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18/01/2016 05:12 CET | Aktualisiert 18/01/2017 06:12 CET

Das passiert, wenn jedes Jahr eine Million Flüchtlinge zu uns kommen

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Beschreibt die Sehnsucht der Menschen, zur Erlangung von Sicherheit, Wohlstand und Freiheit nach Europa zu kommen die DNA des Kontinents - oder seinen Alptraum? Führt ein enger zusammen wachsender Planet zu mehr Chancen oder Risiken? Sind wir nach 100 Jahren Fortschritt in Sachen Menschenrechte auf ihrem Höhepunkt oder an der Kehrtwende? Wird das Pendel der Menschheitsgeschichte zugunsten Toleranz oder ihres Gegenteils umschwenken?

Mit diesen Fragen - und wesentlich mehr - beschäftigen sich auch anfang 2016 wieder alle, die sich um das Wohl derer kümmern, die Haus und Hof aus vielen Gründen verloren haben. Wie soll es weitergehen nach einem Jahr, in dem allein eine Millionen Menschen aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten sich nach Europa aufgemacht haben. Und zeitgleich die gleiche Anzahl von Nord-Amerika sich in Richtung Bay of Bengal aufgemacht haben?

Sind die hohen Flüchtlingszahlen der neue Normalzustand?

In Vorbereitung unseres Treffens als Transatlantischer Rat für Migration in Berlin beim Institut für Migrationspolitik steht die Frage im Raum: Sind die Zahlen und damit verbundenen Herausforderungen den neuen Normalzustand? Und falls ja, wie können wir damit verantwortlich umgehen? Die kurze Antwort lautet: „Wir wissen es nicht"? Wir sollten es aber wissen! Und uns nicht mehr so viel Zeit damit lassen wie zuletzt.

Während wir unsere Indikatoren weiter verbessern bleibt das positive Fazit vom letzten Jahr: 2015 zeigte der Welt, wie Europa bei allen Problemen unterm Strich viele Kinder, Frauen und Männer aufnehmen konnte, die sich in dieser Anzahl unerwartet für Europa als ihre neue Bleibe entschieden haben. Sie ließen diesen Teil der Erde näher zusammenwachsen in einem Ausmaß, wie keiner dies noch vor 6 Monaten niemand erwartet hatte.

Das war verbunden mit unermesslichem Leid: allein im Mittelmeer starben fast 4000 Menschen. Und zu viele, die die risikohafte Bootstour überstanden, fanden dann auf den weiteren Wegen hin zu einem Leben in mehr Sicherheit den Tod. Aber alles in allem gelang die Aufnahme: private Personen, Hilfsorganisationen und Regierungen übertrafen sich in ihrem Engagement, sich von diesen gewaltigen Herausforderungen nicht klein kriegen zu lassen.

Insbesondere die Hilfsbereitschaft der Abertausenden, die ihre Herzen und Häuser öffneten (und dies auch heute weiterhin tun) um den Neu-Ankommenden ein würdiges Willkommen nach all dem erfahrenen Leid zu ermöglichen, ist für alle motivierend, die - wie ich - seit Jahrzehnten mit dem Elend von Flüchtlingen und Migranten tagaus tagein umzugehen haben und immer wieder neue Lösungen finden müssen.

Unverändert und in wachsendem Ausmaß nutzen Kriminelle das Leid der Menschen aus.

Alle haben die hässliche Seite in einer Brutalität vor Augen geführt, wie wir dies selten gesehen haben: Unverändert und in wachsendem Ausmaß nutzen Kriminelle das Leid der Menschen aus. Und viele Regierungen tun sich unverändert schwer mit der Erkenntnis, dass solche Entwicklungen mit Investitionen und gutem Management verbunden sind, um das Ausmaß der Überraschungen zu reduzieren.

70 Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und 25 Jahre nach dem Fall der Mauer müssen wir besser sein im Umgang mit Migration. Dafür brauchen wir ein robustes Konzept. Migration muss sicher sein, den gesetzlichem Rahmen achten und ohne das Chaos stattfinden, das wir 2015 auch beachten mussten. Damit spreche ich nicht allein die Migranten selber an, sondern uns alle.

Die fremdenfeindlichen Ressentiments, die wir nach dem zweiten Terror-Anschlag in Paris sowie nach den Vorgängen in Köln und an anderen Orten beobachten, sind beängstigend. Das schreibe ich ganz bewusst ohne die Ängste einzelner kleinreden zu wollen, die angesichts von wachsender Kriminalität oder schlicht der Sorge vor dem Ungewohnten sich zu Recht gleichzeitig Stabilität wünschen.

Wir müssen die ernstnehmen, die diese Bedenken nicht aus zynischem Kalkül vortragen, um alte Stereotype gegen Ausländer zu forcieren. Denn wenn wir sie nicht ernst nehmen und zügig nachvollziehbare Lösungen umsetzen, wird das Klima in jedem Land Europas kippen.

Das Prüfverfahren von Asylanten kann und muss weit außerhalb von Europa durchgeführt werden

Deshalb werden Institutionen wie meine nicht müde, alle Regierungen immer wieder daran zu erinnern, sich stetig mit den Ereignissen in Ländern wie Niger oder der Türkei aktiv zu befassen - auch wenn sie auf den ersten Blick weit entfernt von der jeweiligen Innenpolitik des eigenen Landes stattfinden.

Das Prüfverfahren von Asylanten kann und muss weit außerhalb von Europa durchgeführt werden. Jeder ablehnende Bescheid wird unzählige abhalten, sich auf die teure und risikobehaftete Reise zu machen.

Zudem müssen wir deutlich besser werden, die Reise und Ankunft derer zu organisieren, die ein Visum erhalten. Europa, der Kontinent mit extremen demographischen Herausforderungen, braucht nachhaltigere Programme, die jungen Menschen willkommen zu heißen, sie auszubilden und in die Gesellschaft einzubinden.

Nachdem Europa schon gute Erfahrungen gemacht hat, den Notstand in der Altenpflege sowie in der Kinderbetreuung zumindest teilweise durch Ausländer aufzufangen (wobei denen oft kein offizielle Status zuerkannt wird) - warum drehen wir diese offensichtlichen Herausforderungen (nicht nur) im Gesundheits- und Bildungswesen und nutzen sie als Chance? In 2015 kamen in Deutschland auf 100 offene Stellen in der Pflege nur 40 Bewerber.

Mit dem Beenden des informellen Status und der Vergabe von Visa an Qualifizierte werden zwei Probleme gleichzeitig gelöst. Und 70 Jahre Erfahrung mit Flüchtlingen und Migranten zeigt, dass diese einen erheblichen Anteil ihres Verdienst zurück zu ihren Familien in der Heimat senden - womit sie nicht unbedeutend zur Verbesserung der Lage im Ursprungsland beitragen und damit die Menschen dort motivieren, dort ihre Zukunft zu suchen.

Das Geld nicht mehr in den Händen von kriminellen Schleppern sehen, sondern gut investiert in Sprach- und Integrationskurse

Wenn Menschen gezwungen sind, 1000$ und mehr allein für die gefährliche Bootsfahrt über das Mittelmeer zu zahlen und dann noch einmal eine vergleichbare Summe und mehr, um endlich im Zielland anzukommen: dieses Geld nicht mehr in den Händen von kriminellen Schleppern zu sehen, sondern gut investiert in Sprach- und Integrationskurse motiviert mich und meine Kollegen nach besseren Lösungen zu suchen als die wir 2015 gesehen haben. Dieser konstruktive Geist aller Beteiligten wird uns 2016 helfen, akzeptable Lösungen für alle zu implementieren.

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