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04/03/2015 10:22 CET | Aktualisiert 04/05/2015 07:12 CEST

Antwort auf Vorwürfe zu vermeintlichem Datenbetrug in der Erforschung von Nahtoderfahrungen

Thinkstock

Sehr geehrter anonymer Kommentator von:

Der wissenschaftliche Umgang mit Nahtoderfahrungen grenzt an Betrug

Es ist sehr schade, dass Sie hier anonym schreiben und sich nicht mit Namen und mit Ihrem „wissenschaftlichem Hintergrund" zu erkennen geben, insbesondere wenn Sie auf diese - unberechtigterweise - angreifende Art und Weise mitdiskutieren.

Erlauben Sie mir einige Anmerkungen zu Ihrem Beitrag; denn einige Sachen stellen Sie hier schlichtweg falsch dar:

Von Nahtoderfahrungen und Todeserfahrungen

Zunächst ist es schon falsch, wenn Sie schreiben, dass seit Moodys Buch 1975 die als „Nahtoderfahrung" (NTE) beschriebenen Phänomene „ausschließlich einseitig als Sterbeerfahrung, Halluzination bzw. Todesangsterlebnis betrachtet" werden (Halluzinationen gehören schon gar nicht dazu, dazu aber später):

Tatsache ist, dass es Erfahrungen gibt, die NTE genannt werden, da sie relativ häufig bei Menschen auftreten, die reanimiert wurden, weil sie „klinisch tot" waren. Dass der „klinische Tod" nicht dem „echten Tod" entspricht, ist trivial: Das Sterben ist ein mehr oder weniger langer Prozess, und niemand, der letztlich wirklich gestorben ist, ist natürlich bislang in die von uns „sinnlich wahrgenommene Ebene dieser Welt" zurückgekehrt.

Deshalb spricht man bei solchen Erlebnissen auch von Nahtoderfahrungen und nicht von „Todeserfahrungen".

Tatsache ist weiter, dass bereits 1974, also ein Jahr vor Moody, der deutsche Neurologe und Chefarzt der bekannten Bodeschwingschen Anstalten in Bethel, Eckart Wiesenhütter, „echte" Nahtoderfahrungen als ein ganz besonderes Bewusstseinsphänomen ausführlich in seinem Buch „Blick nach drüben" beschrieben hat. Professor Wiesenhütter, Raymond Moody, Elisabeth Kübler-Ross und zahlreiche andere beschrieben dabei etwas, das keineswegs neu war; denn NTE sind ganz offensichtlich historisch an vielen Stellen verbürgt.

Sie beschrieben die Tatsache, dass derartige Erfahrungen im Rahmen der eigenen Todesnähe, bzw. in Phasen des nachgewiesenen Herz- und Hirntods, in einer großen Breite mit sehr unterschiedlicher Komplexität und Tiefe auftreten.

Tatsache ist des Weiteren, dass seit Mitte der 1970er Jahre natürlich immer mehr solcher Erfahrungen beschrieben werden, wofür als wesentlicher Grund wohl anzuführen ist, dass mittlerweile immer mehr Menschen, dazu noch immer später im Rahmen ihres „klinischen Todes" erfolgreich wiederbelebt werden können und somit ganz offensichtlich solche Erfahrungen machen.

Sie haben Recht, wenn Sie schreiben, dass ähnliche Erfahrungen auch bei vollem Bewusstsein und ohne jede eigene Todesnähe vorkommen können. Das ist jedoch ein Grund mehr, sich mit der vermutlich eigentlichen Natur dieser Phänomene näher zu befassen. Und da scheinen Sie mit Ihren Vorstellungen falsch zu liegen.

Tatsache ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass solche Phänomene dann zum einen entweder in ganz besonderen Stresssituationen oder während nicht einfach zu erlernender „meditativer Abkoppelungen" mit anschließend ganz bestimmten elektrischen Frequenzen im Gehirn auftreten.

Tatsache ist des Weiteren, dass in solchen Situationen diese ähnlichen Erfahrungen zumeist weder in derselben Komplexität noch Tiefe gemacht werden wie in „echter Todesnähe" (klinischer Tod).

Um all diesen Erfahrungen und Situationen gerecht zu werden, hat sich in der seriösen Forschung deshalb längst der Oberbegriff „außergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen (ABE) oder -Phänomene" etabliert. Die NTE ist darunter nur eines von vielen solcher Phänomene, aber nicht zuletzt auch wegen klassischer Unterschiede weiterhin sehr bedeutsam und durchaus zu Recht sogar mit einem gewissen Alleinstellungsmerkmal behaftet.

„Betrugsverhalten" in der NTE-Forschung

Ihre Angriffe, die bis hin zur Unterstellung von „Betrugsverhalten" in der NTE-Forschung gehen, sind somit nicht nur haltlos, sondern sogar unverschämt.

