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02/05/2015 09:47 CEST | Aktualisiert 02/05/2016 07:12 CEST

Wie Wearables unser Gesundheitssystem revolutionieren könnten

Thinkstock

Self-Tracking: Der Trend aus den USA

Sie zeichnen Daten zu Schlaf und Ernährung auf, tracken die körperliche Aktivität oder überwachen Blutdruck- und Zuckerwerte: Die sogenannten Wearable Devices sind auf dem Vormarsch. Seinen Ursprung hat das „Self-Tracking" in den USA, aber auch immer mehr Deutsche nutzen Geräte wie Smartwatches und Aktivitäts-Tracker, um Körper- und Fitnessdaten zu sammeln.

Schon jetzt besitzen 17 Prozent der Deutschen ein oder sogar mehrere Wearables; vor allem Fitness-Funktionen und Uhren mit Mehrwert liegen im Trend. Dies treibt auch die Entwicklung mobiler Anwendungen im Gesundheitsbereich voran. Während im Moment noch der Bereich Sport und Lifestyle im Vordergrund steht, gehen Experten davon aus, dass sich der Fokus mehr und mehr auf medizinische Anwendungen - genannt E-Health bzw. M(obile)-Health - sowohl für gesundheitsbewusste als auch für bereits erkrankte Menschen richten wird.

Krankenversicherungen greifen den Trend auf

Krankenversicherungen wollen sich diesen Trend nun zu Nutze machen. In New York gibt es bereits einen ersten Versicherer, der auf freiwilliger Basis die Fitnessdaten seiner Versicherten sammelt und Prämien für gesundheitsbewusstes Verhalten bezahlt. Auch in Deutschland haben einzelne Versicherer angekündigt, Tarife anbieten zu wollen, die auf der Generierung von Gesundheitsdaten über Wearables in Kombination mit dem Smartphone basieren.

Erste private Krankenversicherer wie die Generali Versicherung planen einen günstigen Tarif für Kunden, die ihre über das Smartphone/Fitnessarmband generierten Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen. Im Rahmen dieses Programms können Versicherte ihren Lebensstil per App dokumentieren und der Generali zur Verfügung stellen.

Bei den Daten handelt es sich beispielsweise um Informationen wie bewältigte Wegstrecken, Puls, generelle sportliche Aktivitäten, aber auch Wach- und Schlafphasen, Blutzuckermessungen, Kalorienverbrauch, Medikamenteneinnahme, Häufigkeit des Konsums von Alkohol oder Nikotin und vieles mehr. Die gewonnenen Daten der Versicherten können dann z.B. zur Berechnung von Rückerstattungen oder Bonuszahlungen verwendet werden.

Auch seitens der gesetzlichen Krankenkassen wurden bereits Pilotprojekte zur Erfassung von Gesundheitsdaten ihrer Mitglieder ins Leben gerufen. Als Beispiel hierfür ist „AOK mobil vital" der AOK Nordost gemeinsam mit dem Schweizer Fitness-Portal Dacadoo zu nennen. Hierbei stellen die Teilnehmer über eine Smartphone-App Daten wie Größe, Gewicht und ihre Aktivitäten zur Verfügung.

Über ein online Gesundheitsportal wird dann aus den Daten ein sogenannter „Health Score" ermittelt. Dieser lässt sich durch gesundheitsbewusstes Verhalten verbessern, wodurch der Versicherte Bonuszahlungen erhalten kann. Vor dem Hintergrund des Solidaritätsprinzips muss die Krankenkasse dieses Bonusprogramm laut Gesetz allerdings durch Einsparungen finanzieren, um auf diese Weise auszuschließen, dass Versicherte, die an der Aktion nicht teilnehmen (können), die Kosten dafür mittragen.

Der Ansatz, Gesundheit zu belohnen, ist nicht neu: Sowohl die gesetzliche Krankenversicherung mit ihren Bonusheften/-modellen als auch die private Krankenversicherung mit ihren risikobasierten Zugangsregularien bzw. Rückerstattungsmöglichkeiten differenzieren ihre Preise schon jetzt.

Die neue Dimension besteht in der massenhaften und systematischen Erfassung von Vitalparametern und Gesundheitsdaten. Sowohl die individuelle als auch kollektive Nutzung dieser Daten zur Tarifgestaltung tangiert jedoch unter anderem Persönlichkeitsrechte und wirft grundsätzliche ethische Fragestellungen sowie Fragen nach Effektivität und Datenschutz auf.

