BLOG
11/02/2017 11:15 CET | Aktualisiert 22/02/2018 06:12 CET

Bestseller verschlafen? Sex - die wahre Geschichte

Das Buch "Sex. Die wahre Geschichte" von Christopher Ryan (PhD) und seiner Frau Cacilda Jethá (MD) wurde in der englischen Ausgabe von 2010 zum New York Times Bestseller. Es erhielt Lob wie "wichtigstes Buch über Sex seit Kinsey", sowie weltweit diverse Auszeichnungen, und es wurde in weiteren Ländern zum Bestseller.

Da hatte ich erwartet, dass der Verlag Klett-Cotta es schaffen würde, das Buch auch in Deutschland zum Bestseller zu machen. Aber außer ein paar Rezensionen: nichts gewesen. Der Verlag warf das Buch zu einem ungünstigen Zeitpunkt, im Sommerloch 2016, auf den Markt.

Es gab trotz Bereitschaft und Anfragen von Chris Ryan keine Lesereise und keine Termine auf der Frankfurter Buchmesse. Die (fehlende?) Motivation dahinter werden wohl nur die Verantwortlichen bei Klett-Cotta erklären können.

Lob und Hass der Rezensenten

Es wäre nach dem oben beschriebenen Erfolg des Buches für den Verlag wirklich einfach gewesen, das Buch auch in Deutschland zum Bestseller zu machen. Denn neben dem erwähnten Jubel rief dasselbe Buch geradezu hasserfüllte Ablehnung von verdienstvollen Wissenschaftlern wie David P. Barash hervor. Und eine ansonsten unbekannte Autorin namens Lynn Saxon schrieb ein ganzes Buch als Zurückweisung. Was für Material für das Marketing!

All das zeigt doch, dass hier jemand entweder einen Volltreffer gelandet oder voll daneben gegriffen hat. In jedem Fall aber wurde ein Thema angesprochen, das intensive Emotionen hervorruft. Eben DAS Thema aller Themen: Sex.

Ist Sex wirklich so wichtig?

Schon wieder Sex, werden Sie vielleicht stöhnen? Ist das wirklich so ein wichtiges Thema? Was ist mit Trump, Terrorismus, Klimaerwärmung, Krieg in Syrien und der Ukraine, und so weiter und so fort?

Sie haben recht, alles sehr wichtig und dringend. Aber seltsamerweise verbringen wir Menschen ungeheuer viel Zeit mit Sex, sowohl real, und noch mehr in Gedanken. Und das trotz, und manchmal sogar gerade, wenn wir viele ernste Probleme haben.

Die Sexindustrie verdient Milliarden, und selbst bei nicht eigentlich sexuellen Produkten gilt: Sex sells, und zwar bei Männern und Frauen. Sehen Sie sich einfach um, wie die Werbung gestaltet ist. Nicht zu vergessen: durch Sex entstehen wir, erleben großes Vergnügen, und leider oft genug auch großes Leid.

Wenn Sie sich all das vor Augen führen, wundern Sie sich vielleicht nicht mehr über die Aussage von Ryan und Jethá in ihrem Buch „Sex. Die wahre Geschichte", dass Menschen die am meisten sexualisierten Lebewesen der Welt sind.

„Sex. Die wahre Geschichte" stellt Grundüberzeugungen unserer Gesellschaft, Ökonomie und Wissenschaft in Frage

Das alleine würde „Sex. Die wahre Geschichte" nicht so interessant und umstritten machen. Aber „Sex. Die wahre Geschichte" stellt einige der Grundüberzeugungen vieler Menschen, Kulturen und Religionen in Frage, allen voran die Annahme, Menschen seien von Natur aus sexuell monogam.

Auf dieser Voraussetzung basiert die gesamte und weltweit viele Bereiche des Lebens prägende westliche Kultur - zumindest offiziell. Die Realität sieht anders aus, wie Statistiken zu den Themen Fremdgehen, Ehedauer und Scheidungen belegen, oder auch Statistiken zur Zahl der Kuckuckskinder.

Auf dem Zwang zur sexuellen Monogamie basiert auch und vor allem das Christentum. Dieses ist mit über 2,2 Milliarden Anhängern mit weitem Abstand - über siebenhundert Millionen zum Islam - die größte Religion der Welt, die viele Kulturen prägt (Zahlen von 2009 aus Wikipedia und CIA World Factbook).

Wer also wie Christopher Ryan und Cacilda Jethá in „Sex. Die wahre Geschichte" die Überzeugung von der sexuell monogamen Natur des Menschen in Frage stellt, der kann sich von vornherein auf Widerspruch gefasst machen.

