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07/11/2014 08:05 CET | Aktualisiert 07/01/2015 06:12 CET

6 Mythen über den Islam, die den interkulturellen Dialog in Deutschland verhindern

Kein Thema scheint aktuell die Gemüter so zu bewegen wie das Thema Islam. Die Propaganda, aber vor allem Gräueltaten des Islamischen Staates und ihr Widerhall in den Medien haben ganze Arbeit geleistet und wirken bis tief in unsere Gesellschaften hinein.

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„Der Islam" - ein Thema, das bewegt

Kein Thema scheint aktuell die Gemüter so zu bewegen wie das Thema Islam. Die Propaganda, aber vor allem die Gräueltaten des Islamischen Staates (IS) und ihr Widerhall in alten / neuen Medien haben ganze Arbeit geleistet und wirken fundamental bis tief in unsere Gesellschaften hinein.

Sie bedrohen uns, aber nicht nur mittelbar durch eine mögliche, reimportierte terroristische Gefahr, sondern unmittelbar durch die Beeinflussung unserer demokratischen Kultur und unseres Miteinanders in einer Gesellschaft, die mehrere Kulturen einschließt, ob wir sie nun wie Wulff auch explizit dazuzählen oder wie Gauck partiell herausdefinieren.

Auch seriöse Medien entdecken „den Islam" als Problem

Manchmal sind es jenseits des IS auch hassgläubige Muslime in unseren Gesellschaften, die Robin Williams in die Hölle wünschen, die dann Leitmedien wie den FOCUS aufschrecken, wobei im Beitrag zum Glück erwähnt wird, dass auch schwulenfeindliche Christen Williams wegen seiner Toleranz dorthin wünschen.

Wie auch immer: Die Irrsinnigen (und die Gaza-Demos) oder zuletzt die omnipräsente Anzeige eines Osnabrücker Muslims gegen Dieter Nuhr waren und sind Anlass dafür, dass viele Leitmedien und ihre führenden Köpfe, also die Träger unserer demokratischen Kultur und unseres gesellschaftlichen Diskurses, nun nicht mehr nur die Islamisten und andere Verirrte zu Recht kritisieren, sondern „den Islam" an und für sich als Objekt einer fundamentalen Kritik entdeckt haben.

Das scheint eine neue Qualität zu sein. So titelte zuletzt der Focus „Die dunkle Seite des Islams" (Nr. 45, 2014) und berichtete in der Islam-Ausgabe nicht mehr spezifisch über den Islamismus, sondern generell über den „Glauben zum Fürchten".

Für Ulrich Reitz im Focus oder auch für Oliver Jeges in der Welt ist Islamkritik nicht islamophob, sondern Ausdruck der Aufklärung.

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Eine verschleierte Muslima, ist das schon die „dunkle Seite des Islam?"

(Bild: istockphoto/CapturedByAmelia)

Die islamische Frage und die Aufklärung?

Was aber kann Aufklärung in diesem Kontext bedeuten? Die „Aufklärung" im Sinne eines Voltaires und seines Mohamet ist vor allem Grundablehnung einer als fremd und bedrohlich empfundenen Religion im Kontext einer generellen Religionskritik.

Es ist nicht Aufklärung im Sinne Kants als Überwindung des selbstverschuldeten Unvermögens, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Solche Unmündigkeit entsteht u.a. durch Unwissen, denn Vernunft als Orientierung erfordert Kompetenz, wenn sie mehr als Vor-Urteil sein will.

Dabei gibt es seit vielen Jahren „Aufklärer" im Dialog der Kulturen wie Professor Hans Küng als ein Aufklärer „des Westens" oder z.B. neuerdings ein Professor Mouhanad Khorchide als ein Aufklärer „des Islams", die beide in ihren Kontexten nicht unumstritten sind. Sie blieben aber im Medien-Sturm ungehört.

Besondere Aufmerksamkeit genoss dagegen Nicolaus Fest, als er Ende Juli in der BILD den „Islam" generell als „Integrationshindernis" identifizierte.

Was zunächst wie ein Einzelphänomen wirkte, blieb auch jenseits der aktuellen Focus-Ausgabe nicht ohne Nachfolger und hatte aber auch seine Vorgänger. Der Cicero widmet dem „bösen" Islam eine eigene Ausgabe und Frank A. Meyer bemerkte im Cicero, dass „der Islam" generell eine totalitäre Religion sei.

Bettina Gaus stellte daher in ihrem Beitrag für die TAZ richtigerweise fest, dass andere Medien nur intellektuell verbrämter seien als die BILD. Für die privaten Medien diagnostizierte sie sogar, dass sich in einigen Redaktionen noch nicht herumgesprochen habe, dass Islamist kein Synonym für Muslime ist.

So weit, so ungut. Ist aber diese generell islam-kritische Einstellung wirklich neu? Die ZEIT ließ in den Monaten zuvor z.B. Abdel-Samad passend zu seinem Buch wiederholt den faschistischen Islam beschwören. Die WELT diagnostizierte bereits 2011 ein vollkommenes zivilisatorisches Versagen für „den Islam" und die FAZ klärte seine Leser u.a. bereits 2006 über die Welteroberung „des Islams" auf.

Diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Insofern hat die Dichte der Islam-Kritik in jüngster Zeit vielleicht zugenommen und auch die Klarheit der Formulierung. Das Phänomen an sich aber ist nicht neu.

Was früher eher „exotische" Medien wie der Koop-Verlag transportierten, ist heute in den Mainstream-Medien angekommen. Das freut dann auch PI-News.net. Es kann aber keine „aufklärerische" Zukunftsperspektive darstellen und mündet in der Eskalation.

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Aufklärer für den Dialog der Kulturen, Professor Hans Küng

(Bild: Stiftung Weltethos)

Zugleich beschwerte sich Meyer andererseits und nicht ganz zu Unrecht in seinem Cicero-Beitrag über „Linke", „Grüne" und „Linksliberale" und ihre vereinfachende Differenzierung zwischen Islam und Islamismus.

Egal, was man von solchen Pauschalvorwürfen generell zu halten hat, kann doch festgestellt werden: So wie es einerseits eine neue/alte Linie der pauschalen Islam-Verurteilung zu geben scheint, die dem Aufklärungsanspruch nicht gerecht wird, wird andererseits von Politikern, aber auch von Verbandsvertretern der Muslime, immer wieder pauschalisiert, dass „der Islam" eine friedliche, tolerante und antirassistische Religion sei, was zugleich aber als Ende einer offenen Diskussion missverstanden werden könnte.

Dann wird hier auf der Seite der „Islamverteidiger" pauschal exkulpiert, was dort auf der Seite der „Islamkritiker" pauschal verurteilt wird. Beides ist nicht integrationsfördernd und zeigt eine doppelte Gefahr für unsere Zukunft auf.

„Der Islam" und „der Westen" - die doppelte Gefahr

Was aber ist die Alternative? Hans Küng hat einmal formuliert: Kein Friede unter den Nationen ohne Friede unter den Religionen, kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung zwischen den Religionen.

Ich würde den letzten Satz abändern in „Kein Dialog zwischen den Religionen ohne fundiertes wechselseitiges Verstehen", eine neue Aufklärung, denn Grundlagenforschung muss am Ende in der Bevölkerung ankommen. Heute stehen sich zwei Welten oft mit Unkenntnis gegenüber wie Küng in seinem Standardwerk zum Islam diagnostiziert:

  • ISLAM ALS FEINDBILD (FREMDBILD!):

    Die „neue" generelle, dualisierende Ausgrenzung „des Islams" und „der Muslime" aus der Mitte der Gesellschaft heraus, insbesondere durch ihre (Medien-)Elite, kann konsequent zu Ende gedacht nur in einem Zurückdrängen „des Islams" münden.

    Wenn eine Teilkultur der Gesellschaft generell als faschistisch, totalitär und als Hindernis angesehen wird, liegt der zurecht kritisierte Nicolaus Fest mit seiner Selektion bei Asyl und Zuwanderung richtig, auch wenn sich eine solche selektive und pauschale Diskriminierung eigentlich in Deutschland aufgrund der Historie verbieten sollte.

    Was aber machen Fest & Co. mit denen, die schon hier sind und bereits einen deutschen Pass besitzen, obwohl sie Muslime sind? Sie werden eine solche pauschale Verurteilung nicht als Willkommens-Kultur auffassen und sich potenziell (weiter) abgrenzen. Eine Self-Fulfilling-Prophecy?

    Kann das - abgesehen von der moralischen Legitimität - rein pragmatisch gedacht wirklich eine sinnvolle Option für einen innergesellschaftlichen Frieden sein? Selbst Realpolitik kann das nicht sein.

  • ISLAM ALS IDEALBILD (u.a. SELBSTBILD!):

    Aber auch eine naive Politik der ausschließlich positiven (Selbst-)Wahrnehmung ist problematisch. Gefährlich ist die Nicht-Wahrnehmung demokratiegefährdender Tendenzen wie z.B. der Intoleranz gegenüber Andersgläubigen.

    Gerade auch Muslime selbst sollten sich der Gefahren aus ihrer Mitte bewusst werden, die vielleicht weniger durch den Terrorismus Einzelner entstehen, sondern durch schleichende Entfremdung von Teilen der muslimischen Gemeinschaften von der Mehrheitsgesellschaft durch Abgrenzung von außen (s.o.) oder von innen (gegen die „Ungläubigen").

    Selbst wenn es sachliche Gründe für die Entfremdung gibt, sollte eine religiöse Ummantelung der Entfremdung das Problem nicht verschärfen. Schon da, wo der andere als Ungläubiger geringgeschätzt wird, besteht Diskussions- und Handlungsbedarf. Wenn ein Dialog aber nicht aktiv nachgefragt wird, kann die Transformation nicht begleitet werden.

