BLOG
26/10/2015 15:44 CET | Aktualisiert 26/10/2016 07:12 CEST

Ich wünschte, ich hätte das gewusst, bevor ich geheiratet habe

Wendy Hassett

Eine Kollegin aus dem Büro heiratet bald. Um das zu feiern und um sie gebührend in die Ehe zu geleiten, haben wir einen Teil des Team-Meetings neulich damit verbracht, ihr Ratschläge für ihren Hochzeitstag zu geben. Einige waren sehr herzlich und sentimental, andere machten Witze und wieder andere bezogen sich auf den praktischen Teil.

Ich sagte nichts, gab keinen Rat, und wer mich kennt, weiß, dass das ungewöhnlich ist. Ich meine, hallo? Ich schreibe einen Blog über das Leben und seine Bedeutung und was ich auf meinem Weg alles lerne, und trotzdem ist mir kein kleiner Rat für diese junge Braut eingefallen?

Was stimmt nicht mit dir?, dachte ich. Warum sagst du nicht einfach, dass sie jede einzelne Minute an ihrem Hochzeitstag genießen und sich nicht um Kleinigkeiten Sorgen machen soll? Was denkst du dir?

Ich werde euch sagen, was ich mir dachte. Ich habe mich sofort wieder an meine eigene Hochzeit erinnert - die, der Genauigkeit halber, diese Woche vor elf Jahren war. Und alles, woran ich denken konnte, war: Du hast ja sowas von überhaupt keine Ahnung, auf was du dich da einlässt.

Bitte versteht diesen Satz nicht falsch. Ich meine nicht "Hätte ich das gewusst, hätte ich es nicht gemacht." Nein. Ich hätte es sicher gemacht, weil ich meinen Mann liebe (ja, wirklich, Schatz. Falls du das hier liest: Ich liebe dich total. Mehr als an jenem Tag. Nicht, dass ich dich damals nicht geliebt hätte. Das habe ich. Sehr sogar. Ach, du weißt schon, wie ich das meine. Und frohen Hochzeitstag!) Ich meine einfach, dass dein Hochzeitstag, wenn du dastehst und vor den Augen deiner Familie und deiner Freunde diese Gelübde ablegst, du absolut keine Ahnung hast (und das ist auch gar nicht deine Schuld), wie eine Ehe überhaupt aussieht. Wie sie sich anfühlt. Die Hochs und Tiefs, die ihr gemeinsam durchstehen werdet und wie sie sich verändern wird, im Laufe der Zeit.

Nein. An diesem Tag kannst du - mal abgesehen von deinem Kleid, den Blumen, dem Kuchen, dem DJ (Gott sei seiner Seele gnädig, wenn er von deiner Playlist abweicht) - an nichts anderes denken, als daran, wie sehr sich dein Leben jetzt verändern wird.

Nur, verändert es sich nicht. Zumindest vorerst nicht. Die Wahrheit ist: Nachdem ihr euren ersten Tanz getanzt habt und euch gegenseitig mit Kuchen gefüttert habt, nachdem eure Gäste nach Hause geflogen sind und ihr euren letzten Koffer von der Hochzeitsreise ausgepackt habt, wird euer verheiratetes Leben genau so sein wie vorher. Da ihr schon zusammengewohnt habt, fühlt sich die Ehe erstmal wie eine Weiterführung an. Eine Erweiterung von dem, was ihr schon kanntet. Mit hübscherem Geschirr.

Das Leben damals bestand aus Freizeit, Kino-Besuchen und Abendessen mit Freunden. Am Wochenende seid ihr euren Hobbys nachgegangen, hattet Sex, wann immer ihr Lust dazu hattet, und ihr konntet ausschlafen (Gott, das Ausschlafen!). Ihr wart Mieter, ihr hattet zwei Gehaltsschecks und wenig Verpflichtungen.

Aber ihr habt dann beschlossen, dass ihr mehr wolltet. Ihr wolltet ein Baby. Einen kleinen Menschen, der ein Teil von dir und ein Teil von ihm war. Und ihr hattet Glück. Du wurdest sofort schwanger.