Datenschützer zeigen sich angesichts der aktuellen Entwicklungen alarmiert

Laut einer aktuellen Studie ist deutschen Nutzern von Wearables der Schutz persönlicher Daten enorm wichtig. Demnach würden nur fünf Prozent der Befragten einer Weitergabe von persönlichen Gesundheitsdaten an Dritte zustimmen. 32 Prozent wären bereit, ihre Daten für finanzielle Anreize weiterzugeben, 20 Prozent ließen sich zu einer Datenfreigabe bewegen, wenn sie dadurch eine bevorzugte Arzt-Behandlung bekämen.

Mehr als 50 Prozent wären jedoch unter keinen Umständen dazu bereit. Und nur knapp die Hälfte fühlt sich über den Gebrauch der von Wearables erfassten Daten gut aufgeklärt.

In der Tat ist in Bezug auf den Datenschutz häufig noch nicht ausreichend geklärt, was geschieht, wenn z.B. Daten in Clouds analysiert und gespeichert werden. Oft ist unklar, auf welchen Servern und in welchem Land die zum Teil sensiblen Daten gespeichert werden und welche Datenschutzrichtlinien dort gelten.

Im Zusammenhang mit den Krankenversicherungen muss geklärt werden, auf welchem Weg die Gesundheitsdaten der Versicherten an den Krankenversicherer gelangen. Zudem muss gesetzlich geregelt sein, wie die Versicherer die Gesundheitsdaten ihrer Versicherten nutzen dürfen und wo Grenzen bestehen.

Dies betrifft z.B. die Frage, ob die Daten für kommerzielle Zwecke oder die Forschung verwendet werden dürfen oder ob sie ggf. kollektiv ausgewertet und damit zur Gestaltung neuer Tarife benutzt werden können. Ein „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen" (E-Health Gesetz) ist derzeit in Bearbeitung und soll den gesetzlichen Rahmen für die Nutzung der immensen Datenmengen aus Smartphones für die Zukunft regeln.

Umgekehrt müssen auch Krankenversicherungen vor möglichem Missbrauch geschützt werden. In der privaten Krankenversicherung wurde im Rahmen verhaltensorientierter Versicherungspolicen bislang ein Gesundheitsfragebogen ausgefüllt, der von der Versicherung zunächst einmal nicht überprüft werden kann.

Mithilfe der neuen Technologien werden nun zwar genauere und z.T. objektive Daten geliefert, es gibt aber aus Sicht der Versicherten auch Möglichkeiten, die Daten zu manipulieren: Es wäre z.B. denkbar, das Fitnessarmband seinem (sportlicheren) Partner zu geben oder am Hundehalsband zu befestigen und auf diese Weise eine höhere Aktivität zu simulieren. Hier stellt sich dann die Frage der Sanktionierung.

In Bezug auf die Versicherten fürchten Kritiker außerdem die Entstehung einer neuen Form der Kontrolle seitens der Krankenversicherungen. Es ist bislang unklar, welche tatsächlichen Effekte und langfristigen Auswirkungen mit dem Gebrauch verbunden sind. Für Personen, die für Methoden wie das „Self-Tracking" besonders zugänglich sind, könnte die Gefahr einer Gesundheitsgefährdung durch übermäßige Selbstkontrolle und -optimierung bestehen.

Chancen für die Zukunft

Die Möglichkeit, dass Versicherte gesundheitsbezogene Daten selbst erzeugen und in die medizinische Versorgung einfließen lassen, ist noch Neuland. Einer Umfrage unter Nutzern von Wearables zufolge liegt für zwei Drittel der Befragten der größte Vorteil im Beitrag zur Gesundheitsvorsorge.

29 Prozent werten die Unterstützung, die eigene Zeit besser zu nutzen, als positiv. Dagegen sehen nur sieben Prozent günstigere Konditionen bei Versicherungstarifen als Vorteil eines Wearable Device.

Im Hinblick auf die kurative Medizin eröffnen sich durch E-Health bzw. M-Health völlig neue Möglichkeiten. So wären Smartphone-Apps und Aktivitäts-Tracker auch geeignet, um die Versorgungsqualität bei einem großen Kostentreiber im Gesundheitswesen, den chronisch Kranken, zu optimieren.

