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21/12/2016 12:12 CET | Aktualisiert 22/12/2017 06:12 CET

Der Tag, an dem mich das Jugendamt auf die Straße setzte

finwal via Getty Images

Ich dachte immer die höchste Priorität für das Jugendamt sei das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen. Doch mit 16 Jahren musste ich eine verstörende Erfahrung machen, unter der ich bis heute leide.

Als Kind war ich schwierig. Deshalb wuchs ich in einem Kinderheim auf. Doch auch dort habe ich immer gemacht, was ich wollte und viel Mist gebaut. Als ich 16 wurde, wollte mich das Heim deswegen nicht mehr dort behalten.

Das Jugendamt stellte mir daraufhin ein Ultimatum: Entweder meine Mutter könne mich wieder aufzunehmen oder man würde mich zu einer Gastfamilie nach Ungarn schicken. Entweder das, oder ich müsse eben auf der Straße leben. Das sagten mir die Beamten knallhart ins Gesicht.

Die Jugendhilfe schickte mich nach Ungarn

Meine Bitte, in ein anderes Land meiner Wahl geschickt zu werden, wurde schroff abgewiesen. Es stehe nur Ungarn zur Wahl.

Ich hatte das Gefühl, das Jugendamt wollte mich auf Biegen und Brechen in diese Maßnahme zwingen. Zwar kenne ich einige Organisationen und betroffene Kinder, die vom Jugendamt ins Ausland geschickt wurden, doch war das immer eine beidseitige Entscheidung.

Das Ultimatum erschütterte mich, dachte ich bisher, dass dem Jugendamt an einer gerechten und angemessenen Unterbringung der Kinder gelegen sei. Doch es gab kein zurück: Im Januar 2015 flog man mich nach Ungarn aus.

Als ich dort ankam, musste ich feststellen, dass die gesamte Familie nur ungarisch sprach. Ich hatte keine Möglichkeit, mich mit meinen Betreuern zu verständigen.

Die Eltern hatten außerdem keinerlei pädagogische Ausbildung, die sie auf die Aufnahme eines ausländischen Kindes vorbereitet hätte. Es war die Hölle für mich.

Zwei Wochen lang zog ich mich vollkommen zurück, was die Familie bemerkte und auch der „Life Jugendhilfe" bekannt war.

Ich kontaktierte die Zuständigen der Jugendhilfe und bat darum, wieder zurück nach Deutschland zu dürfen, da der Zustand nicht tragbar war. Sie wiesen mich zurück und nahmen meine Wünsche nicht ernst.

Einige Tage später erhielt ich einen Anruf, dass ich nun einer neuen Gastfamilie in Ungarn zugeteilt würde, ich solle umgehend meine Koffer packen.

Die zweite Familie war immerhin sehr nett. Man behandelte mich dort gut. Der Mann sprach sogar ein bisschen deutsch. Allerdings war auch diese Familie nicht qualifiziert, ein Kind zu erziehen.

Es wurde recht schnell klar, dass die Gasteltern nur des Geldes wegen der Betreuung zugestimmt hatten. Beide waren arbeitslos.

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Scheinbar erhält die „Life Jugendhilfe" pro vermitteltem Kind 5000 Euro. 400 bis 600 Euro gehen an die Gastfamilien. Diese bezahlen dann Taschengeld und Arztbesuche davon und steckten den Rest ein.

Hätte ich die Maßnahme abgebrochen, hätte weder die Jugendhilfe noch meine Gastfamilie weiter Geld mit mir verdient. Um die Beziehung zu meiner Mutter zu erschweren, ließ man mich pro Woche nur 15 Minuten mit ihr telefonieren. Einige Monate lang wurde mir der Kontakt sogar ganz untersagt, mit der Drohung, ich müsse sonst sofort zurück und könne somit keinen Schulabschluss machen.

Das Experiment dauerte ein Jahr und sechs Monate

Insgesamt dauerte das Experiment der „Life Jugendhilfe" ein Jahr und sechs Monate. Meine wiederholte Bitte, nach einem Beenden der Maßnahme, wies man ab. Bei einem Abbruch würde man mich zur nächsten Familie überstellen.

Ich hatte es langsam mehr als satt. Immer wieder von einer Familie zur anderen weitergereicht zu werden. Schließlich sollte ich in Sachsen-Anhalt untergebracht werden, obwohl ich den Kontakt zu meiner Mutter halten wollte, die in Nordrhein-Westfalen lebt. Ich hatte das Gefühl, die Jugendhilfe wollte mich bewusst von meiner Mutter fernhalten.

Als ich schließlich meinen Schulabschluss machen wollte, drängte mich die Jugendhilfe, Tabletten einzunehmen, die meine Konzentration fördern sollten. Ich weigerte mich, diese einzunehmen, worauf die Jugendhilfe die Maßnahme beendete.

Schließlich einigte ich mich mit meiner Mutter. Ich durfte bei ihr bleiben.

Seit Ende August habe ich jetzt sogar eine Arbeit, was mir die „Life Jugendhilfe" zuvor leider auch nicht ermöglichte. Zwar versprachen mir die Zuständigen immer wieder, sich bei einem Malerbetrieb um eine Ausbildungsstelle für mich zu kümmern, doch diese Versprechen machten sie nie wahr.

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Bis heute leide ich unter der Betreuung durch die „Life Jugendhilfe". Die Organisation hat mir nicht nur eine Zeit voller Unsicherheit und Angst beschert, nein, es kommt noch besser.

Alle meine persönlichen Unterlagen, Reisepass, Krankenkassenkarte, Schulabschlusszeugnis, sind bei den Behörden verloren gegangen. Ich musste diese damals bei der Jugendhilfe einreichen. Seit vier Monaten kämpfe ich darum sie wiederzubekommen.

Das Jugendamt, das den Kontakt mit der Jugendhilfe damals hergestellt hatte, fühlt sich plötzlich nicht mehr für mich zuständig. Die Jugendhilfe teilt mir mit, die Unterlagen seien verlorengegangen.

Ich bin nach wie vor entsetzt über das unprofessionelle Vorgehen dieser Organisation. Ich kann nur inständig hoffen, dass nie wieder ein Kind in die Obhut der „Life Jugendhilfe" gegeben wird.

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