Plötzlich sprach man dir einen besonderen, beschützten Status zu. Du durftest nichts mehr heben, das schwerer als eine Dose Suppe war. Fußmassagen gab es regelmäßig. Deine Deko-Ideen für das Kinderzimmer? Wurden nie in Frage gestellt. Nachts lagt ihr beide Seite an Seite in eurem Bett und habt deinem Bauch mit Begeisterung beim Hüpfen und Dehnen zugesehen. Eure Tochter machte ihre abendlichen Turnübungen in deinem Bauch. Gemeinsam habt ihr nach jeder Ausbeulung getastet und geraten, ob es ein Fuß oder eine Hand, ihr Kopf oder ihr Hintern war. Es war eine magische Zeit und ihr beide wusstet, dass sich nun alles verändern würde.

Und alles veränderte sich.

Die Ankunft von Baby Nummer eins und danach von Baby Nummer zwei läutete eine ganz neue Zeit in eurer Ehe ein. Eine Zeit voller Erschöpfung, voller Stress und voller Belastung. Streitigkeiten, von denen ihr vor Kurzem noch gedacht hattet, dass ihr sie nie haben würdet, wiederholten sich nun ständig. Warum musstest du immer nachts aufstehen, wenn das Baby weint? Warum wurde die Wäsche plötzlich "deine" Aufgabe? Wer von euch beiden war erschöpfter?

Aus deiner Sicht hatte er einfach keine Ahnung, wie anstrengend deine Tage waren. Er konnte jeden Tag aufstehen, duschen (erinnerst du dich noch daran: duschen?!) und ins Büro gehen, wo er dann saß, Kaffee trank, sich mit Erwachsenen unterhielt und sich erfolgreich fühlte. Du stattdessen, saßt alleine zu Hause mit diesem winzigen Baby, das manchmal furchtbar langweilig war, oder (schlimmer) sich die Seele aus dem Leib schrie. Dann waren es auch noch zwei, von denen jedes einzelne so viel von dir brauchte und das jeden Tag und jede Sekunde.

Ohne Ausnahme riefst du jeden Nachmittag um 17 Uhr an.

"Wann kommst du nach Hause?", hast du gefragt und dabei versucht, möglichst entspannt zu klingen. Oder zumindest so, als würdest du nur nachfragen, damit das Abendessen dann rechtzeitig fertig wäre (um das klarzustellen: niemand kochte Abendessen).

"Ich komme, sobald ich kann", antwortete er angespannt und offensichtlich genervt.

Völlig überfordert hattest du nicht die Energie, auch nur in Betracht zu ziehen, wie viel Druck auf ihm lastete. Der Stress und die Verantwortung, die er für seine vierköpfige Familie empfand.

Kinder brachten Spannung in eure Beziehung. Eine Spannung, die ihr beide nicht kanntet. Eine Spannung, von der du immer dachtest, dass sie "anderen" Menschen passieren würde. Nicht dir. In diesen frühen Jahren habt ihr doch zusammengehalten, vernebelt durch die Erschöpfung und euch gegenseitig versichert, dass alles besser werden würde, wenn sie nicht mehr so klein wären.

Und es wurde einfacher. Als sie vier und sechs Jahre alt wurden und dann fünf und sieben, fiel das Leben - endlich - zurück in eine Art der vorhersehbaren Routine. Ungestörte Nächte kamen zurück. Ihr konntet - zu viert! - in ein Restaurant gehen und es durch eine ganze Mahlzeit schaffen und das Ganze auch noch genießen. Okay, es war nicht wirklich entspannt, aber niemand (du) ist in Tränen ausgebrochen, keine Brüste mussten am Tisch ausgepackt werden, und vor allem: Das hübsche Geschirr, das ihr zur Hochzeit bekommen habt, blieb im Schrank und du musstest nichts aufräumen.

