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29/01/2017 13:45 CET | Aktualisiert 22/02/2018 06:12 CET

Genießen Sie Ihre Abnormität!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie Ungewöhnliches tun oder sogar eine ungewöhnliche Lebensweise haben. Mir jedenfalls fiel es früher, und fällt es manchmal auch heute noch durchaus schwer, zu meiner Lebensweise zu stehen, da sie nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht.

Ich lebe seit Ende 2003 Polyamorie mit einer Frau, die mit einem anderen Mann verheiratet ist. Aber viele Jahre habe ich nur mit engen Freunden darüber gesprochen. An meinem Arbeitsplatz - ich verdiene mein Geld nicht mit diesen Artikeln - zum Beispiel war ich sehr vorsichtig damit.

Weichen Sie ja nicht von der Norm ab!

Und warum? Eben weil ich - genau wie Sie? - von Kindheit an mit den Normen unserer Gesellschaft gefüttert worden bin, und deshalb nichts anderes erwarte, als die in unserer Gesellschaft üblichen Reaktionen. Überall in unserer Kultur wird die Regel der monogamen Beziehung festgelegt: in geschriebenen und ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln, in religiösen Vorschriften, in Gesetzen. Sie wird verherrlicht in Romanen, Gedichten, Liedern und Filmen. Und wer davon abweicht, muss mindestens mit Ablehnung rechnen.

Gesellschaftliche Ächtung - außer man heißt Seehofer

Im Extremfall verfällt man der gesellschaftlichen Ächtung - als unterhaltsame Abnormität in Talkshows eingeladen / vorgeführt zu werden, ist auch eine Art der Ächtung - und hat Probleme. Das gilt jedenfalls meistens ... außer natürlich man heißt Seehofer, und ist / war die letzte Hoffnung der CSU für einen populären Parteichef und kommt damit davon, dass man neben seiner Frau noch eine Geliebte hat(te), mit ihr Nachwuchs zeugte, aber sich eben irgendwie durchmogelt und Parteichef der angeblich so konservativ-christlich-katholischen CSU wird.

Wären Herr Seehofer und die CSU ehrlich, müssten sie Polyamorie und Polygamie in das Parteiprogramm der CSU aufnehmen.

Und stellen Sie sich einfach mal ganz kurz vor, wie viel weniger problematisch und weniger schmerzhaft für alle Beteiligten die Geschichte mit Herrn Seehofers Geliebter in einer Gesellschaft gewesen wäre, die Polyamorie oder sogar Polygamie akzeptiert.

Toleranz ist oft nicht mehr als desinteressierte Gleichgültigkeit

Ungewöhnliche, von der Norm abweichende Lebenswege zu wählen und dazu zu stehen, ist immer noch schwierig, trotz aller Toleranz - die oftmals nicht mehr ist als desinteressierte Gleichgültigkeit - der meisten westlichen Gesellschaften. Heute haben wir in Deutschland homosexuelle Menschen in Spitzenpositionen unserer Gesellschaft. Erinnert sich noch jemand, dass homosexuelle Handlungen in Deutschland strafbar waren, und wie lange es gedauert hat - ab den 1990er Jahren ganz langsam -, bis Politiker sich zu ihrer Homosexualität bekennen konnten bzw. sich trauten, das zu tun?

Polyamorie? Polygamie? Die wollen bloß mehr vögeln, auch Ziegenböcke

In einer ähnlichen Lage sind heute Menschen, die offen und ehrlich polyamore Lebenswege wählen oder sich gar für die Legalisierung der Polygamie einsetzen. Sie werden belächelt - „wollen ja bloß mehr vögeln" - bemitleidet - „unrealistisch" - oder angefeindet. In den USA, mit ihrer so seltsamen Haltung zur Sexualität, von puritanischer Engstirnigkeit und Engherzigkeit bis zum pornographischen Exzess, löste schon die jahrzehntelang geführte Debatte über die Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen, und noch mehr die Umsetzung, Horrovisionen über einen angeblichen „slippery slope" (rutschigen Abhang) aus. Dieser führt angeblich nicht nur zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen, sondern auch gleich zur Legalisierung der Polygamie und dazu, dass die Leute Ziegenböcke heiraten (und vögeln; sagt bloß keiner der Krtiiker).

Unkenntnis ist die Mutter des Vorurteils

Oft trifft man bei den Gegnern der Polyamorie / Polygamie auf eine erstaunliche Mixtur von teils sinnvollen Argumenten, größerenteils aber von Vorurteilen und Ideologien, meist begründet in Religion und radikalem Feminismus. Hier sind Menschen am Werk, die aus verschiedensten Motivationen heraus alle Menschen in enge Regelwerke pressen wollen, wie Menschen zu sein haben. So sehr ich versuche, Respekt für alle Menschen und ihre Motive zu haben, aber meiner Meinung nach ist das eine Form von Unmenschlichkeit, von Menschenverachtung.

