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02/10/2017 11:35 CEST | Aktualisiert 14/01/2018 05:36 CET

Alle nennen Sie einen Nazi, aber die meisten sehen nicht, was Sie wirklich sind

Axel Schmidt / Reuters

Herr Gauland,

Sie überraschen mich. Alle, die Sie nicht gewählt haben, sind entsetzt über die Äußerungen am Wahlabend und schimpfen Sie einen Nazi. Ich hingegen höre dabei ganz andere Töne. Die meisten übersehen, dass Sie Überzeugungen zum Ausdruck gebracht haben, die man Ihnen als Vertreter einer rechtsnationalen, rassistischen Partei gar nicht zugetraut hätte.

Gewiss, Sie fühlen sich zuhause im völkischen Jargon. Das haben Sie wieder unter Beweis gestellt. Sie sprachen davon, Merkel zu jagen und sich "unser Land und unser Volk" zurückzuholen. Das geschah in ähnlich provokativer Form, in der Sie bereits vorher davon sprachen, man solle auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz sein.

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Mich selbst empören Ihre verbalen Ausscheidungen nur mehr am Rande. Sie sind mittlerweile berechenbar und machen mich nur entschlossener im Kampf gegen das Vergessen. Lassen Sie mich dennoch ganz kurz zwei Dinge klarstellen, bevor ich zum Eigentlichen komme:

Erstens erkläre ich in aller Deutlichkeit dass ich mich, so wie übrigens die große Mehrheit der Deutschen, weigere, von Ihnen irgendwohin zurückgeholt zu werden. Gehen Sie wohin immer es Ihnen beliebt - aber bitte allein.

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Zweitens möchte ich beim Thema Stolz kurz an meinen Großvater erinnern, der als deutscher Soldat in Frankreich stationiert war, sich dort mit dem Erbfeind angefreundet hat und dann in Radiosendungen von England aus die Deutschen davon zu überzeugen versuchte, dass ihr Krieg sinnlos ist.

Er arbeitete ohne Waffengewalt für die Befreiung Deutschlands von der Unterdrückung durch die Naziverbrecher, die ein ganzes Land als Geisel genommen hatten für ihre irrwitzig- größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien.

Auf die Leistungen solcher Soldaten, Herr Gauland, können wir in der Tat stolz sein. So wie wir stolz sein können auf alle, egal welcher Nation sie angehören mochten, die dem Krieg nicht ihre Menschlichkeit und ihr Gewissen geopfert haben.

Begeisterung für bundesdeutschen Parlamentarismus

Historische Vergleiche hinken ja immer. Ich werde nun deshalb keine Parallelen zwischen damals und heute ziehen und Sie nicht langweilen mit dem tausendsten Vergleich zwischen AfD und NSDAP.

Ich muss Ihnen keine Geschichtslektion erteilen, denn ich weiß, dass Sie ein historisch unterrichteter Mann sind. Schließlich zeigen Sie auch reges Interesse und ausgezeichnete Kenntnisse über die alte Bundesrepublik, über die Sie sich so wehmütig geäußert haben.

Und sehen Sie, genau hier beginnt mein Erstaunen. Da sagten Sie auf Ihrer Siegesrede am Wahlabend, der Bundestag werde bald wieder so sein, wie in Zeiten von Wehner und Strauß. Und bei Anne Will haben Sie diesen Gedanken nochmal deutlich gemacht, als Sie davon schwärmten:

"Ich habe noch als junger Mann in der DDR im Radio die großen Debatten gehört zwischen Adenauer, Dehler, Heinemann; zwischen Wehner, zwischen Willy Brandt und Rainer Barzel - da war das Parlament noch der Resonanzboden dieses Landes und seiner Probleme."

Aus diesen Zeilen spricht so viel Begeisterung für die Geschichte des bundesdeutschen Parlamentarismus, dass man sich schon fragen muss, was Sie als Spitzenkandidat einer Partei machen, deren Wähler und Abgeordnete zum Teil dieses Parlament vermutlich als 'Marionetten der Siegermächte' verachten.

Oder höre ich da einfach ein wenig Sehnsucht nach der guten alten Zeit heraus, als die Welt noch einfach zu verstehen war, alles fein aufgeteilt, hier Ost dort West, hier Union, dort Sozis? Das wäre beinahe rührend. Herr Gauland, es ist keine Schande, sich von den komplexen Verhältnissen heute überfordert zu fühlen. Nur sollten Sie dafür nicht andere verantwortlich machen.

Sehnsucht für demokratische Streitkultur

Woher kommt so viel Sehnsucht nach parlamentarischer Streitkultur bei einem Mann, der Demokratie-feindlichen oder zumindest -skeptischen Kräften in unserem Land zu so viel Aufwind verhilft? Kann es sein dass Sie nicht wissen, aus welchen Leuten sich Ihre Partei und Ihre Wählerschaft zusammensetzt? Wenn das stimmen sollte, dann sehen Sie sich vor und wachen Sie auf:

Laut einer DIW-Studie vom vergangenen Jahr konnte die AfD seit 2014 nicht nur unter den Nichtwählern punkten, sondern gerade auch bei ehemaligen Wählern rechtsextremer Parteien. Dieser Trend dürfte sich seitdem fortgesetzt haben.