Im Handumdrehen gab der Schulalltag und der Sport am Nachmittag deinen Tagen Form, Struktur und Sinn. Ha! "Deinen Tagen." Was für ein witziger kleiner Ausdruck. Das waren nicht mehr deine Tage. Es waren die Tage deiner Kinder und du warst der Vermittler, der Fahrer und der Ingenieur, der alles möglich machte. Aber zumindest war das Ungleichgewicht der Baby- und Kleinkindzeit endlich vorbei.

Als die Kinder ein bisschen älter und ein bisschen unabhängiger waren, fingst du an zu glauben, dass du und dein Mann jetzt wieder näher zueinander finden könntet. Dass es wieder so werden könnte, wie es vor den Kindern war. Dir fehlte die Art und Weise, wie er dich ansah, so als wärst du seine eine Person auf der Welt. Dir fehlte der Funke, den ihr zwischeneinander gespürt habt. Ihr beide wart so lange im Gefängnis-Modus und habt versucht, diese beiden hilflosen, kleinen Menschen zu ernähren, und einfach am Leben zu halten. Und jetzt konntet ihr endlich einen kleinen Lichtstrahl durchbrechen sehen, der einen kleinen Raum ankündigte, in dem ihr endlich wieder frei atmen und entspannen können würdet.

Nur, ohne dass du es gemerkt hast, hat sich der Grund, auf dem eure Ehe ruht, im Lauf der Jahre verändert. Ihr wart beide so sehr damit beschäftigt, euch Mühe zu geben, alles richtig zu machen, und vielleicht auch Groll anzustauen, dass eure "Verbindung" nicht mehr natürlich da war.

Eines Abends hast du beschlossen, das Thema anzusprechen.

"Weißt du, jetzt wo die Kinder größer werden, glaube ich, dass wir ein bisschen mehr Zeit für uns schaffen sollten, um zueinander zu finden und uns auf unsere Ehe zu konzentrieren", schlugst du vor.

Er stimmte dir zu.

Und dann hast du gewartet. Du hast darauf gewartet, dass er es in Ordnung bringen würde. So, als hättest du zu ihm gesagt: "Schatz, der Wasserhahn im Badezimmer tropft." Oder: "Du, der Müll in der Küche stinkt ziemlich." Ja, das war deine Herangehensweise. Warten, dass er sich dir annähert und mehr Intimität in eurer Ehe schafft.

Aber nichts hat sich verändert. Als er nicht auf magische Art und Weise, die Nähe zu dir aufbaute, die du dir vorgestellt hattest, gabst du ihm die Schuld. Du bist ein bisschen durchgedreht. Alles, was du sehen konntest, war, was er dir nicht gab und was er nicht tat. Er machte dich nicht zu seiner Priorität. Er redete nicht genug mit dir. Er gab sich keine Mühe, damit du dich geliebt und besonders fühltest. Damals konntest du es nicht erkennen, aber wenn Dr. Seuss selbst damals eure Beziehung zusammengefasst hätte, wäre dabei so etwas Kluges rausgekommen, wie: Als du nur das Nicht gesehen hast, hast du Nichts bekommen.

An diesem Punkt hörtest du auf, anzudeuten, und gingst über zum Beharren. Und dann zum Verlangen. Und dann zum Betteln. Aber das Problem war: Je mehr du ihn herumschubstest, desto mehr zog er sich zurück. Eines Abends schließlich, als ihr beide jeder in seinem Raum vor seinem eigenen Fernseher gesessen seid, fragtest du dich, ob, als du ihm "in guten wie in schlechten Zeiten" geschworen hattest, damit auch so schlechte und so einsame Zeiten gemeint waren.

