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09/12/2016 07:10 CET | Aktualisiert 10/12/2017 06:12 CET

Appell einer Mutter: Deutsche Schulkinder haben einen Vollzeitjob

Slonov via Getty Images

Ich bin kein Anhänger der Hausaufgaben - das wurde in meinen letzten Texten schon deutlich und ich unterstütze auch ein klares „Nein" zu Hausübungen. Ich vertrete die Ansicht, dass der Unterricht dazu sein sollte, den Kindern jene Dinge zu vermitteln, die sie wissen müssen. Besonders in der Volksschule.

In weiterführenden Schulen kann sich das mit Vokabeln oder Vorbereitungen auf Schularbeiten etc. schon ändern, das ist mir klar. Doch das letzte Eltern-Lehrer-Gespräch stimmte mich nachdenklich.

Wo ist meine Kindheit hin?

Ich erinnere mich noch an meine Kindheit: Meine Schule endete um 12 oder 13 Uhr. Dann ging ich nach Hause. Mittagessen und täglich 2-3 Stunden Hausübungen. Auch schon in der Volksschule.

Das mag nun ein krasses Beispiel sein (und ja, ich hatte eine sehr motivierte Lehrerin), aber dass ich einen Teil meiner Kindheit nur noch lernend verbrachte und keine Zeit mehr für Freunde, Freizeit etc. hatte, brannte sich bei mir.

Heute gibt es Studien darüber, dass Hausübungen nichts helfen - da rede ich jetzt nicht von der Uni oder von der Oberstufe im Gymnasium, sondern ich rede von der Volksschule. Ich rede von jungen Kindern, die noch Freude am Lernen haben (sollten), die neugierig, wissbegierig und begeisterungsfähig sind, die aber auch zum Ausgleich Freizeit, Freunde, Bewegung & Co. benötigen.

Die Illusion der Freizeit

In den letzten zwei Wochen wurden die Hausübungen mehr und mehr. Besonders beim Großkind, das in Mathe ein wenig mehr machen muss. Sie braucht dafür einfach ein wenig länger - und das halte ich für ganz natürlich: Manchmal dauert es einfach länger.

Damit meine ich jetzt keine Minuten oder Stunden, sondern es können auch Monate und Jahre sein. Auch ich habe Buchhaltung erst verstanden, als ich meinen ersten Job im Sekretariat hatte.

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Nun bekam sie zu Beginn der Woche eine wirklich dicke Mappe mit nach Hause mit dem Auftrag, diese bis nächste Woche fertig zu haben. Als Hausübung quasi. Mir kam es schon ein wenig überzogen vor: Mal ein Arbeitsblatt, ok, aber gleich eine ganze Mappe mit gut 25 Seiten?

Also suchte ich das Gespräch mit den Lehrern, weil ich auch nicht einschätzen konnte, wo sie nun steht. Auf mich machte es den Eindruck, dass sie großen Nachholbedarf hat, wenn sie eine so umfangreiche Hausübung bekommt - nämlich nur sie, und nicht alle Kinder. Aber dann haben die Lehrer im Gespräch den Vogel abgeschossen:

„Wenn die Kinder um halb vier aushaben, dann haben sie ja nachher eh Freizeit. Dann kann sie ja die Hausübung machen."

Fällt dir auch etwas auf? Ein wenig paradox ist das schon. Die Lehrer haben richtig erkannt, dass die Kinder nach Schulschluss Freizeit haben - aber was ist Freizeit? Ist das freie Zeit, die sie noch zum Lernen haben oder ist das freie Zeit, die sie für sich, ihre Freunde, ihre Hobbys, fürs Nichtstun verwenden sollten?

Und da waren wir dann auch schon beim nächsten Punkt: Wenn ich der Einschätzung der Lehrer glaube, überfordere ich meine Tochter mit den Zusatzpunkten, die sie am Nachmittag noch hat.

Ich, die unfreiwillige Kursmutti

Das muss ich nun erklären: Eigentlich wollte ich nie so eine Kursmutti werden. Ich war auch nie eine, die schon seit der Geburt der Kinder versucht, sie für eine internationale Karriere fit zu machen. Pekip war mir manchmal schon zu viel und überlaufene Indoorspielplätze habe ich stets gemieden.

Wir waren mehr im Wald und im Park unterwegs, haben uns mit anderen Freunden und deren Kindern getroffen, verbrachten unverplante Nachmittage. Und jetzt bin ich eine.

