BLOG
05/08/2015 06:51 CEST | Aktualisiert 05/08/2016 07:12 CEST

Frau Merkel, Oma Berta und die Menschenwürde

2015-08-03-1438578041-4645737-oldies2.jpg

Die Ladies hier auf dem Foto sind alle Verwandte von mir. Die zweite von links ist meine Oma Berta, die war Krankenschwester, hat zwei Weltkriege überlebt, drei Kinder großgezogen, ganz links ist Tante Emmi, die ebenfalls zwei Weltkriege überlebte und Onkel Alfred, den Architekten geheiratet hat.

Hätten die das Pflegeheimelend miterlebt, über das heute in Deutschland fast täglich irgendwo berichtet wird, dann hätten sie ihre Handtaschen gepackt, den Zug bestiegen Richtung Berlin, und dort hätten Sie der Frau Bundeskanzlerin links und rechts ein Paar an die Ohren gehauen. Damit sie sich auf ihre Pflicht und aufs Grundgesetz besinnt.

Sehr couragierte Ladies.

„Mach mir das Klavier nicht kaputt!" sagte Tante Emmi immer streng zu mir, wenn ich kam, um darauf zu klimpern. Als ob ich jemals ein Klavier kaputtgemacht hätte. Alles energische Frauen, auch die Tante Helene und die Tante Marie ganz rechts.

Anständige Leute, Handwerkerfamilien, gottesfürchtig übrigens auch. Und nach 1945 begriffen sie sofort, was das Gute an einer Demokratie ist, die sich zu Freiheit und Menschenrechten bekennt: Man kann frei wählen und auch abwählen, kann frei wirtschaften und kriegt für gutes Geld auch was Gutes.

2015-08-03-1438579935-8642117-oldies.jpg

Demokratie ist Leben!

Sechs Schwestern, aufgewachsen in einer kleinen, dunkel ins Flußtal gekauerten württembergischen Stadt, in der der Vater, also mein Ur-Opa Geldbriefträger war. Er war nicht einfach Briefträger, wie man lesen kann, nein, er war mehr, er transportierte Geld. Er war ein Mann von geprüfter Vertrauenswürdigkeit. Rechnen konnte er auch, also dumm war der nicht.

Keine der Schwestern war dumm, denn auch ihre Mutter, also meine Ur-Oma, galt im Städtchen als weise Frau. Traumdeuterin sei sie gewesen, hieß es, was man als alternative Bezeichnung für Psychotherapeutin nehmen kann. Das Foto zeigt die Schwestern alle, die zwei Brüder fehlen.

Grundgesetz Artikel 1 (1) : Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das galt natürlich nicht damals in jener dunklen deutschen Zeit. Das galt erst mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949, zu der - wohlgemerkt - die ebenfalls dann gegründete DDR ja nicht gehörte. Nur für alle Fälle zum Erinnern der Vergesslichen.

In der DDR wurde die obrigkeitsstaatliche deutsche Gehorsamskultur noch ein gerütteltes Zeitlein weitergeführt, in dem vielen Menschen ihre Würde gestohlen worden ist.

Gottesfurcht kontra Stalin

Meine Oma Berta war sogar sehr gottesfürchtig und auch deswegen hatte sie nichts gegen die Amis, die die Deutschen befreiten von dem Nazi-Übel und auf Erhalt der Landschaft bei Einführung der Demokratie drängten. Oma Berta war Bollwerk gegen Stalins Osten, das wusste sie aber gar nicht.

Sie ging jeden Sonntagfrüh in den Gottesdienst, obwohl sie gar nicht katholisch war, wo man das tun muss. Sondern sie war evanglisch, wo man das lediglich tun soll. Sie ging also in die Kirche aus freiem Willen und weil sie an jene Instanz fest glaubte, die noch ihre Tochter, meine Mutter, als „unseren guten Herrgott im Himmel" bezeichnete.

Die meisten Amis tun das bis heute ähnlich. Außerdem hatte die Oma Berta im Dritten Reich einiges erlebt, was gegen ihren Gottglauben ging, den man in den zehn christlichen Geboten nachlesen kann.

Im Krieg wird das Maul gehalten oder es knallt

Wegen der Gottesfurcht oder Gottesliebe konnte Oma Berta auch Ihren Mund nicht halten, als sie mal hinzukam, wie die SS eine Frau abführte.