Neben NTE finden sich u.a. auch sog. „Nachtoderfahrungen", worunter man ja außergewöhnliche Bewusstseinsphänomene von Menschen versteht, die einen meist sehr geliebten Menschen verloren haben, genauso als eine noch weitere, aber ebenfalls bedeutsame Facette von ABE.

Wie schon erwähnt, gibt es neben den quantitativen Unterschieden, die die Komplexität der Erfahrung betreffen, auch einige deutliche qualitative Unterschiede:

Zum Beispiel „treffen" NTE-ler während ihrer Erlebnisse „dort" ausschließlich auf bereits Verstorbene, dagegen andere hier und da zwar durchaus auch, aber überwiegend eben nicht, bzw. nicht nur.

Oder ein anderes Beispiel: Fast nur NTE-ler verlieren nach ihrem Erlebnis die Angst vor dem eigenen Tod, und fast nur sie ändern häufig ihr späteres Leben tiefgreifend; denn im Gegensatz zu manch nicht NTE-induzierten ABE ist der "echte NTE-ler" zu fast 100% von der absoluten Realität seiner Erfahrung überzeugt.

Natürlich lassen sich noch eine Reihe weiterer markanter Unterschiede aufzählen. Dennoch, auch andere ABE haben einen je nach Fall durchaus ähnlich beachteten Stellenwert und fallen keineswegs aus der Forschung, wie Sie unzutreffenderweise unterstellen.

Bewusstsein und intakte Gehirnfunktion

Ihre Behauptung, „wer seine Umgebung wahrnehmen, hören bzw. denken kann, muss zu diesem Zeitpunkt bei Bewusstsein gewesen sein", ist sicher richtig, aber wohl kaum so, wie Sie es meinen; denn aus dem Kontext Ihres Beitrags geht ja hervor, dass für Sie das Bewusstsein untrennbar mit einer ausreichend intakten Gehirnfunktion verbunden ist.

Genau das scheint jedoch schlichtweg falsch zu sein, auch wenn es heute noch zahlreiche Hirnforscher so behaupten, wenngleich ohne jeden substanziellen Beweis dafür:

Ohne die leider (noch) verbreiteten reduktionistischen Scheuklappen darf man begründeterweise durchaus vermuten, dass Bewusstsein auch ohne ein "ausreichend intaktes Gehirn" real existiert.

Viel zu zahlreich sind inzwischen auch solche Fälle, wo aufgrund des „hirntoten Zustandes" von Patienten während der gemachten Erfahrung, die tatsächlich erlebte und hierfür erforderliche Klar- und Orientiertheit keinesfalls mehr gegeben sein konnte.

Daran ändert auch nichts die Vermutung einiger Kritiker, dass möglicherweise die Zeiträume von Hirntod und Erfahrung nicht (immer?) beweisbar zu 100% deckungsgleich sind; denn für die während der eigenen NTE tatsächlich erlebten, absoluten - ja manchmal unvergleichlichen - Klarheit und Komplexität ist auch ein schwer in Mitleidenschaft gezogenes Großhirn keinesfalls mehr als „ausreichend" anzusehen.

Wenn dem aber so ist, dass Bewusstsein einerseits auch ohne „ausreichend intaktes Gehirn" real existiert, es andererseits tatsächlich aber auch Menschen mit einwandfrei funktionierendem Gehirn gibt, die inhaltlich zumindest ähnliche, wenngleich quantitativ und qualitativ nicht identische Erfahrungen machen wie etwa NTE-ler, dann müssen auch anderee Schlüsse in Erwägung gezogen werden. Und diese Überlegungen dürften nach meiner Ansicht eher auf die richtige Fährte führen und es dann auch gleichgültig machen, in welcher Situation die ABE genau gemacht wurde:

Unser Gehirn ist neben vielem anderen vor allem auch ein umfangreicher Reduktionsfilter.

Jenseits der Grenzen der NTE

Es lässt die mit Abstand meisten, tatsächlich existierenden Informationen aus unserer (erweiterten) Umwelt außen vor und filtert sie einfach weg; denn sie entsprechen nicht unserem evolutionären Programm und würden unser Leben, und damit letztlich das Vorankommen der Art „Mensch" bloß behindern. Um weiterzukommen, muss man deshalb natürlich über die Grenzen der NTE schauen.

Ein paar ganz andere, ebenfalls recht seltene Phänomene außerhalb von NTE und ABE legen nun nahe, dass es durch irgendwelche, von uns noch nicht näher geklärten Umstände, unter anderem wohl auch durch eine gewisse Stresshormonkaskade möglicherweise bis hin zur Epiphyse im Gehirn (DMT?), zu einer Art „phasenverschobenen Wahrnehmung" kommen kann, welche die Filterfunktion des Gehirns praktisch zumindest partiell aushebelt.