Wichtigstes Buch über Sex seit Kinsey

Erstaunlicherweise aber erfuhr das in englischer Sprache bereits 2010 erschienene Buch „Sex. Die wahre Geschichte" vor allem begeisterte Aufnahme in zahlreichen Rezensionen von Journalisten und Wissenschaftlern. Selbst der führende Primatenforscher Frans de Waal, dessen Ergebnisse Ryan und Jethá teilweise kritisieren, lobte das Buch. Und der meistgelesene Sex-Kolumnist der USA, Dan Savage, nannte es das wichtigste Buch über Sex seit Kinsey. Nur ein paar Wissenschaftler reagierten mit vernichtender Kritik; dazu später mehr.

„Sex. Die wahre Geschichte" ist nicht nur wegen des Themas Sex so interessant und außerhalb Deutschlands ein Verkaufserfolg. Auch nicht allein, weil es an Grundüberzeugungen rüttelt - ebenfalls fast immer gut für hohe Verkaufszahlen. „Sex. Die wahre Geschichte" enthält, unterhaltsam und allgemein verständlich dargestellt, viele neue oder wenig bekannte Informationen.

Nicht zuletzt stellt „Sex. Die wahre Geschichte", zum Teil nüchtern wissenschaftlich, zum Teil bewusst provokant, gesellschaftliche Überzeugungen und wissenschaftliche Autoritäten wie Jane Goodall und Steven Pinker in Frage.

Wie lebten die Urmenschen? ... und warum sollte mich das interessieren?

Laut Ryan und Jethá, sind einige der Grundannahmen über die Urmenschen wahrscheinlich falsch. So die Ansicht, sie hätten in Armut einen harten Überlebenskampf geführt. Dieses Denken prägt Wissenschaft und Forschung, vor allem aber unsere daraus abgeleiteten Gesellschaftsmodelle bis heute.

Ebenso falsch ist laut Ryan und Jethá die Annahme, dass die Männchen - wie bei manchen anderen Primaten - um die Weibchen konkurrierten und Harems bildeten, die sie eifersüchtig verteidigten.

Die Psychologen Christopher Ryan und Cacilda Jethá, er Forscher, sie praktizierende Therapeutin mit langjähriger Erfahrung, haben den Grundlagen dieser Überzeugungen nachgespürt. All diese Überzeugungen sind ihrer Ansicht nach Teil eines Weltbildes, für das sie im Englischen den Begriff "standard narrative" geprägt haben. Danach seien Menschen von Natur aus sexuell monogam und angetrieben vom Wettbewerb um die Weitergabe ihrer Gene.

Damit stehen wir nicht nur mitten in der Debatte um die Sexualität des Menschen. Damit geht es gleich um die Triebkräfte der Evolution, des Aufbaus unserer Gesellschaften und Ökonomie - Wettbewerb oder Kooperation - und aller damit zusammenhängenden Fragen. Letztlich also geht es um die Natur des Menschen, und die ist möglicherweise ganz anders, als so viele Autoritäten es uns erzählt haben und immer noch erzählen.

Warum über „Sex. Die wahre Geschichte" so erbittert debattiert wird

Damit ist klar, warum nicht nur manche der von Ryan und Jethá direkt kritisierten Wissenschaftler das Buch scharf angreifen. Hier werden Gesellschaftsstrukturen, Machtstrukturen, und natürlich auch wissenschaftliche Reputationen in Frage gestellt.

Wenn das als Grund zur Attacke auf Ryan und Jethá nicht reicht, dann fühlen sich möglicherweise manche Wissenschaftler auch durch Christopher Ryans ungewöhnlichen Lebensweg herausgefordert. Ryan hat eben nicht eine klassische wissenschaftliche Karriere gemacht, sondern hat in vielen verschiedenen Berufen gearbeitet, und seinen Doktorgrad erst spät erworben.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Und jetzt kommt dieser Außenseiter daher und wagt es, die Ergebnisse und Überzeugungen einiger der größten Namen der Wissenschaft vergangener und heutiger Zeiten in Frage zu stellen. Ja er behauptet sogar, ihnen Fehler nachweisen zu können. Das mag auf manchen Wissenschaftler, der sich auf klassischem Wege hochgearbeitet hat, ohne je weltbekannt zu werden, wirken wie der Befehl: Feuer frei!