Die Frau kannte die Oma Berta seit ewig. Die hatte immer schon einen angenehmen Laden in einem Fachwerkhaus der Altstadt, wo es Knöpfe gab und Nähgarn, Stricknadeln, Wolle, sicher auch Stopfzeug, sehr wichtig in der schlechten Kriegszeit damals. Also eine wirklich anständige Person, die seit kurzem diesen gelben Stern an den Kleidern haben musste, wie alle Stuttgarter, die nicht an den Sonntagen, sondern Freitags in die Kirche gingen und diese Synagoge nannten.

„Hauptsache, jemand glaubt an Gott und hat Anstand", das dachte die Oma Berta. Und jetzt diese SS-ler, die die Frau roh packten und zum Lastwagen schleiften. Was wollten die von der, das konnte doch nur ein Irrtum sein. „Was macht Ihr denn da, lasst doch die Frau los!" fuhr meine Oma die Typen an. „Halts Maul, sonst nehmen wir Dich auch mit!" fauchte einer von denen die Oma an wie ein tollwütiger Hund und sie ging zu Tode erschrocken nach Hause und weinte bitterlich.

„Vorsicht, ist die Mutter der Porzellankiste!"

Das ist so ein Familienspruch unter den Schwestern gewesen. Andererseits gab es Dinge, die man sich nicht gefallen lassen konnte. Die man sich keinesfalls gefallen lassen durfte!

2015-08-03-1438587133-1515420-oldies1.jpg

Männeropfer fürs Vaterland

Hier sieht man doch noch einen der Brüder sowie die resolute Tante Emma in der Mitte, welche ebenfalls eine Kriegerwitwe war und ebenfalls zwei anständige Kinder ganz alleine groß gezogen hat.

Sie hat es irgendwie sogar geschafft, ein Haus für sich und die Kinder zu bauen. Ohne Mann, von der Witwenrente, erstaunlich. Angeblich hat sie den Dorf-Bürgermeister so lange bestürmt, bis die Gemeinde ihr ein günstiges Grundstück abgab, erzählt man sich. Sie habe schließlich ihren Mann für Deutschland geopfert, das müsse anerkannt werden! Also die ließ sich niemals die Butter vom Brot holen, die Tante Emma.

Ich könnte jetzt noch von dem alten Plumpsklo erzählen, was sie in dem schiefen alten Häuslein hatte, ehe sie das moderne Haus baute. Aber das hätte die Tante beschämt, denn, wie man am Foto sieht, hielt sie sehr auf sich und ihr Ansehen und das ihrer Kinder.

Die Leute meiner Familie waren nicht reich, sondern arm, aber irgendwie kriegten sie ihre Leben ganz gut und ordentlich hin. Keine Kinder der Traurigkeit wie man an den Fotos sieht.

Alle sind tot. Und das ist gut so.

Denn wären Sie noch am Leben - sie würden die Welt nicht mehr verstehen. Sie müssten sich andauernd entsetzen. Sie würden nämlich - politisch nach-erzogen in einer aufgezwungenen Demokratie, die man aber gerne freie Marktwirtschaft nannte - noch denken, dass gute Leistung kriegen muss, wer gutes Geld gezahlt hat. EINgezahlt in eine sogenannte Pflegeversicherung.

Lebenslang viel gezahlt haben viele Menschen unter anderem für den Fall, dass "was" passiert, wie etwa dem Erich. Plötzlich ein Schlaganfall und man kann nicht mehr selber aufs Klo. Oder im Kopf rieselt der Kalk und man vergisst zu essen, zu trinken, all die Arzneimittel zu schlucken, man braucht also helfende Hände. Und selbstverständlich hätten die Ladies auf Anstand und Freundlichkeit vertraut.

Also einen Gelähmten wie den Erich so lange warten lassen, bis er im Rollstuhl in die Hosen pinkelt, dass das erlaubt und möglich sei, das hätte Oma Berta niemals je für möglich gehalten.

Barmherzigkeit wäre Kartoffeln ernten

Wenn ich ihr die Pflegeheim-Geschichte erzählen hätte können, die ich erleben musste, weil ihre Tochter Gertrud, meine Mutter, dusslig im Kopf wurde vor Einsamkeit, diese Geschichte hätte Oma Berta auch nicht geglaubt.

