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12/09/2015 08:21 CEST | Aktualisiert 12/09/2016 07:12 CEST

Auch ich war ein Rassist

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In der Grundschule war ich in einer Problemklasse. Meine Lehrerin galt als fähig und robust, also hatte man ihr besonders viele Problemkinder zugetraut. Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Problemkinder, das waren damals nicht zuletzt "Ausländerkinder" und ganz besonders waren es "Asylantenkinder". Das Wort "Asylant" war schon damals eine abschätzige Bezeichnung für einen Flüchtling.

Ein Flüchtling ist ein Mensch in größter Not, aber ein Asylant ein Schmarotzer. Mit der grob und beinahe unverschämt klingenden Endung -ant klingt Asylant wie "Querulant" oder "Intrigant". Damals wie heute schafft das Wort Distanz zum Menschen für eine bequeme Diskriminierung. So macht Sprache Politik. Vom Asylanten ist es zum Zusatzbegriff "Pack" nicht weit. Das "Asylantenpack" war damals Anfang der 90er Jahre ein gern gebrauchter Begriff im alltäglichen Rassismus vieler Deutscher.

Ängste und Hass haben tiefere Wurzeln

Asylant zu sein bedeutete ein Stigma und obwohl ich in einer offenen, liberalen Familie aufgewachsen bin und bestimmt keinerlei Gedankengut rechter oder auch nur besorgter Büger über die Muttermilch aufgesogen hatte, waren sie mir unheimlich, diese Asylanten. Das schien tiefe Wurzeln zu haben. Denn schon im Kindergartenalter hatte ich mich einmal geweigert, einem schwarzen Kind die Hand zu geben, als mich meine Eltern ermunterten, ich solle mich doch mit ihm anfreunden.

Ich wandte mich angeekelt von ihm ab. Ich fürchtete mich vor dem Kind, weil ich noch nie so ein Kind anderer Hautfarbe gesehen hatte und hielt es schlichtweg für ungewaschen. Niemand konnte mich dazu bewegen, mit einem solchen Kind zu spielen. Meine erste interkulturelle Begegnung verlief also alles andere als erfolgreich.

In der Schule standen die "Asylantenkinder" immer am Rand und unter sich. Nicht allein, aber doch zu einem großen Teil war der Rassismus von uns deutschen Kindern dafür verantwortlich. Tatsächlich gab es aber auch große Probleme, diese fremden Kinder vernünftig in die Klasse zu integrieren. Es verging kaum ein Tag, ohne dass sie Schwierigkeiten machten. Sie brüllten, prügelten sich, sie bedrohten die Anderen oftmals, sie hatten Essen dabei, das seltsam roch. Sie sprachen schlechtes Deutsch, konnten nie richtig schreiben, kannten die einfachsten Dinge nicht, hatten miserable Noten.

Wir anderen Kinder mochten sie nicht, und wir wollten nichts mit ihnen zu tun haben. Wir lästerten über sie und sagten schreckliche Dinge. Wir hielten sie für Unkultivierte, Gewaltbereite, für Asoziale. Wir gingen ihnen aus dem Weg, hassten und fürchteten sie. Die Vorstellung, dass diese Kinder nach der Schule zu ihren Eltern in ein "Asylantenheim" gingen, ließ mich damals erschaudern. Dort vermutete ich vage den Hort des Drecks, der Gewalt, der Dummheit und des Gestanks.

Alle, die heute meinen, man könne das Problem des Hasses und der Intoleranz beseitigen, indem sie an das Reine und Gute im Menschen appellieren, das jedem Menschen angeboren sei, irren sich. Und sie irren sich auf eine gefährliche Weise. Denn wenn Güte, Verständnis, Mut und Toleranz als die "wahren" menschlichen Eigenschaften angesehen werden, so ist es nur ein kleiner Schritt, die Gegenteiligen als nicht-menschlich anzusehen und letztendlich zwischen Menschen und Unmenschen zu unterscheiden.

Der Mythos vom "guten" Menschen

So schwer es uns fällt in unserem Kampf für Güte und Gerechtigkeit; die wahre, vielleicht sogar heroische Aufgabe besteht darin, uns eben nicht der gleichen Mittel zu bedienen wie jene, gegen die wir uns stellen. Um unseren Kampf überhaupt führen zu können, müssen wir uns zwar auf der Seite der Wahrheit wissen. Doch der Polarisierung, der Beschimpfung, der Ausgrenzung müssen wir dabei widerstehen.

