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26/04/2015 12:48 CEST | Aktualisiert 26/06/2015 07:12 CEST

6 Innovationen der Ökonomie 4.0, die alle "bedrohen", und was wir dagegen von Ostwestfalen lernen können!

In diesem Beitrag werden - im Rahmen eines Aufklärungsversuchs gegen die selbstverschuldete Unmündigkeit 4.0 - sechs Perspektiven vorgestellt, die alle Unternehmen "bedrohen", wenn man sie ignoriert, aber vor allem, um Deutschland zukunftsfähig zu machen.

Mittlerweile haben Themen wie Digitalisierung und Industrie 4.0 auch die BILD-Leser erreicht (s. z.B. Lummas Netzkolumne). Leider verbreiten solche Themen aber oft mehr Unsicherheit und Ablehnung als Zukunftsorientierung. In diesem Beitrag werden - im Rahmen eines Aufklärungsversuchs gegen die selbstverschuldete Unmündigkeit 4.0 - sechs Innovations-Perspektiven vorgestellt, die zum einen alle Unternehmen "bedrohen", wenn man sie ignoriert, zum anderen aber vor allem Optionen darstellen, um Deutschland systematisch zukunftsfähig zu gestalten.

Ihre Umsetzung ist damit eine Alternative zur defensiven Regulierungswut gegen Amazon & Co, die wieder einmal an Popularität gewinnt. Die Botschaft lautet also: Mitmachen beim Wandel statt über die Folgen zu jammern! Interessanterweise gehen relevante - weil mittelstandstaugliche - Umsetzungsimpulse in diesem Sinne für eine neue Ökonomie 4.0 nicht unbedingt von hippen Unternehmen aus Berlin oder Automobilfirmen aus Stuttgart und München, sondern von Waschmaschinen- und Traktorenherstellern aus Ostwestfalen aus wie Vorträge und Referenten des Fachkongresses "Industrie 4.0" von it's OWL, dem Forschungscluster in Ostwestfalen, deutlich machten.

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Bild 1: Experten auf dem Kongress "Industrie 4.0" am 23. und 24. April in Paderborn (u.a. Dr. Eduard Sailer, (3. v. links), Miele, Prof. Gausemeier (4. v. links), Heinz Nixdorf Institut, Prof. Anderl (1. von rechts), TU Darmstadt, Quelle: it's OWL)

Der "bedrohliche" Wandel ...

Deutschland Wirtschaft fühlt sich wieder einmal umfassend vom digitalen Wandel bzw. vom Wandel 4.0 bedroht. Drei Beispiele mögen hier repräsentativ die Stimmungslage in Deutschland verdeutlichen:

  • So fürchten aktuell die Einzelhändler vor allem Amazon und fordern neue Regeln für die "Netzgiganten" (s. WiWo).
  • Die Taxifahren klagen schon seit einiger Zeit über Uber & Co und werden sicherlich an Google Cars noch weniger Freude haben.
  • Die Medien schließlich sehen sich bzw. ihre Werbeeinnahmen seit Jahren zurecht von Google bedroht und schwanken zwischen politischen / rechtlichen Abwehrversuchen und verzweifelten Angstbriefen. "Viel Spaß!" kann man den Medien nur zurufen, wenn erst einmal Facebook weiter am Innovationsrad gedreht hat (Regionalisierung, ...).

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Bild 2: Ikone der Bedrohung - das Versandszentrum von Amazon.de in Leipzig (Quelle: Wikipedia, Medien-gbr)

Dass vor einiger Zeit ein Automobiler wie Zetsche Apple als Wettbewerber scheinbar geringschätzte, war dabei wahrscheinlich eher eine Hommage an Börsenanalysten als wirklich Ausdruck der Tiefenentspannung der Automobilindustrie (s. Welt).

Ein Strategie- und Industrie 4.0-Experte wie Professor Gausemeier präsentierte demgegenüber in Paderborn auf dem it's OWL Kongress zur Industrie 4.0 gerade die Autobranche als Beispiel für eine tatsächlich mögliche Bedrohung durch eine disruptive Kombination von neuen Konsumenten mit neuen Werten (Stichwort "Gen-Y"), neuen Technologien und Playern. In Paderborn war ein geflügeltes Wort:

Wenn der Hund (Automobilbranche) nicht aufpasst,

wird der Schwanz (Netzgiganten wie Apple, Google)

mit dem Hund wedeln!

