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29/02/2016 05:00 CET | Aktualisiert 01/03/2017 06:12 CET

Startup Economy - Integration durch Entrepreneurship

Bloomberg via Getty Images

Wirtschaftswachstum ist in aller Munde. Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wünschen es sich, jedoch gestaltet es sich schwieriger als gedacht. Eine neue „Startup Economy" könnte ein Teil der Lösung sein und gleichzeitig Potential der Zuwanderung nutzen sowie Integration fördern. Eine klassische Win-Win Situation.

Mehr als 60% aller Arbeitsplätze entstehen nicht in Behörden und börsennotierten Firmen, sondern durch Existenzgründungen sowie durch wachsende, mittelständische Unternehmen.

Schenkt man den Langzeitstudien aus den USA und Europa Glauben, so wird die Wichtigkeit des Wachstumsmotors „Entrepreneurship" sichtbar. Ebenso gibt es akademische Studien und Praxisbeispiele, wie das Gründungszentrum in Hamburg von Unternehmer ohne Grenzen e.V., die zeigen, dass Integration durch Entrepreneurship erfolgsversprechend ist.

Startup Economy Deutschland - Die Vision

Die Zukunft birgt beruflich Ungewissheiten und noch mehr Chancen, da Technologien wie Künstliche Intelligenz, Quanten Computer, Sensorik, Robotik, 3D-Druck und synthetische Biologie den Arbeitsmarkt gravierend verändern werden.

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Deutschland kann sich jedoch neu definieren und zu einem Gründungsland werden - nicht auf dem Papier, sondern in der Praxis. Der Schlüssel zum Erfolg sind Gründungsförderungen in Schulen sowie Universitäten, leicht zugängliche Förderungsprogramme für Jedermann und ein gesellschaftliches Umdenken in Bezug auf unternehmerischem Erfolg sowie Misserfolg.

Dazu bedarf es tausender Startup-affiner Menschen - Zuwanderung kann eine Lösung sein.

In England wurde dies bereits erkannt, weshalb Startups nach Erhalt eines Sponsoren-Zertifikats Mitgründer und Angestellte aus aller Welt ins Vereinigte Königreich holen dürfen. Die Haftung übernimmt dabei nicht der Staat, sondern das Unternehmen.

Deutschland - Eine Momentaufnahme

Auch in Deutschland wurde das Potential vom Unternehmertum entdeckt. Es gibt bereits viele gute Wettbewerbe und Förderprogramme, insbesondere für Studenten und Schüler. Universitäre Inkubatoren, Lean Startup Förderung und praxisbezogener Unterricht wären aber noch ausbaufähig.

Auch das Thema „Gründung durch Migranten" wird vom Bundesamt für Wirtschaft und Energie thematisiert. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bietet Hilfestellung, wenn man in Deutschland arbeiten möchte, jedoch ist dies leider noch nicht ausreichend.

Es gibt also gute Ansätze von Seiten der Regierung. Um die Förderung jedoch effektiver zu machen bedarf es mehr praktische Betreuung und zeitgemäße, zugängliche und vielfältige Programme.

Zuwanderung - Chance & Herausforderung

Auch wenn das Thema Migration und Asyl in den Medien unterschiedlich behandelt wird, und die damit verbundenen Meinungen emotional behaftet sind, ist es rein objektiv betrachtet Chance und Herausforderung zugleich.

Einerseits steht die Solidargemeinschaft der Europäischen Union, aber auch der wirtschaftliche Zusammenhalt der globalisierten Welt, auf dem Prüfstand. Anderseits muss die Politik dynamischer werden, um neuankommende Menschen schneller zu integrieren. Dabei ist dieser Prozess nicht einseitig, sondern muss im Miteinander von Bürgern und Einwanderern erfolgen. Politik und Gesellschaft können und müssen hier Hilfestellung bieten.

Integration durch Entrepreneurship könnte eine Lösung sein, die im ersten Schritt ökonomische Unabhängigkeit und somit sozio-ökonomische Inklusion ermöglicht - eine Voraussetzung, um sich überhaupt integrieren zu können. Bei 441.899 Erstanträgen im Jahr 2015, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge veröffentlichte, bietet sich ein schier unendlicher Pool an motivierten, talentierten und kreativen Menschen, die Deutschland mit ihren Ideen und Konzepten begeistern können - wenn man sie nur ließe.