Vizekanzler Gabriel hatte sicherlich die besten Intentionen, als er vom "Pack" sprach, das eingesperrt werden muss. Aber er bemerkt dabei nicht, wie sehr er sich damit jenen annähert die vom "Asylantenpack" sprechen, das abgeschoben werden muss. Bis zur Terminologie und Rhetorik gleichen sich Rede und Widerrede. Der Glaubwürdigkeit unserer Sache schadet das.

Natürlich hilft es nicht, eine Horde prügelnder und pöbelnder Nazis mit der Aussage zu verharmlosen, sie seien auch nur Menschen. Ebensowenig hilfreich ist es aber, all die Mitläufer einfach mit Beleidigungen zu überziehen, in der Hoffnung, damit einen Bannkreis um das eigene Menschsein zu ziehen, der alles Böse und Unmenschliche von uns fernhält.

Als Menschen können wir dann dieses Unmenschliche von uns schieben und müssen uns nicht eingehender damit befassen. Wozu auch? Es genügt ja, zu wissen, dass die Anderen die Bösen sind. An dieser Stelle tauchen wir ein in eine Welt der magischen Beschwörungsformeln und des politischen Mystizismus. Wir sollten eigentlich wissen, dass wir einem Irrglauben aufsitzen.

Hier wird lediglich die Büchse zu einem Konflikt geöffnet, der nicht zu bewältigen ist und stattdessen in eine nächste Eskalationsstufe eintreten wird. Der gesellschaftliche Riss, der schon heute bei den Themen Flüchtlinge und Zuwanderer zu spüren ist, wird verbreitert und nichts ist gewonnen.

Schwierige Annäherung

In meiner Grundschulzeit erinnere ich mich besonders an zwei Namen. Mohamed und Shafig waren Flüchtlingskinder aus Afghanistan. Die Tatsache, dass Flüchtlinge vor über 20 Jahren bereits aus dem selben Land kamen, aus dem sie auch heute noch zu uns fliehen, empfinde ich dabei als eine besonders traurige und ernüchternde.

Mohamed war mittelgroß und gedrungen. Mit ihm mochte man sich nicht anlegen. Er war impulsiv und aggressiv. Shafig war ein Hühne, ein stiller, hagerer Riese, jedoch mit einem alles durchbohrenden, unheimlichen Blick. Seinen gelähmten linken Arm trug er in seltsam verkrampfter Haltung eng am Körper. Die beiden bildeten für mich ein gruseliges Paar Banknachbarn.

Eines Tages geschah, wovor ich vier Schuljahre lang Angst gehabt hatte. Ich geriet in Streit mit Mohamed. Doch kaum hatten wir uns aufeinander gestürzt, erschien Shafig und zog uns auseinander. Widerstand war zwecklos. In seinem rechten, von der Lähmung verschonten Arm hatte er eine solche Kraft, dass ich mit vollem Einsatz meines Körpers und meines Willens nicht einen Millimeter dagegen ankam. Schon gegen Mohamed hätte ich keine Chance gehabt, aber Shafig steckte uns beide zusammen locker in die Tasche.

Man könnte nun annehmen, dass meine zweite interkulturelle Begegnung noch unglücklicher verlief, als meine erste, da sie sogar in Handgreiflichkeiten mündete. Doch nun geschah etwas Außergewöhnliches: Mohamed ließ mich fortan in Ruhe und ich beteiligte mich nicht weiter an den Schmähungen gegen die beiden. Im Gegenteil; Shafigs Eingreifen hatte mich völlig verblüfft und ich begann mich zu schämen für meine Vorurteile. Zwar fürchtete ich mich weiterhin vor ihm, aber plötzlich war da noch ein ganz neues Gefühl: Respekt.

Nach einigen Wochen bemerkte ich Shafig auf dem Schulweg. Er lief etwa 20 Meter hinter mir. Ich beschleunigte meine Schritte, doch er schloss immer weiter zu mir auf und hatte mich schließlich eingeholt. Ich hatte Angst und war mir unsicher, was geschehen würde. Würde er nun Rache nehmen? Unsicher heftete ich meinen Blick auf den Boden. Ein paar Meter lief er wortlos neben mir her, dann grüßte er freundlich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Wir unterhielten uns eine Weile, zunächst zaghaft auf dem Weg und schließlich überreichte er mir ein Geschenk: eine Uhr, die er von seinem Vater geschenkt bekommen hatte.

Ich wollte das Geschenk nicht annehmen, doch er bestand darauf. Ich erinnere mich noch genau, wie ich fortan stolz war, einen neuen Freund gefunden zu haben, der so anders war. Später erfuhr ich, dass Shafig aus einer angesehenen und gebildeten Kaufmannsfamilie aus Kabul stammte. Die Familie musste vor dem Krieg aus ihrer Heimat fliehen.