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Bild 3: Die Autobranche bedroht durch neue Generationen und Technologien, Präsentation von Professor Gausemeier beim Fachkongress Industrie 4.0 (Quelle: Foto des Autors dieses Beitrags)

Politik und Regulierung als Abwehrmaßnahme?

Was also tun? Der Staat (EU, Bundesrepublik, Länder), Verbände und andere Interessensvertreter versuchen durch "reale" bzw. "alte" Regulierung dem "digitalen", "neuen" Wandel entgegenzutreten wie der mehrfach digital beauftragte Professor Tobias Kollmann kritisch in einem Facebook-Kommentar bemerkt. Auch die Wut eines Netzökonomie-Vordenkers wie Gunnar Sohn ist verständlich, wenn er in seinen Blogbeiträgen über die "Koalition der Google-Amazon-Heulsusen" klagt. Aber was ist die Alternative zu den Klageliedern und zur Regulierung?

Die Alternative: Die Offensiven aus Ostwestfalen

Statt den Wandel zu bekämpfen oder ihn zu ignorieren, sollte er offensiv genutzt werden, um selber zu den Siegern des Wandels zu gehören. Das setzt allerdings voraus, wandlungbereit und wandlungsfähig zu sein, das heißt aber insbesondere die relevanten Veränderungen zu verstehen und die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.

In Ostwestfalen hat man daher unter Führung von Professor Gausemeier auf das Zukunftsthema Industrie 4.0 gesetzt und den Spitzencluster it's OWL ins Leben gerufen, um mit Forschungsgeldern in Höhe von 100 Millionen und 174 Unternehmen, Universitäten und anderen Organisationen in Ostwestfalen auf breiter Basis Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Der Fachkongress Industrie 4.0 am 23. und 24. April zeigte hier Konzepte und Erfolgsbeispiele auf. Wer den Kongress verpasst hat, findet die entsprechenden Vorträge hier.

Botschaft aus OWL: Nicht Technik, sondern neue Wertschöpfung 4.0!

Die wichtigste Botschaft aber aus OWL war aus Sicht des Autors, dass die Versionsnummer "4.0" weniger für ein neues technisches Paradigma ("Cyber Physical"), sondern eher für ein neues betriebswirtschaftliches Paradigma steht (bei dem Technologien bzw. bei dem die Cyber Physical Systems nur der Enabler sind), wie es in Paderborn u.a. Professor Anderl von der TU Darmstadt in seiner Keynote betonte.

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Bild 4: Industrie 4.0 - neue Wertschöpfung, nicht nur Cyber Physical! (Quelle: Vortrag Professor Anderl, TU Darmstadt)

Die Aachener Schule der RWTH Aachen spricht in diesem Zusammenhang von "Kollaborationsproduktivität", was im wesentlichen eine höhere Produktivität durch eine bessere Kooperation in Produktions-Netzwerken auf der Basis dezentralisierter Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit bedeutet. Der RFID-Chip, der Roboter oder der 3D-Drucker alleine repräsentieren also nicht den eigentliche Wandel, es ist vielmehr die durch sie mögliche vollkommen neue Art der Produkte/Services und Prozesse und die durch sie bedingte neue Logik der Märkte.

Das sind die wirklich nachhaltigen Innovationen, die all jene bedrohen, die sich der Potenziale nicht bewusst sind und ihre Wertschöpfung daher nur unzureichend neu denken und neu gestalten.

Sechs Neuerungen, die für einen fundamentalen, paradigmatischen Wandel stehen

So weit, so metaphysisch. Im folgenden soll der Wandel der Wertschöpfung eingehender beleuchtet werden. Wie also muss ich konkret mein Unternehmen, meine Geschäftsmodelle und Produkte und Prozesse ändern? Betrachtet man Bild 5, dann erkennt man in dem obigen Sinne um den Mittelpunkt der "Ökonomie 4.0" herum sechs Bausteine, die für den Wandel 4.0 wichtige Innovations-Dimensionen repräsentieren.

Dabei sind in der mittleren Zeile die paradigmatischen Basis-Bausteine "Smart" und "Connected" positioniert, während dann oben und unten die daraus resultierenden Innovationen für die Bereiche Produkte und Prozesse sowie für die Märkte beschrieben werden.

