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15/10/2015 13:51 CEST | Aktualisiert 15/10/2016 07:12 CEST

Die Schlacht um Kunduz

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Kunduz, vermutlich haben die wenigsten Deutschen eine Vorstellung von dieser Stadt im Norden Afghanistans. Wie viele Einwohner sie hat, aus welchen Ethnien die Stadt besteht, geschweige denn von ihrer Geschichte. Oder einfach nur davon, wie es sich dort lebt. Dennoch wird der Name dieser Stadt einst in der deutschen Militärgeschichte Erwähnung finden. Hier standen deutsche Soldaten erstmals seit dem 2. Weltkrieg wieder im Gefecht.

Von den ersten bewaffneten Einsätzen der Bundeswehr Anfang der 1990er, die durch die Politik stets humanitär legitimiert worden waren, bis zur Übernahme der Verantwortung im Norden Afghanistans vergingen nur 15 Jahre. Eine kurze Zeitspanne für den enthaltenen Paradigmenwechsel deutscher Außen- und Sicherheitspolitik.

2004 übernahm die Bundeswehr das Provincial Reconstruction Team in Kunduz von der amerikanischen Armee. In der Öffentlichkeit und auch in den eigenen Reihen der Bundeswehr war bald die Rede von „Bad Kunduz". Zu sicher fühlte man sich im vergleichsweise stabilen Norden Afghanistans, während sich die Schwerpunktverschiebung der Amerikaner in Richtung Irak auch hier langsam bemerkbar machte.

Für die unter dem Begriff „Aufständische" zusammengefassten Gruppierungen waren das Land und insbesondere der Norden zu einem Rückzugsraum geworden. Über die damit zunehmende Eskalation der Lage blieb die deutsche Öffentlichkeit im Dunkeln. Während in den Vereinigten Staaten die Vorstellung des gerechten Krieges propagiert wurde, gerechtfertigt durch die Anschläge vom 11.09.2001, und andere Länder dieser Legitimation folgten, war der Krieg in Deutschland unpopulär.

Wie der Teufel das Weihwasser scheuten die Verantwortlichen eine klare Sprache, koste es was wolle. Seit dem Oktober 2001 befindet sich Artikel 5 der NATO in Kraft - der Bündnisfall. Befindet sich Deutschland nun seit 14 Jahren im Kriegszustand? Und wenn ja - mit wem? Während von den USA mit dem „War on Terror" nun ein einprägsamer Leitsatz geschaffen wurde, wanden sich deutsche Politiker um das Wort Krieg, was teilweise skurrile Formen annahm.

Aber schließlich ging es um etwas - nach der Wahl ist vor der Wahl. Und wer die Deutungshoheit besitzt, steht besser da. Der Gotteskrieger in Afghanistan ist eben der Aufständische, der in Libyen oder Syrien ist ein Freiheitskämpfer. Auch die afghanischen Mudschahedin waren zunächst Freiheitskämpfer. Bis diese Deutung nicht mehr in die Karten der Weltpolitik passte.

Nun kämpften deutsche Soldaten gegen eben diese Männer. Männer, deren Anführer bereits seit Jahrzehnten Kampferfahrung hatten. Viel davon bekam die deutsche Öffentlichkeit auch jetzt nicht mit. Erst, als die Gefechte und Anschläge sich häuften, drang die Brisanz der Lage in das öffentliche Bewusstsein. Es wurde diskutiert darüber, ob man sich im „Krieg" befände oder ob die eigenen Soldaten „gefallen" wären. Manch einer meinte darin eine Militarisierung des öffentlichen Lebens zu erkennen.

Nun sind die Wogen geglättet. Man hat sich wieder lieb. Der Krieg oder wie auch immer man es nennen mag ist aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. In Afghanistan dienen ungleich weniger deutsche Soldaten als in den Jahren zuvor, und wieder deckt sich der Mantel des Vergessens über sie.

Wer nicht vergisst, sind die Afghanen. Wie auch - sie erleben schließlich das, worüber wir erbitterte Diskussionen geführt haben: den Krieg. Vielleicht hätten wir sie in diese Gespräche einbeziehen sollen. Vielleicht würden sie ihre Situation heute nicht so eng sehen, wenn sie verstehen würden, dass sie sich eben nicht im Krieg befinden, sondern in einem „nichtinternationalen bewaffneten Konflikt". Und wenn sie sehen würden, dass ihre eigenen Sicherheitskräfte die Lage voll und ganz im Griff hätten.

So lautete zumindest die politische Legitimation des Abzugs eines Großteils der deutschen Soldaten - die Afghanen sind durch die solide Ausbildung und Unterstützung der Bundeswehr nun in der Lage, ihre Sicherheit selbst zu gewährleisten. Den meisten deutschen Soldaten mit Erfahrung im Land hat diese Aussage einen Schauder über den Rücken gejagt. Man hatte inzwischen enge Verbindungen zur afghanischen Nationalarmee aufgebaut. Die Meinung der Politik teilte man jedoch nicht.

Zwei Jahre, nachdem die Bundeswehr ihr Feldlager in Kunduz geräumt hat, wird in der Stadt selbst wieder gekämpft. Dies geschah nicht etwa urplötzlich, es zeichnete sich ab. So wurde zum Beispiel das ehemalige Distrikthauptquartier durch die Angreifer im vergangenen Sommer eingenommen. Kaum ein Soldat, der in Afghanistan gedient hatte, reagierte verwundert.

Waren die afghanischen Sicherheitskräfte vielleicht doch noch nicht bereit? Und wenn das von den Soldaten vor Ort so erkannt worden ist, werden es die Entscheidungsträger ebenso gewusst haben. Was wiederum hieße, dass sie ihre Entscheidung wissentlich auf falsche Tatsachen gestützt haben und die Unwahrheit kommuniziert haben.

Natürlich ist es immer besser, in Frieden zu leben, als Krieg zu führen. Wenn man allerdings Menschen trotz besseren Wissens im Stich lässt und ihrem Schicksal überlässt, während diese Menschen gerade darauf vertraut haben, ist dies im besten Falle ehrlos.

Wenn man nie einen Sinn sah, sich in Afghanistan zu engagieren, und einfach mitgemacht hat, weil es alle gemacht haben, um dann auf halber Strecke zu sagen: „Ihr schafft das ja jetzt auch alleine.", dann ist das verlogen - nicht zuletzt gegenüber den Kindern, deren Väter in Afghanistan gefallen sind, gegenüber den Frauen, die den Mann verloren haben und gegenüber den Eltern, denen das Kind genommen wurde.

Vor allem aber gegenüber den Afghanen, die sich etwas erhofft haben. Von denen wir uns jetzt so leichtfertig abwenden und den Beweis liefern, dass wir nicht verstanden haben und unsere Fehler wiederholt haben. Und uns selbst unserer Glaubwürdigkeit als verlässlicher Partner berauben.

Aber glücklicherweise konfrontiert uns niemand mit dieser Wahrheit. Und in Kunduz hat die afghanische Armee ja wieder alles unter Kontrolle... Oder? Dazu ein afghanischer Offizier: „News are fake."

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