicht nutzen können. Das wäre bedauerlich.

Das Interesse deutscher Unternehmen ist enorm - kein Wunder, wirft man einen Blick auf die Kennzahlen: 80 Millionen Konsumenten, eine breite und gebildete Mittelschicht, riesige Vorkommen an Bodenschätzen, die viert größten Öl- und die größten Gasreserven Weltweit. Andererseits leidet das Land seit Jahren unter den verhängten Sanktionen.

Der gesamte Industriesektor ist veraltet, die Produktionsanlagen stammen teilweise noch aus den 50/60iger Jahren, ebenso die Infrastruktur. Die Straßen und Bahnnetze des Landes sind marode und müssen dringend saniert werden. Der Flughafen Teheran ist einer 12 Millionen Metropole nicht würdig.

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Einige Referenten der Veranstaltung „Rahmenbedingungen für Geschäftstätigkeiten im Iran" im Dezember 2014, Bild: GERMELA

Bereits 2008 initiierte Thomas Wülfing das Netzwerk GERMELA, die sich auf die Beratung für Unternehmen mit Fokus Nahen und Mittleren Osten spezialisiert hat. „Der Blick vieler Unternehmen richtet sich nun auf den Iran. Das Land hat in allen Sektoren enormen Nachholbedarf. Vor allem Investitionsgüter wie Maschinen für den Fahrzeugbau und Technik zur Förderung von Öl und Gas werden im Iran dingend benötigt.", sagt Wülfing.

Der Automobilsektor spielt für den Iran eine vitale Rolle. Nach Öl und Gas macht dieser Sektor mit fast 800.000 Arbeitsplätzen mehr als 10% des BIP des Landes aus. Der Iran produzierte im Zeitraum März 2014 bis März 2015 fast 1,5 Millionen Fahrzeuge und ist damit der größte Automobilhersteller im Nahen und Mittleren Osten.

„Das Land bemüht sich, durch Stärkung des Automobilsektors unabhängiger vom Öl zu werden. Zur Modernisierung der Produktionslinien werden neue Partner aus dem Automobilzulieferer- und Anlagenbaubereich gesucht. Am liebsten aus Deutschland" so Wülfing.

So passt es, dass Anfang September eine hochkarätig besetzte Delegation mit Vertretern der iranischen Automobilindustrie für eine Woche Deutschland besuchen wird. GERMELA organisiert die Reise und lud die Vertreter nach Deutschland.

„Wir möchten iranische Automobilhersteller mit deutschen Zulieferern und Anlagenbauern zusammenbringen. Der Wunsch von Kooperationen besteht auf beiden Seiten" so Alexander Haghani, Berater bei GERMELA. Während des sechstägigen Besuches wird die Gruppe aus dem Iran unter anderem MAN in München und Daimler in Sindelfingen besuchen.

Zudem wird am 10. September ein Seminar bei IHK Darmstadt veranstaltet, an dem mehr als 30 deutsche Unternehmen aus dem Bereich Automotive mit den iranischen Managern zusammen gebracht werden. Dieses Seminar setzt die Veranstaltungsreihe zum Thema Iran fort, die bereits letztes Jahr Experten allgemein über die Rahmenbedingungen der Geschäftstätigkeiten im Iran aufklärte.

Mittelfristig will der Iran 15 Millionen veraltete Fahrzeuge vom Markt nehmen insbesondere um Verbrauch und Co2 Ausstoß zu reduzieren. Und auch hierfür werden strategische Partner gesucht „Die Rücknahme und das Recycling von 15 Millionen Fahrzeugen erfordert einen Partner mit Erfahrung. Deutsche Unternehmen verfügen seit der Umweltprämie über dieses Know-How. Der mit dem Programm verbundene steuervergünstigte Import von Neufahrzeugen, bzw. die CKD Fertigung im Iran bietet enormes Absatzpotenzial für Deutsche Unternehmen." so Haghani weiter.

Aber auch andere Sektoren sind im Blickpunkt: „Der Krankenhaus- und Pflegesektor muss dringend modernisiert werden. Der Iran hat gute und motivierte Ärzte. Es fehlt jedoch allerorts an modernen Geräten und professionellen Strukturen" erläutert Thomas Wülfing.

Gemeinsam mit dem MDRC Teheran, einer renommierten Fortbildungseinrichtung für iranische Manager, setzte GERMELA bereits im Juli 2014 eine Studie auf, in der die medizinische Versorgung des Iran analysiert wird.

„Durch die systematische Analyse von Krankenhäusern und ambulanten Behandlungszentren im Iran möchten wir ein Lagebild gewinnen, um den genauen Bedarf ermitteln zu können. Anhand der gewonnen Daten können wir mit deutschen Unternehmen Konzepte für die Restrukturierung und Modernisierung der iranischen Einrichtungen sowohl im stationären als ambulanten Bereich entwickeln" so Wülfing weiter.

Langfristig können sich deutsche Unternehmen also große Hoffnungen auf gute Geschäfte im Iran machen. Eine Nachrichtenagentur berichtet zwar, die USA bereiteten eine Handelsoffensive vor, doch lassen sich gut drei Jahrzehnte innigster Feindschaft nicht so schnell wegwischen.

Damit dies aber gelingt, muss natürlich zuerst der Atom-Deal trotz aller Widerstände gelingen. Das werden wahrscheinlich die nächsten Wochen klären. Es bleibt zu hoffen, dass am Ende die Vernunft auf beiden Seiten siegt und so die wirtschaftlichen Chancen auch realisiert werden können.

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