Es war die letzte Familie, die es mit ihrem Auto über eine Brücke schaffte kurz bevor diese bombardiert wurde und alle nachfolgenden Flüchtlinge in den Tod riss. Shafig war mit zwei gesunden Armen auf die Welt gekommen. Die Lähmung entstand erst durch das, was er in Afghanistan als Kind erlebte. Sie war ein Kriegstrauma.

Toleranz ist nicht selbstverständlich

Wenn ich heute auf diese Geschichte blicke, erkenne ich, dass Toleranz nicht unbedingt von selbst kommt. Vielleicht ist die Ablehnung von Fremdem sogar natürlicher als die Toleranz. Das ist die schlechte Nachricht. Aus diesem Grund machen wir es uns zu einfach, wenn wir bloß den Mangel an Empathie verurteilen und uns im guten Gefühl sonnen, die besseren Menschen zu sein. Das sind wir nicht. Auch ich war als Kind ein Rassist, und fürchtete mich vor allem, was ich nicht kannte. Hätte ich nicht die Chance bekommen, meine Meinung zu überdenken und zu hinterfragen, wäre ich es vielleicht noch heute.

Die gute Nachricht ist: Toleranz ist erlernbar. Doch sie erfordert einerseits individuelle Bereitschaft, zu lernen, und andererseits eine gesellschaftliche Anstrenung. Vor allem in Bildung muss investiert werden, denn oft trägt Unkenntnis die Hauptschuld am Fremdenhass. Wer glaubt, eine Gesellschaft müsse natürlicherweise eine tolerante sein, wenn sie vor 70 Jahren den totalen Krieg erlebt hat, täuscht sich. Der Kampf für Bildung und Aufklärung muss Generation für Generation immer aufs Neue geführt werden. Wir können es uns nicht bequem machen auf vergangenen Erfolgen.

Vor allem die persönliche Begegnung ist ein unverzichtbares Mittel zur Förderung von Respekt und Toleranz. So ist es kontraproduktiv, Flüchtlinge über Jahre hinweg in Heimen wie in einem Ghetto von der Außenwelt abzuschotten.

Allen, den Fremden wie den Einheimischen die Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig kennenzulernen, nicht mit einem anonymen "Flüchtlingsstrom" in Kontakt treten zu müssen, sondern mit Einzelnen, und diesen die Chance zu geben, unsere Freundschaft zu erlangen; das sollten Richtlinien für eine menschenwürdige Asylpolitik sein. Dabei muss auch akzeptiert werden, dass man sich nicht mit jedem Fremden wird verstehen können. Nicht jeder Nachbar wird ein Freund. Es wird neben vielen positiven Begegnungen auch zahlreiche geben, die nicht im Guten enden.

Es ist nicht ausreichend, mit dem Finger auf die "besorgten Bürger" zu zeigen, sie mit Beschimpfungen anzufeinden. Auch wenn es verlockend ist, unserer Empörung auf diese Weise Luft zu machen, beschleunigt es doch nur die gesellschaftliche Spaltung. Eine Lösung kann nur in langfristigen Programmen und vorausschauender Politik liegen, die ihre Agenda nicht nur nach den Gezeiten der medialen Aufmerksamkeit setzt.

Angst dient nicht als Entschuldigung für Gewalt und Ausgrenzung

Aber an alle, die mitmarschieren und sich den Rechtsextremisten damit gemein machen muss gleichermaßen eine eindringliche Mahnung ergehen: Es ist keine Schande, sich zu fürchten, wohl aber, sich zu verschließen. Sich hinter seinen Ängsten zu verstecken und sich neuen Erfahrungen schlichtweg zu verweigern, ist keine Option. Wir sind Teil dieser einen Welt. Abgrenzung und Verweigerung bilden keine legitimen Meinungen in unserer Gesellschaft. Schutzsuchenden die einfachsten Rechte zu verweigern, ist ein Verbrechen.

Unser Rechtssystem kennt die unterlassene Hilfeleistung als strafrechtlich relevanten Tatsbestand. Wer einen anderen Menschen auf der Straße verbluten lässt, ohne zumindest einen Rettungswagen zu verständigen, kann sich nicht darauf herausreden, er habe Angst gehabt. Den Menschen, die in größter Not zu uns kommen die Hilfe zu verweigern, muss ebenso als Straftat betrachtet werden.

Angst rechtfertigt weder Gewalt, noch Diskriminierung und Ausgrenzung. Denn die größte Errungenschaft unserer Gesellschaft, die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft, ist und bleibt unverhandelbar.

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