Was ist der Ausweg? Mythen, Irrwege und realistische Optionen ...

Woher auch eine Stagnation oder Verschlechterung des Dialogs droht: Ein Aufschaukeln ist dann wahrscheinlich und ein positives Ende der Küngschen Kaskade unwahrscheinlich. Was aber ist der Ausweg aus der scheinbar zwangsweisen Krise und wie gelingt uns dieser Ausweg?

Küng weist hier den Weg, wenn man seine Kaskade von hinten liest bzw. betrachtet.

Wir brauchen eine Grundlagenforschung bzw. ein fundiertes wechselseitiges Verständnis, um überhaupt dialogfähig zu sein. Im ersten Schritt gilt es, für dieses wechselseitige Verständnis falsche Mythen zu hinterfragen und dann die dadurch bedingten Irrwege zu vermeiden.

Nur unverblendet von vermeintlichen Wahrheiten werden wir dialogfähig und gemeinsam den Handlungsbedarf erkennen und die notwendigen Maßnahmen ergreifen können. Ansonsten ist die Alternative auch klar, wenn man Küng rückwärts liest: Kein Frieden, sondern Konflikte und dann nicht in entfernten Regionen, sondern im Zentrum unserer Gesellschaften.

Sind wir schon auf einem guten Weg?

Medien und die mit ihnen verbundene Öffentlichkeit neigen nicht nur, aber auch im Bereich gesellschaftlicher Grundfragen immer wieder dazu, sich ihre eigene selbstreferentielle Sicht auf die Wirklichkeit zu erzeugen, die vielfach zwar nicht ganz falsch, aber oft auch nicht ganz wirklichkeitsgerecht ist.

So entstehen Mythen und werden Irrwege propagiert, die im Sinne der Paradigmen des Wissenschaftstheoretikers Thomas Kuhn so lange oder parallel sich selbstbestätigend fortpflanzen, bis die nächste Welle anrollt und mehr oder lautere Anhänger gewinnt.

Die von Fest & Co. losgetretene und dann verstärkte Welle ist ein Beispiel dieses eher „sozialen" als „erkenntnistheoretischen" Phänomens. Das ist nicht nur typisch für gesellschaftliche oder wissenschaftliche Fragen, sondern für alle erkenntnistheoretischen Kontexte.

Der Autor dieses Beitrags hat sich in diesem Sinne in den vergangenen Jahren z.B. immer wieder bemüht, Mythen und Irrwege im Management zu überwinden. So wurden, u.a. in anderen Beiträgen für die Huffington Post, vom Autor Beispiele für aktuelle Management-Mythen (z.B. zu Generation-Y) beschrieben bzw. kritisiert.

Mythen und Irrwege im Management-Kontext „kosten" uns aber nur unnötig finanzielle Werte, im gesellschaftlichen Kontext können sie langfristig aber katastrophal wirken. Hier besteht also viel dringender Handlungsbedarf.

Umso wichtiger ist es dem Autor dieses Beitrags, diese Mythen auch im Kontext Islam zu hinterfragen und Alternativen zu den Irrwegen aufzuweisen. In diesem Beitrag können dabei nur einige wichtige Beispiele angerissen werden, die aber hoffentlich die Grundproblematik verdeutlichen.

Mythos I: „Die Muslime" als monolithischer Block, der unüberwindbar von uns getrennt ist

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Gräben zwischen „den Kulturen" nicht so unüberwindbar sind, dass ein Dialog von vorneherein zum Scheitern verurteilt sein muss. Während Vordenker wie Huntington & Co. (Samuel Huntington, Kampf der Kulturen) einen apokalyptischen Kampf der Kulturen als unabwendbares Szenario sehen, zeigen Studien wie eine Stern-/Forsa-Umfrage, dass vor allem junge Menschen in Deutschland bereits mehrheitlich den Islam als Teil der Gesellschaft sehen.

Gallup hat zudem in einem wissenschaftlichen Großprojekt bereits vor Jahren 50.000 (!) Muslime weltweit befragt, und dabei zeigte sich, dass die Mehrheit der Muslime „westliche" Werte bewunderte.

Das Werk „Who Speaks For Islam? What a Billion Muslims Really Think" räumte glücklicherweise mit vielen Mythen oder Erkenntnislücken auf. Das machte und macht Hoffnung.

Nun soll man - fälschlich Churchill zugeschrieben - keiner Statistik glauben, die man nicht selbst gefälscht habe, und dies gilt sicherlich auch für Studien, die man nicht selbst beauftragt hat.

Zudem finden sich natürlich auch Studien, die z.B. bei männlichen, muslimischen Jugendlichen Gewaltphänomene diagnostizieren. Hier droht eine Blockbildung auf einem höheren Studienniveau.

Dennoch kann aber generell festgestellt werden, dass nicht pauschal und uneingeschränkt ein homogener, monolithischer muslimischer Block diagnostiziert werden kann, der „den Westen" generell ablehnt. So wird auch klar, dass es nur ein Irrweg sein kann, hier pauschal Muslime global und in Deutschland in eine Sippenhaft einer pauschalen Islamkritik zu nehmen.