Wie hoch genau der Anteil der antidemokratischen AfD-Wähler ist, lässt sich freilich nicht genau beziffern. Wie Forsa-Chef Manfred Güllner dem Sender n-tv gegenüber angab, lasse sich der Teil der AfD-Wähler, die dem gesamten politischen System ablehnend gegenüberstehen, von Meinungsforschung nicht befragen. Das bedeutet nicht, dass er gering ist.

Sicher hingegen ist, dass es nicht nur mit Björn Höcke zahlreiche Parlamentarier mit ausgeprägten Anknüpfungspunkten in die rechtsextremistische Szene geben wird. Rechtsextremisten finden also mit Ihrer tatkräftigen Unterstützung eine perfekte Plattform, um hinter der Maske einer bürgerlichen Partei der Besorgten Ihre rassistischen und demokratiefeindlichen Anliegen tief in die Gesellschaft tragen zu können.

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Was uns von ihnen droht, ist natürlich keine spontane "Machtübernahme", sondern das schleichende Zersetzen, verächtlich und suspekt-machen unserer Institutionen.

Schon lange ist bekannt, dass neurechte, "völkische" Gruppierungen nicht mehr mit dem Baseballschläger Politik machen, sondern in der Verkleidung bürgerlicher Harmlosigkeit mit ausgefeilter Strategie und viel Geduld daran arbeiten, unserer Demokratie Vertrauen und Rückhalt zu entziehen.

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Diese Menschen sind nicht Ihre Anhänger. Sie haben ihre ganz eigene Agenda. Das sind Schichten, Herr Gauland, die nicht das Parlament der letzten Jahre, sondern das Parlament als Institution verachten.

Sie sind historisch unterrichtet, die Diffamierung des Hohen Hauses als "Schwatzbude der Nation" dürfte ihnen bekannt vorkommen. Vollkommen schizophren also, mit welch akribischer Perfidie Sie am Ansehen unserer wichtigsten demokratischen Institutionen sägen, an denen Ihnen nach eigenem Bekenntnis doch so viel liegt.

Kein Nazi - aber Mitläufer und Profiteur der Rechten

"Wir werden diskutieren in diesem Parlament.", sagten Sie bei Anne Will. Dabei muss Ihnen klar sein, dass Diskussion nicht gerade die Stärke vieler derer ist, die sie gewählt haben, und die dumpfe Parolen wie "Merkel muss weg" oder "Islamisierung stoppen" skandieren und jeden, der mit Ihnen darüber sprechen will, als "Lügenpresse" denunziert und bedroht.

Ist das Ihre Vorstellung von demokratischer Streitkultur? Wollen Sie sich wirklich mit diesen Menschen gemein machen, ja, sie sogar vertreten?

Wenn es nach vielen Ihrer Sympathisanten geht, dann wird es im Bundestag nicht so sein wie zu Zeiten von Strauß und Wehner, nach denen Ihnen so wehe ist. Wenn es nach diesen Leuten geht, dann wird dort überhaupt nicht mehr diskutiert - dann sitzt da nur noch eine einzige Partei. Das dürften Sie doch auch noch aus der DDR kennen.

Ich denke nicht wirklich, dass Sie glauben, Ihre Anhänger teilten den Respekt vor dem politischen Gegner. Natürlich sind Sie nicht so naiv. Sie glauben aber, diese Menschen für Ihre Zwecke instrumentalisieren zu können. Sie werden nicht der erste sein, der dieser fatalen Fehleinschätzung erlegen ist.

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Herr Gauland, Sie sind selbst kein Nazi. Sie sind einer jener Mitläufer und Profiteure, die versuchen, aus den Demokratiefeinden und Rassisten Kapital für den eigenen Machtgewinn zu schlagen. Sie sehen sich als Herr über eine Masse, die Ihnen folgt. Täuschen Sie sich nicht, in Wahrheit haben Sie längst die Kontrolle über sie verloren. Sollte der Brand, den Sie schüren, mächtig werden, dann wird er auch Sie verschlingen.

Sie und Ihre Bande sind nur völkisch verdruckste Schwadroneure, die durch dumpfe Provokationen um ein wenig Aufmerksamkeit betteln. Eigentlich müsste Ihnen aber eines klar sein: Sollte eines Tages tatsächlich eine "neue Ordnung" anbrechen und rassistische Ideologen Deutschland und ihr sogenanntes Volk zurückerobern, werden Sie eines ihrer ersten Opfer sein. Denn wer bräuchte dann einen, der von demokratischer Debattenkultur träumt?

Nein Herr Gauland, Sie selbst sind vermutlich wirklich kein Nazi - ebenso wenig wie ein Teil Ihrer Wähler. Kehren Sie also um, solange es Ihnen noch möglich ist. Denn viele Ihrer Parteigänger wollen nicht Deutschlands Heil sondern Sieg Heil. Und sollte diese Brut ein weiteres Mal in diesem Land aufgehen, dann gnade uns allen Gott. Mir - und Ihnen.

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