Heute primär telefonbasierte DMP-Programme könnten zunehmend auf webbasierte Plattformen umgestellt werden. Elektronische Erinnerungsfunktionen, Notfalllösungen und kontinuierliche virtuelle Betreuung würden zu signifikanten Einspareffekten führen. Diabetiker beispielsweise könnten Hilfe bei der Insulin-Dosierung erhalten, indem die Daten des Bewegungs-Trackers mit dem elektronischen Kalorientagebuch und den Blutzuckerwerten verknüpft werden.

Mit den neu gewonnenen Gesundheitsdaten aus Smartphones in Kombination mit Wearables wären zudem umfangreiche Untersuchungen auf den Gebieten der Epidemiologie und Soziodemografie z.B. zur erfolgreichen Bekämpfung schwerer Krankheiten möglich.

Auch aus Sicht der Prävention scheint es durchaus sinnvoll, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind. 80 Prozent der Deutschen surfen täglich im Internet, daher liegt es nahe, dieses Medium auch für die Gesundheit zu nutzen. Auf diese Weise können auch weniger gesundheitsaffine Personen wie Männer, Menschen mit Migrationshintergrund oder niedrigerem sozialen Status angesprochen werden.

Während bei Männern häufig durch eine spielerische oder herausfordernde Gestaltung der Tools Motivation geweckt wird, könnten Menschen mit Migrationshintergrund durch die Nutzung von Programmen in ihrer Heimatsprache zu gesundheitsbewussterem Verhalten motiviert werden.

Zweifellos muss es im Interesse der Versicherungsunternehmen liegen, ihre Versicherten zu einem gesunden Lebensstil und im Falle von schon bestehenden gesundheitlichen Problemen zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung zu motivieren. Bisher hat die PKV es versäumt, innovative Angebote aus dem Bereich E-Health/M-Health intelligent in das Produktportfolio zu integrieren. Zum Beispiel gibt es im Zahn(ersatz)bereich, einem der größten Kostentreiber der PKV, bereits sehr erfolgreiche Portale (z.B. www.medikompass.de), mit denen man die Kosten durch wettbewerbliche Elemente einer „Auktionsplattform" reduzieren kann.

Gerade für die private Krankenversicherung wäre die Nutzung von Wearables, eigentlich ein Element aus dem zweiten Gesundheitsmarkt , somit eine große Chance, die Innovationsfähigkeit unter Beweis zu stellen und ihren Klienten zielgerichtete Angebote zu unterbreiten.

Fazit

Wägt man die Chancen und Risiken der Nutzung neuer Technologien für die Einführung verhaltensbasierter Versicherungstarife ab, so wird deutlich, dass (noch) nicht pauschal zur Umsetzung geraten werden kann. Unter Berücksichtigung möglicher Probleme, die in diesem Zusammenhang entstehen können, sind jedoch viele positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Versicherten denkbar.

Bislang ist es schwierig, zuverlässige Aussagen über das Gesundheitsverhalten der Bevölkerung zu treffen. Mit den neu gewonnenen Gesundheitsdaten aus Smartphones in Kombination mit Wearables ist es möglich, wesentlich umfangreichere Untersuchungen hinsichtlich Epidemiologie und Soziodemografie durchzuführen. So könnte insbesondere die Betreuung chronisch Kranker erheblich verbessert und ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsversorgung geleistet werden.

Noch sind die neuen Produkte und Technologien aber nicht marktreif: Bis die Gesundheitsdaten von den Krankenversicherungen genutzt werden können, müssen noch zahlreiche Unklarheiten beseitigt werden. Dazu gehören u.a. die Datensicherheit, die Einhaltung des Solidaritätsprinzips der gesetzlichen Krankenkassen, die technische Optimierung der Geräte und Apps sowie die Prüfung rechtlicher Fragestellungen.

Der Gedanke, über Smartphones und Wearables gewonnene Gesundheitsdaten für die Prävention zu nutzen, bedeutet eine Innovation für das Gesundheitswesen. Die neuen Technologien können - wenn sie verantwortungsbewusst eingesetzt werden - den Bereich der Prävention stärken, Erkrankungen leichter kontrollierbar machen und auf lange Sicht zu Kosteneinsparungen führen.


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