Der bereits erwähnte David Barash bekennt sich ehrlich zu seinem Neid auf die Verkaufszahlen der englischen Ausgabe von „Sex. Die wahre Geschichte", was ihm hoch anzurechnen ist: "... simple envy, since their book seems to have sold a lot of copies."

„Sex. Die wahre Geschichte" ist unterhaltsam geschrieben, mit seriösem Anspruch und gut dokumentiert

Ich bin als studierter Historiker und Philosoph mit ehrlich erworbenem Magistergrad - also ohne die in den letzten Jahren in Deutschland so üblich gewordenen Plagiate - keine Koryphäe für die von Ryan und Jethá bearbeiteten Fachgebiete.

Ich bin außerdem als seit mehreren Jahren in einer polyamoren Beziehung lebender Mensch und als Aktivist für die Einbeziehung von Mehrfachbeziehungen in unsere Gesellschaftsmodelle bis hin zur Legalisierung und Gleichstellung polygamer Ehen natürlich voreingenommen.

Nichtsdestoweniger habe ich genug Übung im wissenschaftlichen Arbeiten und kritischen Beurteilen, um sagen zu können, dass „Sex. Die wahre Geschichte" gut dokumentiert und dabei auch oft selbstkritisch ist. Ryan und Jethá haben ihr Buch auch vor Veröffentlichung gerade von mehreren der von ihnen kritisierten oder neu interpretierten Wissenschaftler gegenlesen lassen. All das macht den Eindruck, dass Ryan und Jethá sehr auf Genauigkeit und wissenschaftliche Redlichkeit geachtet haben.

Das "Gegenmodell" zur monogamen Natur des Menschen: soziale Interaktion mit promiskuitivem Sex als Bindeglied

Verkürzt dargestellt, sehen Ryan und Jethá unsere Vorfahren nicht als in einer ärmlichen und vom ständigen Kampf um das Überleben, um Herrschaft über einen Harem und Kämpfen gegen andere Gruppen geprägten Existenz gefangen.

Stattdessen lebten sie in kleinen Gruppen friedlicher und reichlich mit überall wachsender Nahrung versorgter Nomaden. Sie lebten ein auf die Gruppe ausgerichtetes Leben. Dabei standen zum einen das Teilen aller gefundenen Nahrung und zum anderen soziale Interaktion von einer für uns nicht mehr vorstellbaren Intensität im Mittelpunkt.

Ein wesentlicher Teil dieser sozialen Interaktion war häufiger, promiskuitiver Sex. Der Sex hatte vor allem die Funktion, die sozialen Bindungen in der Gruppe zu stärken. Er führte auch dazu, dass Fragen der Vaterschaft, ja sogar der Elternschaft, letztlich keine Rolle spielten, da die ganze Gruppe sich für jedes Kind verantwortlich fühlte.

Sexualität war in diesen nomadisch lebenden Gruppen keine Mangelware, und Sexualpartner kein Exklusivbesitz. Sex fand vermutlich oft als Gruppensex statt, bei dem die Weibchen hintereinander weg Sex mit mehreren Partnern hatten.

Heute nennt man das Gangbang, und es ist eine populäre Gattung der Pornographie. Über die möglichen Gründe, warum Männer - und Frauen - derartige Filme gerne sehen, erfahren Sie einiges im nächsten Absatz, und noch viel mehr in „Sex. Die wahre Geschichte" .

Vom "Wettrennen der Spermien"

In Ryans und Jethás Darstellung der ursprünglichen, vermutlich über Jahrmillionen praktizierten Form von Sexualität, machen die so stark unterschiedlichen sexuellen Erregungskurven von Männern und Frauen plötzlich Sinn. Ebenso wie der Umstand, dass Männer davon erregt werden, andere Männer beim Sex mit Frauen zu sehen.

Denn Sex bei unseren Vorfahren kann man sich laut „Sex. Die wahre Geschichte" ungefähr so vorstellen: geriet in der Gruppe ein Weibchen in Erregung, fand sie leicht Partner. Der erste Partner wäre zwar schnell mit seiner sexuellen Aktivität fertig, bevor das Weibchen zum Orgasmus kommt.

Doch angeregt von dem Anblick, stünden weitere Partner schon bereit, während das bereits befriedigte erste Männchen das sexuelle Interesse verliert und sich nicht daran stört, wenn das Weibchen Sex mit weiteren Männchen hat.

Das sicherte zum einen die Möglichkeit für das Weibchen, so lange Sex zu haben, bis sie einen Orgasmus erlebte. Vor allem aber sorgte es dafür, dass innerhalb der relativ kleinen Gruppen dennoch eine gute Durchmischung des genetischen Materials stattfand.