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Bild 5: Das neue Wertschöpfungsparadigma der Ökonomie 4.0 und seine Neuerungen (Quelle: Autor)

1. Von "MATERIELL" über "SMART" zu "COMPETENCE BASED"!

Die Basis-Bausteine konkretisieren "digital" bzw. "4.0" in ihrer wertschöpfenden Wirkung. Was also bringt die ganze Technologie an "Mehr-Wert". Die Bundesregierung hat nicht nur auf das Thema Industrie 4.0, sondern sinnvollerweise auch auf das Thema bzw. Projekt Smart Service gesetzt. "Smart" ist sowieso ein Schlüsselbegriff der neuen Ökonomie (zusammen mit dem komplementären Begriff "Connected"):

Smart Service, aber auch Smart Enterprise, Smart Production, Smart Data, ... die Liste ließe sich noch beliebig erweitern. Grundsätzlich bedeutet Smartness, dass bisher "unintelligente" oder eingeschränkt "intelligente" Produkte, Kundenschnittstellen, Prozesse ... durch ein Mehr an "maschineller" (oder menschlicher!) Intelligenz bzw. an digitalen (oder menschlichen) Fähigkeiten "empowered" bzw. smarter wird.

Professor Anderl beschrieb in Paderborn für die Produktion das Empowerment vom "normalen" Systemteil über "smarte Sensoren" für eine bessere Wahrnehmung der Umwelt (höhere Transparenz als Basis für Big Data, Predictive Maintanence, ...) und über entsprechende zusätzliche Intelligenz zum "smarten Teilsystem" und schließlich durch Vernetzung zum Cyber Physical System. In Paderborn stellte er auch das Konzept der "Industrie 4.0"-Komponente vor, durch die diese Erweiterung um Smartness nun quasi einen Standard-Rahmen bekommt.

Die Industrie 4.0-Komponente ist für den Autor dieses Beitrags als fundamentaler Baustein, als smartes Atom, eine Offenbarung wie es einst die App im Kontext der Smartphones war. Die Industrie 4.0-Komponente kapselt reale Gegenstände durch "Cyberizing the physical" in einer virtuellen Kapsel, durch die dann jeder Gegenstand intelligenter und dann auch anschlussfähiger (s. "Connected") wird (s. Bild 6). Während aber viele Apps unvernetzt sind, ist Vernetzung die zweite Schlüsselfähigkeit wie gleich skizziert wird.

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Bild 6: Die Industrie 4.0-Komponente sorgt für "Smart" und "Connected" (Quelle: Vortrag Professor Anderl, TU Darmstadt)

Dr. Sailer von Miele zeigte dann am scheinbar einfachen Beispiel des Dash-Buttons von Amazon das Smartness für Miele natürlich nicht nur ein Produktionsthema ist, sondern heute auch schon im Consumer-Bereich und an der Kunden-Schnittstelle seine zukünftig enorme Bedeutung andeutet. Dabei wird durch ein sogenanntes "Gadget" aus einer Waschmaschine eine intelligentere (und vernetztere) Waschmaschine (s. unten Video 1). Plötzlich kann die smarte Waschmaschine das Waschpulver bestellen. Hier öffnet sich ein ganzer Kosmos neuer Wasch-Intelligenz.

Ist Smartness bzw. ein Mehr an dezentraler Intelligenz das Ende der notwendigen Innovation an dieser Stelle? Der Autor sieht darin eher den Beginn eines Wandels, der am Ende ganz weg vom "Materiellen" hin zum Denken in Fähigkeiten und der Teilhabe an vernetzten Fähigkeiten geht.

Am Ende zählt nur noch das Netzwerk an (digital erweiterten) Fähigkeiten der "Kapsel" und die dadurch möglichen Services, nicht das Materielle und vor allem nicht das Eigentum an dem Materiellen. Eine Competence-Based und Network-Based Economy ergänzt somit nicht nur virtuelle Smartness am Materiellen, sondern reduziert sogar das Materielle immer mehr auf das Virtuelle.

2. Von ISOLIERT über "CONNECTED" zu "NETWORK BASED"

So wie es eine Unmenge an "Smart Somethings" existiert komplementär als zweite Innovations-Dimension eine analoge Unmenge an "Connected Somethings": Connected Car, Connected Enterprise, Connected Industry ... Die dezentrale Intelligenz wird erst durch die Anschluss- und Kommunikations- bzw. Kooperationsfähigkeit zu einer vernetzten Gesamtintelligenz. Smart + Connected: Das ist das Wertschöpfungsversprechen der digitalen Ökonomie auf unterster Ebene. Auf dieser Basis ändern sich dann alle Prozesse und Systeme.

Die oben genannten Beispiele wie die Industrie 4.0-Komponente oder der Dash-Button sind eben nicht nur "smart", sondern auch "connected" in diesem Sinne. So wird die Waschmaschine an einen logistischen Prozess angedockt, durch den die lokale Smartness zu einer systemischen Smartness erweitert wird. Die Waschmaschine, das Auto, das Unternehmen: Sie alle werden ein intelligenterer, leistungsfähigere Knoten in einem Gesamtsystem.