Damit ergeben sich offensichtlich Zugänge zu eben real existenter, auch sehr „komplexer Information" für uns ungeahnten Ausmaßes, so wie es bei „echten" NTE oder anderen ABE wohl geschieht.

Dies führt dann dazu, dass es letztlich völlig unerheblich ist, ob solche Erfahrungen unter Todesnähe gemacht werden oder bei vollem Bewusstsein. Immer liegt eine Art „Ausnahmezustand" vor, der die „bewusste Wahrnehmung" mehr oder weniger stark erweitert.

Und da dies mit und ohne ausreichend intaktem Gehirn geschieht, verstärkt sich das Indiz, dass Bewusstsein keineswegs zwingend hirngebunden ist: Diese „komplexe Information" ist also offensichtlich und grundsätzlich nicht zwingend an ein „sinnlich wahrnehmendes Gehirn" oder einen andersartigen „materiellen Speicher" gebunden.

Das Phänomen, das ich in diesem Zusammenhang kurz anspreche, ist das der sogenannten „Inselbegabungen", die manche Menschen seit Geburt besitzen, andere dagegen sogar erst während ihres Lebens nach einem schweren Hirntrauma erwerben.

Unter denen, die so etwas von Geburt an haben, gibt es eine kleine Gruppe, die das Phänomen hochspannend macht: Ich spreche von „debilen Autisten", die ohne jede Möglichkeit, eine spezielle hochkomplexe kognitive Fähigkeit und Leistung jemals erlernen zu können, diese aber trotz mangelhafter Hirnentwicklung und/oder Persönlichkeitsstruktur besitzen (auch: Wunderkinder).

Ihre Fähigkeiten und Leistungen verweisen darauf, dass sie naheliegenderweise bestimmte Dinge aus einer real existenten, aber eben nicht sinnlich wahrnehmbaren, hochkomplexen informationellen Umwelt aufnehmen, die genauso ist, wie wir sind, so als sähen oder hörten sie sie ohne jede zeitliche Verzögerung und ohne dabei natürlich in der Lage zu sein, sie „kognitiv zu erfassen".

Dann aber ist auch die Brücke zu ABE im Allgemeinen und NTE im Speziellen geschlagen.

Und dann ist es eben völlig unerheblich, ob einige sich nur den Erfahrungen von NTE widmen, andere aber auch den anderen zahlreichen Facetten von ABE.

Ihre Vorwürfe gehen damit schlichtweg ins Leere, bzw. sie haben eigentlich keinerlei Relevanz

Weder NTE noch andere ABE können für sich allein irgendeinen Beweis darstellen, dass unser Bewusstsein auch ohne unser Gehirn existiert und, in nächster Konsequenz, das menschliche Bewusstsein seinen (körperlichen) Tod überdauert. Aber das behauptet auch kein seriöser NTE-Forscher.

Vorwürfe von Datenmanipulationen, ja sogar von Betrug sind also hanebüchener Unsinn; denn nicht irgendwelche Zahlen sind das Entscheidende, sondern immer die Verifizierbarkeit einzelner, nicht sinnlich möglicher Wahrnehmungen.

Dabei ist es primär unerheblich, ob sie als echte NTE zu gelten haben oder bei vollem Bewusstsein gemacht wurden.

Damit bleiben NTE aber ein ganz wichtiger Mosaikstein in einer bei näherer Betrachtung mittlerweile breiten Argumentationskette, die in der Gesamtheit einen Paradigmenwechsel im Denken nahelegen sollten.

Noch etwas zum Schluss: Dass Sie im ersten Absatz Ihres Beitrags „Halluzinationen" aufführen, ist im Zusammenhang mit der NTE-Forschung kaum nachvollziehbar; denn gerade die Behauptung, NTE seien Halluzinationen, ist ja ein bevorzugtes Argument der NTE-Kritiker.

Jedoch können Halluzinationen das Wesen von NTE dann nicht erklären, wenn diese während einer nachgewiesenen Inaktivität des Gehirns auftreten, da sie stets mit erhöhten Hirnaktivitäten einhergehen.

Auch erklären Halluzinationen natürlich nicht eine später verifizierbare Out-of-Body-Experience (OBE) aufgrund einer zwingend realen, da nachweisbaren Wahrnehmung außerhalb des aktuellen Erlebnishorizontes, die also deshalb nicht sinnlich erfolgt sein konnte.

Auch hier ist die Ursache einer solchen OBE dann wieder völlig sekundär: Es ist also egal, ob sie NTE-induziert wurde oder sonstwie (Stress, bestimmte Meditation etc.).

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Walter van Laack


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