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30/08/2015 07:52 CEST | Aktualisiert 30/08/2016 07:12 CEST

24 Stunden Dramatik 4.0 - Deutschland zwischen Euphorie und Depression

Nigel Treblin via Getty Images

„24" heißt die amerikanische Serie, bei der in 24 Stunden Dramatisches geschieht und das Drama aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. 24 Stunden lang geschah auch Dramatisches , was Deutschlands Zukunftsprojekt Industrie 4.0 angeht.

Und auch hier lohnt es sich das Drama aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, weil so exemplarisch und hoch verdichtet für das Industrie 4.0-Projekt ein Tiefeneinblick und eine Analyse des tatsächlichen Projektzustands möglich ist, wie das im Kontext der "normalen" Industrie 4.0-Berichterstattung nicht möglich ist.

Zusammenfassend kann man feststellen:

Was als Sensation am 27.8. begann, wurde am 28.8. zum kommunikativen Waterloo für 4.0, bei dem als Höhepunkt durch ein schwergewichtiges Insider-Statement die Kluft zwischen früherem Anspruch und heutiger Wirklichkeit des Industrie 4.0-Projekts offenbar wurde. Am Ende bleibt trotzdem Hoffnung ...

Aber erst einmal im Detail ...

27.8., Deutschland hat es geschafft. RAMI erobert die Welt!

Wir hatten es geschafft! Am 27.8. verkündete das Manager Magazin den Durchbruch für Deutschlands Industrie 4.0 und machte auch die enorme Bedeutung des Geschehenen klar:

„Ein für 2020 geschätztes Umsatzpotenzial von weltweit 1,8 Billionen Dollar - um einen solchen Markt lohnt es sich schon einmal zu kämpfen. So rangelten in den vergangenen 15 Monaten die US-IT-Riesen heftig mit den Automatisierungsexperten des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus.

Es ging darum, wer das Sagen hat im Geschäft mit dem sogenannten Internet der Dinge - Maschinen lernen zu denken und sich übers Web zu organisieren.

Wer den Standard für die Kommunikation von Maschinen, Materialien und Werkstücken untereinander bestimmt, hat klare Wettbewerbsvorteile beim Verkauf von Hard- und Software für die digitale Fabrik: Er muss seine Produkte nicht erst aufwendig anpassen...."

und dann der entscheidende Satz:

"Durchgesetzt hat sich der Vorschlag der deutschen Plattform Industrie 4.0."

Hatten wir es tatsächlich geschafft und das Spiel um die Zukunft doch noch nicht verloren? Wow! Der Autor dieses Beitrags war jedenfalls so euphorisch, dass er direkt auf Facebook postete und auch bei der Wortwahl nicht wählerisch war:

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Unter uns: Bei einem Projekt, das auf höchster politischer Ebene zum Zukunftsprojekt Deutschlands erklärt wird, kann die Bedeutung einer solchen Botschaft auch nicht überschätzt werden. Wer für die Plattformen der Zukunft Standards definiert, kann davon enorm profitieren.

Und dann?

28.8., Deutschland hat es doch nicht geschafft. RAMI erobert nur D!

Nur 24 Stunden später sollte auf die Euphorie der Community die Ernüchterung folgen. Was war geschehen? Robert Weber, Chefredakteur der Elektrotechnik, war skeptisch. Es wurde hektisch telefoniert, diverse Emails wurden ausgetauscht und nach und nach wurde es immer klarer.

Das IIC war "überrascht" und sein führender Kopf Dr. Richard Soley dementierte schließlich gegenüber Robert Weber noch aus dem Urlaub per Satellitentelefon eindeutig sämtliche Aussagen.

Das war aber nicht alles. Spätestens die Formulierungen von Professor Russwurm von Siemens waren Offenbarungen aus dem inneren Kreis des Industrie 4.0-Projekts, die in ihrer Bedeutung weit über ein Dementi hinausgingen, weil sie en passent mehr über dieses Projekt aussagten als alle politischen Heilsbotschaften oder PR-gefilterte Euphorie-Botschaften der Vergangenheit. Wenige Sätze, die erst Dr. Soley bestätigten und dann alle frühere Ambitionen relativierten und so keinen Raum mehr für eine Euphorie 4.0 ließen. Zunächst:

„Die Gespräche begannen am Rande der Hannover Messe. Wir haben mit dem IIC auch über die unterschiedlichen Denkansätze diskutiert. Die Diskussionen gehen weiter, Kooperation ist das klare Ziel."