Aber auch hier gilt, dass "Connected" nicht das Ende aller paradigmatischen Veränderungen darstellt. Erst wenn man insgesamt nicht mehr das einzelne Objekt betrachtet und dieses einzelne Objekt "nur" vernetzt, sondern stets das Netzwerk im Blick hat, ist der Wandel in Richtung Ökonomie 4.0 abgeschlossen. An die Stelle des einzelnen Unternehmens tritt so z.B. das Ecoystem aller Marktakteure und an die Stelle eines einzelnen Produkts die vernetzte Problemlösung. Nachfolgend werden diese Auswirkungen von Smart + Connected beleuchtet.

3. Von PRODUKTEN über "SERVICES" zu "VERNETZTEN PROBLEM-LÖSUNGEN"

Neue Produkte werden durch Smart und Connected im ersten Schritt zunehmend zu Services. Beispielsweise wird nicht mehr die Maschine zu verkaufen sein, sondern die Maschine mit einer Vorhersage-Logik zu ihrer eigenen Wartung, die dann der Lieferant als Service übernimmt, wobei er von den Erkenntnis aus seiner Kunden-Community profitiert.

Niemand will eine Maschine erwerben, sondern nur den Service, den diese Maschine (Waschmaschine, Fräsmaschine, ...) erbringt. Noch weitergehend will niemand nur einen isolierten Service für alle Ewigkeit kaufen, sondern eigentlich eine vernetzte Problem-Lösung für eine bestimmte Zeiteinheit mieten / teilen. Shared Economy ist also, wenn man sich vom Bedürfnis nach "Eigentum" löst, keine Exotik, sondern ökonomische Rationalität.

Mit dem einfachen Gadget, dass Dr. Sailer in Paderborn exemplarisch vorstellte, wird eben nicht mehr nur das Problem gelöst, Wäsche zu waschen, sondern auch das damit vernetzte Problem, das notwendige Waschmittel zu besorgen. Eine smarte und vernetzte Waschmaschine könnte aber noch viel weiter darüber hinausgehen und z.B. ganz exotisch gedacht Wasch-Kompetenz (für Studenten ;-)) vermitteln und neue Geschäftsmodelle ermöglichen (und neue "Wasch-Strukturen").

Eine Flatrate für Wasch-Services einschließlich An- und Abtransport und Wartung der Waschmaschine und Versorgung mit Waschmitteln hätte mir als Student gefallen. Dabei hätte die Waschmaschine ruhig auch gebraucht sein können oder durch den Hersteller regelmäßig verbrauchsoptimierend ersetzt werden können. Hier wird heute der Kunde noch mit seinen Problemen alleine gelassen, denn eigentlich will ich nicht einmal waschen, sondern brauche nur saubere Wäsche.

In Zukunft müssen also die alten "Produkt"-Produzenten lernen zu Problem-Lösern im weitesten Sinne zu werden, die "Smart" und "Connected" bzw. "Competence based" und "Network based" denken und gestalten, um ihre alten und neuen Kunden umfassender glücklich zu machen. Wer diesen Wandel in der "Produktdenke" nicht selber realisiert, wird früher oder später von alten oder neuen Wettbewerbern verdrängt.

4. Von PROZESSEN über "KOLLABORATION" zu "CROWD- / ECO-SYSTEMEN"

Die neue Produktlogik der vernetzten Problem-Lösung setzt aber auch auf eine neue "Prozess-Logik" wie die obigen Ausführungen schon andeuten. Kollaboration war auch oben immer wieder das Schlüsselwort für das neue Unternehmen. Noch radikaler formuliert verschwindet das Unternehmen in der Perspektive eines Ecosystems.

Jedes Unternehmen wird selber wie Apple zur Plattform für ein Ecosystem oder es muss Teil eines kollaborativen Ecosystems werden, um die vernetzte Problemlösung zu realisieren. In diesen Systemen tritt an die Stelle der starren Verschaltung von Prozessschritten innerhalb eines Unternehmens die neue Kombinatorik von Fähigkeiten innerhalb und außerhalb eines Unternehmens, wie spätestens die Crowd- und Cloud-Lösungen deutlich machen.

