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16/01/2017 09:29 CET | Aktualisiert 17/01/2018 06:12 CET

"Wenn ich rauskomme, lege ich richtig los" - wie harmlose Jugendliche zu Intensivtätern gemacht werden

Cultura RM Exclusive/Chad Springer via Getty Images

Ich arbeite seit vielen Jahren mit kriminellen Jugendlichen zusammen und leite die Organisation "Gefangene helfen Jugendlichen". Wir bringen junge straffällige Leute mit Häftlingen zusammen, die ihnen erzählen, wie es im Knast wirklich ist. Damit sind wir ein Mosaikstein in der Präventionsarbeit.

Leider will die Politik oft schnelle und günstige Lösungen. Aber keiner denkt an langfristige Maßnahmen. An Prävention. Denn das kostet viel mehr. Und auch im Wahlkampf sind schnelle Lösungen gefragt. Ob diese Sinn machen, ist oft nebensächlich. Deshalb ist unsere Arbeit so wichtig. Denn nichts ist schlimmer, als einen kriminellen Jugendlichen ins Gefängnis zu stecken.

Die meisten jungen Leute kommen nur für vier bis zehn Monate in den Knast. Wegen kleiner Delikte wie Drogenbesitz, Diebstahl oder Ähnlichem. Hinter Gittern lernen sie dann ganz andere Kaliber kennen - Mörder, Vergewaltiger, Drogenbosse - und schließen sich mit anderen Verbrechern zusammen.

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Und nicht nur das. Die Jugendlichen sitzen in ihrer Zelle und entwickeln einen richtigen Hass. Auf das ganze System. Sie denken sich "wenn ich rauskomme, lege ich richtig los". So werden harmlose Jugendliche zu Intensivtätern. Der Knast macht alles noch schlimmer.

Meist familiäre Gründe, warum Jugendliche straffällig werden

Natürlich sind auch pädagogische Fachkräfte für die Präventionsarbeit wichtig, aber sie kann den Jugendlichen eben nicht erzählen, was ein Gefängnisaufenthalt wirklich mit ihnen macht. Wir zeigen den Jugendlichen, was die Konsequenzen sein könnten. Wir wollen sie nicht abschrecken, sondern sensibilisieren.

Eine der wirkungsvollsten Methoden ist zum Beispiel, sie zu Besuch mit ins Gefängnis zu nehmen. Ihnen also zu zeigen, wie es hinter Gittern tatsächlich aussieht. Das hinterlässt Spuren.

Jungen Leuten ist gar nicht bewusst, dass sie sich mit einer einzigen Straftat das ganze Leben kaputt machen können.

Es sind meist familiäre Gründe, aus denen junge Leute straffällig werden. Hinter den Jugendlichen stehen zerrissene Elternhäuser. Die Kinder haben keine Perspektive. Sie schließen sich mit anderen Jugendlichen zusammen, bewegen sich meistens in Gruppen oder Banden.

Dabei gibt es meist einen Rädelsführer. Einer, der die meiste Kohle und die coolsten Klamotten hat. Die Jugendlichen sind dann leichte Beute. Ziehen mit, weil sie dabei sein wollen und lassen sich zu Straftaten hinreißen.

Jungen Leuten ist dabei gar nicht bewusst, dass sie sich mit einer einzigen Straftat das ganze Leben kaputt machen können. Genau da können wir ansetzen: Die Häftlinge sind authentisch und glaubwürdig, und haben ähnliche Zeiten wie die Jugendlichen erlebt. Deswegen können sie sich mit ihnen identifizieren.

Ein bis zwei Prozent Intensivtäter

In den Medien entsteht oft der Eindruck, dass es unglaublich viele kriminelle Jugendliche gibt. Doch tatsächlich sind es nur fünf Prozent, davon werden ein bis zwei Prozent Intensivtäter. Und dennoch: Wenn wir nur einen einzigen Jugendlichen erreichen und ihn schützen, reicht das schon. Es gibt immer wieder schöne Geschichten, an die mich erinnere.

Zum Beispiel haben wir einmal eine Gruppe linksradikaler Jugendlicher betreut. Einer der Jugendlichen hatte Springerstiefel an. Wir fragten ihn, ob er diese auch während Demos an hat und einsetzt. Er bejahte das.

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Wir haben ihm dann klar gemacht: "Wenn du mit den Schuhen zutrittst, dann kannst du jemanden töten. Du wirst dann wegen Mordes oder Totschlag verurteilt." Das hat wohl gewirkt, denn beim nächsten Mal kam er mit Turnschuhen. Die Stiefel hatte er bei Ebay verkauft.

Was uns auch motiviert, sind die Aussagen von ehemaligen Jugendlichen wie "Ich habe die Schule beendet" oder "Ich habe eine nette Frau kennengelernt und bin jetzt Vater". Die Jugendlichen sind mittlerweile zu erwachsenen Männern und Frauen geworden. Und sind wieder auf dem richtigen Weg. Manche engagieren sich sogar selbst als Mentoren. Da sieht man: Unsere Arbeit macht Sinn.

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