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02/09/2015 11:18 CEST | Aktualisiert 02/09/2016 07:12 CEST

Noteninflation: Tests statt Numerus Clausus

Christopher Furlong

Zugegeben: Dem Herausragenden, dem die Erwartungen weit Übertreffenden, dem Überdurchschnittlichen wohnt eine Faszination inne, der man sich kaum entziehen kann: Wer wäre denn nicht gerne - zumindest in einem bestimmten Bereich - der oder die Beste oder doch wenigstens ganz, ganz besonders gut?

Nun ist es leider mit dem Überdurchschnittlich-Sein per Definition so, dass es nur wenigen vergönnt ist. Wenn man einer gängigen Definition aus der Psychologie folgt, so umfasst der Durchschnittsbereich die mittleren 40 Prozent einer Verteilung (z. B. von Intelligenztest-Resultaten).

„Überdurchschnittlich" sind demnach nur 30 Prozent der Ergebnisse. Einige Psychologen betrachten gar nur jene Leistungen als überdurchschnittlich, die mehr als eine Standardabweichung über dem Mittelwert liegen; das trifft auf gerade einmal 15 Prozent aller Ergebnisse zu.

Im Grunde sind es ja gerade diese Häufigkeits- oder besser Seltenheitswerte, die überdurchschnittliche Leistungen so kostbar, begehrens- und erstrebenswert machen.

Das System der Schulnoten passt nicht mehr

Die meisten von uns haben auch in Bezug auf Schulnoten eine derartige Taxonomie im Kopf, die wohl noch immer ziemlich gut derjenigen entspricht, die sich auch in klassischen Lehrbüchern zur Testtheorie findet.

Demnach sind Noten von „glatt 2" und besser als überdurchschnittlich und alles von „glatt 4" abwärts als unterdurchschnittlich einzustufen, dazwischen erstreckt sich der Durchschnittsbereich.

Dieser gefühlt „richtigen" Verteilung der Noten steht die Beobachtung gegenüber, dass sich die Schulnoten in Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten „verbessert" haben. So erreichen heute in Thüringen fast 38 Prozent aller AbiturientInnen eine Abschlussnote mit einer 1 vor dem Komma. Die Anzahl der SchülerInnen mit der Traumnote 1,0 hat sich in einzelnen Bundesländern in den letzten 10 Jahren gar verdoppelt.

Da keine plausiblen Gründe dafür vorliegen, dass sich tatsächlich die Schulleistungen so dramatisch verbessert haben könnten, ist davon auszugehen, dass es sich um eine „Noteninflation" handelt.

Die Verlierer der Noteninflation

Nun ist eine Inflation an sich ja noch nichts Schlechtes, und wem schadet es schon, wenn an den Schulen mehr gute und sehr gute Zensuren verteilt werden, wenn die Exzellenz in der Mitte der Gesellschaft ankommt?

Eine direkt betroffene Gruppe sind die tatsächlich sehr guten SchülerInnen; sie werden vom „Decken-Effekt" getroffen. Damit wird in der Psychologie recht anschaulich das Phänomen beschrieben, dass in einem Raum mit niedriger Decke die wahren „Geistesgrößen" nicht mehr als solche erkannt werden können, weil neben ihnen auch viele andere bis zur Decke reichen.

Auf ähnliche Weise trifft es SchülerInnen, die an der „falschen" Schule bzw. im „falschen" Bundesland ihre Hochschulreife erworben haben. Denn die oben beschriebene Tendenz zur Noteninflation ist keinesfalls eine bundesweit einheitliche, sondern fällt von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich aus.

So lag der Anteil der „Einser-Abiturienten" in Niedersachen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein bei unter 20 Prozent (im Gegensatz etwa zu den o.g. 38 Prozent in Thüringen). Zudem kann davon ausgegangen werden, dass es auch innerhalb der Bundesländer diesbezüglich Unterschiede zwischen den Schulen gibt.

Bei der Studienplatzvergabe wird es ungerecht

Dabei geht es nicht etwa um verletzte Eitelkeiten, sondern um handfeste Benachteiligungen bei der Vergabe von Studienplätzen. 2014/15 gab es in Deutschland 57.827 StudienplatzbewerberInnen auf 13.430 Studienplätze in bundesweiten NC-Studiengängen. Ähnliche Quoten sind auch für lokal zulassungsbeschränkte Studiengänge zu erwarten. Beispielsweise gab es an der Uni Köln 2015 115.000 Bewerbungen für 5.748 Plätze im ersten Fachsemester.

Das Problem besteht aber nicht nur aufseiten der BewerberInnen, sondern auch aufseiten der Hochschulen; schließlich möchten sie auf möglichst faire und objektive Weise die knappen Studienplätze vergeben.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Diskussion um ein Zentralabitur sehr berechtigt, auch wenn die politische Wirklichkeit es allenfalls in langfristiger Perspektive möglich erscheinen lässt.

Der Grund, warum sich die Hochschulen bei besonders stark nachgefragten Studiengängen trotz der offenkundigen Probleme meist dennoch für eine Vergabe nach dem NC-Verfahren entscheiden, ist seine ressourcenschonende Handhabbarkeit. Für aufwändigere Zulassungsverfahren fehlen meist Personal und Mittel.

Alternativen zum Numerus Clausus

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Medizin: zwei Drittel aller medizinischen Fakultäten berücksichtigen bei der Vergabe der Studienplätze neben der Abiturnote auch das Ergebnis im „Test für medizinische Studiengänge - TMS", einem fachspezifischen, bundesweit angebotenen Studierfähigkeitstest.

Für die Hochschulen ergibt sich kein nennenswerter Mehraufwand, wohl aber ein großer Zusatznutzen: Durch Verrechnung von Abiturnote und Testergebnis können bei der Zulassungsentscheidung Verzerrungen in den Noten zumindest abgemildert werden. - Ein starkes Argument, das auch die hohe Akzeptanz des Verfahrens bei den betroffenen StudienplatzbewerberInnen erklärt.

Auch in anderen, häufig gewählten Fachbereichen wie den Wirtschaftswissenschaften gibt es entsprechende, zentral organisierte Testverfahren, die hochschulübergreifend genutzt werden.

Mit dem Bachelor hört das Problem nicht auf

Das Problem besteht im Übrigen nicht nur zu Beginn einer akademischen Ausbildung, sondern holt viele Studierende (erneut) ein, wenn sie sich um einen Platz in einem Masterstudiengang bewerben.

Auch hier haben sehr unterschiedliche Standards bei der Vergabe von Bachelornoten dazu geführt, dass Absolventen renommierter und entsprechend „streng" benoteter Bachelorstudiengänge trotz bester Eignung kaum Chancen auf einen Masterplatz haben.

Einige Fakultäten setzten hier ebenfalls auf spezifische Studierfähigkeitstests wie z.B. den TM-WISO (Test für Masterstudiengänge in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften), um damit ein Korrektiv zur Hand zu haben, mit dem auch den Bachelorabsolventen aus dem eigenen Haus wieder Aussichten auf einen Masterplatz eröffnet werden können.

Man mag gegen die Verwendung von Noten und Zensuren viele gute Gründe anführen; so lange man nicht völlig darauf verzichten will und kann, bleibt Fairness bei der Notenvergabe bzw. bei den daran anschließenden Entscheidungen ein Thema, dem sich Bund, Länder und Hochschulen stellen müssen.

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