Startup Economy - Der Weg zum Erfolg

Es bedarf also nicht mehr Sozialleistungen, sondern mehr Sprachkurse und Anlaufstellen für gründungsaffine Migranten und Flüchtlinge mit Arbeitserlaubnis. Generell sollte eine Arbeitserlaubnis schnell erfolgen, da vielleicht das nächste Google oder Facebook im Verborgenen schlummert. Dieser Prozess sollte nicht in den bürokratischen Mühlen zermürbt und im Keim erstickt werden, sondern auf dem „Kurzen Dienstweg" erfolgen.

Unsere neuen Mitbürger sollten frühzeitig über besondere Förderprogramme und Sprachkurse für Gründer informiert werden, sodass sich diese unkonventionell an eine spezielle Behörde für Existenzgründung wenden könnten. Die Beamten dieser Behörde sollten jedoch nicht für die Beurteilung der Geschäftsidee verantwortlich sein, sondern durch ein Netzwerk von sozial engagierten Gründern und Investoren unterstützt werden.

Forschung und Praxis haben gezeigt, dass divers zusammengesetzte Startup-Teams überdurchschnittlich erfolgreich sind. Darauf kann man aufbauen und multinationale Teams besser fördern.

Auch sollten etablierte Unternehmen nicht durch langwierige, bürokratische Verfahren in der Anstellung von Migranten und Geflohenen behindert, sondern gefördert werden.

Durch das gemeinsame Realisieren von Projekten können Vorurteile und Fehlwahrnehmungen leichter abgebaut werden als durch soziale sowie ökonomische Exklusion und Ghettoisierung in Problemvierteln oder überfüllten Flüchtlingsunterkünften.

Es geht nicht darum, eine Startup Economy zu beschwören, die als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gesehen wird. Es geht vielmehr darum, Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Integration wäre neben der ökonomischen Unabhängigkeit ein mittelfristiges „Nebenprodukt", das nicht durch Integrationskurse gefördert werden müsste. Insbesondere Frauen können sich durch die eigene Selbstständigkeit emanzipieren und sollten dabei unterstützt werden.

Hürden auf dem Weg zum Erfolg

Insbesondere §21 Aufenthaltsgesetz sollte überarbeitet werden, da dieser implizit unterstellt, dass akademische Ausbildung und unternehmerischer Erfolg korrelieren würden. Da die Erfolgsforschung bei Startups jedoch weitaus mehr Faktoren berücksichtigt, sollte diese Betrachtungsweise überdacht werden. Ebenso werden gründungswillige Menschen mit einem Lebensalter von über 45 Jahren unverhältnismäßig ausgebremst, da dazu eine Vermögensuntergrenze verlangt wird, die insbesondere bei Flucht oder der Abstammung aus Entwicklungs- sowie Schwellenländern utopisch ist. Auch §16 Aufenthaltsgesetz bremst Unternehmensgründung aus der Universität oder Schule heraus und ist nicht mehr zeitgemäß.

Ein Startup ist eben kein statisches Gebilde, welches eine mehrjährige Planung, Niederschrift im Business Plan und eine prognostizierte Kapitalbedarfsrechnung für die nächsten zehn Jahre bedarf, sondern kann iterativ und kostengünstig getestet sowie umgesetzt werden.

Gerade staatliche Institutionen vertreten diese Meinung besonders, und dies ist ein Grund mehr, erfahrende Gründer und Investoren ins Boot zu holen.

Fazit - Wir schaffen das

Kreativität, Ideenreichtum, Fleiß und Intelligenz kennen weder Geschlecht, Religion noch soziale Herkunft, weshalb das Potential der Startup-Economy mit jeder neu ankommenden Person in Deutschland wächst.

Es liegt jedoch an Politik, Gesellschaft und Wirtschaft dieses Potential zu nutzen und zu fördern. Wir sollten alles daran setzen gründungswilligen Menschen keine Steine in den Weg zu legen, sondern sie so gut wie möglich zu fördern. Integration durch Entrepreneurship ist kein Luftschloss. Es kann funktionieren.

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