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01/09/2015 06:44 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 07:12 CEST

Demenz-Drama: Robert Atzorn in "mein vergessenes Leben"

BreBa via Getty Images

Bis zu 1,6 Millionen Menschen sind angeblich allein in Deutschland von Demenz betroffen. Das ZDF bringt "Mein vergessenes Leben" von Gernot Krää, jetzt in der Mediathek anzuschauen. Pressetext: Der Film erzählt - so schreiben viele Kritiker - "einfühlsam" über eine Krankheit, die immer mehr Familien herausfordert. Jetzt, was war, wie war's?

Erstens: Robert Atzorn ist ein grandioser Schauspieler.

Kompliment, Herr Atzorn - auch für die Unerschrockenheit, die man braucht, denke ich jedenfalls, um die Angst vor dieser Krankheit des Großhirn-Leerfegens zu überwinden.

"Was fürn Kitsch!" dachte ich anfangs.

Zweitens: Der pädophiliströs anmutende Sex mit der junge, dummen, wunderschönen Bedienung. Aber dann kommt heraus im Film, dass der alte Mann Zeit Lebens ein großer Fremdgeher und Sexliebhaber war. Nun wird die Sache rund.

"Demente werden zur Karikatur ihrer selbst", sagte mir der Hausarzt meiner Mutter, als auch ich merkte vor sieben Jahren, dass sie, "die Alte" sonderlich wurde.

Sie haute das Geld raus wie der Film-Alexander, sie wurde rechthaberischer denn je, sie wurde unkooperativer denn je, etcetera. Der Alexander, den Robert Atzorn darstellt, entwickelt ähnliche Scharfkantigkeiten und hat eben Sex mit dieser jungen Frau, die seine Enkelin sein könnte.

Eine Höllensache. Mehr als eine Tragödie.

Drittens: Das Drama, das Drama, das Drama ... dieser Krankheit.

Der Film erzählt das tatsächlich absolut einfühlsam. Etwa die Szene, in der der "Alexander" vor dem Notar sitzt und seine Geschäftsfähigkeit an die Kinder abtreten soll.

Das ist eine seelische Vergewaltigung, an der aber kein Weg vorbeiführt. "Wenn was passiert, wird man dich womöglich wegen unterlassener Hilfeleistung anzeigen", sagte seinerzeit zu mir jemand, als ich versuchte, meine demente Mutter weiterhin als Mensch mit Anspruch auf vollen Respekt und in der Würde ihrer Bürgerrechte zu behandeln und in der eigenen Wohnung zu "halten".

Viertens und andererseits: Ist Demenz jetzt eine Krankheit?

Oder eben eine der Sachen, die das Leben so anrichtet? Muss man Dementen die Koffer packen und sie irgendwohin einweisen oder toleriert man ihre Sonderlich - bis Verrücktheiten? Respektiert man die Individualität? Ihre emotionalen Übersprungshandlungen, ihre löcherige Großhirnlichkeit? Erfreut man sich an der schrulligen Emotionalität?

Lehrmeister? Alt und erfolgreich?

Fünftens: Sind Demente womöglich unser Spiegel? Sind sie vielleicht die Chance, zu lernen, dass man auch ein wenig verrückt sein muss in dieser überrationalisierten, überregulierten, überbürokratisieren Welt?

Robert Atzorn hat im Film die Gelegenheit einen durchgeknallten Egozentriker mit wohlerhaltenem, ästhetischem Körper und schönem Gesicht, also mit Charisma, darzustellen und macht das herzergreifend, so dass die Empathie den Respekt und das Nachdenken anregt.

Soll man so einen post-potenten Sturkopf echt einsperren? Nur weil er manchmal die Bedienung mit seiner längst verstorbenen Ehefrau verwechselt? Weil er plötzlich wieder Zigaretten raucht? Weil er ins längst verkaufte Ferienhaus einbricht? Weil er als alter Mann Sex liebt?

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