Eine solche Sippenhaft ist zum einen ungerecht. Schlimmer noch ist sie zum anderen aber potenziell ein Verstärker des Konflikts. Wenn an die Stelle einer Willkommens-Kultur nicht gerechtfertigte Vorwürfe treten oder eine natürliche Unterlegenheit proklamiert wird, dann kann - insbesondere zusammen mit sozialen Problemen (Arbeitslosigkeit, s.o.) - Rückzug und Überkompensation als Resultat den Boden dafür bereiten, dass sich einzelne, z.B. die oben beschriebenen männlichen, muslimischen Jugendlichen, abwenden und ihr Heil in Kontexten suchen, die sie gerne willkommen heißen.

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Kein Luther, aber Repräsentant der Vielfalt, Professor Khorchide

(Bild: CRS, Universität Münster, Arne List)

Mythos II: „Der Islam" als monolithischer Block

Dass eine einseitige und monolithische Weltsicht falsch ist, zeigt sich aber nicht nur bei der Bewertung „der Muslime", sondern auch bei der Bewertung „des Islams" selbst. Nicht umsonst setzt der Autor des Beitrags „der Islam" in Anführungszeichen, um die Heterogenität innerhalb des Islams zu betonen und die Illusion der Homogenität „des Islams" zu kritisieren.

Dass Sunniten und Schiiten zu differenzieren sind, ist spätestens dank IS & Co. allgemeines Kulturgut geworden, denn hier verfolgen fundamentalistische Sunniten u.a. Schiiten. In der Regel können mittlerweile auch Salafisten und Aleviten eingeordnet werden.

Ansonsten aber besteht vielfach selbst in den Qualitäts-Medien ein oft unzureichendes Wissen, was die globale und historische Vielfalt im Islam angeht. Im Islam gab es in Zeit und Raum fast alle Entwicklungen, die auch andere Religionen kennzeichneten.

Neben der heute dominierenden Orthodoxie mit der Dominanz der Rechtsschulen und der Gesetzesgläubigkeit existierten z.B. bereits lange vor der Aufklärung des Westens eine Moderne im Islam, und auch mystische Strömungen, z.B. um den Mystiker Rumi, die auch Mystiker des Christentums inspirierten.

Rumi und Meister Eckhardt waren Brüder im Geiste wie es oft auch die „Rationalen" in den Religionen waren. So war und ist der Islam als Religion kein einheitliches Gebilde, sondern von einer Vielfalt geprägt, die wir nur dann nicht wahrnehmen, wenn wir uns nicht eingehend damit beschäftigen.

Der Theologe Hans Küng forderte daher schon lange, u.a. in einem Interview mit dem Autor dieses Beitrags, eine fundamental neue „paradigmatische Theologie", die Religionen nicht monolithisch analysiert und bewertet, sondern einzelne Paradigmen in diesen Religionen erkennt und bewertet.

Gerade beim Islam könnte eine Theorie der Paradigmen zu einer neuen Rationalität der Diskussion führen, so Hans Küng, und weiter in diesem Interview: „Nicht nur Nicht-Muslimen, sondern auch Muslimen selbst ist oft die komplexe Entwicklung ihrer Glaubensauffassungen nicht bewusst und in Konflikten wie aktuell um den Münsteraner Theologen Professor Mouhanad Khorchide wird deutlich, wie die Diskussion in der Öffentlichkeit und den Medien ohne Tiefen-Kenntnis dieses Hintergrunds erfolgt".

Und weiter: „Im Islam war wie in anderen Religionen die Theologie nie unveränderlich und homogen, sondern zu jeder Zeit und zwischen den Zeiten von unterschiedlichen Paradigmen geprägt und ich spreche hier nicht von Sunniten, Schiiten, Aleviten etc.

Selbst Sunniten haben über die Jahrhunderte ein breites Spektrum des Islams hervorgebracht, wo Wahabiten, Sufis/Mystiker (Rumi), oder durchaus vernunftbasierte, „moderne" Paradigmen nebeneinanderstehen und früh nebeneinanderstanden."

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Der Salafist Pierre Vogel über „den eindeutigen Kufr" von Khorchide

(Bild: YouTube)

Wenn wir den Mythos des Einheits-Islams hinter uns lassen und diese Vielfalt des Islams verstehen, dann erkennen wir auch, dass nur ein differenzierter Umgang mit dem Islam erfolgsversprechend sein kann.

Jegliche generelle Bewertung und pauschale Handlungsoption für „den Islam" sind Irrwege, weil sie ausgrenzen, wo Ausgrenzung unnötig und ungerecht ist, oder tolerieren, wo auch Toleranz nicht angemessen ist.

Wir müssen im Detail nachfragen, wie ein Muslim und muslimische Glaubensgemeinschaften „den Islam" interpretieren.