Ganz abgesehen davon, dass bei Begegnungen mit anderen Gruppen, die wohl eher selten waren, die Weibchen sich problemlos auch mit Männchen aus anderen Gruppen paarten (oder passt das Wort "paaren" dann schon nicht mehr?...)

Die genetische Durchmischung aber wurde in jedem Fall nicht durch Wettbewerb der Männchen um die Weibchen, sondern durch das "Wettrennen der Spermien" in der Vagina des Weibchens erreicht.

Moderne Gesellschaft immer noch geprägt von Jahrmillionen alten Verhaltensweisen

Wenn Sie sich auf diese Interpretation einmal einlassen, dann werden plötzlich viele der in unserer Gesellschaft vorkommenden Phänomene, und vor allem viele Probleme im Bereich der Sexualität erklärbar.

Die unterschiedlichen Erregungskurven von Männern und Frauen - Ursache vieler Beziehungskrisen und Verkaufsargument für Millionen Exemplare von Sexratgebern - hatten eine evolutionäre Funktion.

Sie waren Mittel zur Genmischung und Vermeidung von Inzucht in kleinen Gruppen; der laut Ryan und Jethá für Millionen Jahre natürlichen Lebensweise der Gattung Mensch und unserer Vorfahren. Zusätzlich sorgte der promiskuitive Sex für den sozialen Zusammenhalt in der Gruppe.

Letzteres ist ein Phänomen, das laut Ryan und Jethá bis heute bei manchen Völkern anzutreffen ist. Selbst in modernen, westlich geprägten Gesellschaften kann derartiges Verhalten entstehen, wie das Verhalten der US-Bomberpiloten im Zweiten Weltkrieg zeigt, die ihre Frauen tauschten.

So sollte eine soziale Bindung und Verpflichtung entstehen, damit die Überlebenden sich nach dem Krieg für die Frauen und Kinder der Gefallenen verantwortlich fühlten. Dies war übrigens der Beginn der modernen Swingerbewegung.

Warum wurden wir monogam? Und hat es funktioniert?

Ryan und Jethá meinen, dass die Menschen von dieser promiskuitiven Lebensweise im Zusammenhang mit dem Aufkommen einer agrarisch und von Landbesitz geprägten Gesellschaft abwichen.

Veränderungen der Lebensumstände, eventuell durch Klimaänderungen, führten zur agrarischen Lebensweise und zur Einführung und Durchsetzung der Monogamie mit Vorschriften und harten Strafen. Lesen Sie die Bibel mal aus diesem Blickwinkel, zum Beispiel die Geschichte von Kain, dem Nomaden im Wald, und Abel, dem Bauern.

Folgerichtig sagen Ryan und Jethá auch nicht, dass Menschen "von Natur aus" monogam oder polygam seien. Ihre Deutung verstehe ich so, dass Menschen unter den Umständen, unter denen sie un dihre Vorfahren Jahrmillionen gelebt haben, eine promiskuitive Lebensweise entwickelt haben.

Dieses Erbe steckt in unseren Genen, und die erst vor relativ kurzer Zeit, ca. 8.000 Jahren, in manchen agrarisch geprägten Gesellschaften aufgekommene Monogamie steht im ständigen Widerstreit mit diesem genetischen und kulturellen Erbe.

Die zum Teil seltsame Kritik an „Sex. Die wahre Geschichte"

Meines Wissens gibt es wenige durchgängig ablehnende Artikel über „Sex. Die wahre Geschichte" .

Der nach meinem Kenntnisstand einzige derartige wissenschaftliche Artikel "The human that never evolved" stammt von R. M. Ellsworth und weist „Sex. Die wahre Geschichte" in Bausch und Bogen zurück.

Es gibt außerdem ein explizit als Replik geschriebenes Buch mit dem Titel Sex at Dusk. "Dusk" kann man als "Zwielicht" übersetzen; und wie mir scheint ist bei diesem Buch einiges zumindest "im Nebel", nicht nur weil die Autorin ansonsten unbekannt ist und man über ihre wissenschaftlichen Qualifikationen nichts erfährt.

Denn seltsam an diesem Buch erscheint auch, dass es schon eine Woche nach Erscheinen von zwei Professoren - der wenig bekannten Marnia Robinson, und dem zum Thema Monogamie und Polygamie im Tierreich zu den führenden Wissenschaftlern gehörenden David P. Barash - lobend besprochen wurde.

