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15/10/2015 13:57 CEST | Aktualisiert 15/10/2016 07:12 CEST

Er ist wieder da: War er jemals weg?

Eichborn

Gerade ist der Kinofilm „Er ist wieder da" angelaufen, da mehren sich die Stimmen, die in einem Unterhaltungsfilm gesellschaftskritische Tendenzen ausgemacht haben wollen. Das Thema ist ja auch dankbar und bietet scheinbar jedem die Möglichkeit, sich zu positionieren. Schon 2004 mit dem Erscheinen von „Der Untergang" kam eine Diskussion über eine allzu menschliche Darstellung Adolf Hitlers auf.

Regisseur und Darsteller schauten dem Volk dazu aufs „Maul", so verbreiteten es verschiedene Medien. Der Darsteller, stets in sein Kostüm gekleidet, konfrontiert den Zuschauer mit der Frage, wie denn die Reaktion der Bürger auf die Person Adolf Hitler sei. Gezeigt werden dabei vermeintlich in Ehrfurcht erstarrte Bürger, fotografierende Touristengruppen und fröhliche Kinder. Kurz: die Person Adolf Hitlers scheint auf den ersten Blick einen positiven Effekt zu erzielen. Erschreckend?

Der Regisseur berichtet von seinem Entsetzen darüber, dass die meisten Menschen seiner Auffassung nach sehr offen auf Hitler zugegangen seien, ihm gar ihr Herz ausgeschüttet hätten. Höhepunkt ist dann auch ein Agent Provocateur, der angetrunkene Fußballfans anpöbelt. Deren Reaktion, aufgeputscht durch den Schauspieler, artet dann beinahe in Lynchjustiz aus.

Was soll dem Zuschauer damit vermittelt werden? Dass es Menschen gibt, die Beleidigungen gegen ihr Land verletzen? Dass diese der NS-Ideologie nahestehen? Um zu erkennen, dass es nicht so ist, genügen Blicke in unsere wesentlich national gesinnteren europäischen Nachbarstaaten. Es bedarf zu dieser Provokation keines Hitlers, aber es scheint, als würde sich dieser im Kontext vermeintlicher nationalistischer Tendenzen gut machen. Abgesehen davon scheint man die Möglichkeit, dass die Protagonisten mit Humor auf diese satirische Aktion reagiert haben könnten, völlig auszuschließen.

Denn wie wir in den vergangenen Monaten gelernt haben, ist der, dessen Name nicht genannt werden darf, scheinbar allgegenwärtig in Deutschland. Das die Antifa in ihrem Gebaren inzwischen größere Ähnlichkeit mit der SA hat als die Häufchen verlorener Rechtsextremisten, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Aber gern ins Feld geführt wird ja auch die Formel des „besorgten Bürgers" und des Rassismus in der Mitte der Gesellschaft. Deshalb habe es auch keinen gewundert, als Pegida auf die Straßen gegangen sei und überhaupt hätte es ja nur wenig Gegenwehr gegen Hitlers neuerliche Machtübernahme gegeben.

Dabei hätte man sich durchaus eine etwas differenziertere Sichtweise zu Eigen machen können. Die zum Beispiel, das unsere Politik nichts aus unserer Vergangenheit gelernt hat. Das Denken der Menschen ist zumeist nur das Produkt einer Politik am Volk vorbei. Natürlich gibt es sie - abgrundtief böse Menschen. Dass die meisten davon allerdings in Deutschland leben sollen - wir haben das Gegenteil bewiesen.

Doch auch in Deutschland leben Menschen mit Sorgen und Nöten, mit Ängsten. Menschen, die sich von der Politik alleingelassen fühlen oder als Spielball derselben. Diese Menschen gab es schon einmal. Sie lebten in der Weimarer Republik. Und sie straften eine Regierung nach der anderen ab. Die Folgen sind uns bekannt. Prägt nicht eine ähnliche Typologie von Politikern unsere heutige gesellschaftliche Landschaft?

Zum demokratischen Leben gehört die Fähigkeit zum Austragen von Konflikten dazu. Wenn man Menschen sieht, die sich beklagen, sollte man sich damit beschäftigen. Wenn es immer mehr werden, dann erst recht. Abgesehen davon ist es nachvollziehbar, wenn nach Jahren der Stagnation in den Bereichen Bildung, Wohnungsbau etc. urplötzlich ein regelrechter Aktionismus einsetzt und sich die Verantwortlichen mit Ideen und Investitionsmöglichkeiten überschlagen. Ein jeder will sein Ressort gestärkt sehen, um die Aufgabe zu meistern. Offensichtlicher und schamloser kann man eine Situation nicht ausnutzen.

Dass der Zorn der Menschen sich auch gegen Wehrlose richtet und außerhalb des rechtsstaatlichen Spektrums stattfindet, soll nicht legitimiert werden - muss aber von den Verantwortlichen begriffen werden. Denn sie sind das eigentliche Ziel der Empörung. Nur sind sie nicht greifbar.

Realpolitik unterscheidet sich deutlich vom humanistischen Traum eines friedlichen Miteinanders. Die Enttäuschung der Menschen mit ihrer politischen Führung bricht sich nun Bahn, weil sie zu lange nicht ernst genommen wurden. Die Flüchtlingswelle ist dabei nur der Katalysator.

Man sollte die im Vorfeld der Filmveröffentlichung von „Er ist wieder da" betriebene und vermeintlich aufklärerische Spurensuche als das sehen, was sie ist: eine im Nachhinein gelungene PR-Aktion. Dass Deutschland auf seine Demokratie aufpassen muss - zweifelsohne. Allerdings sollte Deutschland auch auf die Funktion und Ambitioniertheit seiner Schauspieler aufpassen, und vor allem diese kritisch hinterfragen. An die erschreckend-erheiternde Atmosphäre des Buches und vor allem des Hörspiels reicht der Film nämlich lange nicht heran.

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