Mouhanad Khorchide aus Münster hat z.B. in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit" an der Frage des Umgangs mit Andersgläubigen aufgezeigt, wie dort ein breites Spektrum existiert, von einer sehr liberalen pluralistischen Position (die die anderen Glaubensüberzeugungen der „Leute der Schrift" akzeptiert) über eine inklusivistische Position (die andere Positionen würdigt, aber eigene Anforderungen an Christentum und Judentum stellt) bis hin zur exklusivistischen Position (die Überzeugungen von Andersgläubigen ablehnt).

Gerade die Salafisten sehen bei ihrer exklusiven Position in den Brüdern der Schrift „Kuffur", denen das Höllenfeuer droht. Mit Feinden ist eine gemeinsame Demokratie schwierig. Dass Köpfe wie Pierre Vogel Erneuerer wie Khorchide zu den „Kuffur" zählt und immer wieder angreift.

Mythos III: „Der Islam" als das Archaische, Rückwärtsgewandte ... der Gegenwart

Das führt zu einem anderen Mythos im Kontext des Islams. Für Islam-Gegner ist ein „moderner" Islam oft ein Widerspruch in sich. Der Islam ist für sie gar nicht anders vorstellbar als rückwärtsgewandt, rationalitätsfeindlich, demokratieunfähig etc.

Die heute dominierenden Paradigmen der Tradition / Orthodoxie mit der Dominanz der Rechtschulen, aber vor allem archaischen Strukturen in muslimischen Gesellschaften scheinen diese Islamsicht zu rechtfertigen.

Dabei übersehen diese Kritiker aber die oben erwähnte „historische" Moderne: Es gab sie bereits, wie auch von Küng erwähnt, und so erscheint die Behauptung einer religionsimmanten Unfähigkeit des Islams in Richtung Zukunftsfähigkeit, Rationalität, ... absurd.

Was einmal ging, sollte auch ein zweites Mal gelingen. Dabei war die „Moderne" sogar zweitweise eine dominierende Richtung in der Theologie des Islams.

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Kalif Al-Maʾmūn und Kaiser Theophilos

(Bild: Wikipedia, Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes)

Und die muslimische Welt war in diesem Goldenen Zeitalter des Islams unter den Abbassiden generell kein Ort der Rückständigkeit. So erzählt z.B. John Freely in Platon in Bagdad, wie die islamische Welt das antike Wissen, das im Europa im Mittelalter verloren gegangen war, neu entdeckte und durch den Rücktransfer nach Europa die europäische Neuzeit überhaupt erst möglich gemacht hat!

Und auch die islamische Theologie profitierte von dieser Wiederentdeckung der Griechen und ihrer Philosophie. So schreibt Wikipedia: „Die Muʿtazila war eine hauptsächlich in Basra und Bagdad vertretene theologische Strömung des Islam, die ihre Blütezeit zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert erlebte, stark von der griechischen Philosophie beeinflusst war und sich besonders im Kalām, einer Form des religiösen Streitgesprächs mit rationalen Argumenten, hervortat. Sie stellte die Willensfreiheit des Menschen in den Vordergrund ihrer Lehre."

Ergänzend dazu führt Küng im oben genannten Interview weiter aus: „Diese auf Offenbarung und Vernunft gegründete Theologie schien dem damaligen Kalifen Mamun geeignet zu sein, sein Versöhnungs- und Erneuerungswerk zwischen den Glaubensrichtungen innerhalb des Islams zu unterstützen. Erst danach orientiert sich die Islamische Glaubensgemeinschaft ... wieder der Tradition zu und wandte sich von der Vernunfts-Theologie ab."

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Ben Kingsley in 1001 Inventions (Bild/Quelle: Youtube)

Diese frühere Theologie der Rationalität im Islam ist in ihrer Bedeutung für unsere Zeit nicht zu unterschätzen, weil sie die Islam-Skeptiker überzeugen sollte. Nur weil heute im Islam Tradition und Orthodoxie und Rechtschulen dominieren, heißt das nicht, dass dies zwangsläufig so ist und so bleiben muss.

Auch Küng betont diese historische und zukunftsorientierte Relevanz und macht klar, warum eine differenzierte, paradigmatische Sicht uns in die Zukunft begleiten kann: „Insofern wäre eine paradigmatische Sicht auf die Theologie als Rahmen in diesem Sinne auch eine Unterstützung für einen modernen Islam innerhalb der islamischen Welt, weil sie in Einzel-Aspekten des „neuen" Paradigmas auf historische Referenzen zurückgreifen könnte.

Der „moderne Islam" würde in Wirklichkeit in Teilen als ein „Neo-Islam" erkannt. Und auch im „Westen" würde das einseitige Bild des Islams einen schweren Stand haben, wenn die Kenntnis seiner paradigmatischen und zum Teil ... „modernen" Entwicklung größer wäre."

Küng betont hierbei zurecht, wie wichtig es ist, dass sich auch Muslime bewusst werden, dass historisch gesehen der heute dominierende Status-Quo nicht die gottgegebene einzige Variante darstellt.