Dabei gilt die kollaborative Perspektive auch ohne digitale Transformation. Wenn wir an die "klagenden" Einzelhändler denken, so müssen diese nicht nur erkennen, dass sie eben aus Kundensicht mehr leisten müssen als Lagerlogistik und Produktverkauf. Sie müssen auch erkennen, dass sie gegen die Amazons & Co nur eine kollaborative Chance haben.

Warum also nicht erkennen, dass verschiedene Einzelhändler zusammen in einer Einkaufsmeile zu gemeinsamen Erlebniswelt werden und über gemeinsame Online-Aktivitäten auch den Anschluss an das Digitale schaffen. Hier ist eine neue Eco-Kreativität gefordert. Die Not kann da heilsam sein.

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Bild 7: Von der technischen Perspektive zur Transformations-Perspektive

5. Von BRANCHENGRENZEN zur ENTGRENZUNG

Wer sich bei der oben beschriebenen Produkt- und Prozess-Innovation nun Zeit lässt, weil er sich auf alte Eintrittsbarrieren seiner Branche verlässt, der irrt. Marc Andreessen warnte uns frühzeitig: "Software eats the world". Wenn alles vernetzte Intelligenz wird, dann verschwinden mit dem Verschwinden der materiellen Logik des Produkts auch die Schutzzäune der Branchen. Denken Sie daher mehr denn je nicht nur an ihre alten, sondern vor allem an neue Wettbewerber.

Wenn Zetsche sich noch wohl fühlt in seinem "automobilen" Kosmos, dann unterschätzt er nicht nur den mit dem Hund wedelnden Schwanz. Eine neue kombinatorische Kompetenz-Netzwerk- und Problem-Lösungs-Ökonomie bietet nicht nur Plattformbetreibern, sondern auch anderen Akteuren die Chance, sich neu in die erweiterte Wertschöpfung einzubringen.

Ist das Dash-Gadget Teil der Waschmaschinen-Industrie? Sicherlich nicht, aber weitergesponnen können weite Teile der Problemlösung bzw. Wertschöpfung Waschen in Zukunft erstmalig oder neu verteilt werden. Und Fremde an der Kundenschnittstelle sollten auch niemanden in Gütersloh froh machen.

Wer hindert das Gadget daran, den Kunden des Wasch-Services auf alternative Waschmaschinen hinzuweisen? Keine beruhigende Perspektive für Miele. Im Worst Case wird aus dem Gadget bzw. seinen Nachfolge-Produkten die Problem-Lösungs-Essenz, die Maschine wird zur Commodity. Sie erinnern sich: Der Schwanz wedelt mit dem Hund ...

6. Von der ALTEN zur NEUEN LOGIK DES WETTBEWERBS

Wenn Sie daher an einer Business School die Logik des alten unvernetzten Wettbewerbs gelernt haben, dann beginnen sie ganz schnell mit dem Entlernen und lernen Sie stattdessen die neue Eco-Logik des Wettbewerbs. Denken Sie am besten einmal "zero based" aus Kundensicht an eine Welt der perfekten Problem-Lösung aus Kundensicht und an die perfekte Kollaboration aus Effizienz- und Effektivitätssicht. Welche Rolle spielen Sie noch dabei?

In the long run: Vom Paradigma zur neuen Theorie und Kybernetik

Was sich hier an Perspektiven andeutet, ist am Ende nicht nur eine neue innovative Sicht auf die Welt und eine Chance, die Welt in diesem Sinne neu zu gestalten. Auch die Betriebswirtschaft wird erkennen müssen, dass eine Ökonomie 4.0 als Competence Networking-Ökonomie eine neue betriebswirtschaftliche Theorie und Kybernetik braucht.

So sind die alten Wertkonzepte ("Kostenrechnung") ebenso wie die alten Planungslogiken ungeeignet, wenn nicht mehr abgegrenzte und starre "materielle" Systeme geplant und bewertet werden sollen, sondern fluide, amorph-vernetzte Kompetenz-Netzwerke, bei denen auch nicht mehr nur Transformation und Transaktion zu beleuchten sind, sondern Competence-Networking im weitesten Sinne.

Viel Raum für innovatives Denken in Wissenschaft und Praxis, nicht nur in Paderborn und OWL! Nicht jammern, sondern wandeln! Lassen Sie uns von den Ostwestfalen lernen. Eine weitere Gelegenheit dazu wird in Ostwestfalen bzw. Paderborn ein Netzökonomie-Campus sein. Die Veranstaltung wurde passend zur Digitalen Transformation und zur Industrie 4.0 u.a. von Gunnar Sohn und Professor Kollmann auf der CeBIT 2015 angekündigt und wird im November stattfinden, s. hier.


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