Also

- keine „Einigung",

- keine "Durchsetzung" deutscher Vorschläge,

sondern

- "Gespräche" am ""Rande"

- „Diskussionen", die „weitergehen",

- bei „unterschiedlichen Denkansätzen".

Noch wichtiger: Professor Russwurm stellt (für Siemens?) klar:

„Es gibt keinen Glaubenskrieg zwischen der Plattform Industrie 4.0 und dem IIC -

und auch keine Auseinandersetzung um Wirtschaftsstandorte."

Hier muss man ihm jenseits jeglicher Lokalpolitik rechtgeben, wenn man sachlich die globalen Interdependenzen akzeptiert. Dann aber:

„Es gibt Unterschiede, auch deshalb, weil wir mit der deutschen Initiative „Industrie 4.0" auf die Digitalisierung der produzierenden Industrie fokussieren und das IIC sehr viel stärker beispielsweise auf Mobilität, Energie oder Logistikthemen abzielt."

Wie bitte?

Bedeutet das, dass wir uns am Ende - wie viele befürchten - auf die Insel der produzierenden Industrie zurückziehen? Industrie 4.0 als Rückzugsgefecht in Richtung eines schrumpfenden industriellen Kerns statt eines umfassenden paradigmatischen Wandels der Ökonomie? Keiner der vielen Kritiker konnte kommunikativ das Projekt vergleichbar relativieren als eine solche ehrliche Aussage eines Industrie 4.0-Akteurs.

Fassen wir die 24 Stunden zusammen:

- Am 27.8. hatte sich der deutsche Vorschlag der Industrie 4.0 scheinbar weltweit und branchenübergreifend durchgesetzt. Deutschland hatte in der zweiten Halbzeit um das Internet der Industrie entscheidend gepunktet. Euphorie war mehr als angebracht.

- Am 28.8. konnte von einem Erfolg und einem Durchsetzen des eigenen RAMI 4.0-Vorschlags überhaupt keine Rede mehr sein. Stattdessen beschränken wir nun unsere Ambition dann auch noch auf die produzierende Industrie und überlassen alle anderen Felder der Wirtschaft 4.0 allen anderen. Depression scheint "alternativlos": Deutschland auf dem Weg zum endgültigen Verlust auch der zweiten Halbzeit im Spiel um die Ökonomie der Zukunft?

Eine Ente mit Schmerzen ist besser als Schmerzen ohne Ente 4.0

Was lernen wir daraus und wie interpretieren wir das Geschehene? Vor allem sollte es in Zukunft nicht mehr geschehen, dass man sich so peinlich selbst vorführt und erst einen globalen Erfolg verkündet, um dann einen umso dramatischeren Rückzug vornehmen zu müssen.

Hoffentlich hat das niemand mitbekommen.

Die Frage aber lautet: Wie konnte das geschehen? Hat das Manager Magazin etwas missverstanden, wurden bei der Industrie 4.0 von einigen Köpfen die Gespräche mit dem IIC überinterpretiert, brauchte man angesichts der nicht nachlassenden Kritik nun einfach Erfolgsnachrichten, oder hat das IIC doch vielleicht an der ein oder anderen Stelle deutsche Hoffnung aufkeimen lassen und dann einen Rückzieher gemacht?

Im Worst Case kann auf die kurze Zwischeneuphorie jetzt eine nachhaltige Ernüchterung für das Gesamtprojekt folgen, zumal schon zuvor - trotz Neuausrichtung unter den Ministern Gabriel und Wanka - manche Skeptiker sich wieder bestätigt sahen. Das wäre bedauerlich. Aber vielleicht gelingt uns im Best Case ja ein gemeinsamer Weg in die Zukunft und wir erkennen, dass Deutschtümelei nie eine zukunftsfähige Option war.

Ein kleiner Trost:

Im Worst Case-Szenario hatten wir zumindest unsere kurze Euphorie -

für 24 Stunden.


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