So wurde Khorchide für seine Schriften von Muslimen als Abweichler kritisiert, wobei „Normalbürgern" vielleicht gar nicht bewusst war, dass er in seinen Argumentationen an eine „moderne Tradition" anknüpfen konnte. So wird dann eine Reform sicherlich weniger als fremd (oder von der Mehrheitsgesellschaft aufoktroyiert) empfunden.

Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass durch Ausbildungsbemühungen wie in Münster hier die Kenntnisse darüber bei Muslimen wie auch Nicht-Muslimen zunehmen und die Akzeptanz für einen Dialog steigt.

Mythos IV: „Der Islam" als das Zukunftsorientierte, Tolerante, ... der Blütezeit

So wie wir „dem Islam" nicht wegen der Verirrungen seiner Gegenwart pauschal die Zukunftsfähigkeit absprechen dürfen, sollte man auch nicht in das andere Extrem verfallen und z.B. die „toleranten" Blütezeiten des Islams in Cordoba oder Bagdad als „typisch" ansehen.

Der Islam ist wie jede Religion nicht an für sich intolerant oder tolerant, sondern es hängt jeweils von der „paradigmatischen" Interpretation der jeweiligen Offenbarung ab.

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Die Kathedrale / Moschee von Cordoba (Bild: Wikipedia)

Muslime können stolz sein auf die Errungenschaft der Blütezeit und die frühen Erfolge in der islamischen Welt. Die islamische Welt entdeckte z.B. nicht nur die griechische Philosophie wieder, sondern sie lebte oft eine Toleranz vor, die im Christentum zum damaligen Zeitpunkt in vielen Regionen (Reconquista auch gegen Juden in Spanien!) nicht zu finden war.

Eine Selbst-Überhöhung durch die muslimische Teil-Gesellschaft auf dieser Basis würde den Dialog aber wie eine Geringschätzung durch die Mehrheitsgesellschaft erschweren und sie würde der Geschichte auch nicht gerecht.

Die Religionsgemeinschaften sollten sich ihrer dunklen und ihrer leuchtenden Epochen bewusst sein. Phasen der Toleranz und des Miteinanders können dann zur gemeinsamen Referenz, zum gemeinsamen Ideal werden, so wie auch dunkle Epochen, auf welcher Seite auch immer, zur Warnung werden sollten.

Gerade mit Stolz auf die eigene Blütezeit mit ihrer Zukunftsorientierung und Toleranz sollten Muslime Irrwege von Glaubensbrüdern gegen diese Toleranz am kritischsten betrachten und am deutlichsten dagegen Stellung beziehen. Das gilt dabei nicht nur für die Irrwege im Rahmen des islamistischen Terrors.

So kann man den Islam zwar nicht mit dem Islamismus als einer seiner Interpretationen gleichsetzen, ebenso wenig wie man den Katholizismus mit der Hexenverfolgung zwangsverknüpfen kann oder den Protestantismus mit radikalen evangelikalen Hasspredigern, die Robin Williams die Hölle wünschen und Jagd auf Abtreibungsgegner machen.

Sehr wohl darf und muss man aber fragen, inwieweit die Selbst-Abgrenzung von vielen Muslimen wie auch die Ausgrenzung der Mehrheitsgesellschaft nicht den Boden für islamistische Irrwege bereiten. Der Prediger, der „den Westen" als Sündenpfuhl brandmarkt und pauschal verurteilt (oder „die Juden", „die Israelis", ...) macht sich schuldig wie sich auch die Medienvertreter am Konfliktzündeln mit-schuldig machen, wenn sie demagogisch den Islam und Islamismus gleichsetzen.

Ein solcher Prediger (oder einfach ein Glaubensbruder) legitimiert durch seine Pauschalisierung die grundsätzliche Geringschätzung einer Gesellschaft, selbst wenn er selbst nicht gewalttätig ist oder zur Gewalt aufruft.

Wenn dann junge Männer ohne Perspektive und Wertschätzung der eigenen Person auf diesem Nährboden ihr Heil in der Gemeinschaft von Extremisten suchen, dann darf man nicht überrascht sein, über den ko-produktiven Erfolg von Abgrenzung und Ausgrenzung. Das ist dann nicht die Schuld „des Islams" oder „des Westens", aber sehr wohl die Mitschuld der Muslime und Nicht-Muslime, die diesen Prozess der Entfremdung gefördert haben.

Hier ist sogar mehr gefordert als nur ein Unterlassen, vielmehr sollten muslimische Gemeinden sich aktiv mit dieser Frage auseinandersetzen: Inwieweit fördert oder verhindert ihr Tun oder Nicht-Tun die Toleranz und den notwendigen Dialog zwischen den Kulturen.

Und diese Frage müssen sich auch Nicht-Muslime, insbesondere Christen stellen. Nur wenn auch die Glaubensgemeinschaften sich selbst und andere besser verstehen (und ihre Irrwege), kann auf Besserung gehofft werden. Wo keine Handlungsnotwendigkeit gesehen wird, erfolgt natürlich kein Handeln. Dann müssen wir mit den Konsequenzen der Dialogunfähigkeit leben.