Eines kalten Winterabends, als die Kinder mit ihrer Großmutter beim Weihnachtsgeschenke kaufen waren, und nur ihr beide zu Hause wart, saßt ihr euch am Küchentisch gegenüber und führtet eine so ehrliche Unterhaltung wie schon lange nicht mehr. Nein, streicht das. Wie ihr sie noch nie geführt hattet. Ihr beide habt euch die unschöne, schmerzhafte Wahrheit gesagt. Ihr schriet euch an und weintet. Du schmiertest ihm seine Sachen aufs Brot und er dir deine. Und je mehr ihr miteinander spracht, desto klarer wurde dir, dass die Person, die dir da gegenüber saß, eine völlig andere war, als die Person, die du vor all den Jahren geheiratet hattest. Mit dem Kinderkriegen und dem Leben und den Jahren hatte sich dieser Kerl verändert, weiterentwickelt, sich von dir entfernt. Und du auch.

An diesem Abend taten dir deine Arme und deine Schultern weh, weil du dich selbst so fest umklammertest. Dein Inneres verkrampfte sich und dein Kopf raste. Du dachtest: War es das? Trennen wir uns jetzt?

Dann sah er dich an und sagte mit einer Stimme, die du noch nie in euren gemeinsamen Jahren gehört hattest, zärtlich: "Ich will noch immer mit dir alt werden."

Und obwohl du in diesem Moment keine Ahnung hattest, wie ihr es von hier bis dahin schaffen solltet - von diesem Küchentisch, an dem soeben all euer Leid und eure Wut rausgelassen wurde, zum gemeinsam Altwerden - spürtest du, dass dein Herz offen genug war, um es zumindest zu versuchen.

Weihnachten kam und ging, mehr Monate zogen ins Land. Du zögerst, dir Hoffnungen zu machen, aber es fühlt sich so an, als würde in eurer Beziehung eine neue Zeit beginnen. Frühling, vielleicht? Ihr haltet plötzlich häufig Händchen. In seinem Griff spürst du plötzlich, dass er dich wirklich festhält. Während du in der Küche stehst und kochst, greift er nach einem Glas und dann umarmt ihr euch. Seine Arme umschließen dich und du fühlst, wie dein ganzer Körper in seinen sinkt. Dir fallen wieder gute Seiten an ihm auf. Dass er ein wundervoller Vater ist und dass er dich dazu bringt, über dich selbst lachen zu können.

Obwohl du Gott und Religion verwirrend findest und dir nicht sicher bist, woran du glaubst, stolperst du eines Tages über das Friedensgebet von Sankt Franziskus von Assisi:

"Hilf mir, dass ich nicht nur danach verlange

getröstet zu werden, sondern zu trösten,

verstanden zu werden, sondern zu verstehen,

geliebt zu werden, sondern zu lieben."

Hm, denkst du bei dir. Lass uns das versuchen. Und das tust du. Und langsam glaubst du, dass dieser Assisi-Typ da etwas ganz Kluges gesagt hat, denn je mehr du dich darauf konzentrierst, was du gibst, anstatt darauf, was du bekommst, desto süßer wird das Leben.

Jetzt liest du abends im Bett, während er sich Sportsendungen im Fernsehen anschaut. In den meisten Nächten streckst du deinen Arm nach ihm aus und berührst ihn oder hältst seine Hand. Und bevor du einschläfst, denkst du daran, wie viel er dir bedeutet, wie du ihn hättest verlieren können, wie dankbar du bist, dass er noch hier bei dir ist und vor allem denkst du daran, wie sehr du diesen Mann liebst. Den Mann, der er jetzt ist, nicht den, zu dem du ihn machen wolltest oder den, der er an eurem Hochzeitstag war.

Das bringt mich hierzu. Meinem besten Rat zu deinem Hochzeitstag: Sieh den heutigen Tag als den Beginn deiner Reise. Geht gemeinsam an Bord eures Schiffes und segelt los. Wenn der Sturm kommt - und das wird er - wird dir dein Instinkt sagen, umzukehren und zurückzukehren zu dem, was du kennst. Aber wisse: Was du suchst, liegt nicht hinter dir. Du wirst dich verirren, wenn du versuchst, dorthin zurückzufinden. Haltet an einander fest, macht, was Assisi sagt, und wartet darauf, dass der Himmel aufreißt.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.