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Heute ist meine Tochter das Kind, das es liebt, in Kurse zu gehen - vor allem in jene Kurse, die sie begeistern und die sie auch als Ausgleich braucht. Was ich bei meiner Tochter aber beobachte: Sie tankt in diesen Kursen Energie und Kraft. Meine Tochter braucht diese musikalisch-kreativen Angebote als Ausgleich.

Würde ich nun den Gedanken der Lehrer weiterspinnen, dann sollte meine Tochter ihre Hobbys einschränken oder aufgeben, um mehr Zeit für die Schule zu haben. Aber wo kommen wir da hin?

Schlechte Noten = Entzug der Hobbys?

Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, ihr etwas zu entziehen, was sie gerne macht. Wenn mein Kind sich z.B. in Mathe schwer tut, dann wird sich das nicht ändern, wenn sie keine Hobbys mehr ausübt, sondern dann gilt es hinzuschauen, woher das kommt: Liegt es nur am Kind? Fehlt es Konzentration? Spielt das Verhältnis zum Lehrer mit?

Wie könnte es mit den gruppendynamischen Prozessen in der Klasse zusammenhängen? Ist es nur jetzt so, weil gerade ein Themenbereich behandelt wird, der ihr schwer fällt, oder geht es um mehr? Und zuletzt auch die Frage: Welche Lösungswege gibt es?

Ich bin überzeugt, dass meine Tochter mehr Frust hätte und mit noch weniger Freude Mathe lernen würde, wenn ich ihr nun ihre Hobbys einschränke aufgrund einer schlechten Note.

Die Illusion der Freizeit

Freizeit bedeutet, Zeit für sich zu haben - unabhängig von Arbeit, Schule oder anderen Verpflichtungen. In der Freizeit sollten wir entspannen. Die Art, wie wir entspannen, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Meine Tochter entspannt bei Musik und Tanz. Aber eines haben wir alle gemeinsam: Wir brauchen diese Freizeit, um uns geistig und körperlich zu erholen und um neue Kraft zu schöpfen.

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Es ist keinesfalls eine Zeit, die noch künstlich gefüllt werden muss, um sie irgendwie zu vertreiben. Freizeit ist nicht die Zeit, die jemand frei macht und jene Zeit, die frei verfügbar ist.

Aber es hat nichts mit freier Zeit zum Lernen zu tun - ja, das muss vor Tests sein oder auch für Referate als Vorbereitung, aber es kann nicht sein, dass Kinder, die ohnehin schon bis halb vier Schule haben, dann noch immer eine Stunde oder länger an Hausübungen sitzen.

Der Kindheit beraubt

Wo bitte schön bleibt dann ihre Kindheit? Von 17-19 Uhr? Das ist zu wenig und das will ich für mein Kind nicht. Die Situation geht für mich am Konzept „Ganztagsschule" vorbei: Sie sollten dort alles erledigt haben, um dann wirklich Freizeit zu haben. Das war der Grund, warum ich mich für dieses Konzept entschieden habe.

Eine Kindheit mit wenig Stress, viele Freunden und viel Zeit zum Spielen - das macht Kinder stark und ich bin überzeugt: Auch leistungsfähiger als jeder Einser!

Wenn schon Hausübungen, dann welche, die den Kindern Spaß machen, die das soziale Lernen in den Mittelpunkt stellen, die Kindern Raum für Kreativität geben oder bei denen das Kind etwas fürs Leben lernt. Aber nicht 25 Arbeitsblätter, die sie ohnehin schon in der Schule frustriert haben. Ich glaube nicht, dass es dadurch „besser" wird.

Jeder hat sein Tempo

Jedes Kind lernt nach seinem Tempo - und das muss nicht immer mit dem Lehrplan übereinstimmen. Mir wäre es wichtiger, wenn es weniger um Noten und Leistung gehen würde, als darum, dass Wissen interessant vermittelt wird und dass ihr geholfen wird, ihre Persönlichkeit zu entfalten. Eine glückliche, unbeschwerte Kindheit, gehört da für mich dazu.

Kinder, die so geliebt werden, wie sie sind, werden ihren Weg gehen und glückliche Erwachsene werden. Wenn man Kinder aber unter Druck setzt und Zukunftsängste auf sie projiziert, wird da Gegenteil geschehen. Und wenn ich mich recht erinnere, waren es in meiner Schulzeit nicht jene Kinder mit den besten Noten, die besonders glücklich waren, sondern jene, die ihre Persönlichkeit entfalten durften.

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