Mythos V: Suren, Hadithen, Fatwas ... als Basis für die Eindeutigkeit im Islam

Dort, wo nicht pauschal geurteilt wird, werden gerne alternativ Suren bzw. Verse des Korans, Hadithen, also Überlieferungen zum Lebens des Propheten, oder Fatwas, also Rechtsurteile herangezogen, um eine Eindeutigkeit zumindest bei Einzelfragen herzustellen.

Da wird dann von Islam-Gegnern gerne z.B. der „Schwertvers" 9:5 herangezogen, um die Intoleranz und die Aggressivität des Islams zu belegen, während Islam-Freunde dann eher auf „Toleranzverse" wie 2:256 hinweisen, um die Glaubenstoleranz zu belegen (Quelle: Wikipedia).

In der Religion gibt es keinen Zwang (2: 256)

Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf (wa-q`uduu lahum kulla marsadin)! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet (salaat) verrichten und die Almosensteuer (zakaat) geben, dann laßt sie ihres Weges ziehen! Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben. (9:5)

Bei Hobby-Exegeten (u.a. bei Wikipedia) auf beiden Seiten geschieht dies gerne, ohne die Problematik der arabischen Schrift und den historischen Kontext zu beachten (Kontextualisierung) oder Aspekte wie die der Abrogation (kritisch!) zu beleuchten.

So ist schon die Übersetzung als „Heiden" oder „Ungläubige" eine Interpretation, wo z.B. Professor Karimi in seiner Koranübersetzung näher am Arabischen mit „Leugnern" übersetzt.

Je nachdem, wie weit man dann noch z.B. den historischen Kontext beachtet (z.B. beim Verhältnis der Muslime zu den Juden / zu den Juden in Medina) oder wie weit man die Abrogation, also die Aufhebung von Versen durch andere Verse, anwendet oder ablehnt, ergeben sich unterschiedliche Interpretationen.

Bei Hadithen, Fatwas und anderen Werken jenseits des Korans wird dies noch schwieriger. Selbst die islamischen Rechtschulen als Vertreter der Orthodoxie weisen Unterschiede auf.

Das bedeutet aber, dass es im Dialog mit „dem Islam" keine Alternative dazu gibt, zu differenzieren und die jeweiligen Ansprechpartner dahingehend zu befragen, wie SIE den Islam bzw. den Koran und die Hadithen etc. im Detail interpretieren und „wahr-nehmen" (Hadithen!).

Und dann wird man sich mit Vielfalt auseinandersetzen müssen, von einer Interpretation des Islam als Islam der religionsübergreifenden Mystik / Spiritualität über einen Islam der Barmherzigkeit und Toleranz oder aber eines geschlossenen Gesetzesglaubens bis hin zu einem Islam des mehr oder weniger aggressiven Kampfs gegen die „Ungläubigen".

Mythos VI: Islam als Basis für oder Bollwerk gegen Antisemitismus, ...

Die oben gemachten Ausführungen machen auch klar, dass man den Islam nicht für den Antisemitismus von Muslimen verantwortlich machen kann, sehr wohl aber einzelne Interpretationen des Islams. So darf man sich dann nicht über Demonstrationen wundern, wo solche Interpretationen zu antisemitischen Äußerungen führen, die absolut inakzeptabel sind.

"Hamas, Hamas, Juden ins Gas": Jeder, der seinen muslimischen Glauben ernstnimmt, muss gegen eine solche Verirrung als Muslim aufstehen und protestieren. Dabei berufen sich Irregeleitete sogar auf den Koran oder andere Schriften des Islams.

Der im Koran dokumentierte Konflikt mit den jüdischen Einwohnern in Medina kann wie oben skizziert entweder historisch im Kontext eines lokalen Konflikts verstanden oder aber missbraucht werden, um pauschal eine Feindschaft des Islams gegenüber „den Ungläubigen", insbesondere „den Juden" herzuleiten.

Es verwundert nicht, dass die Fundamentalisten und Extremisten aus dem muslimischen wie auch dem christlichen Lager beide entsprechende Verse so interpretieren. Einen Antisemitismus im Islam leitet derjenige ab, der einen Antisemitismus aus dem Islam ableiten möchte, indem er fahrlässig oder sogar vorsätzlich alle Ansprüche an eine seriöse Koran-Exegese ignoriert.

Einem populistischen ehemaligen Boxer wie Pierre Vogel (und anderen in seinem Umfeld) kann man eine solche Exegese noch verzeihen. Jeder aber, der sich seriös mit diesen Fragen auseinandersetzt, darf sich nicht vorwerfen lassen, unseriös undifferenzierte Halbwahrheiten als alleinselig machende Wahrheiten zu verbreiten, die den gesellschaftlichen Frieden nachhaltig erschüttern werden.