Weder Robinson noch Barash machen Angaben zu der Person Lynn Saxon und deren wissenschaftlichem Hintergrund, auch nicht R. M. Ellsworth, der ebenfalls deren Buch rezensierte, aber Saxon nur als "independent scholar" identifiziert.

All das ist nicht nur seltsam, sondern unfair, da fast alle Kritiker von „Sex. Die wahre Geschichte" die wissenschaftlichen Qualifikationen insbesondere von Christopher Ryan in Zweifel ziehen. Aber wenn sie eine Autorin finden, die Ihre Meinung vertritt, dann wird von den Kritikern nicht mehr nach den wissenschaftlichen Qualifikationen gefragt.

Bonobos und Urmenschen? Worum es bei „Sex. Die wahre Geschichte" wirklich geht.

Selbst ohne jedes Studium der Vorgeschichte des Menschen und anderer Primaten zeigt ein Blick auf die heutigen Gesellschaften, dass der Zwang zur Monogamie nicht funktioniert. Selbst R. M. Ellsworth sieht in dem oben genannten kritischen Artikel über „Sex. Die wahre Geschichte" die Monogamie als problematisch in modernen Gesellschaften. Und David Barash hat bereits zwei wissenschaftlich anerkannte Bücher geschrieben, in denen er darstellt, dass Menschen von Natur aus promiskuitiv und polygam sind.

Dem würde ich hinzufügen, dass Monogamie immer problematisch war. Sie würde sonst nicht in so vielen historischen Aufzeichnungen und so vielen Werken der Weltliteratur als Problem dargestellt, und ihr Bruch müsste nicht mit harten Strafen belegt werden, wenn sie unser Natur gemäß wäre.

Das sind ernste Probleme unserer offiziell monogamen Gesellschaften, die zu viel Leid und psychischen Störungen bei Einzelnen führen. Von dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schaden, den die vielen Scheidungen verursachen, ganz zu schweigen.

Diese Probleme und die Suche nach deren Ursachen scheinen mir das eigentliche Anliegen zu sein, mit dem Christopher Ryan und Cacilda Jethá sich in „Sex. Die wahre Geschichte" befassen. Ihren Kritikern scheint dieses Kernthema allerdings entgangen zu sein, weshalb sie sich lieber auf Kritik an Details zum Bonobo-Sex fokussieren.

Empfehlung zum Lesen: „Sex. Die wahre Geschichte"

Wollen wir diese Probleme und ihre Ursachen verstehen und zu neuen Lösungen kommen, dann brauchen wir allerdings wissenschaftlich so gut wie möglich begründete Klarheit über unsere menschliche Natur.

Und die Fortschritte im Denken kamen - so viel wage ich als Historiker und Philosoph zu sagen - in der Geschichte der Menschheit oft genug nicht von den etablierten, in den gängigen, gesellschaftlich akzeptierten Bahnen denkenden Menschen. Sondern sie kamen manchmal von Außenseitern und ungewöhnlichen Denkern wie Christopher Ryan und Cacilda Jethá.

Zu der Suche nach den Ursachen für diese Probleme gehört dann auch die intensiv geführte wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatte, und dazu liefert „Sex. Die wahre Geschichte" einen wertvollen Beitrag.

Wer zur Teilnahme an dieser Debatte auf unterhaltsame Weise seine bisherigen Vorstellungen über die sexuelle und soziale Natur des Menschen durcheinanderrütteln und sich zum Neubetrachten und Weiterdenken anregen lassen möchte, dem empfehle ich „Sex. Die wahre Geschichte" von Christopher Ryan und Cacilda Jethá.

Weiterführende Gedanken zur gesellschaftlichen Debatte

Die gesellschaftliche Debatte um die Formen menschlichen Zusammenlebens allerdings kann nicht nur davon geleitet sein, was - wissenschaftlich abgesichert - unsere Natur ist, denn diese Frage können wir nie endgültig beantworten. Wir müssen dabei immer bedenken, dass unser Wissen und unser Denken über die Fakten sich ständig wandeln.

Letztlich geht es hier um die Frage der Werte, der Regeln, nach denen wir leben wollen. In Gesellschaften, die sich wie alle westlichen Gesellschaften und viele andere Gesellschaften, auf die Rechte des Individuums begründen, ist ein Verbot der von allen Beteiligten freiwillig und wissentlich eingegangenen Mehrfachbeziehung unter Erwachsenen meines Erachtens ein Verstoß gegen eben diese eigenen Grundsätze.

Dieser Artikel erschien in anderer Form bereits auf Polygamie-ist-gut-für-Sie.de

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.