Dass man in den Heimen uralte Leute im Galopp unter die Duschen schiebt, so dass sie ganz demütig die grauen Köpfe einziehen und zittern vor Angst vor der Grobheit des Waschlappens zwischen den Beinen und der anderen Angst zu stürzen und sich Knochen zu brechen.

Sie hätte auch schockiert die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, hätte man ihr erzählt, lebhafte, unangepasste Kinder würden nicht in Ruhe geführt und geleitet, sondern man nenne sie gestört und stopfe sie mit Ritalin voll. Und die Alten stopfe man ebenfalls voll mit Ruhigstellungsmitteln, weil sie sich angeblich sonst selber gefährden.

„Aber", so hätte meine Oma Berta gerufen, „man muss doch bloss mit den Leuten reden, sie auch mal streicheln, in den Arm nehmen, sie in die Augen schauen, mit ihnen singen!" Bezüglich der Kinder hätte sie vorgeschlagen, die beim Bauern zur Kartoffelernte zu schicken, denn da kann man sich austoben und wird müd und schläft dann nachts gut.

So lustig ist das fitte Senioren-Leben!

Senioren werden heute jene genannt, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts geboren wurden, manche auch erst in den 30er Jahren. Es sind die Kinder von Tante Helene, Oma Berta und Tante Emmi, und viele von ihnen sind eingesperrt in den Pflegeheimen.

Weil sie vergesslich sind, widersetzlich, stur, altersstarrsinnig. Nicht mehr fit, leider. Vielleicht hatten sie auch einen Hirnschlag und sind partiell oder ganz gelähmt, sie sind arm dran. Werden sie jetzt respektvoll behandelt?

Es sind Menschen, nicht Nummern

Sie werden manchmal würdig und gut behandelt, wenn sie das Glück hatten, ein gutes Heim zu erwischen. Beziehungsweise, wenn die Angehörigen dieses Glück hatten.

Meistens werden sie abfällig, mit Verachtung behandelt und Menschen ausgeliefert, die sich einen Dreck interessieren für diese tattrigen Alten, mit denen sie nur deswegen zu tun haben, weil sie gezwungen werden (von irgendeinem Arbeitsamt), eine blitzartige, oberflächliche Ausbildung in der sogenannten Altenpflege zu absolvieren, um dann aus der Statistik der Arbeitslosigkeit zu verschwinden.

Also tun sie das Pflegen widerwillig, unkundig, sekundär motiviert. Weder in Gottesfurcht, noch in Menschenliebe, sie tun es, weil sie glauben, es tun zu müssen. Das Prinzip "Nummern statt Menschen" zwingt sie. Und sie werden selber zur Nummer in Statistiken.

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich gesichtslos

Sie werden als Faktoren behandelt, nicht als Mensch mit einem Herzen. Es fehlt dem ganzen Denksystem der Respekt. Es fehlt die Empathie, die die alten Ladies auf dem Foto noch altmodisch „Liebe" genannt hätten.

Liebe, deren Folge Anstand ist. Die wären vielleicht wirklich, wie ich es mir in einer fiktiven Heldengeschichte ausmale, nach Berlin gereist und hätten der Frau Merkel ihre Handtaschen um die Ohren gehauen, so dass die aufgewacht wäre und wieder an ihren Amtseid gedacht hätte und ans Grundgesetz.

Mit einem Ruck vermenschlicht, wie in dem erfrischenden Spielfilm „Die Eiskunstläuferin", in dem Iris Berben Merkel ist und ihr Gefühl wiederentdeckt, weil ihr in einem Provinzbahnhof ein Bahnhofsschild auf den Kopf knallt und ihr Großhirn lahmlegt.

Also meine Oma und meine Großtanten hätten der Merkel ein Paar um die Ohren gehauen und vielleicht hätte sie begriffen, dass Sie Chef ist und das ganze Drama ihre Sache.

Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Video: Wutanfall wegen Stuhl-Klau: Bingo-Streit zwischen Oma und Opa endet in bizarrer Parkplatz-Rache

Hier geht es zurück zur Startseite