Wer nun umgekehrt auf die Toleranzsuren oder die Blütezeit des Islams verweist, darf sich aber auch nicht der Illusion hingeben, dass Toleranz ein Selbstläufer ist. Wenn Toleranz bei demonstrierenden Muslimen nicht ankommt, ist die innerislamische Aufklärung gescheitert.

Ausblick: Hoffnung durch eine doppelte Aufklärung

Was kann sich nach der Überwindung der Mythen und der Vermeidung der Irrwege an realistischen Hoffnungsperspektiven für die Zukunft ergeben?

Vier Perspektiven bauen aufeinander auf: Bildung bzw. eine doppelte Aufklärung als Basis für ein besseres wechselseitiges Verstehen, ein dann möglicher souveräner und toleranter Dialog auf der Basis dieses neuen Verständnis in beide Richtungen, eine Mehrheitsgesellschaft, die ihre muslimischen Bürger willkommen heißt, wenn sie sich zu ihr bekennen, und islamische Gemeinschaften, die sich zu Toleranz, Gewaltlosigkeit und Demokratie bzw. den Werten unserer Gesellschaft bekennen.

Reale Hoffnung I: Bildung für eine bessere Kompetenz

Bei Bildung denken wir gerne an bildungsferne Schichten. Im interreligiösen Dialog ist aber Bildung wahrscheinlich bei fast allen angesagt, denn nur wenige haben ein profundes Verständnis anderer Religionen und oft auch der eigenen Religion in ihrer Vielfalt.

Die paradigmatische Theologie Küngs bietet dafür ein ideales Rahmenwerk. Diese Aufklärung muss doppelt im doppelten Sinne wirken und sowohl die „christlich" geprägte Mehrheitsgesellschaft als auch die „islamisch" geprägte Minderheitsgesellschaft über sich selbst und den Dialog-Partner aufklären. In friedlicher Abwandlung von der Kunst des Krieges: Wer sich selbst und seinen Partner kennt, wird in 1000 Konflikten 1000 Kompromisse finden.

Reale Hoffnung II: Ein souveräner und toleranter Dialog

Auf dieser Basis sollte das Ziel des Dialogs der Kulturen nicht das gegenseitige Missionieren sein, um den anderen von der eigenen Überlegenheit zu überzeugen. Toleranz sollte diese Gespräche leiten, was nicht möglich ist, wenn man den anderen vom Höllenfeuer oder der Rückständigkeit retten muss.

Wahre Souveränität heißt dann, gegebenenfalls sogar Positionen des anderen wertzuschätzen und eigene zu hinterfragen. Muslime können sich in so einem Dialog sicherlich die Frage der zeitgemäßen Interpretation der Offenbarung stellen, aber auch Christen werden potenziell gefordert sein, alte Dogmen und ihre Entstehung zu überdenken.

Reale Hoffnung III: Gelebte Willkommens-Kultur der Mehrheitsgesellschaft

Nur auf so einer Basis der Akzeptanz kann dann eine echte Willkommens-Kultur gedeihen. Im besten Fall erkennt die Mehrheitsgesellschaft sogar, dass sie nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell vom Miteinander profitiert.

So ist z.B. die Mystik eines Rumis heute schon auch für Christen eine Quelle der Inspiration, und Muslime würden nicht nur von Meister Eckhart profitieren können. Wenn ein Kabarettist wie Kerim Pamuk in der Huffington Post aber die pauschale Verurteilung durch die Islam-Hysteriker kritisiert, zeigt das, dass auch gemäßigte und eher westlich orientierte Muslime sich eher angegriffen als willkommen fühlen.

Reale Hoffnung IV: Gelebte Wertschätzungs-Kultur der muslimischen Gemeinschaften

Aber auch die muslimischen Glaubensgemeinschaften müssen vielleicht eine selbst-bewusstere Diskussion in den eigenen Reihen führen, insbesondere was auch Fragen der Toleranz gegenüber anderen angeht.

Zu Recht fordert der EKD-Chef im SPIEGEL, dass auch das Thema Gewalt von den Verbänden proaktiv diskutiert wird. Die Willkommens-Kultur der Mehrheits-Gesellschaft darf eine Wertschätzungs-Kultur der Minderheiten einfordern.

Am Ende bleibt zu hoffen, dass die Küngschen Visionen des Dialogs der Kulturen wahr werden. Der Autor dieses Beitrags eröffnete das Interview mit Hans Küng mit einem Satz, der noch weitergehend die Chancen des interreligiösen Dialogs kennzeichnet:

„Wenn sich zum Teil gleiche Paradigmen in verschiedenen Religionen einander näher stehen als verschiedene Paradigmen innerhalb einer Religion, wie will man dann noch „religiös" den Kampf der Kulturen rechtfertigen?"

Vielleicht werden wir dann irgendwann auch nicht mehr pauschal von „der Westen" und „der Islam" sprechen, sondern uns in unserer Vielfalt erkennen und wertschätzen. Der Mensch hasst, was er nicht kennt. Vielleicht lernt er aber auch wertzuschätzen, wenn er erkennt.