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17/09/2015 13:10 CEST | Aktualisiert 17/09/2016 07:12 CEST

Quo vadis Germania?

Thinkstock

Das interessante an umwälzenden Ereignissen ist ihre Wirkung als Katalysator. Sie beschleunigen Prozesse, die andernfalls vermutlich unbemerkt weiterverlaufen wären. In Folge dieser Dynamik kann man Erkenntnisse gewinnen, die andernfalls vermutlich lange im Dunkeln geblieben wären.

Die Welt wäre ein dunklerer Ort ohne die großen Geister aus dem Land der Dichter und Denker. Wissenschaft und Kunst, Handwerk und Technik festigten über Jahrhunderte den Ruf der Deutschen. Als in anderen europäischen Staaten noch grausamste Körperstrafen üblich waren, reformierte Preußen als erstes sein Strafrecht. Und als in Frankreich die Hugenotten verfolgt und ermordet wurden, nahm Preußen tausende auf und bot ihnen eine neue Heimat. Menschlichkeit hat Tradition in Deutschland.

Diese Leistungen scheinen im Dunkel der Geschichte zu ruhen. Durch dieses Dunkel meint man nur den Marschtritt des Militarismus zu hören. Angesichts dieses Teils der deutschen Vergangenheit scheint jeglicher Stolz auf vergangene Leistungen der eigenen kulturellen Gemeinschaft unangebracht.

So hört man es zumindest von einigen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Doch mit dieser, sich selbst verleugnenden Einstellung hat sich Deutschland zu einem Hort der Technokraten entwickelt, ist zur Maschine unter den Völkern Europas geworden. Das ist den anderen europäischen Nationen unheimlich und unverständlich. Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben.

Was in anderen Staaten selbstverständlich als Teil einer gemeinsamen, sinnstiftenden Identität gelebt wird, ist uns heute fremd geworden. Es mutet uns seltsam an. Unbeholfen bewegen wir uns auf dem Fundament einer funktionierenden Gesellschaft. Nur König Fußball schafft es regelmäßig, Vorbehalte verschwinden zu lassen.

Nation ist für uns negativ belegt. Das man große Herausforderungen aber nur als Nation, also geschlossen meistern kann, scheinen wir dabei nicht zu bedenken.

Die dunklen Seiten der deutschen Geschichte kann jeder Schüler aufzählen. Wie ist es um die hellen bestellt? Und was würden wir heute beim Blick in den Spiegel sehen?

Wie es um Deutschland bestellt ist, zeigen ganz andere, alltägliche Meldungen. Da erfährt man, dass ein Rapper von einem Bürger angezeigt worden ist, der auf dessen CD-Cover die Siegrune entdeckt haben will. Bei näherer Betrachtung ein lächerlicher Vorwurf, zu dessen Bearbeitung dennoch Ressourcen gebunden werden.

Deutschland kennt sich aus mit Denunziantentum. Es hat in beiden deutschen Diktaturen eine wichtige Rolle gespielt. Dass es sich nun unter oberflächlich betrachtet anderen Umständen neu entwickelt, sollte kein Grund zum Aufatmen sein. Manch einer sollte zunächst vor seiner eigenen Haustüre kehren, bevor er sich den anderen zuwendet.

Erich Kästners Bücher wurden 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt. Heute fallen sie aufgrund unzeitgemäßer Sprache einem neuerlichen Bildersturm zum Opfer.

Wie weit her kann es mit einer Kultur sein, die nicht die Größe besitzt, Geschriebenes aus der Entstehungszeit heraus zu beurteilen. Und wie anmaßend müssen diejenigen sein, die es den Bürgern nicht zutrauen, mit Augenmaß und Menschenverstand zu urteilen? Bücher brennen wieder in diesem Land, weil ihr Inhalt einigen nicht zusagt. Der Mensch ändert sich nicht, er ändert nur seine Methoden.

Manchmal sind historische Parallelen erschreckend. Würde auf dem Marktplatz einer beliebigen Stadt ein mittelalterlicher Pranger aufgestellt werden - wie groß wäre der öffentliche Aufschrei? Gerade in den sozialen Netzwerken, in denen jeder eine Plattform für seine mehr oder wenige qualifizierte Meinungsäußerung findet.

Das diese Netzwerke wesentlich perfider arbeiten als das Folterinstrument scheint dabei an Relevanz zu verlieren. Hier werden Karrieren zerstört, manchmal sogar Leben. Ein Unrecht rechtfertigt das andere nicht!

„Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit" steht als Sinnspruch in der Offizierschule des Heeres in Dresden. Aber wohin soll man die Augen richten? Auf medial produzierte Feindbilder? Oder ist das ganze doch wesentlich komplizierter - oder auch einfacher? Zwei Schlagworte prägen unsere Gegenwart: „Brot & Spiele" und „Teile & Herrsche".

Und wenn gar nichts mehr hilft, einer hilft immer: der, dessen Name nicht genannt werden darf und seine Anhänger. Sie scheinen überall im Dunkeln zu lauern, bereit, uns zu verführen und wieder nach der Macht zu greifen. Obwohl die dunkle Gestalt Adolf Hitlers sich mit dem Ende des Dritten Reiches in Rauch aufgelöst hat, kein Grab als Pilgerziel hinterlassend, ruht in uns das ungute Gefühl, er wäre noch irgendwo da draußen.

Dabei ist es längst Realität, dass Synagogen in Deutschland rund um die Uhr geschützt werden und jüdische Gemeinden ihren Mitgliedern davon abraten, sich als Jude zu erkennen zu geben. In Berlin-Neukölln vermutlich nicht aufgrund der hohen Dichte an Neonazis. Realitäten beim Namen nennen ist gefährlich geworden.

Das Demokratie das Zulassen anderer Meinungen bedeutet scheint heute vielen ein Dorn im Auge zu sein. Zu oft geht die Tatsache, dass man anderer Meinung ist, mit der existentiellen Ablehnung des Gegenübers einher. Kein Wunder, Deutschland ist seit Ende des Ersten Weltkrieges ein ideologisches Schlachtfeld.

Während also die Menschen unterschiedlicher Religionen, Ideologien oder Hautfarben sich zerfleischen werden im Hintergrund wichtige Entscheidungen getroffen. Berichterstattung über das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP findet gar nicht statt oder geht in ihren zarten Anfängen im Schatten der Flüchtlingsbewegung unter. Absicht? Wen wundert da noch das rapide sinkende Vertrauen in Politik und Medien.

Eine neue Medienkompetenz, das aktive Suchen nach Inhalten müssen zwingend unser bisheriges Verständnis vom passiven Konsum des bereits für den Konsumenten fertig gedachten Inhaltes ablösen. Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit!

Wenn Deutschland beginnen kann, sich erneut selbst zu lieben, sich selbst zu akzeptieren, wenn unsere Eliten mehr auf Werte denn auf Karriere bauen würden und den Bürgern Vorbild wären, wenn wir Demokratie verstanden haben werden, dann wird Deutschland ein schöner Ort zum Leben sein.

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