Wer wird sich denn in einem solchen Umfeld trauen, zu seiner ungewöhnlichen - oft genug als abnorm disqualifzierten - Lebensweise zu stehen? Kein Mensch ist wie der andere, selbst jene, die ganz üblichen Lebensweisen folgen, haben doch unterschiedliche Sichtweisen, Empfindungen, und verhalten sich ganz unterschiedlich. In diesem Sinne ist jede und jeder zumindest ein wenig ungewöhnlich. Und oft genug, verbergen wir das, oder zeigen es doch zumindest nur wenigen Menschen, meist aus Angst, abgelehnt, zurückgewiesen, verletzt zu werden.

Anderssein ist nicht bedrohlich

Viele von uns - wir alle? ich auf jeden Fall immer wieder - wünschen uns, von anderen akzeptiert, anerkannt zu werden. Oft genug gelingt uns das durch Anpassung, und das ist nicht immer falsch. Wer Teil einer Gemeinschaft sein will, muss sich an ihre Regeln halten. Aber wenn die Regeln so eng sind, dass Menschen, die niemand Schaden zufügen, nicht sein dürfen, wie sie sind, dann stimmt etwas mit diesen Regeln nicht.

Menschenrechte basieren auf Vertrauen in uns selbst

Und deswegen bin ich ein Fan der Menschenrechte. Denn meiner Meinung nach ist das Großartige, von Respekt vor jedem Individuum, von Warmherzigkeit und einem weiten Denkhorizont geleitete Grundprinzip der Menschenrechte das Vertrauen, dass Menschen selbstständig fähig sind, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Sie sind fähig, zu erkennen, was - unter Anerkennung der Rechte jedes Menschen - gut für sie ist, wenn sie gelernt haben, sich zu informieren und Informationen selbständig zu bewerten - statt den Vorgaben irgendwelcher „Autoritäten" zu folgen (letzteres schließt mich ein, auch wenn ich weit vom Status einer Autorität entfernt bin).

Der Kern der Menschenrechte ist - meiner Meinung nach - die Anerkennung des Rechts eines jeden Menschen, hier in dieser Welt so zu sein, wie er / sie ist, und so zu leben, wie er / sie will, solange er / sie anderen Menschen keinen Schaden zufügt.

Welchen Schaden richten Polyamorie und Polygamie an?

Um das nun auf Polyamorie / Polygamie anzuwenden: wo ist der Schaden, wenn jemand mehr als einen Menschen liebt? Die meisten von uns empfinden dies nur als bedrohlich, weil wir glauben, etwas zu verlieren, wenn der von uns geliebte Mensch weitere Menschen liebt und mit ihnen sexuelle Beziehungen hat. Ich bin keineswegs frei von solchen Gefühlen, denn ich bin genauso beeinflusst von unseren gemeinschaftlichen Normen wie jede und jeder andere.

Aber stellen Sie sich einfach mal vor, dass Sie in einer Gesellschaft aufgewachsen wären, die anders als wir die Liebe zu mehreren Menschen nicht als Bedrohung ansieht, die anders als wir den Sex mit mehreren Menschen nicht als Bedrohung ansieht. Diese Gesellschaft denkt anders als wir nicht, dass Liebe einen Anspruch auf die andere Menschen ausschließende Liebe des anderen Menschen zu uns, also einen Besitzanspruch begründet.

Lehnen Sie sich einen Moment zurück, und fragen Sie sich, welches Recht Sie haben, Ihre Liebe zu einem anderen Menschen und ihr sexuelles Begehren für diesen Menschen zu einer Verpflichtung dieses anderen Menschen Ihnen gegenüber umzudeuten. Das ist schlichtweg falsch!

Natürlich, wenn dieser Mensch von sich aus eine Verpflichtung sich selbst und Ihnen gegenüber eingeht, ist das etwas anderes. Aber wie viele von uns gehen diese in unseren westlichen - und vielen anderen - Gesellschaften übliche Verpflichtung eigentlich freiwillig, also aufgrund einer wirklich freien Entscheidung ein? Vielleicht irre ich mich, aber ich bin überzeugt, die meisten von uns folgen einfach völlig unreflektiert den gesellschaftlichen Vorgaben, die uns nicht nur von Kindesbeinen, sondern von den Windeln an eingeimpft werden.

Mehr Vielfalt bitte

Ich will mit diesem Artíkel und meinen Ansichten keineswegs Menschen angreifen, die Lebenswegen folgen, die in unseren Gesellschaften üblich sind. Für viele Menschen ist der monogame Weg genau der richtige, doch selbst wenn es sie überrascht, auch sie sollten an der Legalisierung der Polygamie interessiert sein. Ich will erreichen, dass unsere Gesellschaft in Deutschland - und EU-Europa, denn dessen Bürger bin ich auch; und in anderen Ländern, wenn deren Bürger es wollen - anerkennt, dass es viele richtige, anerkennenswerte und unterstützenswerte Wege gibt, Liebe, Sexualität und Familie zu leben.

Geben wir uns allen das Recht - solange wir anderen Menschen keinen Schaden zufügen - das Recht, so zu sein, zu leben und zu lieben, wie wir sind. Genießen wir - jede und jeder von uns - unsere ganz eigene Abnormität!

Dieser Artikel erschien in etwas anderer Form zuerst auf Viktor-Leberecht.de

Mehr Informationen über Polyamorie und Polygamie finden Sie auf Polygamie-ist-gut-für-Sie.de

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